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Sack Reis

Anfang November hatten Ma und Xi sich getroffen.

„Da laust mich doch der Affe“, mag sich einer denken. „Eiderdaus“, eine andere. Eine Dritte streift vielleicht der Gedanke „und was geht mich das an“. Vier, fünf und sechs halten es mit „scheiß der Hund drauf“, während sieben immerhin Neugier beweist: „Wer ist denn diese Ma? Und der Ksi?“ Acht wieder eher rustikal: „Sackl Zement!“ Doch neun hat eine Expertise zu bieten: „Und in China fällt ein Sack Reis um.“

Die beiden Herren, denn um solche handelt es sich, haben sich allerdings nicht in China getroffen, sondern in so einer Art Subsidiärchina, nämlich in Singapur. Dass es Herren sind, wurde als solches lange im Vorfeld vereinbart. Dass sie sich so anreden werden: als Herr Ma und Herr Xi. Oder genauer, als Ma Xiansheng und Xi Xiansheng. Wörtlich trifft dies allerdings nur auf Ma zu, denn der ist ein paar Jahre älter als Xi und Xiansheng heißt wörtlich „der früher Geborene“. So gesehen hätte der früher geborene Ma den später geborenen Xi also als Xi Housheng anreden müssen, aber das wäre dann eher eine saloppe Anrede à la „na, junger Mann?“ gewesen und geht in dem Zusammenhang natürlich gar nicht.

Das offensichtlich faktisch mögliche Treffen, widersprach jedoch theoretisch jeder Logik, denn Ma und Xi liegen auf zwei parallelen Geraden. Und die treffen sich bekanntlich und bestenfalls erst im Unendlichen.

Xi ist der Präsident der Volksrepublik China und Parteichef der KP China und Ma ist der Präsident der Republik China und Parteichef der Guomindang. Und da es nach Meinung beider nur ein China gibt, sich aber zwei chinesische Präsidenten unterschiedlicher Staaten mit dem gleichen Gebietsanspruch getroffen haben, muss selbst das Anredeprotokoll angepasst werden, um die Theorie der Praxis irgendwie anzubiegen.  Also trifft man sich eben in einem Subsidiärstaat und redet sich höflich unbestimmt mit Herr an. In Sachen Gebietsansprüche hat die Volksrepublik natürlich die Nase vorn, da sich die Republik China gegenwärtig nur auf Taiwan und den umgebenden Inseln befindet. Auch was internationale Anerkennung, Wirtschaftsmacht und Einwohnerzahl angeht, schlägt Xi den Ma um Längen. Bei Freiheit, Demokratie und Menschenrechten, sieht das ganze allerdings gleich ganz anders aus.

Das letzte offizielle Treffen der Parteichefs beider Parteien -und damit auch der amtierenden Diktatoren im damals noch andauernden chinesischen Bürgerkrieg- fand vor 60 Jahren statt, in Form von Mao Zedong und Jiang Kaishek. So lange hat die Praxis gebraucht, um sich durch die Theorie zu wurmen.

Jetzt sollte man meinen: reden ist gut. Sich treffen ist gut. Sich die Hand reichen (soll über eine Minute gedauert haben) auch. Ist doch wunderbar, wenn zwei Seiten sich begegnen, die sonst nur über bizarre Umwege kommunizieren. Aber wenn Goliath einen David in die Arme schließen will, ist Vorsicht geboten. Dem kleinen Ma war´s egal, und rumms, fiel in Singapur ein Sack Reis um. Und daheim seine ohnehin kellertiefen Umfragewerte ins Bodenlose.

Aber das war bei der Wahl im Januar in Taiwan vermutlich nur noch eine kleine Schmuckapplikation auf dem politischen Sarg der Guomindang. Denn abgesehen von wirtschaftlichen Problemen und der Angst vor der goliathischen Schwester, wollen die meisten Taiwaner eben genau das sein. Taiwaner. In einer Demokratie. „Wir haben kein Problem mit der Ein-China-Politik. Ich stimme zu: Es gibt nur ein China. Es gibt aber daneben auch ein Taiwan. Und das eine hat mit dem anderen nichts zu tun“, so der politische Shootingstar Freddy Lim.

Also wird in Taiwan im Mai die erste Präsidentin ihr Amt antreten. Cai Yingwen von der Demokratischen Fortschrittspartei. Sie wurde mit absoluter Mehrheit gewählt, und ihre Partei hat nun erstmals auch die absolute Mehrheit im Parlament. Dass Taiwan sich für unabhängig erklärt, bleibt nachwievor theoretisch unmöglich, weil in der VR China ein Gesetz gilt, das in diesem Fall einen militärischen Angriff auf Taiwan zwingend vorsieht. Faktisch ist Taiwan längst ein unabhängiger Staat.  Also zeigt David Goliath nur wie zufällig den Stinkefinger und geht zur Sicherheit ein paar Schritte zurück. Das muss vorerst genügen. Die Geraden der VR China und der Republik China laufen ab sofort nicht mehr parallel, sondern windschief zueinander.

Wie zum Hohn wurde auch noch der Deathmetal-Star und Menschenrechtler Freddy Lim von der (aus der Sonnenblumenbewegung hervorgegangen) New Power Party per Direktmandat ins Parlament gewählt. Dass sein Guomindang-Gegenkandidat ihn als langhaarigen Geisteskranken diffamierte, änderte nichts daran. „Man stelle sich vor, Rammstein-Sänger Till Lindemann hätte in München-Süd CSU-Schlachtross Peter Gauweiler geschlagen, um eine Ahnung davon zu bekommen, was da passiert ist,“ kommentiert Kai Strittmatter.

Und was sagt Goliath dazu außer erbost zu schnauben? Noch nicht viel. Ich finde, der mächtige Xi Jinping sollte ein wenig über seinen Namen meditieren. Übersetzt man den nämlich wörtlich, so bedeutet er: üben, sich dem Frieden zu nähern. Das kann auf keinen Fall schaden. Gib Stoff, Xi, du schaffst das!

Umzingelt

Mein persönlicher Fundus an den im letzten Beitrag erwähnten Chengyus (also viersilbigen chinesischen „Sprichwörtern“) ist leider sehr klein. Man könnte auch sagen: verschwindend gering.  Aus ungeklärten Gründen ist mir jedoch ausgerechnet „aus allen vier Richtungen ertönen Chu-Lieder“ im Kopf hängengeblieben. Das wirkt wie mehr als vier Zeichen, aber genaugenommen heißt es: „Vier Seiten Chu Lied“.

Dieses Chengyu ist nun nicht sehr frohgemut. Es beschreibt eine außerordentlich bedrohliche Situation und passt vordergründig wie die Faust aufs Auge der Kurden in Kobane. Das Zitat stammt aus dem Shiji, den Aufzeichnungen des Historikers (von Sima Qian) und ist gut 2000 Jahre alt. Die Situation, die darin beschrieben wird, muss man sich so vorstellen:

Der erste Kaiser von China Qin Shi Huangdi (das ist der mit der Terrakottarmee) ist tot, das Reich zerfällt, bzw wird zum Zankapfel verschiedener Generäle oder auch Warlords, der jeweils vorher zwangsvereinigten Völker, wie die Chu, die Han und noch ein paar Hanseles und Jinseles. Ich glaube, ich muss das nicht näher erläutern, das kann man ja gerade überall beobachten. Ganz vorne dabei ist ein gewisser Xiang Yu aus dem Hause Chu. Dieser Xiang Yu errichtet nun seine ganz eigene Schreckensherrschaft, die der des Qin Shi Huangdi in nichts nachsteht. So soll er beispielsweise 200.000 Qin-Soldaten habe töten lassen, die sich ihm ergeben hatten. Er gilt also eher als grausam und auch als politisch wenig geschickt, um es mal so auszudrücken.

Die wichtigsten Gegner waren die Han unter Liu Bang. Wenn man sich klar macht, dass auf die Qin-Dynastie bald die Han-Dynastie folgte und dass es Han-Chinesen und nicht Chu-Chinesen heißt, wird das Ergebnis dieses Konfliktes nicht überraschen. Aber bis dahin würde noch viel Blut fließen.

Die Aggressionsformen, mit denen ich alltäglich zu tun habe, sind natürlich vergleichsweise lächerlich. Und doch eine Frage der Dosis. Man bekommt manchmal eine Ahnung, wie schnell der zivilisatorischer Firniss abplatzen könnte, wenn man etwas weiter an der Schraube drehte.  Ein aktuelles Beispiel erlebte ich ausgerechnet am 103. Jahrestag der Republik China/Taiwan. Ein Grund zu feiern. Sogar die auf dem zugehörigen Empfang gehaltenen Reden waren irgendwie erträglich. Zwar störte das extreme Übergewicht der Erwähnung von Wirtschaftsdaten, doch dafür entschädigten kleine Sprachungenauigkeiten, die durch Fremdsprachengebrauch unweigerlich auftreten.  Ein MdB klang exakt wie Seehofer und gab als Begrüßung insofern erwartbar ein zünftiges „Nie Hau!“ zum Besten. Wesentlich subtiler war da die Repräsentantin der Taipeh-Vertretung,  Agnes Chen, die tatsächlich sehr gut Deutsch spricht. Trotzdem entwickelten sich bei ihr Dinge friedrich statt friedlich (und nicht etwa fliedlich) und bei den Furzenden der Handelskammer handelte es sich eigentlich um deren Vorsitzende. Auf eine subversive Art unklar blieb allerdings, was mit Witzewirtschaftsministerium gemeint sein könnte. Musik gab es auch noch. Ein zivilisierter Abend also. So weit, so gut.

Aber dann wurde das Buffet eröffnet. Wir hatten vorher die Information bekommen, dass wir uns in der Nähe desselben aufhalten sollten, wenn wir tatsächlich etwas essen wollten. Und zugegeben: wir wollten. Also hielten wir uns schamlos im Bereich Pole-Position etwa 50 cm neben einem Stapel Teller auf. Je mehr Reden vergingen, desto voller wurde es dort. Klar. Doch auf das, was dann kam, waren wir nicht vorbereitet. Wir waren hungrig, lieb und harmlos.

Und hatten keine Chance. Kaum war das Buffet eröffnet, wurden wir von schwarzen Anzügen eingekesselt. Von allen Seiten Chu-Lieder. Wir wurden ellbogenbearbeitet und weggedrückt. Zu Boden getreten.  Zertrampelt. Im Meer schwarzen Zwirns ertränkt. Was nützt der eigene Ellenbogen, was die Abwehrrakete, wenn man nicht weiß, wie sie einzusetzen sind? Keine Bedienungsanleitung hat? Oder keine Zeit, sie zu lesen? Wenn das  Training fehlt? Und die Impertinenz? Hunger allein reicht einfach nicht. Ein Teil der bundesdeutschen Elite, wenn man diese schockweise aufgetretenen Bundestagsabgeordneten und ähnliches Personal dazu zählen mag, war auf uns zu, durch uns durch und über uns drüber gerollt. Mehrere Mann stark bildeten die schwarz und grau uniformierten Herren (und sehr wenige Damen) (und noch weniger Damen und Herren aus Taiwan) das Bollwerk vor der Futterkrippe. Nach zwei ernsthaften Anläufen etwas zu essen zu kriegen, blieb uns nur noch der Ausfall und wir strichen so entnervt wie hungrig Segel. Wie anno dazumal der von Chu-Liedern Umzingelte. Also hungrig war der zwar eher nicht, aber er floh.

