Schlagwort-Archiv: Schwarz

Blach auf Blank

Wer meinen letzten Beitrag gelesen hat, weiß, dass ich eigentlich auf eine kleine Tube aus Kohlenstoffnanoröhrchen warte, die ein so tiefes Schwarz erzeugt, das man fürchten muss, hineinzustürzen. Nur, wie sollte es anders sein: in Frankfurt am Main verliert sich die Spur dieser kleinen Tube. Entweder ist sie in ein schwarzes Loch gefallen, oder sie hat selber eins gebildet, und in Frankfurt wird nun -erst sehr langsam, dann immer schneller- das Ende der Welt eingeläutet. Aber bis es soweit ist, will ich noch nicht aufgeben. Vielleicht finde ich jemanden, der zur Zeit in den USA ist, aber bald zurückkommt? (MS are you there? No, I missed it, I know.) Denn wenn ich schon 160 € in ein schwarzes Loch geworfen habe, kann ich gleich noch mehr hinterherwerfen. Dann kriege ich etwas, was zwar fast doppelt so teuer ist, aber wenigstens nicht nichts. Oder wenigstens ein extrem nach nichts aussehendes Nichts. (Wenn ich es richtig verstanden habe, muss man nach dem Auftrag das Gravity Black mit einem Bunsenbrenner abflammen, um die Nanoröhrchen zum Leben zu erwecken. Will ich das wirklich alles machen?)

Aber es gibt natürlich noch viele andere Aspekte von Schwarz, die wesentlich weniger technologisch daherkommen. Zum Beispiel der der Sprache. So gab es nicht nur im Lateinischen (ater und niger), sondern auch im Germanischen zwei Wörter für Schwarz. (Und Weiß.) Und zwar: swarz und blach. Mit niger, swarz und blach erklären sich auch zwanglos die unterschiedlichen Wörter, die sich in den westeuropäischen Sprachen für Schwarz so tummeln: schwarz, negro, black, svart etc. Aber wozu in einer Sprache zwei Wörter dafür? Der Unterschied lag im Glanz. Swarz stand für stumpfes, mattes Schwarz. Es galt als trist, scheußlich und schmutzig. Swart war also das böse Schwarz von Tod, Teufel und Chaos. Genau wie bis ins Mittelalter hinein niemand wirklich in der Lage war, Textilien ordentlich schwarz zu färben. Sie waren fleckig, unansehnlich und nicht lichtecht. Nur für die Ärmsten, oder eben für die in Trauer und Buße. Jedenfalls wollte man möglichst wenig damit zu tun haben.

Blach jedoch war das glänzende Schwarz, verbunden mit Fruchtbarkeit, Göttlichkeit und Macht. Blach war das gute Schwarz. Und so galt schwarzer Zobel denn auch als besonders schön. Richtig schwarz und richtig glänzend. Es kam also auf den Glanz, auf die Leuchtkraft an. Und da muss ich zugeben, dass das Schwarz, was ich da unbedingt kaufen will, zum bösesten aller bösen Schwarzs (Schwärzen?) gehört. Denn der Witz von diesem Kohlenstoffnanoröhrchenschwarz ist ja eben die völlig fehlende Leuchtkraft, bzw Reflektion. Immerhin ist es nicht schmutzig. Und auch nichts für arme Leute. Und Trauer trage nur ich, weil es verschwunden ist.

