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Papier

Man denkt ja, etwas ist gut und richtig, wenn es echt und wahr ist. Dazu gehört, dass es richtig bezeichnet wird. Dass ein Seidenhemd nicht aus Nylon ist. Dass es Angriffskrieg heißt und nicht präventiver Erstschlag. Dass etwas bei seinem Namen genannt wird. Wie schon weiland Konfuzius unter dem Schlagwort der „Richtigstellung der Begriffe“ forderte. Aber so einfach ist es eben nicht. Denn Sprache ist trotz allen Anspruchs nicht präzise, wenn sie nicht mit großem Aufwand so gestaltet wird. Wie beispielsweise Programmiersprachen. Oder Mathematik. Ganz zu schweigen von dem redlichen, aber unvollkommenen Versuch der juristischen Sprache.

Nehmen wir das Wort Papier. Leicht einsichtig kommt es von Papyrus. Auf dem besagten Papyrus hat man geschrieben und konnte theoretisch auch Dinge darin einwickeln. Vielleicht sogar Fisch vom Markt in Zeitungspapyrus. So weit, so gut, so zutreffend bezeichnet. Trotzdem ist der Papyrus seinem Wesen nach kein Papier. Er ist ein Geflecht, ein verwobenes Gebilde aus flachgeklopften, ineinanderverhakten, glattgeschliffenen Schilfstengeln der Sorte Papyrus. Klopfen, verhaken, schleifen. Man merkt schon, es ist ein Produkt der Mechanik, der Physik. Papier selber wird allerdings nicht nur mit Hilfe der Physik, sondern auch mit Hilfe der Chemie hergestellt. Das ist sein Wesen. Und ist Kohle etwa ein Diamant? Oder Beton Marmor? Ist ein Notizzettel das gleiche wie eine Notizapp im Handy? Ein beschreibbares Display ein Blatt Papier?

Papier also. Wer hat´s erfunden? Die Chinesen. Und unter diesen Chinesen angeblich ein Herr Cai mit Rufnamen Lun. Ein Eunuch, der um 100 nuZ in den kaiserlichen Werkstätten für die Papierherstellung zuständig war. Der kann aber nicht der Papiererfinder gewesen sein, da es Papierfunde von etwa 300 Jahren vor seiner Zeit gibt. Er kann auch schlecht für etwas zuständig gewesen sein, was er erst noch erfinden musste. Das würde für einen ungeheuer schnellen Verwaltungsapparat sprechen, wogegen die Erfahrung spricht. Aber vielleicht bin ich einfach berlingeschädigt. Wie dem auch sei. Erfunden hat Herr Cai das Papier nicht, aber die Qualität des rauen Hanfpapieres entschieden verbessert. Das sollte man ihm lassen.

Wie macht man also Papier? Man nimmt zum Beispiel Hanf, Lumpen, alte Fischernetze und Maulbeerbaumbast. Reinigt, stampft, kocht alles in Lauge und wässert es. Es entsteht idealerweise eine gleichmäßige Pulpe. Davon schöpft man eine Lage auf ein Sieb. Trocknet und oder presst es auf die ein oder andere Art, et voilà.

Im vierten Jahrhundert hatte sich das Papier in ganz China durchgesetzt und die Gelehrten und Beamten und Zauberer konnten sich Seide, Holztäfelchen und Schildkrötenpanzer als Schreibgrund schenken. Kultur und Wissenschaft konnte viel schneller und in größerem Ausmaß verbreitet werden. Gleichzeitig dehnte sich die Kunst der Papierherstellung nach Vietnam und Korea aus. Und die Rohstoffe auf Reisstroh, andere Baumrinden und Bambus. Als dann noch die Erfindung des Blockbuchstabendrucks dazu kam, beschleunigte sich das nochmal. Man muss sich das ungefähr so vorstellen wie die Erfindung des Internets. Technik und Wissensverbreitung explodieren. (Als kleinen Exkurs möchte ich erwähnen dass laut Joseph Needham „zum Beginn des 19. Jahrhunderts mehr gedruckte chinesische Seiten existierten als in allen übrigen Sprachen der Welt zusammengenommen.“)

Im achten Jahrhundert führen die Chinesen vorübergehend eine Art Papiergeld ein, wobei man sagen muss, dass es sich eher um ein Schuldscheinsystem handelte. Um die Jahrtausendwende wurden durch Geldreserven gedeckte Geldscheine eingeführt und der Staat schaffte sich schließlich ein Ausgabemonopol. Da dies zuweilen zu galoppierender Inflation führt, schafft man das Papiergeld ein paar hundert Jahre später kurzerhand wieder ab. Zu dieser Zeit hat es in Europa immer noch keinen einzigen Geldschein gegeben.