Jetzt kann man sich fragen, wieso überlebt denn ausgerechnet ein dermaßen plattes Zitat die Jahrtausende? Die Truppen eines grausamen Herrschers umzingeln einen, klar ist das bedrohlich! Genausogut könnte der Satz „Witz komm raus, du bist umzingelt!“ Weltliteratur werden. Aber so war es nicht. Ohne ein bisschen Pingpong wird es keine chinesische Geschichte. Denn der, der da so schreckerfüllt sagt: „Von allen vier Seiten ertönen Chu-Lieder“ ist Xiang Yu, der Herr der Chu selbst, der sich in Gaixia in einem Belagerungszustand befindet. Er hört ganz vertraute Lieder. Ein bisschen Heimat im Feldzug. Schön eigentlich. Doch seine Reaktion ist eine ganz andere. Und zwar nicht weil er dachte, dass sich seine Leute gegen ihn erhoben haben könnten. Er geht vielmehr davon aus, dass die Han mittlerweile sein Heimatland erobert und die Menschen aus Chu in ihren Kriegsdienst gezwungen hätten. Und das sind doch so viele! Seine zahllosen Untertanen! Das macht ihm Angst. Das Echo der eigenen Lieder. Der Böse selbst hat Angst, gewissermaßen vor sich selbst.

Das ist wie bei mir im Straßenverkehr der Großstadt. Es sei denn, ich bin in Sanftmut gebadet und habe Blumenduft gefrühstückt. (Kommt auch vor.) Ansonsten stürmen von allen Seiten Feinde auf mich ein, erschrecken mich zu Tode oder stehen saublöd im Weg rum. Und dann wird erbittert zurückgeschossen. Zur Not auch präventiv. Auf dem Rad bin ich ein selbstgerechtes Arschloch und im Auto ein nervös-aggressives Opfer.  Hass und Zwiderwurz brechen hervor und kommen von überall zurück. IS, das sind nicht nur die wahnsinnige Terrormiliz vom „islamischen Staat“, sondern auch meine Initialen. Von allen Seiten Chu-Lieder.

Nun irrt aber der belagerte Xiang Yu. Es sind gar nicht seine Chu, die da gegen ihn singen. Die Han haben sein Chu-Land noch gar nicht erobert. Vielmehr hat sein Widersacher Liu Bang seine Leute angewiesen, Chu-Lieder zu singen. Wäre Xiang Yu nur etwas aufmerksamer, hätte er hören können, dass sie Furzende statt Vorsitzende singen.

Aber Xiang Yu hört nicht lange zu, sondern reagiert seinerseits mit einem Lied. (Deutsche Sprichwörter bewegen sich ja leider eher auf dem Niveau: „Da wo man singt, da lass dich nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder“. Was soll man dazu sagen?) Denn es gibt noch einen romantischeren Grund, warum sich das Zitat mit den Chu-Liedern versprichwörtlicht hat. In dieser Nacht, als der Despot Xiang Yu schaudernd und gleichzeitig unaufmerksam den Chu-Gesängen lauscht, befindet er sich in Gesellschaft einer Dame. Es handelt sich um seine Konkubine Yu, die darauf besteht ihn auch auf Feldzügen zu begleiten.  Ich stelle sie mir als eine Art Eva Braun vor.

Er besingt in dieser Reihenfolge seine frühere Macht, sein windschnelles Pferd und die Konkubine Yu. Die letzteren beiden mit Worten, die „Was kann ich noch für dich tun?“ oder „Was soll ich nur mit dir tun?“ bedeuten können. Das Pferd antwortet naturgemäß nicht und wird im Verlauf der weiteren Geschichte verschenkt. Die Konkubine antwortet ihrerseits mit einem Schwerttanz. Und wie es der Chu so Art ist, mit einem Lied. Der Inhalt soll etwa gewesen sein: Unser Land ist verloren, um uns herum singen die Chu, mein König ist erschöpft, wozu soll ich da leben? Und flugs schneidet sie sich die Kehle durch. (Wem das jetzt bekannt vorkommt: aus der Geschichte entstand eine chinesische Oper, die im gleichnamigen Film „Lebwohl, meine Konkubine“ von Chen Kaige eine wichtige Rolle spielt. )

Ein Schicksal, dass sich Xiang Yu kurze Zeit und viele Tote später, zu teilen entschließt. Obwohl ihn ein Fährmann in seine bisher uneroberte Heimat und in Sicherheit bringen würde. Aber nachdem er seine ganze Armee aufgeraucht hat, ist ihm das irgendwie unangenehm. Die (vielfach schamanistischen) Chu-Lieder haben als tatsächlich gesungenes Liedgut bald keine Chance mehr. Niemand wird sie mehr singen. Nicht auf einer, nicht auf zwei und schon gar nicht auf allen vier Seiten. Aber immerhin überleben sie als Literatur.

Wenn also aus allen Richtungen Chu-Lieder ertönen, handelt es sich dann um eine bedrohliche Situation? Um eine eingebildete bedrohliche Situation? Um eine eingebildet dramatisierte Situation? Um ein Hassecho? Um eine schlichte Tragödie? Eine Fehleinschätzung gigantischen Ausmaßes? Und was ist eigentlich der Unterschied?

Und so übe ich mich in Sanftmut und Verständnis: Vermutlich war die 103-Jahrfeier der Republik China der erste Tag im Jahr unserer armen Bundestagsabgeordneten, sich endlich mal satt zu essen. Vorher lebten sie mutmaßlich in Verhältnissen wie in einem unter Ebolaquarantäne stehenden Slum in Liberia. Da muss man dann schon mal ein bisschen Verständnis haben.  Und mir wird klar, dass angesichts dessen eine Diätenerhöhung reiner Wahnsinn wäre. Mit noch mehr Diät werden unsere Abgeordneten völlig unberechenbar. Radikalisiert, ja fanatisiert. Der IS wartet schon darauf, unsere völlig ausgemergelten Volksvertreter zu rekrutieren. Ich fordere Fett zu Pflugscharen! Waffen zu Kohlehydraten! Fürze zu Vorsitzenden!

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Gepflegte Unterhaltung

Die Einladung

Ende Januar bekam ich eine sehr vage formulierte Email von der Taipeh-Vertretung in der BRD. Darin hieß es, dass die Frau Botschafterin sich beehrt, mich als ehemalige Taiwan-Stipendiatin zum Neujahrsbuffet einzuladen. Namentlich gab sich kein Absender zu erkennen, aber um Antwort wurde gebeten.

Wenn die Botschaft qua Repräsentant einlädt, tut sie das normalerweise auf Büttenpapier per Schneckenpost zu einem Handschüttelereignis. Das hier war also anders. Auch fragte ich mich, wie viele Exstipendiaten denn bitte gerade in Berlin sein mögen? Sonderbar war auch die Adresse in Grunewald (Stadtrand), denn schließlich befindet sich die Taipeh-Vertretung am Gendarmenmarkt (Mitte). Was um alles in der Welt sollte das für eine Veranstaltung werden?

Natürlich sagte ich zu.

Neugierig wackelte ich Sonntag Mittag zur angegebenen Adresse. Doch die Realität ist brüchig, wenn man sie mit niemandem teilt. War ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort? Hatte es die Einladung überhaupt gegeben? Vor der herrschaftlichen Villa zögerte ich kurz, denn nichts ließ auf eine öffentliche oder semiöffentliche Veranstaltung schließen. Ich wollte nur ungern sonntagmittags bei mir völlig unbekannten Leuten klingeln und nach einem Buffet fragen. Nachher meinen die Leute noch, sie müssten mich zum Sonntagsbraten einladen. Glücklicherweise fegte jemand die Treppe. Durch´s schmiedeeiserne Tor fragte ich also nach der Taipeh-Vertretung und bekam ein eifriges Nicken zur Antwort. Mir wurde aufgetan.

Die Gesellschaft

Im Flur nahmen mich etwa vier taiwanische Herren im Anzug in Empfang und überschlugen sich, mir die Garderobe zu zeigen, den Weg in die gute Stube zu ebnen und einen Stuhl zu besorgen. Mir zu sagen, wo ich ein Getränk bekomme, einen anderen Stuhl zu besorgen, diesen Platz ebenfalls wieder für unangebracht zu halten und mir schließlich einen weiteren Platz zuzuweisen. Herr Gu, den ich schon vor Jahren kennengelernt hatte, war auch dabei. Ein bekanntes Gesicht. Wir freuten uns.

Schließlich begrüßte mich Frau Chen Huayu (oder auch Chen Hwa-Yue), die seit Sommer letzten Jahres neue Botschafterin Taiwans in Berlin. Für die deutsche Anrede hatte sie sich vor vielen Jahren für den schönen Namen Agnes entschieden und ich fragte mich, ob sie sich selbst Angnes oder Agnes ausspricht. Langsam verstand ich, auf was für einer Art Veranstaltung ich gelandet war. Die Botschafterin Agnes Chen hatte gar nicht pro forma eingeladen, sondern tatsächlich. Zu sich nach Hause. Die Einladung war ganz wörtlich zu verstehen gewesen. Damit rechnet man doch nicht.

Und so saß ein Sammelsurium unterschiedlichster Leute um ihren Wohnzimmertisch herum. Außer mir noch zwei andere Regierungsstipendiat_innen, ein paar taiwanische Student_innen, ein Taiwandeutscher in zweiter Generation, Leute von der Botschaft, zwei von der Stadt Berlin, Ehemann und Tochter der Botschafterin, eine Frau mit taiwanischer Mutter und deutschem Vater.

Frau Chen stellte sich, ihre Familie, ihre letzten und ihre geplanten Aktivitäten vor und ermunterte dann ihre Gäste, es ihr gleichzutun. Das ging natürlich nicht ohne Scherze und viele Neujahrsglückwünsche ab. Auch das Bonmot: „das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“ wurde bemüht. Frau Chen ist sozial und persönlich fraglos eine immense Verbesserung gegenüber ihrem Vorgänger. Das ist zwar keine Kunst, aber sie macht eine daraus. Voller Ideen und Kontaktfreude.

Apfel und Birne

Frau Chen wurde von der seit 2008 wieder regierenden Guomindang entsandt. Diese Regierung hat den unbestreitbaren Vorteil, dass das Säbelgerassel zwischen China und Taiwan leiser geworden ist.

Die Volksrepublik China vertritt die Auffassung, dass es sich bei Taiwan um eine abtrünnige Provinz handelt. Die Guomindang, also die Nationalpartei auf Taiwan spiegelt das. Sie sagen, dass auf Taiwan die Republik China regiert, die ihren eigentlichen Sitz in Nanjing (auf dem Festland) hat und dort unrechtmäßig von den Kommunisten 1949 vertrieben wurde. Es handelt sich also um eine Art Exilregierung, die international ab den 1970er Jahren desto weniger anerkannt wurde, als die VR China an wirtschaftlicher und im Zuge dessen politischer Bedeutung gewann. Einigkeit besteht bei beiden Regierungen also über den Umfang Chinas, egal ob als Volksrepublik oder als Republik. Diese rein äußerliche Übereinstimmung scheint mittlerweile für Friede-Freude-Eierkuchen auszureichen. Ob die einen sagen: „es ist eine Birne!“, und die anderen: „es ist ein Apfel!“ spielt keine Rolle.

Die Fortschrittspartei, die von 2000-2008 regierte, fand allerdings, dass die Republik nicht auf, sondern in Taiwan unabhängig geworden war. Dass es einen Apfel und eine Birne, mithin zwei Obste gibt. Wobei das zweite Obst keinerlei Ansprüche auf das erste erhebt. Nach der Wiederwahl der Fortschrittspartei wurden die Rufe nach der Erklärung eines Zweitobstes lauter. Umgehend zeigte die VR nicht nur die Zähne, sondern entsicherte auch die Waffen. Sprich, im Jahre 2005 verabschiedete die VR China das Anti-Abspaltungsgesetz, das militärische Schritte gegen Taiwan vorsah, sobald sich dieses formell für unabhängig erklärte. „Apfel oder Birne“ heißt also Frieden. „Apfel und Birne“ Krieg. Auch eine sehr brüchige Realität und keine wirklich gute Voraussetzung für eine freie Entscheidung.