Auch die zwei altgermanischen Wörter für weiß sind interessant: wiz (mattweiß) und blank (glänzendweiß). Während wiz also an Leichenblässe, Gerippe und ähnlich Schauerliches erinnert, ist blank der Glanz, das Licht schlechthin. Es zeigt sich, dass die Anglophonen wenigstens das gute Schwarz behalten haben, die romanischen Völker das gute Weiß. Und was machen wir Deutschen? Wir nehmen die Wörter für das böse Schwarz und das böse Weiß. Das Wort blank verwenden wir zwar auch noch, aber abgesehen von so etwas wie blitzeblank eher im negativen Kontext: der blanke Hans, der blanke Hohn, ich bin blank etc.  Ich meine ok: jeweils das Gute zu behalten, wäre auch wiederum verwirrend gewesen, denn blach und blank haben den gleichen Wortstamm. So viel wichtiger war der Glanz von Schwarz und Weiß, als ihr Farbton. Das waren damals nicht die großen Antipoden. Schwarz und Weiß liefen Hand in Hand, und niemand wäre auf die Idee gekommen, zu behaupten, dass sie einen besonders großen Kontrast bilden. Wären wir als Sprachgruppe also positiver eingestellt, würde dieser Beitrag Blach auf Blank hier stehen. Da kommt man dann schon mal durcheinander. (Ich hatte immer gedacht, der Ausdruck Blabla bezieht sich auf einen Klang, aber vielleicht auch auf die Optik von so einem geschrieben Text wie diesem?)

Jedenfalls zieht sich dieses Farbspiel auch durch die nordische Mythologie. So ist die Nachtgöttin Nótt, die ganz in Schwarz auf ihrem Rappen Hrimfaxi (ich liebe diese Namen) über den Himmel reitet nicht gänzlich böse oder hässlisch oder schlimm oder so. Das hätte ich von einer Nachtgöttin jetzt auch nicht ernsthaft erwartet. Doch an Hel, der Tochter Lokis, und Schwester der Midgardschlange und des Fenriswolfes, die -der Name sagt es schon- als Göttin das Totenreich regiert, wird kein gutes Haar gelassen. Sie soll eine total grausige Erscheinung sein: zur Hälfte schwarz und zur anderen Hälfte fahlweiß. Ein Phantom in ihrer eigenen Nacht, ein Leichnam in der Hölle. (Mattes) Schwarzweiß ist also schlimmer als schwarz. Das ist natürlich gut zu wissen, nur was fange ich jetzt parktisch damit an? Ich könnte nur noch mit Glanzlack malen. Um schon rein farblich das Gute, Wahre und Schöne darzustellen. Aber will ich das überhaupt?

Erst mit dem Christentum wurde Schwarz grundsätzlich an böse geheftet und Weiß an gut. Und so erging es auch dem Raben, der als das leuchtend schwärzeste Tier der nördlichen Hemissphäre in grauer Vorzeit als göttlich und allwissend galt. Doch dann wurden eben Hugin (der Gedanke) und Munin (die Erinnerung) und ihre Artgenossen zu Tieren des Bösen. (Dazu dann beim nächsten Mal.) Dabei sind nicht mal Schwarz und Weiß einfach nur schwarz und weiß. Aber auf diese Grauzonen hatte man offenbar immer weniger Lust.

 

I wear black until I find something darker

 

Ich gehöre ja zur Zunft der Schwarzmaler*innen und fand, eine nähere Beschäftigung mit Schwarz als solchem tut Not. Und zwar zunächst mit der physischen Farbe. Der, mit der man malt.

Ganz grob kann man sagen: Mein liebstes Malmittel, die Chinesische Tusche wird traditionell entweder durch Ölruß (warmes Schwarz), oder Kiefernruß (kaltes Schwarz) hergestellt. Dahingegen wurde im westlichen Kulturkreis Marsschwarz auf der Basis von Eisen (warmes Schwarz) und Elfenbeinschwarz auf der Basis von Kohle (kaltes Schwarz) hergestellt. Früher hat man für letzteres Elfenbein verkohlt, daher der Name. Überhaupt war früher vieles anders in der Farbherstellung. Doch dann kam unter anderem mein Ururgroßvater August Wilhelm von Hofmann und erfand die Anilin-,  oder Teerfarben. Nun ist es so, dass weder das ungeheure Vermögen, was mit der Erfindung einhergegangen sein muss (Weltwirtschaftskrise), noch die Begabung für Chemie (persönliche Minderbegabung) bei mir in irgendeiner Form angekommen wäre. Ich kann das ganze daher nicht wirklich erklären. Aber kurz gesagt, war man nun in der Lage, Farben in großem Stil synthetisch herzustellen. Und zwar nicht in erster Linie Schwarz, wie der Name Teerfarbe nahelegt, sondern insbesondere zuvor so kostbare Farben wie Purpur und Indigo. Mittlerweile geht das die ganze Farbpalette rauf und runter.

