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Vom Wege finden

Ich weiß nicht genau, was ich an der Stelle habe, wo bei anderen der Orientierungssinn und der Sinn für Geografie sitzt. Ob in meinem Hirn andere Informationen oder fancy Apps dieses Areal nutzen, oder ob es sich nur um einen müden Hirnabschnitt mit wenigen Windungen handelt, der aus irgendwelchen Gründen verkümmert ist. Jedenfalls ist da bei mir Dunkeltuten angesagt.

Ungekehrt proportional dazu ist meine Begeisterung für Kartenmaterial. Wenn ich irgendwo bin, möchte ich als erstes eine Karte, einen Stadtplan. Das leuchtet natürlich unmittelbar ein, wenn man es recht bedenkt. Denn auf einer Karte gelingt die Orientierung mühelos. In der realen Welt ins haltlos Unklare gestellt, lassen sich auf einer Karte die Bezüge, die Einordnung in die Welt spielend herstellen. Im Sinne von: man versteht zwar nicht, wo man ist, aber man weiß es. Oder umgekehrt. Schon alleine wegen meiner Orientierungs- und Geografieschwäche kann ich von daher ganz gut Karten lesen. Der Kartenlesesinn ist gewissermaßen ein Subsidiärsinn zum Ortssinn. Und so hört man von mir als Beifahrerin nur selten Sätze wie: „Ich habe keine Ahnung, wo wir sind.“ Oder: „Da hätten wir rausgemusst.“

Chinesische Städte sind für so geografisch anders begabte wie mich sehr komfortabel geplant, insbesondere die Altstädte. Eine schick rechteckige Mauer drumrum und drinnen im Grunde Planquadrate. Die Eckigkeit ergibt sich zwangsläufig aus den in China so beliebten Makro/Mikroanalogien. Denn die Erde als solche ist eckig und der Himmel rund. Ob die Erde dabei gleichzeitig eine Kugel ist, ist und war den Chinesen schon seit jeher eher egal. Das Konzept, dass etwas das so ist, nicht gleichzeitig anders können sein soll, hat dort traditionell keine große Überzeugungskraft. Und die Erde ist ihrem Wesen nach eben quadratisch und der Himmel rund. Basta. Daneben darf sich das alles krümmen und zu Formen verdrehen, wie es will. Damit können sich dann die beschäftigen, die es angeht. Astronomen, oder Seefahrer beispielsweise. Aber nicht die Städtebauer.

Weil die Erde quadratisch ist, bietet es sich an, das Land und dann auch die Stadt ebenfalls als Quadrat zu sehen oder zu bauen. Denn das Kleine enthält das Große. Und umgekehrt. In so einer weltenthaltenden Stadt liegt dann der ebenfalls rechtwinklig ummauerte Palast in der leicht nördlichen Mitte. Und wenn der Laden aus Fengshuisicht Überlebenschancen haben soll, lässt sich der Norden an einer Hügelkette oder ähnlichem erkennen. Dazu kommt, gerade in größeren Städten, der freundliche Zusatz von Himmelsrichtungen zu Straßennanmen. Westliche Verjüngungsstraße, mittlere Verjüngungsstraße oder östliche Verjüngungsstraße. Nördliche, mittlere oder eben südliche Glockenturmstraße. Wenn die Stadt entsprechend groß ist, kommt noch der Zusatz „äußere“ oder „innere“ dazu, was sich auf das Stadtzentrum, beziehungsweise die früher mal existente Stadtmauer bezieht. Da Beijing übersetzt nördliche Hauptstadt heißt, kann dann eine Straße schon mal „Äußere-westliche-nördliche-Haupststadtstraße“ heißen. Der Orientierungsservice, der einem da geboten wird, kann ohne weiteres mit den nummerierten Straßen von Mannheim oder Manhattan mithalten.

Beliebt ist auch der Mitte-Berg für Straßennamen. Leicht kann es passieren, dass man sich  auf der „Mittlere-Mitte-Berg-Straße“ wiederfindet. Dabei handelt es sich nicht um eine Zusammenführung der Berliner Schicknessbezirke Mitte und Prenzlauer Berg, sondern um eine Huldigung des ersten Präsidenten der Republik China: Dr. Sun Yatsen. Für die Orientierung ist das natürlich unerheblich, aber ein wenig fragt man sich schon, was Sun Yatsen mit Zhongshan zu tun haben soll.