Die Spielregeln

Die Fortschrittspartei sah sich also zur Politik der fünf Neins gezwungen. (Man beachte diese bizarre chinesische Begeisterung für Bezifferungen.) Das war der Deal. Die VR China bedroht Taiwan nicht akut militärisch und dafür hält sich Taiwan an die fünf Spielregeln:
Taiwan…

  • erklärt sich nicht für unabhängig
  • ändert nicht den Staatsnamen (zB in Republik Taiwan)
  • schreibt nichts in die Verfassung, was die Beziehungen zur Volksrepublik als „zwischenstaatlich“ bezeichnet
  • hält kein Referendum über die Änderung des Status quo ab
  • ändert nicht die Richtlinie der Wiedervereinigung.

Bei uns merkt man das dann an so Sonderbarkeiten, dass Taiwan an den Olympiaden als „Chinesisch Taipeh“ antritt. Übrigens seit 1984 sogar regelmäßig bei den Winterspielen. Diesmal mit drei Athleten. Allerdings medaillenlos.

Was nun?

Nun ist die Vermeidung von Krieg grundsätzlich und bei so ungleichen Voraussetzungen insbesondere, unbedingt wünschenswert. Aber bitte was soll der Unsinn? Seit 1949 gehen beide Länder getrennte Wege. Die Generation, die auf dem Festland geboren wurde, stellte immer nur einen Anteil der Bevölkerung und stirbt langsam aber sicher aus. Warum sollen es nicht de jure zwei Länder sein, was sie de facto schon so lange sind? (Eine Frage, die ich mir und anderen vor über 25 Jahren auch häufig bezüglich DDR und BRD stellte. Das macht mich jetzt natürlich unsicher.)

Also kein Krieg. Aber Schmusekurs? Die ganz praktische Befürchtung ist, dass die VR China durch diese Schulterklopfpolitik die Gelegenheit bekommt, in Taiwan ungebremst ihre Interessen durchzusetzen. Das ist die Kehrseite dieser großen Entspannung und der immer stärkeren wirtschaftlichen Verflechtung der beiden Länder. Und die Größenverhältnisse sprechen eine deutliche Sprache: 1,3 Mrd gegenüber 23 Mio Menschen. Also im Apfel leben mehr als 50 Mal so viele Menschen und er ist auch 260 Mal so groß, wie die Birne. Ein Manga-Superapfel gegen eine Bonsaibirne.

Das größte Problem ist natürlich, dass nur ganze 22 Staaten noch diplomatische Beziehungen zu Taiwan als Republik China unterhalten. Zum Beispiel Swasiland und Tuvalu. Denn das bedeutet, keine diplomatischen Beziehungen mit der Volksrepublik zu unterhalten. Wir versuchen das auf sehr bescheidene Art wett zu machen und genießen das Buffet der Frau Botschafterin, die apfel-birnen-technisch eigentlich Repräsentantin der Taipeh-Vertretung heißt.

Kulinarisch und Kultur

Am Buffet gab es zwar weder Äpfel noch Birnen, aber jede Menge andere Köstlichkeiten. Unter anderem Jiaozi, diesen Teigtaschen, die zu Neujahr unbedingt gegessen werden müssen und Niangao, ein Klebreiskuchen, dessen Name als Klebkuchen oder aber auch sinngemäß als „im neuen Jahr wird´s besser“ verstanden werden kann.

Es folgte ein entspanntes Geplauder, in dem ich allerlei erfuhr. Zum Beispiel etwas über die Notfallpläne der Stadt Berlin. Es ist schön, dass sich andere darüber Gedanken machen, was passiert, wenn in der Stadt der Strom ausfällt. Was für ein Glück die alten Wasserpumpen darstellen. (Wo ist eigentlich meine nächste?) Dass das Gas mit genug Druck durch die Pipelines kommt und nicht auf Pumpen angewiesen ist. Aber dass zum Beispiel im ganzen Stadtgebiet nur drei Tankstellen einen Anschluss für ein Notstromaggregat haben.Vom Aggregat selber mal ganz abgesehen.

Schließlich erklingt „Für Elise“ vom Flügel im Salon. Ein Mitarbeiter der Taipeh-Vertretung läutet den kulturell gepflegten Teil des Nachmittags ein. Es übernimmt spontan ein taiwanischer Kompositionsstudent der Hanns-Eisler-Hochschule für Musik zusammen mit einer Anwärterin auf ein Gesangsstudium an der UdK. Nach einem Neujahrslied zum Mitsingen folgen Schubertlieder, die der Komponist in spe mal eben so vom Blatt spielt. Schließlich überzeugen wir ihn, noch ein Solo folgen zu lassen. Leider will er keine Eigenkomposition zum Besten geben, sondern entscheidet sich für Liszt.  Es ist alles ganz wunderbar. Und ich fühle mich so neunzehntes Jahrhundert.

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Man sieht nur mit den Augen gut

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Es ist unwahrscheinlich aber wahr. Ich habe  Fördermittel für die Übersetzung eines taiwanischen Romans bekommen. Vom nationalen Literaturmuseum Taiwan. Vom Chinesischen ins Deutsche. Unfassbar. Dabei habe ich nicht mal einen Abschluss in Sinologie. Ich bin begeistert.

Neben der Begeisterung bin ich natürlich auch beunruhigt. Hab ich das im Kreuz? Schaffe ich es in der Zeit? Die ganze Schwarte? Oder werde ich scheitern und muss alles samt Strafe zurück zahlen? Das befürchte ich natürlich nicht wirklich, aber wenn der Tag lang ist und die Nacht noch länger, kann man sich ja mal mit ein paar selbst ausgedachten Problemen herumschlagen. Man gönnt sich ja sonst nichts. Eins ist allerdings klar: Das Projekt kann noch heiter werden.

Manche sagen, dass Übersetzungen eigentlich gar nicht möglich sind. Strenggenommen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Da ist was dran. Aber strenggenommen ist halt doch sehr eng. Ich würde sogar so weit gehen und sagen: mir zu eng. Genaugenommen sind wir sogar zur sprachlichen Kommunikation grundsätzlich unfähig, da jeder und jede auch Worte der eigenen Sprache anders aufnimmt, vor einem anderen Hintergrund verarbeitet. Hören wir deswegen etwa auf zu sprechen?

Sprache eignet sich wenig für das Absolute, das Wahre.  Die reine Sprache- das klingt schon so nach Fundamentik und Fanatilismus. Sprache ist in sich selbst eher ein amorphes Angebot, eine Unschärfe, die in bestimmten Gesprächen und Sätzen Brillanz gewinnt, Klarheit. Aber auch oder gerade die kristalline Klarheit bricht das Licht in alle Farben. Apropos Farben: Ich werde zum Beispiel meinen Dauerstreit mit A., ob eine bestimmte Blume blau oder violett zu nennen ist, bis in alle Ewigkeit wiederholen. Jedes Frühjahr neu.

Ein Annäherung an eindeutige Sprache versuchen die Juristen und bedienen sich dabei der Methoden der Mathematik. Der Inhalt eines Wortes wird definiert. Die zentralen Worte die der Definition dienen, werden wiederum definiert. So entsteht eine Art Kunstsprache, die sich um Eindeutigkeit und Gleichheit bemüht. Bekanntermaßen mit wechselndem Erfolg. Beobachte ich mein Umfeld, dass sich häufig weigert, selbst kürzeste juristische Texte zu verstehen zu versuchen, wird klar: das ist ein löblicher, aber eben künstlicher Umgang mit Sprache.

Aber ich lenke ab. Ich soll ja nicht die reine Sprache erfinden, sondern einen Roman übersetzen. Hinderlich dabei könnten meine nur mäßige Erfahrung im Übersetzen sein und mein Hang, selber Texte zu verfassen. Das erste Problem wird angenehmerweise im Verlauf der Arbeit ganz von selbst schrumpfen. Das zweite wird voraussichtlich durch einen ebenfalls vorhandenen Hang zur Texttreue in Schach gehalten werden. Es kann also losgehen. Logischerweise wird auch meine Übersetzung eine Interpretation des Textes werden, aber was ist an einer Annäherung schlechter als an nichts? Nichts.

Ein Punkt der mich darüber hinwegtröstet, dass ich nicht Swetlana Geier bin, ist, dass ich auch nicht vorhabe, Dostojewski zu übersetzen, sondern Frau Chen. Ich ringe bodennah mit einem greifbaren Text. Schüttel ihn und würge, rede ihm dann wieder gut zu und versuche mich einzuschmeicheln. Vermutlich wird es trotz aller Bodennähe eine Borderline-Beziehung.

Begonnen hat diese, als der Vertrag der Fördermittelgeber eintrudelte. Eine Mischung aus Jura- und Bürokratenchinesisch. „Absolute“ Sprache im höflichen Mäntelchen. Da saß ich lange vor. Ich konnte ja schlecht sagen: Moment, Leute, ich verstehe das nicht! Kann ich bitte zumindest eine englische Übersetzung haben? Die hätten mir die Mittel glatt wieder entzogen! Irgendwann kam ich per Zufall darauf, dass „Plattformende“ eine höfliche Anrede darstellt, dass also mit dieser auf Deutsch wenig schmeichelhaften klingenden Bezeichnung ich gemeint war und dann wurde alles schon viel klarer. Die Feinheiten habe ich dann sicherheitshalber mit einem befreundeten chinesischen Rechtsanwalt erörtert.

Einer der berühmtesten, frühen Übersetzer vom Chinesischen ins Deutsche war natürlich nicht Frau Geier, denn die kann alle möglichen Sprachen, aber kein Chinesisch, sondern der Theologe Richard Wilhelm (1873-1930). Eigentlich hatte er eine ganz andere Aufgabe, denn er sollte den Chinesen den Segen der christlichen Lehre bringen. Es kommt aber zuweilen vor, dass einen die Arbeit, die man eigentlich tun soll viel weniger interessiert, als irgendetwas anderes. Augen auf bei der Berufswahl möchte man sagen, aber das sagt sich so leicht. Ich könnte darauf ein sehr langwieriges Lied singen. Wilhelm beschäftigte sich also statt mit dem Missionieren -und abgesehen von pädagogischer Arbeit- vor allem mit dem Studium der chinesischen Klassiker und begann, sie zu übersetzen. Als Missionar war er denn auch ein Totalversager, wenn nicht gar ein Saboteur: er bekehrte (mit erklärter Absicht) keinen einzigen Chinesen. Auch gelten seine Übersetzungen heute als zum Teil veraltet, zu christlich gefärbt etc. Meckern kann man immer. Doch hat dieser zwiderwurzige Missionar im Austausch mit chinesischen Gelehrten riesige Kulturschätze für den Westen gehoben. Das kann man doch einfach mal so stehen lassen. Es darf auch jede_r besser machen.

Ob das eine oder das andere besser ist, ist dann wieder eine Auslegungs-, oder auch Geschmacksfrage. Die zahlreichen und eklatanten Abweichungen in den Übersetzungen der Klassiker wie dem Daodejing sind legendär, was sich unschwer aus dem interpretationsbedürftigen Text ergibt. Aber auch nicht ganz so obskure Lyrik zeigt sich in ganz unterschiedlichem deutschen Gewand. Die folgenden Texte sind drei von zahllosen, unterschiedlichen Übersetzungen des berühmten Gedichts „Gedanken in stiller Nacht“ von Li Bai (701-762).

Wanderer erwacht in der Herberge  (Klabund 1891-1928)

Ich erwache leicht geblendet, ungewohnt eines fremden Lagers.

Ist es Reif, der über Nacht den Boden weiß befiel?