Doch Entwicklung hört ja nicht auf, und so bin ich letztens auf Vantaschwarz gestoßen. Vertically-Aligned-Nano-Tube-Array-Schwarz. Dabei handelt es sich nicht um eine Farbe im Sinne eines Farbmittels. Denn mit Farbmittel ist ein Pigment im Zusammenhang mit einem Bindemittel gemeint. Das Pigment, sei es nun chemisch oder durch Läusezerquetschen hergestellt, bleibt sich gleich, nur das Bindemittel ändert sich.  Bei Aquarellfarben ist das Gummi arabicum, bei Acrylfarben Kunststoff, und bei Ölfarben eben Öl. Vantaschwarz funktioniert anders. Die Basis ist kein Pigment, sondern ein Wald aus aufgerichteten Kohlenstoffnanoröhrchen, die in einem Nanolabor gezüchtet werden.  Ich weiß nicht, warum die Vokabeln „Wald“ und „gezüchtet“ verwendet werden, und somit organisches Leben suggerieren. Ich habe schlicht keine Ahnung, wie man einen Kohlenstoffnanröhrchenwald herstellt. Und wie der sich in Massenröhrchenhaltung fühlt. Gebraucht wird das Material jedenfalls vor allem für optische Geräte im All. Und für sicher sinistre Ideen, die das Militär ohne Frage dazu hat.

Vantaschwarz ist also die totale Abwesenheit von Farbe. Und weil das Auge nichts sieht, malt das Gehirn diese Abwesenheit schwarz. Fällt Licht in dieses Schwarz, geht es auf dem Weg nach unten verloren. Zu gut 99,96 Prozent. Man kann darauf leuchten so viel man will: man sieht keine Konturen. Man sieht keine Lichtreflexion. Man sieht im Grunde nichts. Bemalt man damit einen Körper, sieht man nur noch eine schwarze Fläche in der Silhouette des bemalten Körpers. Der Gegenstand verliert komplett seine Formeigenschaft. Im Grunde schaut man in ein schwarzes Loch. Und wenn man lange genug in einen Abgrund blickt, blickt der irgendwann zurück. (So sinngemäß Nietzsche, glaube ich.) Es ist jedenfalls etwas unbehaglich. Als hätte diese schwarze Fläche überhaupt keine Verbindung zu ihrer Umgebung. Und gewissermaßen ist es auch so, denn Vantablack besteht vor allem aus Nichts und eben diesen dünnen, im Vergleich zu ihrer Dicke sehr, sehr langen Kohlenstoffstengeln. Als würde man in einem Wald mit 3 km hohen Bäumen spazierengehen. Bäume höher als die Zugspitze, und das vom Meeresspiegel aus. Kein Wunder, dass das Licht keinen Bock mehr hat, wenn es erstmal unten angekommen ist.

Jetzt könnte man also tatsächlich etwas tragen, das dunkler ist als Schwarz, nur haben die mit Vantaschwarz beschäftigten Ingenieure bisher keine Absicht, das Material für profane Zwecke nutzen zu lassen. Aber für die Kunst, ja, das schon. Kunst ist ja auch nur mittelprofan. In der Kunst wird Vantablack natürlich genutzt. Und auch ich wäre bereit, dafür erheblich in die Tasche zu greifen, denn billig ist das Zeug natürlich nicht. Aber selbst eine Was-kost‘-die-Welt-Haltung nützt mir nichts, denn der Bildhauer Anish Kapoor hat sich für den Bereich Kunst das Monopol gesichert. Auf ein farbgewordenes Material! Nichts gegen den Künstler Kapoor, aber menschlich und politisch ist das ein Debakel. Nur weil er Multimillionär ist und zu den reichsten Briten gehört, entzieht er anderen Künstlern eine Möglichkeit des Kunstschaffens. Das ist armselig.