Und da wird´s dann kompliziert. Vom Klang her besteht offensichtlich kein Zusammenhang. Inhaltlich auch nicht. Denn zwar ist Yatsen die kantonesische Aussprache von zwei chinesischen Zeichen, aber nicht die von Zhongshan 中山, sondern die von Yixian 逸仙. Und so taucht man unverhofft in die wunderbare Fülle chinesischer Namensgebung ein. Herr Dr. Sun hatte davon selbstverständlich etliche.

Zunächst wurde das Kind aus der Familie Sun Wen 文 genannt, ein Begriff der sich auf zivile Kultur insgesamt, und auf Schriftkultur insbesondere bezieht. Außerdem hatte er einen Generationennamen, was sehr hilfreich sein kann, wenn man sich in einem chinesischen Clan zurecht finden muss. Also wer wem Respekt zu zollen hat, wer -obwohl vielleicht Jahrzehnte jünger- zur älteren Generation gehört. Es bekommen alle Abkömmlinge einer Generation die gleiche erste Silbe in den Namen. Beim kleinen Wen war das De. Und dazu kam ganz für ihn persönlich die zweite Silbe Ming. 德明. Tugendhelle.

Für den internen Kernfamiliengebrauch hatte er während seiner Kindheit auch noch einen sogenannten Milchnamen. Da hieß er Dixiang. 帝象. Salopp übersetzt göttlicher Elefant. Tatsächlich bezieht sich die erste Silbe auf einen ganz bestimmten Gott, und zwar auf den daoistischen Xuanwudi, den dunklen Krieger. Aber das würde jetzt zu weit führen.

Für das Erwachsenwerden mit etwa 20 Jahren braucht es dann wieder einen anderen Namen, den Großjährigkeitsnamen, im Falle des göttlichen Elefanten war das Zaizhi. 載之. Das könnte „Überlieferer“ oder „der alles aufschreibt“ bedeuten. Protokollführer gewissermaßen. Etwas später wurde dieser Protokollführer christlich getauft und es ist unmitelbar einleuchtend, dass dafür ein eigener Name fällig wird.  Und der lautete Rixin. 日新. Tägliche Erneuerung. Während seines Studiums in Hongkong bekam er dann den Pinselnamen (das kommt unserem Pseudonym am nächsten) Yixian, 逸仙. Das lässt sich unter anderem mit „müßiger Unsterblicher“ übersetzen. Und damit wären wir immerhin schon mal bei dem bei uns bekannten Yatsen angekommen, wenn auch noch nicht bei Zhongshan.

Aber so müßig und weltvergessen war unser Dr. Sun gar nicht, sondern war ob seiner politischen Aktivitäten und der wenig liberalen Qingdynastie zwischendurch gezwungen, ins Exil zu gehen. Und zwar unter anderem nach Japan. Und da brauchte er ganz praktisch einen neuen Namen zur Verschleierung seiner Identität. Und der lautete Nakayama Sho. Auf Chinesisch Zhongshan Qiao. Warum er in China und Taiwan ausgerechnet unter seinem japanischen Untertauchalias bekannt geworden ist, weiß ich auch nicht. Sein Heimatbezirk, der ursprünglich Xiangshan, also Duftberg hieß, wurde sogar ihm zu Ehren in Zhongshan umbenannt. Insofern ist Zhongshan doch eine geografische Bezeichnung, die mit Mitteberg etwa so charakteristisch ist, wie ein Ort aus meiner Herkunftsgegend, der auf den schönen Namen Neuorthofen hört.

Und so schnell hat man sich dann auch im Quadrat verlaufen. Wenn nicht in der Stadt, dann doch im Thema. Denn eigentlich wollte ich etwas über eine historische Karte schreiben. Und dazu, wieso eigentlich so viele Straßen in China und in Taiwan nach Dr. Sun heißen, habe ich auch nichts gesagt. Je nun. Vielleicht ein andermal.

 

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