Hebe das Haupt – blick in den strahlenden Mond.

Neige das Haupt – denk an mein Wanderziel.

oder aber

Erwachen in der Nacht (Hundhausen 1878-1955)

Vor meinem Bette spielt ein weißes Licht.

Ist es der Morgen schon? ich weiß es nicht.

Und wie ich zweifelnd hebe mein Gesicht,

seh ich den Mond, der durch die Wolken bricht.

Da muss ich mich zurück aufs Lager senken

und heimatlos an meine Heimat denken.

oder auch

Nachtgedanken (Eich 1907-1972)

Vor meinem Bette das Mondlicht ist so weiß,

Dass ich vermeinte, es sei Reif gefallen.

Das Haupt erhoben schau ich zum Monde,

das Haupt geneigt denk ich des Heimatdorfes.

etc.pp.

Bis auf „weiß“, „heben“, „Mond“ und „denken“ sind praktisch keine Wörter gleich, obwohl das Gedicht durchaus gut zu erkennen ist. Ob nun ganz, halb oder gar nicht gereimt.

Das Buch, das ich übersetze, ist gar nicht gereimt und aus der Sicht eines Deutschen, genau genommen eines Sachsen im 18.Jahrhundert geschrieben. Ich transformiere also ein fiktives Tagebuch eines Deutschen aus dem Chinesischen zurück in die fiktive Originalsprache. Da kann man also nicht aus lauter Exotismus oder zur Veranschaulichung des Fremden irgendwelche Sinismen stehen lassen. Doch der Chinese hat wenig überraschend sprachlich verschiedene Eigenarten. Und damit meine ich nicht die unermessliche Anzahl von Schriftzeichen, sondern die Formulierungen selbst. Um nur ein Beispiel zu nennen: der Chinese greift immer mit der Hand. Mit was auch sonst, mag sich mancher fragen. Mit den Zähnen oder den Zehen etwa? Immerhin greifen wir hiesig meist auch mit den Händen.

Der Unterschied ist der, dass wir das nur selten mitteilen. Wir nehmen einfach etwas. Und Punkt. Chinesisch ist wiederum eine derart kurze Sprache, dass man über derartige, im Grunde überflüssige Zusatzinformationen nahezu froh ist. Dass er oder sie mit den Händen greift, mit den Augen sieht und im Herzen (da sitzt der chinesische Geist) denkt. Mit der Hand greift sie nach dem Glas (womit sonst?) und er denkt bei sich (bei wem auch sonst?). Er nimmt mit den Händen ein Papier und zerreißt es, sie greift nach dem Eimer, nimmt ihn und geht damit sonstwohin. Dinge explodieren -kawumm- mit einem Knall an schiefen Hängen.  Und dann hört man nicht nur den Knall, sondern das Geräusch des Knalles. Die Aufgabe bei der Übersetzung ist hier klar: weglassen.

Aber was, wenn einer etwas nur mit zwei Fingern greift? Oder seine dreckige Hand danach ausstreckt? Da sind dann Entscheidungen gefragt. Solange man es noch merkt. Denn noch größer ist eigentlich das Problem, dass ich nach einer Weile anfange, bei mir komisches Deutsch zu denken, es mit den Händen zu schreiben und es im Herzen für ganz normal zu halten.

Aber wenn der Sachse seine Geschichte so hübsch auf Chinesisch erzählt, werde ich doch wohl in der Lage sein, ihn sprachlich heim ins Reich zu holen. Ins heilige römische. Ich werde mir mit den Händen fest und sicher ein Herz fassen, in meinem Kopf alles hin und her überlegen, metaphorisch so als ob mit den Füßen oberhalb schiefer Hänge Halt finden und mit den Fingern zögernd und zweifelnd meine Tastatur bearbeiten. Wir werden sehen. Mit den Augen.

Das Ziel ist das Ziel

olympiaklein

Die Sommerolympiade 2012 ist vorbei und die VR China hat sich mit der schönen Zahl von 88 Medaillen verabschiedet.

Achtundachtzig

Ich glaube, das ist auch der tiefere Grund, warum Hongkong als Sonderverwaltungszone extra an den Spielen teilnehmen musste. Denn die Bronzemedaille irgendeiner Radsportlerin aus Hongkong hätte dieses gelungene Ergebnis zunichte gemacht. Der gemeine Chinesen liebt die Doppelacht, da 8 in irgendeinem -vermutlich dem kantonesischen- Dialekt auf Reichtum hinweist. Und doppelter Reichtum ist natürlich noch besser, oder sogar ∞, unendlicher, wenn man es aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Der gemeine chinesische Chatter oder Twitterer hält sich mit so schnödem Mammon allerdings gar nicht auf, denn wenn der 88 in die Tasten tippt, dann sagt er mit fast Wienerischem Schmäh: baba, also byebye. (Mit 748 sagt er: fahr zur Hölle, aber davon vielleicht ein anderes Mal.)

Eine Abschlussmedaillenzahl von 88 ist insofern in  jeder Hinsicht perfekt.

Mit der 88 hat es der Chinese mal wieder gut. Denn hierzulande steht die Zahl doch leider vor allem für „Heil Hitler“. Passend dazu habe ich in einem Reiseführer den ein Taiwaner über Berlin geschrieben hat, mal das Kapitel „Ehre und Ruinen“ über das Berliner Olympiastadion nachgelesen. Der Autor, Chen Sihong, den ich unter dem Namen Kevin kenne, beginnt die Liebeserklärung an Berlin -wie es sich gehört- etwas sperrig und schwer verdaulich. Die Nazi-Olympiade von 1936 schmiegt sich zwischen die Kapitel KZ und Wannsee, inklusive Konferenz.

Sommerliches Intermezzo

Um dem ganzen zwischendurch eine etwas leichtere Note zu geben, kann ich vielleicht berichten, dass wir an einem der eher raren Sommersonntage dieses Jahr mit einer chinesischen Familie im Strandbad Wannsee waren. Großartig. Man steht lange an, bis man endlich rein darf, wird von der Kassenfrau und vom Bademeister jeweils mit gegensätzlichem Inhalt zusammengeschissen und sucht dann ein kleines Fleckchen für´s Handtuch im Gewühl. Kaum ist man eine weitere halbe Stunde durchs knöcheltiefe Wasser gewatet, kann man auch schon schwimmen. Es ist eine Zeitreise ins alte West-Berlin. Toll, einfach toll. Wobei ich zugeben muss, dass mit kleinen Kindern dieses endlose, nordseeebbehafte Flachwassergedümpel tatsächlich fein ist.

Laut und Inhalt

Aber zurück zum Thema Olympia und 1936. Beim Lesen des Reiseführers habe ich zum ersten Mal gesehen, wie man Nazi auf Chinesisch schreibt. Und zwar: Nacui. Übersetzt man das nun wörtlich, hat man gleich die Zutaten für des Teufels Küche, denn es könnte heißen: „das Reine akzeptieren“. Eigentlich handelt es sich aber um eine phonetische Lösung. Da es einen stark aspirierten Laut in Verbindung mit i auf Chinesisch nicht gibt, wird also der Umweg über das U genommen. Nacui, gesprochen Na-tzuei.

Beim Lernen von Zeichen und Vokabeln nützt natürlich die Bedeutung -Teufel hin, Küche her- ungemein. Nur mit Interpretationen sollte man doch vorsichtig sein. Stasi wird beispielsweise mit Shitaxi übertragen, was wirklich ähnlich klingt, auch wenn es nicht so aussieht. In wörtlicher Übersetzung heißt Shitaxi: Geschichtspagode West. Menschen mit einem ausgesprochenen Hang zu Verschwörungstheorien sollten vielleicht besser die Finger vom Chinesischen lassen.

1936

Kevin, der Autor, erzählt also vom möglichen Boykott der Spiele , insbesondere wegen der damals schon in Kraft getretenen Nürnberger Rassegesetze. Dass die Boykottüberlegungen sich auch darauf bezogen haben sollen, dass die innerstädtischen Sinti und Roma (auf Chinesisch: Jipusai „Wettkampf der Allgemeinenbeglücker“ = Gipsy) in Marzahn interniert wurden, halte ich demgegenüber für ein freundliches Gerücht. Bisher gehörte zu sämtlichen Olymischen Spielen auch immer die unerfreuliche Nachricht, dass Bettler oder andere unerwünschte Personen irgendwie für die Dauer der Spiele aus der Innenstadt weggeräumt wurden, auch wenn sich die Methoden sicherlich hier und dort unterschieden. Dass sich die USA für die Rechte der Jipusai stark gemacht haben sollen, naja.

So oder so setzte sich die Boykottfraktion bekanntermaßen nicht durch, sondern die anderen verschoben die Abstimmung darüber so lange, bis genug Befürworter da waren. Und schlossen anschließend den heftigsten Boykottbefürworter aus. Insgesamt wollte man doch lieber glauben, dass auch Hitler die olympische Idee für eine gute hielt. Er hatte ja auch sonst so schöne Ideen, wie beispielweise den Fackellauf, der seither durchgeführt wird. Das bringt auch schöne Bilder. Vermutlich würde Hitler heute noch gut ins IOC passen, zumindest mit dem Faschisten Samaranch hätte er sich sicher gut verstanden.

Natürlich erwähnt Kevin Chen auch Frau Riefenstahl und ihre schwierig zu rezipierende Figur als unkritische Nazisse und bahnbrechende Filmemacherin.  Auch sie machte unbestritten schöne und auch neuartige Bilder. Das will man nicht. Getan hat sie es trotzdem.

Dann erzählt Kevin Chen, wie er sich bei seinem ersten Besuch des Olympiastadions anlässlich eines Konzerts von Pink fragte, ob denn alle Besucher eine Vorstellung von dessen Geschichte haben. Ich sage einfach mal: ja. Das ganze Stadion ist derart naziesk und die herausgemeißelten Hakenkreuze so präsent abwesend, dass man schon extrem vernagelt sein muss, um nicht wenigstens den Hauch einer geschichtlichen Ahnung zu verspüren. Vielleicht ist es gut, dass er dort niemanden gefragt hat, denn so kann ich das einfach weiterhin glauben.

Dabei sein ist alles

Die Republik China nahm 1936 übrigens mit 54 Athleten an den Spielen teil, reiste aber ohne eine einzige Medaille wieder ab. 2012 durfte sie wie gewohnt nicht unter dieser Bezeichnung an den Start gehen. Eine Art Fremdboykott. Denn schließlich nahm die Volksrepublik China teil. Die gab es 1936 ja noch gar nicht, so dass da kein Problem auftrat. Doch seit 1949 ist das anders. Und es mag zwar heute die Ein-Kind-Politik in der VR China wanken, doch die Ein-China-Politik bleibt bis auf weiteres in Stein gemeißelt. Also gab es wieder einen Auftritt der Republik China, vulgo Taiwan unter dem Pseudonym Chinesisch Taipeh.

Als was auch sonst? Als Japanisch Taipeh? Oder Burkinafasolisch Taipeh? Der Witz besteht darin, dass der Name auf dem Festland mit den Zeichen für China-Taipeh geschrieben wird, während Taiwan Zeichen benutzt, die sich nur auf die Kultur beziehen. Die Republik China turnte also notgedrungen und erprobt unter falscher Flagge und errang heuer immerhin mit 44 Athleten und Athletinnen zwei Medaillen (Silber für eine Gewichtheberin und Bronze für eine Taekwondo-Kämpferin). Ob diese beiden Olympionikinnen tatsächlich aus Taipeh kommen und nicht vielleicht aus „Chinesisch“ Gaoxiong oder Tainan, habe ich nicht weiter verfolgt. Ich stamme zum Beispiel aus Bayerisch Gräfelfing und habe keinerlei Medaillenaussichten, auch nicht in der denkbaren Mannschaft Deutsch Berlin. Oder gar Preußisch Berlin.