Und auch etwas anderes als das leidige Thema mit dem Blau von Yves Klein. Denn Klein hat das von ihm patentierte Klein-Blue immerhin miterfunden. Und es handelt sich dabei nur um einen sehr interessanten, aber eben nur einen bestimmten Farbton. Vantablack ist aber nicht nur einer von den etwa 20 Millionen von Farbtönen, die Menschen angeblich wahrnehmen können. (Die Zahl geht von der Unterscheidung von 200 Farbtönen in jeweils 500 unterscheidbaren Helligkeiten und wiederum jeweils 20 weiteren Farbtönen durch Veränderung des Weißanteils aus.) Aber auch  wenn wir in echt nur 10.000 Farbtöne wahrnehmen könnten, und davon wären 2-3 patentiert, ließe sich damit irgendwie leben. Zumal sicher niemand dahergelaufen kommt, wenn der patentierte Farbton irgendwo im Bild mal vorkommt, weil er durch Mischung dort nun mal entstanden ist.

Aber Vantaschwarz ist eben keine Farbe, sondern gewissermaßen ein Zustand. Die Kunstgeschichte wäre sehr viel trauriger verlaufen, wenn sich die reichen Künstler immer das neueste Material hätten reservieren lassen. Sie hatten qua Vermögen eh den besseren Zugriff, die besseren Möglichkeiten. Wie viel Angst muss man haben, wenn man anderen die Verwendung eines Materials untersagt? Hält sich Kapoor für so wenig kreativ? Wird seine Kunst nur dadurch einzigartig, dass niemand anderer Zugriff auf dieses Material hat? Das ist nun wirklich lächerlich.

Außer mir regen sich natürlich auch andere auf. Und zwar welche, die sich nicht einfach nur aufregen, sondern auch aktiv werden. Und zu denen gehört Stuart Semple, der nun seinerseits ein Ultraschwarz namens Black 2.0 entwickelt hat. Natürlich ohne Nanotechnologie. Sondern mit Pigmenten. Und Bindemittel. Old school sozusagen. Und entsprechend kostengünstig. (Ca.15 € die kleine Tube.) Kapoor, friends and family ist der Erwerb jedoch untersagt. Seither tobt ein Minikrieg in den sozialen Medien zwischen Semple und Kapoor. Natürlich habe ich gleich Black 2.0 bestellt. Und versichert, dass ich mit Kapoor weder verwandt, verschwägert, noch befreundet bin. Oben auf dem Blatt sind -durch den Scanvorgang natürlich verfälscht- verschiedene schwarze Farben nach nur einmaligem Auftrag zu sehen. Schlecht ist es nicht, so viel steht fest.

Doch kaum war ich mit diesem Beitrag so gut wie fertig, lese ich von einem Gravity Black. Dabei soll es sich angeblich um eine Ölfarbe basierend auf Kohlenstoffnanoröhrchen handeln. Das sollte sie auch besser, denn die wirklich sehr kleine Tube kostet immerhin rund 130 €. Aber wie kann das sein? Ist das eine andere Nanotechnologie? Hat Kapoor sein Embargo gelockert? Steckt er hinter NanoLabs?  Ich habe keine Ahnung, und stelle fest, dass es mir für den Moment im Grunde auch egal ist. Ich will ja nur ein paar Schwarzexperimente machen. Also habe ich gleich eine Tube in den USA bestellt (Was-kost‘-die-Welt-Modus), musste dann aber erfahren, dass die nicht nach Europa liefern. Ein Ergebnis des aufkommenden Handelskrieges? Oder ist die Werbung für Gravity Black nur ein Teaser und niemand kann es in Wirklichkeit kaufen? Doch, kann man, wie sich herausstellt. Und so befindet sich über Freund*innen in den USA diese kleine, extrem teure Tube Nichts mittlerweile auf dem Weg zu mir. Ich bin gespannt.