Doch zurück ins achte Jahrhundert. Da jagen die Araber den Chinesen nicht nur Samarkand ab, sondern auch die dortige Papiermühle nebst kundigen Handwerkern. Jetzt ist der Siegeszug des Internets, ach nein, des Papiers nicht mehr aufzuhalten. Okay, das christliche Europa sträubt sich noch ein Weilchen, weil sie das muslimische Teufelszeug nicht anrühren wollten. Die allein schreibkundigen Mönche fanden es wohl gottgefälliger, auf Pergament, also auf den gestreckten Häuten von jungen Säugetieren zu schreiben.  Aber im 12. Jahrhundert ergab man sich schließlich -Teufel hin, Satan her- der überlegenen Technologie.

Das Papier setzte sich in Europa derart durch, dass ein Rohstoff knapp wurde: Lumpen. Ein damals unverzichtbarer Bestandteil des Papiers. Die Lumpensammler, gewissermaßen Haderlumpen, waren die Dealer von damals, denn Lumpenschmuggel von einem Land ins andere war streng verboten und wurde drastisch bestraft. In England wurde sogar verboten, jemanden im Leichenhemd unter die Erde zu bringen, wo man doch aus diesem wunderbaren Totenhemd noch Papier herstellen konnte. Der Kampf um die Lumpen führte natürlich auch dann und wann zu Bandenkriegen unter den Lumpendealern. Erst im 18. Jahrhundert beschäftigte sich hierzukontinent jemand eingehender mit der Idee, Papier auch aus Pflanzenfasern oder Holz herzustellen. Etwa 100 Jahre später wurde es schließlich möglich, Papier auf Holzbasis in entsprechender Qualität herzustellen. Und die Bedeutung der Lumpensammler nahm ab. Jetzt wird zwar ein bedeutender Anteil des Papiers aus Altpapier hergestellt und ich kann mich erinnern, dass wir früher damit auch die ein oder andere Mark verdient hatten. (Wobei der Kilopreis für Illustrierte weit unter dem von Zeitungen lag.) Aber das ist lange her und schon damals hätte man kein lukratives Bandenwesen darauf aufbauen können.

Und wo ich jetzt schon bei Kindheitserinnerungen bin: den Weg zur Schule konnte man drastisch abkürzen, wenn man -verbotenerweise- über das Gelände einer stillgelegten Fabrik ging. Man musste nur über eine Mauer klettern und sparte sich mindestens die Hälfte der Zeit. Unter uns hieß es, das sei eine Papierfabrik gewesen. Jetzt kommt mir das komisch vor, denn eine solche braucht viel Wasser und davon gab es bei uns in der Gegend weit und breit keins. Später wurden die Baracken auf dem Gelände der mutmaßlichen Papierfabrik nur noch als Lager benutzt und als eine davon abbrannte, hatten wir alle stapelweise nur leicht angesengte Kartendecks.

Der Name für dieses Wunderwerk aus dem auch diese Spielkarten waren, mit oder ohne Lumpen, stammt also -ohne Papyrus zu sein oder damit etwas zu tun zu haben- von dem Wort Papyrus ab. Papier, paper, papir, papel, papier (frz), papier (pln) und so weiter. Nur die Italiener, die nennen es carta. Das kommt von griechisch chartes, Papierblatt, was womöglich auf dem ägyptischen Wort für Schreiberkästchen beruht und damit passenderen Ursprungs wäre. Die Russen sagen irgendwie sowas wie Bumaga. Wie es auf arabisch heißt, konnte ich auf die Kürze nicht überzeugend herausfinden. Zwischen wara´at und (phon) wodecha blieb ich hängen. Die Ethymologie muss ich in den beiden letzten Fällen leider ebenfalls schuldig bleiben.

Danach könnte Papier also auf Deutsch korrekter Karte heißen. Oder hoch spekulativ Bumens (von russisch Bumaga) oder Weutel (von arabisch irgendwas mit w). Der Chinese und die Chinesin, und die haben es ja schließlich erfunden, nennen es aber zhi. Sprich: dschsch. Dschschtüte, ein Blatt Dschsch,  Dschschstau, „Zeigen Sie mir mal Ihre Dschsch!“, dschschschnipsel, Essdschsch, Löschdschsch etc. Da mögen Tschechen oder Polen noch lachen, aber Deutschen oder gar Spaniern bleibt das Lachen im Zungenknoten hängen. So gesehen sind wir mit Papier -Konfuzius und seine Richtigstellung der Begriff hin oder her- doch eigentlich ganz gut bedient. Praktikabilität geht schon mal vor Präzision.

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