Zahlenexegese

Amerikanisch Washington trat im Übrigen mit 539 SportlerInnen an, erzielte also eine Medailleneffizienz von 0,19 pro TeilnehmerIn. Chinesisch Peking dagegen schaffte mit 382 AthletInnen ganze 0,23 Medaillen pro Hüpfdohle und Kampfgerät. Russisch Moskau brachte es auch auf einen Effizienzquotienten von etwa 0,19, Britisch London, Koreanisch Seoul und eben Deutsch Berlin liegen so bei 0,11/12. Damit zeigen uns Afghanistan (1 Medaille durch 5 Sportler und eine Sportlerin-> 0,17) und Aserbaidschan (10/53 -> 0,19)  deutlich, was wirklich effektive Olympiateilnahme auch bei knappen Ressourcen bedeuten könnte. Und Jamaika, das mit 50 TeilnehmerInnen ganze 12 Medaillen holte, liegt in Sachen Effizienz mit 0,24 noch vor der VR China. So weit die Statistik.

0,11 also. Aber ich will nicht meckern. Es gibt gar keinen Grund. Deutsch Berlin hat 44 Medaillen geholt. Der Chinese denkt bei der Zahl 4 an Tod und Sterben. Aber nicht wir. Wir denken an vier Jahreszeiten und vier Himmelsrichtungen, einen fröhlichen Vierviertel-Takt. Jetzt lese ich gerade, dass die vier das Kreuz mit seinen vier Enden symbolisiert. Also doch schon wieder Tod. Hm. Dann zählen wir doch einfach durch unser kleines Alphabet und landen bei D. DD. Doppel-D. Das kann viel heißen. Dummdödel. Dresden. Oder Differenzialdiagnose.  Dolby Digital. Doris Day. Donald Duck. Domino Day. Doppeldominante. Direkte Demokratie. Deutsch Drahthaar. Danke Dir. Oder das Topleveldomainkürzel der DDR, das nur drei Jahre leben durfte: .dd. Mit der 44 ist wirklich alles möglich!

88 möchte ich nicht schreiben, also: servus, baba!

Form und Inhalt

inhalt

Die Republik China auf Taiwan ist am 10.10.11 100 Jahre alt geworden. Und ich war nicht dabei. Aus Krankheitsgründen nahm ich nicht einmal an dem Empfang teil, der in Berlin von der hiesigen Repräsentanz gegeben wurde. Das ist schade. Deshalb kann ich auch nicht berichten, ob wieder ein bayerischer Spielmannszug aufspielte, oder was sonst die kulturhungrigen Besucher erfrischte. Sicher ist nur, dass wieder mitreißende Reden geschwungen wurden.

Was das Thema Repräsentanz angeht, hat die große Schwester Volksrepublik seit kurzem ganz andere Probleme. Denn die  Zwistigkeiten zwischen der KP China und dem Dalai Lama haben eine neue,  fast dialektisch zu nennende Stufe erreicht. Dummerweise haben die beiden Parteien auf der Ebene der Synthese wiederum entgegengesetzte Positionen eingenommen. Der Dalai Lama hat nämlich erklärt, sich nicht weiter reinkarnieren zu wollen. Jetzt hätte man meinen können, dass die kommunistischen Funktionäre hurra rufen und helau und alaaf, mit Kamelle werfen, trunken vor Glück mit tibetischen Mönchen Karaoke singen und den Dalai Lama in Zukunft einen guten Mann sein lassen würden.

Doch weit gefehlt. Sie schäumen vor Wut. Anstatt dass sie sich freuen, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft (Tendzin Gyatsho ist immerhin schon 76 Jahre alt) den ollen Lama ein für allemal los wären, protestieren sie. Anmaßend sei das Vorgehen, empört sich die KP, weil doch die historischen Institutionen und religiösen Rituale der tibetischen Buddhisten respektiert werden müssten. Ah ja. So ist das. Und immerhin seien die Fragen der Wiedergeburt in der VR China aufs Vortrefflichste geregelt. Sie hätten ein Verfahren zur Reinkarnationsbestimmung, das nicht in die inneren Glaubensvorstellungen eingreife und doch den Fund eines wirklich wahren und echten neuen lebendigen Buddhas garantieren könne.

Fairerweise muss man sagen, dass der chinesische Kaiserhof früher schon mal kontrollierenden Einfluss auf die Auswahl der wichtigen Inkarnationen nahm, um die grassierende Korruption einzudämmen. Mongolische Khane, tibetische Adlige, hohe Mönchsbeamte, alle wollten mit Hilfe der Verwandtschaft zum neuen Dalai Lama ihr Süppchen kochen. Da war es nicht schlecht, wenn jemand ein kritisches Auge darauf warf. Ich weiß nicht warum, aber ich argwöhne, dass die KP heute mit der Verfahrenskontrolle andere Zwecke verfolgt. In diesem speziellen Fall würde Korruptionsbekämpfung auch keinen Sinn machen, denn schließlich besteht keinerlei Korruptionsgefahr, wenn es gar keine Inkarnation gibt. Wie soll man denn Vetternwirtschaft betreiben, wenn kein Vetter da ist? Dafür gibt nun wirklich niemand Geld aus.

Reinkarnationen, die dieses chinesische Verwaltungsverfahren nicht durchlaufen oder nicht bestanden haben, sind illegal. Illegale Buddhas. So einem Buddha, der die Scheinhaftigkeit der Welt ja durch und durch kennt, ist das vermutlich wurscht, aber er kann so natürlich schlecht repräsentieren.

Und man darf eins nicht vergessen:  die Partei, die Partei, die hat immer Recht.

Ohne eine solche unfehlbare Institution hat sich natürlich auch manch chinesischer Kaiser mal in Fragen der Repräsentation vergaloppiert. Ganz besonders der unter dem Namen seiner Regierungsdevise „Ewige Freude“ bekannte Yongle. Heidewitzka, war das ein Kerl. Oder so sollte es jedenfalls aussehen. Ein Gigantomane reinsten Wassers. Da wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt!

Als Charakterstudie kann folgende Geschichte dienen: Nachdem er sich gegen einen Neffen an die Macht geputscht hatte, verweigerte ihm einer seiner neuen Untertanen den Treueschwur. Kurzerhand ließ der Kaiser nicht nur ihn öffentlich in Stücke schneiden, sondern auch dessen Familie, Freunde und Bekannte töten. So 800-900 Leute. Glücklicherweise gab es damals noch kein Facebook. Das wäre erst ein Gemetzel geworden.

Aber er hatte natürlich auch gute Seiten. Beispielsweise wollte er den Bewohnern seiner damaligen Hauptstadt Nanjing ein ganz besonderes Geschenk machen. Seine Vorstellung von dieser das Volk beglückenden Gabe war eine 75 Meter hohe Monumentaltafel mit güldenen Kalligrafien drauf, die die Tollkerligkeit des Papas von Yongle besingen sollten. Dieses Denkmal würde aus nur drei aufeinandergestellten Felstafeln bestehen. Gesagt, geplant, begonnen. 30km von der Stadt entfernt wurden die Teile aus dem Berg gehauen. Der größte der drei Blöcke hatte so beeindruckende Maße wie etwa 50m mal 17m mal 4m. Um ihn und seine zwei kleineren Brüder (Sockel und Mützchen des Monuments) aus dem Berg zu hauen, brauchte es im Jahr 1405 etwa 10.000 Steinmetze. Gab offenbar genug davon. Ein wunderbares Konjunkturprogramm, um die Arbeitslosen nach dem ganzen Bürgerkrieg von der Straße zu holen. Dankbar schufteten diese sich dann auch zu Schanden und lösten diese Bergelemente sogar auf der Unterseite so weit ab, dass der Abtransport nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien.

Nur was dann? Wie bewegt man 31.000 Tonnen in nur drei Teilen? Ganz einfach: gar nicht. Weil es nicht geht. Weil Berge vielleicht selbst zu irgendwelchen starrsinnigen Propheten wackeln, sich aber niemals zum Jagen tragen lassen. Der in Scheiben geschnittene Berg liegt nun seit über 600 Jahren zum Abtransport bereit. Unbeweglich auch mit heutigen Mitteln. Aber wie es sich mit Bergen und Propheten eben so verhält: wenn sich der Berg nicht bewegt, bewegt sich eben der Potentat. Allerdings in diesem Fall weg vom Berg, dem Ort des Scheiterns. Yongle verlegte kurzerhand seine Hauptstadt in das wüstenhafte Beijing. 120.000 Haushalte mussten ihn begleiten, um die neue Hauptstadt auch repräsentativ zu gestalten. Wenn man an die Laune der Bonner denkt, die in den 90ern alle hierher nach Berlin ziehen sollten, kann man sich die Laune der Nanjinger Umzugsverpflichteten einigermaßen vorstellen.

Doch dann wurde es doch noch schön. Yongle ließ die verbotene Stadt bauen, das war machbar. Der schwerste Stein in der Palastanlage wiegt bloß etwa 200 Tonnen. Ein Klacks, ein 30stel des leichtesten Teils für die große Stele von Nanjing. Diesen niedlichen Zweihunderttonnenmarmor zogen ungefähr 20.000 Arbeiter innerhalb eines Monats isipisi die 50 km auf absichtlich vereister Straße zur Baustelle. Richtig repräsentativ war das natürlich trotzdem nicht, schließlich durfte den in der verbotenen Stadt kaum jemand sehen.

Aber zurück zum Dalai Lama, der die eigene Repräsentation mit seinem Tod bis auf Null reduzieren will. Die Gefahr eines mit unklarem Inhalt gefüllten Popanzes wäre damit gebannt. Falls die KP dann doch noch irgendeinen neuen Dalai Lama inthronisiert, in dem vermutlich keiner drin sein wird, haben die Buddhisten in aller Welt eine ganz einmalige Gelegenheit: mit Hilfe der KP China und dem Mantra „nur wo Dalai Lama drauf steht, ist auch Dalai Lama drin“ können sie die Scheinhaftigkeit des Seins vollkommen erfassen und dadurch Erleuchtung erlangen.

Die Republik China wiederum, also das China auf Taiwan, hält was ihr Name verspricht. Tatsächlich ist sogar mehr drin, als draufsteht, denn seit rund 20 Jahren handelt es sich sogar um eine echte Demokratie.

Gipfeliges

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Letztens war ich zu einem Alumnitreffen eingeladen. Alumni klingt ja so ein wenig nach Illuminati, heißt aber tatsächlich nur Zögling. Und so lud die Taipeh-Vertretung ihre Zöglinge, die bisher etwa 120 ehemaligen Stipendiaten und Stipendiatinnen ein und immerhin gut die Hälfte davon kam aus der ganzen Republik angereist. Auch ich machte mich auf den Weg. Allerdings hatte ich es nicht weit, musste ich doch nur von Prenzlauer Berg in den angrenzenden Bezirk Mitte.

Wie immer auf solchen Treffen wusste ich nicht so recht, was ich da machen soll. Ich bin ausgesprochen schlecht im Smalltalk und daraus resultierend eine schlechte Netzwerkerin und Selbstvermarkterin. Was hätte ich nicht alles daraus machen können? Ich hätte meine laufende Ausstellung anpreisen können, meinen Tuschmalereiunterrichtsflyer in die Menge werfen können und allen mein Taiwanbuch unter die Nase halten können. Ich hätte damit unheimlich auf die Nerven gehen und mich damit bekannter machen können. Hätte ich alles können, hab ich aber nur äußerst zurückhaltend getan.

Tatsächlich ist für mich ja auch viel interessanter, was andere zu erzählen haben. Mich kenne ich ja schon. Also habe ich von einer Studie über eine nach Taiwan eingeschleppte Kletterpflanze gehört. Das Stipendium wurde für die Erforschung der Auswirkung der Einschleppung der Kletterpflanze vergeben. Das ist doch mal interessant. Nicht immer nur diese Sprachnerds. Erfreulicherweise hat sich herausgestellt, dass sich die Kletterpflanze entgegen den ursprünglichen Befürchtungen nicht schädlich auf das bestehende Ökosystem auswirkt.

Schließlich gab es Vorträge. Die Begrüßung durch Botschafter Wei war wie gewohnt geeignet, eigenen Gedanken nachzuhängen. Weil ich in dem Moment nicht so viele davon hatte, war ich froh, dass er sich kurz hielt. Dann kam der Hauptredner Dr. Croissant, der uns wesentlich länger, aber gleichzeitig wesentlich kurzweiliger über den Demokratisierungsprozess in Taiwan unterrichtete. Wir waren nicht überrascht, dass es Taiwan auf dem Bertelsmann Transformationsindex ganz nach oben geschafft hat, den Gipfel, ja den Olymp der transformierenden Staaten erklommen hat, gefolgt von Südkorea und Indien. Demokratien, die als gefestigt gelten, werden von dem Index (deshalb Transformationsindex) nicht mehr erfasst. Es kann also sein, dass Taiwan bald gar nicht mehr auf dem Index erscheint. Aufstieg in die Bundesliga sozusagen. Ach was sage ich: Champions League oder gar Weltmeisterschaft! Dort befinden sich die arrivierten, die erfolgreichen Demokratien, wie Dänemark, wir oder Italien. Und da sieht man gleich, was hier fehlt: ein Transformationsindex für den Abbau oder dem Verspielen von Demokratie. Schließlich ist ja nicht gesagt, dass eine arrivierte Demokratie immer eine solche bleibt. Italien könnte doch zum Beispiel wegen der Medienkonzentration und den sonderbaren Berlusconigesetzen auf einem Abstiegsplatz landen? Auch die EU insgesamt bekleckert sich in dieser Hinsicht nicht gerade mit Ruhm und erhält dafür schon gar keine olympischen Weihen. Vielleicht würde ein wenig Sportsgeist dem politischen Klima ganz gut tun? Spannende Relegationsspiele um Menschen- und Teilhaberechte? Wer möchte schon gerne absteigen? Das könnte der Demokratie ganz neue Attraktivität verleihen.

Ganz unten auf dem Index dümpelt wenig überraschend Myanmar/Birma, nur geringfügig hinter Nordkorea. China hat immerhin den viertletzten Platz ergattert: Glückwunsch! Das garantiert den Klassenerhalt!

Ansonsten ist es in Taiwan wie bei uns: die Mehrheit findet die Demokratie grundsätzlich gut (erstaunliche 92%), aber zufrieden sind mit ihr nur 53%. So schlecht ist das auch nicht, in Osteuropa finden beispielsweise nur 53% dass Demokratie überhaupt eine gute Idee ist. Lustigerweise genießt in Taiwan ausgerechnet das Militär das höchste Vertrauen, ganz im Gegensatz von Parteien oder gar dem Parlament. Aber wenn ich mich recht erinnere, ist das bei uns auch so, obwohl oder gerade weil das Militär nicht für seine demokratische Entscheidungsfindung bekannt ist.

In der anschließenden Diskussion wollte ein Alumnus unbedingt darauf hinaus, dass der ganze Demokratiebegriff  im Westen entstanden und entwickelt und damit eurozentristisch sei. Ja genau, der Asiate kann nämlich gar keine Demokratie. Wahrscheinlich verstehen die 92% Taiwaner gar nicht, wem oder was sie da zustimmen. Sie empfinden wahrscheinlich auch Schmerzen ganz anders und haben gar keine individuellen Wünsche. Mehr so eine Art Ameisenmensch oder so. Doch ist zu bedenken, dass auch das Automobil im Westen erfunden und entwickelt wurde. Und trauschauwem: auch der Asiate kann damit fahren. Unter Zurückdrängung all seiner eigentlichen Eigenheiten kann er vielleicht sogar wählen gehen, hört hört!

Interessanter war da schon der Beitrag, dass das taiwanische Nationalgefühl dem der Österreicher nach dem zweiten Weltkrieg vergleichbar sei. Der Taiwaner als chinesischer Schluchtenscheißer? China als die Trägerin der problematischen Mutterkultur mit all den üblichen Abgrenzungs- Ablöseproblemen für die Filia, die nicht nur Filiale sein will? Könnte schon sein. Leider war kein Österreicher da, den man zu seinem ganz speziellen Nationalgefühl, zur eigenen Verortung in der Welt hätte befragen können.

Was die Gipfel anbelangt gibt es schon gewisse Ähnlichkeiten: der Großglockner ist mit fast 3.800 m ähnlich hoch wie der taiwanische Yushan (ca. 3.900m). Dafür ist Chinas höchster Berg fast dreimal so hoch wie der unsrige. Aber wir spielen (wie natürlich auch Österreich) Demokratie in der Champions League.

Zufall

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„Ich glaube nicht an Zufälle“, hört man ja manchmal. Und ich frage mich dann, was damit gemeint ist. Vielleicht soll es heißen, dass der Zufall nur ein Produkt selektiver Wahrnehmung ist. Oder dass Ursache und Wirkung durchaus eindeutig zu bestimmen gewesen wären, hätte man nur alle Parameter gekannt. Aber jetzt mal im Ernst. Gibt es für den Alltagsgebrauch einen Unterschied, ob etwas insgesamt unvorhersehbar war oder ob es nur aus mangelnder Kenntnis aller Parameter nicht vorhergesehen werden konnte? Meist klingt „ich glaube nicht an Zufälle“ sowieso nicht nach Wissenschaft, sondern irgendwie absichtlicher, bedeutungsschwangerer. Vielleicht möchte die Person über sich sagen, sie sei karmagläubig, verbindungsfühlig, abergläubisch, sonstwie glaubend oder einfach nur fatalistisch?  Ist ein Leben ohne Zufälle wünschenswert? Überhaupt möglich? Ist es nicht schrecklich beengt?

Welches Karma oder welche aus unendlichen Weiten hergeleiteten Parameter sollten auch warum erklären, dass ich in diesem Monat zweimal von einem Ort hörte, dessen Existenz mir bis dato komplett verborgen war? Ein kleiner Ort in Thüringen schob sich wie aus dem Nichts zwei Mal unabhängig voneinander in meine Aufmerksamkeit. Aus dem Nichts trifft es eigentlich nicht so gut. Ins Nichts müsste es heißen. Denn war es nicht so, dass eines Nachts ein Stück von Schmalkalden im Nichts verschwand? Die Erde tat sich auf und nahm einen ordentlichen Bissen. Ein zufälliger Erdfall. Oder war es Absicht, dass der Schlund ein Auto verschlang? Aber wessen Absicht? Wäre Ort, Ausmaß und Zeitpunkt exakt vorhersehbar gewesen, hätte man alles gewusst? Wer bitte sollte das wissen können?

Vor allem: was hat das ganze jetzt mit Taiwan zu tun? Oder wenigstens mit China? Da kommt jetzt wieder der Zufall ins Spiel. Denn kurz bevor ein Teil Schmalkaldens in sich zusammenfiel, las ich ein Buch von einem Schmalkaldener. Also er selbst stammte eigentlich nicht aus Schmalkalden (so ist das mit den Zufällen, sie hinken zuweilen ein wenig), sondern aus dem 25km entfernten Friedrichroda, wo sein Vater Bürgermeister war. Doch ganz so armselig ist der Zufall auch wieder nicht, denn: der junge Mann hieß Schmalkalden. Caspar Schmalkalden. Ich weiß nicht, wie er es mit den Zufällen hielt, aber es wurde ihm 1642 zu eng dort im schönen Thüringen und er machte sich auf eine große Reise. Als Söldner für die Holländer.

Diese Reise führte ihn auch nach Taiwan. Und weil man Mitte des 17. Jahrhunderts noch keine Blogs schreiben und ins Netz stellen konnte, schrieb und malte er ein Tagebuch, das erfreulicherweise die nächsten 350 Jahre überstand. Mit wachen Augen beobachtete er die fremden Welten und Völker und nahm diese so offen auf, als vor seinem Hintergrund erwartbar ist.

Nach sechs Jahren des Herumgondelns auf den Meeren und den Ländern Hollands erreichte er 1648 Taiwan, das die Portugiesen Formosa genannt hatten, aber jetzt von den Holländern genutzt und beansprucht wurde.  Dort legte Schmalkalden dann seine Waffen nieder und arbeitete als Landvermesser. Die Holländer wollten schließlich wissen, was sie da famoses hatten und nicht alles dem Zufall überlassen. Im flachen und fruchtbaren Westen wohnten die Chinesen und in den Bergen der Ostseite die Formosanen, wie Schmalkalden die Ureinwohner nannte. Die waren nicht ganz freiwillig in den etwas anstrengenden Bergen. Die Chinesen, die sich in großen Auswanderungswellen (die letzte war gerade vorüber, weil die tartarische Qing-Dynastie die chinesische Ming-Dynastie ein paar Jahre davor beendet hatte) auf Taiwan niederließen, beanspruchten die bequemeren Orte für sich. Auf einer Insel vor der wirtlichen Westseite lag Zeelandia, das große holländische Fort, von dem heute nur noch ein paar Mauerreste übrig geblieben sind und das auch nicht mehr auf einer Insel liegt, sondern nunmehr auf dem taiwanischen Festland.

Von den Chinesen war er insgesamt sehr angetan, weil sie so weißhäutig und ehrbar gekleidet waren. Die Sitte, sich ein paar Fingernägel übertrieben lang wachsen zu lassen, missfiel ihm allerdings. Kann ich verstehen. Schön finde ich das auch nicht. Aber seine Abneigung war nicht durch so Skrupel wie das Selbstbestimmungsrecht anderer beschränkt. Er war immerhin Söldner zur Zeit der Kolonisation und obendrein mit der damals üblichen, guten christlichen Selbstgerechtigkeit ausgestattet. So konnte es einem chinesischen Imbissverkäufer wie aus heiterem Himmel passieren, dass eine Art Pseudoholländer namens Schmalkalden ihn ergriff und ihm die kostbar gezüchteten Nägel abschnitt. Immerhin kann man davon ausgehen, dass der Verkäufer damals nicht auch noch für teuer Geld Strasssteinchen und Unterwasserlandschaften darauf hat applizieren lassen. Aber das wird dem Chinesen sicher kein Trost gewesen sein.

So wenig dem Herrn Schmalkalden die chinesische Maniküre zusagte, so sehr hatte es ihm deren Krautwasser angetan: „Zur Gesundheit trinken sie öfters warm Wasser von einem Kraut, auf ihre Sprache Chia und ins gemeine Thé genannt, welches sehr gesund ist (…) Dieses Thé-Wasser ist sonderlich gut, wenn man unlustig ist oder einem das Essen nicht schmecket. Auch wenn einer trunken gewesen ist, so erwecket es wieder guten Appetit und vertreibt alle Unverträglichkeit des Magens. Auch wer von diesem Trank oft trinket, darf sich nicht der Schwind-, Steinsucht oder Podagra (Fußgicht) besorgen, wie man dann an solchen Orten von diesen Krankheiten nichts weiß.“

Schmalkalden versucht auch Fengshui zu erklären, weiß aber nicht so recht, ob er es dabei mit teuflischem Glauben oder Wissenschaft zu tun hat. Er äußert sich abfällig über die Gespenster und Schlangen, die den toten Chinesen die Hölle heiß machen sollen, wenn das Grab nicht fengshuigerecht liegt, aber sicherheitshalber malt er minutiös den für ihn völlig unverständlichen Fengshuikompass ab. Denn wer weiß? Liegen da nicht doch noch ein paar Parameter versteckt, mit deren Kenntnis man den Wechselfällen des Lebens gewappneter gegenüberstehen könnte?

Von den von ihm so bezeichneten Formosanern war er weniger begeistert und trotz seines immerhin zweijährigen Aufenthaltes, der ihn über die ganze Insel führte, fiel ihm offenbar nicht auf, dass es sich um etwa 14 unterschiedliche Volksgruppen handelte. Diese Verächtlichkeit teilte er sich mit den Chinesen. Er fand sie alle klein, stämmig, faul und skandalös bekleidet. Die Häuser von außen seien zwar hübsch und farbenfroh, aber innen schlicht zu leer. Kaum Dinge. Hausrat. Eigentum. Weil sie zu faul waren etwas zu arbeiten, war seine Analyse. Dafür liebten die formosanischen Männer den Wettlauf, wobei sie -weiterhin nur mit einem Schurz bekleidet- mehrere Metallringe um Arme und Hände trugen, die beim Rennen laut aneinanderschlugen. Heute machen die Taiwaner ohne Migrationshintergrund (Naja, irgendwo müssen die auch hergekommen sein. Ab wievielen Generationen erlischt wohl der Migrationshintergrund?) nur noch 2% der Bevölkerung aus und sind mehr oder minder sinisiert und vollständig bekleidet sowieso. Die meisten werden auch sehr viele Dinge zu hause haben, die sie zufällig immer dann nicht finden, wenn man sie braucht.

Damals wurde natürlich nicht die Sinisierung, sondern die Hollandisierung angestrebt und das Wichtigste dabei war natürlich die Christianisierung. Und so lernten die Formosaner mit Zuckerbrot und Peitsche das Vaterunser, das Schmalkalden phonetisch so notierte: Diameta Katu vullum, lulugniang ta nanang oho mabatongal ta tao tu goumoho…. Ob das heute noch jemand kennt?

Was es heute auf jeden Fall noch geben soll, ich aber leider nicht gesehen habe, ist etwas, das Schmalkalden den Tayonanischen Duyvel nannte und für eine Amphibie hielt. Heute nennt man es Ohrenschuppentier oder Manis pentadactylus und hält es für ein Säugetier. Es kann bis zu einem Meter groß werden und sieht in etwa aus wie eine Kreuzung aus einem Ameisenbär und einem Tannenzapfen. Neben der allgemeinen Körperform kämen auch die namengebenden Ohrwaschel vom Ameisenbär, während der Tannenzapfen Farben und Schuppen besteuerte. Trotzdem ist die Ähnlichkeit eher zufällig, denn eine nähere Verwandtschaft besteht weder mit dem einen noch mit dem anderen. Naja Zufall, in diesem Fall nennt man das wohl Konvergenz, was bedeutet, dass für ähnliche Probleme unabhängig voneinander ähnliche Lösungen gefunden wurden. Dieser beohrte Tannenzapfen ist wegen seines Fleisches und seiner Haut eine begehrte Beute, steht aber längst unter Artenschutz. Das klappt nur so mittelmäßig, doch es gibt ihn noch. Ganz offensichtlich war ich nachts zu selten im Wald. Denn dann und dort sucht er nach Ameisen, die er mit einer Art Stachelzähnen im Magen zerkaut. Zum Verdauen zieht er sich dann wieder in seine geräumigen unterirdischen Höhlen zurück.

Wäre es nicht ein ganz aberwitziger Zufall, wenn grabende Tannenzapfentiere aus Taiwan im ausgespülten Untergrund unter dem föhrenbestandenen Schmalkalden den letzten Anstoß für den Erdfall gegeben hätten? Wenn Waschbären Brandenburger Mülltonnen leeren, könnten dann nicht auch Tannenzapfentiere unter Thüringen herumbuddeln? Oder wäre das für einen Zufall doch zu weit hergeholt? Ich persönlich halte ja grundsätzlich fast alles für möglich. Sogar Zufälle.

An apple a day

Apfel

In Hongkong und Taiwan gibt es eine Zeitung namens Pinguo Ribao, Apple daily. Ribao heißt dabei nicht „täglich“, sondern Tageszeitung. Daily also als Erscheinungs-, nicht als Vertilgungsfrequenz. Äpfel haben keine wirklich signifikante Symbolik in China. Angeblich gibt es nicht mal gute Äpfel aus China, sondern nur aus Japan oder Korea. Äpfel sind einfach ein Obst. Immerhin ist Apfel (Pingguo) gleichlautend mit Land des Friedens (Pingguo). Aber gegen diese Assoziation spricht, dass Apple daily investigativ und skandalorientiert ist. Gerade Apple Daily Hongkong stöbert und stichelt und stochert ohne Unterlass gegen Festlandchina.

Ein Apfel täglich soll Ärzte fern halten, sagt ein englisches Sprichwort. Soll nun mit dem Zeitungsnamen auf diese Gesundheitsassoziation angespielt werden, oder auf den vergifteten Schneewittchenapfel? Auch der hat immerhin einen Arztbesuch überflüssig gemacht. Der Sündenfall mit Apfel und Schlange und allem drumunddran wiederum machte Ärzte überhaupt erst nötig, aber auch möglich. Die Gedankenpfade laufen so aber doch zu sehr gen Westen. Kurz:  ich habe keine Ahnung, warum die Zeitung so heißt.

Die taiwanische Apfeltageszeitung hat für ihren Onlineauftritt nun ein ganz neues Format entdeckt. Es ist ja so, dass ärgerlicherweise nicht immer eine Kamera vor Ort und aufnahmebereit ist, wenn etwas Interessantes passiert. Soviele Paparazzi, zufällige Handyfilmer und Googleautos gibt es gar nicht. Man mag es kaum glauben, aber es ist so. Also werden Nachrichten nunmehr optisch digital nachgestellt. Ein paar -ansonsten womöglich arbeitslose- Schauspieler werden mit Sensoren ausgestattet, schlagen und treten sich, werden von Trümmern erschlagen oder saufen ab, spielen eine Schlägerei, einen Mord oder auch ein Erdbeben auf Haiti nach. Umgebung und Personen werden dann digital ausformuliert und alle Zuschauer können sehen, wie es war. Das ist natürlich nobel gedacht.

Wahrscheinlich erhöht es sogar die Spendenbereitschaft, wenn man zuvor gesehen hat, wie eine computeranimierte Figur in einem eingestürzten Haus verschüttet wird. Obwohl es dabei natürlich auch auf so Details ankommt, ob beispielsweise ein ertrinkendes Kind oder ein ertrinkender Taliban, der gerade vom Nasenabschneiden kommt, gezeigt wird. Das Tendenziöse ist bei Echtfilm natürlich genauso gegeben, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass es immerhin irgendwo wirklich ein ertrinkendes Kind oder einen ertrinkenden, zuvor nasenabschneidenden Taliban zu filmen gab. Oder in letzterem Fall zumindest einen ertrinkenden fies aussehenden Mann mit Turban und Bart.  Apple Daily Taiwan zeigt darüberhinaus nun auch das, was außer den Beteiligten niemand gesehen hat. Beispielsweise eine Messerstecherei. Wie es dazu kam, die Schuldigen und die Unschuldigen und die Grauzonen dazwischen. Das ganze hat nur einen kleinen Schönheitsfehler, weil zumindest die, die das herstellen genausowenig wie alle anderen wissen, wie es war.

Aber der Apple-Daily-online-Konsument hat es nicht nur schwarzaufweiß gelesen, sondern quasi mit eigenen Augen gesehen. Ausgerechnet mit den leichtgläubigen Augen. Sich hinterher ein neues Bild zu machen, das alte zu überschreiben, ist so einfach nicht. Da ist das Hirn nicht viel anders als ein alter Monitor, auf dem sich Bilder auch noch in die Netzhaut einfraßen.

Ob dem ungläubigen Thomas das Sehen von Jesu post mortem zum Glauben genügte, oder ob er klug und widerspenstig genug war, seine Finger wirklich in die Wunden zu legen und zu fühlen, wie er es ursprünglich wollte, wird in der Bibel bezeichnenderweise nicht beantwortet. Der Skeptiker wurde ja schon gedisst, weil er sehen wollte, bevor er glaubte. Kann sein, ein Erspüren war ihm dann zu widerspenstig.

Auch in Deutschland gäbe es bestimmt Kunden für diesen speziellen Nachrichtendienst. Lassen wir jetzt mal den Fall Kachelmann außen vor, der sich auch für Apple daily aus Gründen des Jugendschutzes oder der allgemeinen Sexualmoral nicht zur Nachstellung anbieten würde, sondern verfolgen gespannt und in 3D das erdrückende Szenario von Duisburg. In Farbe und allen Details. So wie diese sonderbaren, aber offenbar sehr beliebten nachgespielten „Dokumentarfilme“ über Kelten, Pyramidenbau oder den Mann vom Hauslabjoch, kurz Ötzi. Nur viel schneller hinrecherchiert und veröffentlicht. Es muss ja aktuell sein. Daily verpflichtet.

Dann wüssten wir längst, welcher Polizeibeamte schuldig ist, welcher Sanitäter ein Held, welcher Teilnehmer ein kompletter Idiot. Wir wüssten Bescheid über die Tragödien einzelner Geretteter und vor allem die der Nichtgeretteten, weil die hinterher nichts mehr sagen können. Für die Aufarbeitung der Verwaltungsvorgänge eignet sich das Format natürlich weniger, das ist optisch doch zu monoton. Aber das wesentliche hätten wir ja gesehen und müssten nicht darauf warten, bis die Staatsanwaltschaft ihre Arbeit gemacht hat, oder darauf dass OB Sauerland ein Sätzchen wagt, oder dass sich Informationen durch Lecks schmuggeln. Warum das alles passiert ist und wie, das wüssten wir längst. Ha, alter Hut! Toll ist das. Man hätte eine total fundierte Meinung als praktisch Dabeigewesener. Augenzeuge Hilfsausdruck.

Man kann das Hinundherspiegeln von Realität und Idee natürlich auch andersrum aufziehen. Der Film Avatar brach in China alle möglichen Rekorde. Er spielte in der ersten Woche 30 Millionen Euro ein und das bei einer Anzahl von nur 4.600 Kinos in ganz China. (In Deutschland gibt es für ein grobes Zwanzigstel an Bevölkerung immerhin rund 1.800Kinos). Schließlich bekam dieser optisch sensationelle und inhaltlich etwas tumbe Film die Ehre eines zeitweiligen Verbots, bzw eine Beschränkung auf die 700 3D-Kinos im ganzen Land. Die teuren 3D-Kinos waren auf Wochen und Monate ausgebucht. Apple Daily Hongkong berichtete dazu, dass die Propagandabehörden Avatar vorzeitig auslaufen lassen wollten, „weil er die Besucher an Zwangsumsiedlungen denken lässt und möglicherweise Gewalt auslösen könnte“.

Das Verbot kam tatsächlich nicht so gut an und hielt auch nicht sehr lange. Gleichzeitig wurden andere Geschäftszweige entdeckt. Denn die schwebenden Berge von Pandora wurden nach dem Huangshan, dem Gelben Gebirge in China gestaltet. Oder nach den Bergen in Zhangjiajie. Soll der Regisseur James Cameron gesagt haben. Jeweils. In Zhangjiajie wurden mittlerweile ein paar Berge avatargemäß umbenannt, während man im Huangshan noch nicht über so altbackene, voravatarische Bezeichnungen wie den Handyfelsen herausgekommen ist. Doch sonst geben sich beide Gegenden nichts bei der Werbung mit dem Animationsfilm. Man reist jetzt nicht mehr zu den fantastischen Naturformationen des Huangshan oder denen von Zhangjiajie um ihrer selbst willen, sondern um die Vorlage für die Filmberge von Pandora zu sehen. Das soll sehr gut laufen. Als würden die Berge dadurch toller. Mir als alter Bergziege passt das natürlich überhaupt nicht. Und mit Verlaub: das ist auch gar nicht möglich. Das was den Bergen am meisten schadet, ist nunmal die Anzahl der Besucher. Und ich stand vor Avatar im Huangshan schon mal mitten im Gebirge im Menschenstau.

In Taiwan ist ein Mann gestorben, nachdem er sich Avatar in 3D im Kino angesehen hatte. 42 Jahre war er und litt unter hohem Blutdruck. Auf dem Weg ins Krankenhaus wurde er bewusstlos und starb später an einer Gehirnblutung. Die Symptome sollen durch die übermäßige Aufregung im Kino ausgelöst worden sein. Über Todesfälle durch das Betrachten von Apple daily online ist noch nichts bekannt geworden. An apple a day keeps the doctor away, so ist es eben.

Ursprünglich kommt diese verwortete Idee übrigens aus Wales und da hieß es 1866: Eat an apple on going to bed, and you’ll keep the doctor from earning his bread. Vielleicht ist der Originaltext der Grund, warum es bei mir zu hause hieß, dass ein Apfel vor dem Schlafengehen Zähneputzen überflüssig macht. Dabei gehörten Zahnärzte ja lange nicht zu den Ärzten, sondern eher zu den Barbieren, Henkern und Scharlatanen. In Chinas Provinz  kann man sich auch heute noch auf lokalen Märkten den Zahnersatz an Marktständen aussuchen und sich unter Publikumsbeteiligung per Fußbohrer Karies entfernen lassen. Dann wünscht man sich wahrscheinlich auch weit weg auf die schwebenden Berge Pandoras.

Ein Lichtlein brennt

Teufelsziege

Der heilige Nikolaus von Myra hat eine Schokoladenseite. Mit dieser verteilt er Apfel, Nuss und Mandelkern. Oder auch kleine Schokoladenstatuen von sich selbst. Die dunkle Seite des Nikolaus ist ein Kinderschreck namens Krampus oder Knecht Ruprecht. Obwohl ich schon die Selbstgerechtigkeit mit der das goldene Buch gezückt und Wohlverhalten und Untaten vorgetragen werden, eine ziemlich dunkle Seite finde. Diese Indiskretion war mir ein Gräuel.  Und abgesehen davon: woher weiß der das? Entweder sieht Gott alles und hat nichts besseres zu tun, als das haarklein weiterzuerzählen. Oder die Informanten kommen aus der eigenen Familie. Big Brother oder Stasi. Pest oder Cholera.

Es muss aber auch eine wesentlich diskretere Form des Heiligen geben, ist er doch auch der Schutzpatron der Diebe und sonstiger Verbrecher. Wie er da wohl angerufen wird?

Gib mir nen Tip Sankt Nikolaus, wo räume ich als nächstes aus?

Sinterklaas sei gut zu mir, zeig mir ne offene Hintertür.

Und dann: Hab ein Einsehen Santa Claus, mach mir meine Beute groß!

Oder: Oh weh oh schreck  Sant Nicolo, helf mir in pericolo!

und schließlich: Lieber guter Nikolaus, hau mich aus der Scheiße raus!

Das Verhältnis der doch recht katholisch angelegten Mafia zum Weihnachtsmann würde vielleicht mal eine Untersuchung lohnen.

Auch die taiwanische Unterwelt hat natürlich ihren Schutzgott.  Mit Heiligen halten die sich erst gar nicht auf. Wenn dieser spezielle Gott auch weniger vielseitig angelegt ist. Nikolaus muss sich schließlich noch um Seeleute, Studenten, Kaufleute, Jungfrauen, Getreidehändler, Pfandleiher, Juristen, Apotheker, Schneider,  Fuhrleute, Salzsieder, Gefängniswärter, Drescher und  Metzger kümmern. (Wobei viele vermutlich finden, dass das meiste davon eh auch Gauner sind.)

Der Gott der Gangster in Taiwan heißt Handan, wie ich einem eben gesehenen Dokumentarfilm entnahm. Verehrt wird er im Xuanwu-Tempel in der größten Stadt im abgelegenen Osten Taiwans: in Taidong.  Und sein ganz großer Tag ist das dortige Laternenfest zwei Wochen nach chinesisch Neujahr.

Wer Handan war, ist mal wieder nicht so klar. Er könnte ein General aus der schier vorzeitlichen Shangdynastie gewesen sein, der posthum für die Finanzen des Himmels zuständig war und so zum Kriegergott des Wohlstands wurde. Kapital ist Diebstahl? So à la: Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie, was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?

Oder Handan war ein reuiger Delinquent, der sich zur Sühne halbnackt auszog und mit Feuerwerkskörpern bewerfen ließ. Vielleicht auch weil ihm kalt war, heißt „han“ doch Kälte. („Dan“ heißt zwischen ungerade, Liste und Tuch noch so allerlei anderes, was mich hier nicht weiterbringt.)

Abgesehen von der Reue ist es jedenfalls genau das, was zum Laternenfest in Taidong passiert. Junge und mitteljunge Männer lassen sich mit nacktem Oberkörper und roten Hosen auf einer Art Stehsänfte durch die Menge tragen, die sie unablässig mit zahllosen explodierenden Geschossen bewirft. Die Augen sind durch eine Brille, das Gesicht insgesamt durch ein Tuch geschützt, um das ein rotes Stirnband mit der Aufschrift Handanye (Handan-Onkel) gebunden ist. Der Oberkörper wird vorausschauend mit Desinfektionsmittel eingerieben, damit sich die ganzen Brand- und sonstigen Wunden möglichst wenig entzünden. Dann holen sie sich noch ein Handan-Amulett, hängen sich das um den Hals und dann gehts hoch auf die Sänfte.

Mit der einen Hand halten sie sich am Gerüst fest, in der anderen einen Banyanzweig, mit dem sie den Pulverqualm um die Nasen oder festgebrannte Feuerwerkskörper verfächeln können. Sehen können sie praktisch nichts. Aber die anderen sehen sie, die Inkarnation eines vergöttlichten Paten. Ist der eine durch, kommt der nächste dran. Weil die Wurfgeschosse und damit die Verletzungen vor ein paar Jahren eskalierten, dürfen mittlerweile nur noch vom Tempel ausgesuchte Personen zünden und werfen. Was ein bisschen unfair ist, weil das Bewerfen sich positiv auf die Finanzen im neuen Jahr auswirken soll. Vielleicht reicht aber auch das Spenden der Geschosse.

Diese Handanyes gehören, bedenkt man das Ressort der Gottheit, natürlich in der ein oder anderen Weise zur taiwanischen Unterwelt, was man unschwer an ihren Tattoos erkennen kann. (Diese Tätowiererei der Unterwelt ist ein Yakuzaimport aus der Zeit der japanischen Besatzung.) Bringt man einen neuen Handanye, der diese Tortur durchsteht, gibt das Gesicht, oder zeigt ganz einfach, dass man toughen Nachwuchs hat. Schlimm ist natürlich, wenn der Nachwuchs vom Gerüst fällt oder sonst unrühmlich früh aufgibt. Auch das fällt natürlich auf den Initiator zurück.

Also ich muss schon sagen, es wirkt zwar aus rationaler Sicht komplett bescheuert, macht aber gleichzeitig mehr her und sehr viel mehr Lärm als der Nikolaus. Ich meinesteils hatte versucht, am Laternenfest in Tainan – einem eher harmlosen Ort ohne paradierende Gangster- nicht beschossen zu werden, was trotzdem nicht ganz gelang. Mir hat´s trotzdem gereicht, dabei hatte ich noch was an.

Das Handanfest ist für die Taidonger Unterwelt der Höhepunkt des Jahres. Im Film werden nun verschiedene Handanyes und ihre Vorbereitung auf das Großereignis vorgestellt. Einer aus dem Kies- und Zementwesen, der seine Zeit hauptsächlich in Karaokebars verbringt, um an seiner Karriere zu basteln: Aufträge an Land ziehen, Kontakte verfestigen, Konkurrenten durch Bestechung umstimmen etc pp. Vor allem aber um kübelweise Alkohol in sich reinzuschütten.

Angefangen hätte er mit ganz anderen Aufträgen: also ein Killer sei er zwar nicht gewesen. Aber man hätte sich halt um die ein oder andere Person kümmern sollen und hätte das dann eben gemacht. Nach der Vorrede nahm ich an, sie hätten die Zielperson verprügelt. Aber dann fügt er hinzu: als Beweis für die Erledigung hätten sie dann ein Organ vorweisen müssen. Ich gehe nicht davon aus, dass es um die chirurgische Entfernung einer nicht unbedingt notwendigen Niere oder der Galle ging. Erzählt er ganz treuherzig mit etwas dumpfem, aber nicht unliebenswertem Humor. Vielleicht hat er kein Geld dafür bekommen? Oder was in dieser Geschichte trägt die Selbsteinschätzung, er sei kein Killer gewesen? Vielleicht wenn es erfunden ist. Aber sonst? Davon hätte er dann aber weg gewollt. Blöd nur, dass das Bauwesen, insbesondere Zement und Kies, offenbar weltweit mit irgendwelchen Syndikaten verwickelt ist.

Als Mittdreißiger und mit entsprechend düsterer Vergangenheit ist der nur halbseitig tätowierte Zementmann ein alter Hase in Sachen Handanye und die Vergöttlichung gelingt ihm mühelos. Trotzdem war es das letzte Mal für ihn. Der Alkohol sollte ihm im Laufe des kommenden Jahres den Garaus machen.

Ein anderer notorischer Handanye konnte sich gerade noch rechtzeitig per Kaution aus der Haft auslösen. Doch dann starb ausgerechnet sein Bruder und Trauer verträgt sich nicht mit der Personifizierung als Gott. Wenigstens war er so für die Beerdigung seines Bruders draußen.

Ein dritter, ein Debütant, der sich gerade mit eigenem Tätowierstudio selbständig machen wollte, kam vorher mit manischer Depression ins Krankenhaus.  Auch er schaffte es zum Laternenfest wieder raus, um sich endlich mal ordentlich bewerfen zu lassen. Blöderweise vergaß er sich die Ohren zu verstopfen, so dass die Folge seines kurzen Göttlichseins dazu führte, dass eines seiner Ohren dauerhaft taub blieb. Aber er hat durchgehalten. Und kann stolz auf sich sein.

Außer der Ehre versprechen sich die Handanyes davon einerseits Sühne und andererseits Glück für zukünftige Unternehmungen. Hat irgendwie was von einer Beichte.

In Mexiko heißt die Schutzheilige der Diebe Santa Muerte, eine (ebenfalls rotgekleidete) Sensenfrau zu der außer Straftätern auch Polizisten beten. Damit kommen wir wieder näher an den Krampus, den dunklen Begleiter des heiligen Nikolaus, mit Hörnern, zu vielen Haaren und zu langen Zähnen. Oder gar zu Knecht Ruprecht, der sich von den Perchten oder der Perchta herleiten soll, einer vorchristlichen Göttin, die schon früh in die Illegalität abgedrängt wurde. Zuvor verteilte sie wie Frau Holle Lohn und Strafe. In schlimmen Fällen schlitzte sie den Bauch auf, füllte Steine hinein, nähte wieder zu und warf die gastrotomierte Person in den Brunnen. Damit wäre wohl geklärt, was Knecht Ruprecht mit denen macht, die er in seinen Sack gesteckt hat. Ob er auch Organe entnimmt, um sie als Beweis dem heiligen Nikolaus vorzulegen, ist jedoch nicht überliefert.