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Das Ziel ist das Ziel

olympiaklein

Die Sommerolympiade 2012 ist vorbei und die VR China hat sich mit der schönen Zahl von 88 Medaillen verabschiedet.

Achtundachtzig

Ich glaube, das ist auch der tiefere Grund, warum Hongkong als Sonderverwaltungszone extra an den Spielen teilnehmen musste. Denn die Bronzemedaille irgendeiner Radsportlerin aus Hongkong hätte dieses gelungene Ergebnis zunichte gemacht. Der gemeine Chinesen liebt die Doppelacht, da 8 in irgendeinem -vermutlich dem kantonesischen- Dialekt auf Reichtum hinweist. Und doppelter Reichtum ist natürlich noch besser, oder sogar ∞, unendlicher, wenn man es aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Der gemeine chinesische Chatter oder Twitterer hält sich mit so schnödem Mammon allerdings gar nicht auf, denn wenn der 88 in die Tasten tippt, dann sagt er mit fast Wienerischem Schmäh: baba, also byebye. (Mit 748 sagt er: fahr zur Hölle, aber davon vielleicht ein anderes Mal.)

Eine Abschlussmedaillenzahl von 88 ist insofern in  jeder Hinsicht perfekt.

Mit der 88 hat es der Chinese mal wieder gut. Denn hierzulande steht die Zahl doch leider vor allem für „Heil Hitler“. Passend dazu habe ich in einem Reiseführer den ein Taiwaner über Berlin geschrieben hat, mal das Kapitel „Ehre und Ruinen“ über das Berliner Olympiastadion nachgelesen. Der Autor, Chen Sihong, den ich unter dem Namen Kevin kenne, beginnt die Liebeserklärung an Berlin -wie es sich gehört- etwas sperrig und schwer verdaulich. Die Nazi-Olympiade von 1936 schmiegt sich zwischen die Kapitel KZ und Wannsee, inklusive Konferenz.

Sommerliches Intermezzo

Um dem ganzen zwischendurch eine etwas leichtere Note zu geben, kann ich vielleicht berichten, dass wir an einem der eher raren Sommersonntage dieses Jahr mit einer chinesischen Familie im Strandbad Wannsee waren. Großartig. Man steht lange an, bis man endlich rein darf, wird von der Kassenfrau und vom Bademeister jeweils mit gegensätzlichem Inhalt zusammengeschissen und sucht dann ein kleines Fleckchen für´s Handtuch im Gewühl. Kaum ist man eine weitere halbe Stunde durchs knöcheltiefe Wasser gewatet, kann man auch schon schwimmen. Es ist eine Zeitreise ins alte West-Berlin. Toll, einfach toll. Wobei ich zugeben muss, dass mit kleinen Kindern dieses endlose, nordseeebbehafte Flachwassergedümpel tatsächlich fein ist.

Laut und Inhalt

Aber zurück zum Thema Olympia und 1936. Beim Lesen des Reiseführers habe ich zum ersten Mal gesehen, wie man Nazi auf Chinesisch schreibt. Und zwar: Nacui. Übersetzt man das nun wörtlich, hat man gleich die Zutaten für des Teufels Küche, denn es könnte heißen: „das Reine akzeptieren“. Eigentlich handelt es sich aber um eine phonetische Lösung. Da es einen stark aspirierten Laut in Verbindung mit i auf Chinesisch nicht gibt, wird also der Umweg über das U genommen. Nacui, gesprochen Na-tzuei.

Beim Lernen von Zeichen und Vokabeln nützt natürlich die Bedeutung -Teufel hin, Küche her- ungemein. Nur mit Interpretationen sollte man doch vorsichtig sein. Stasi wird beispielsweise mit Shitaxi übertragen, was wirklich ähnlich klingt, auch wenn es nicht so aussieht. In wörtlicher Übersetzung heißt Shitaxi: Geschichtspagode West. Menschen mit einem ausgesprochenen Hang zu Verschwörungstheorien sollten vielleicht besser die Finger vom Chinesischen lassen.

1936

Kevin, der Autor, erzählt also vom möglichen Boykott der Spiele , insbesondere wegen der damals schon in Kraft getretenen Nürnberger Rassegesetze. Dass die Boykottüberlegungen sich auch darauf bezogen haben sollen, dass die innerstädtischen Sinti und Roma (auf Chinesisch: Jipusai „Wettkampf der Allgemeinenbeglücker“ = Gipsy) in Marzahn interniert wurden, halte ich demgegenüber für ein freundliches Gerücht. Bisher gehörte zu sämtlichen Olymischen Spielen auch immer die unerfreuliche Nachricht, dass Bettler oder andere unerwünschte Personen irgendwie für die Dauer der Spiele aus der Innenstadt weggeräumt wurden, auch wenn sich die Methoden sicherlich hier und dort unterschieden. Dass sich die USA für die Rechte der Jipusai stark gemacht haben sollen, naja.

So oder so setzte sich die Boykottfraktion bekanntermaßen nicht durch, sondern die anderen verschoben die Abstimmung darüber so lange, bis genug Befürworter da waren. Und schlossen anschließend den heftigsten Boykottbefürworter aus. Insgesamt wollte man doch lieber glauben, dass auch Hitler die olympische Idee für eine gute hielt. Er hatte ja auch sonst so schöne Ideen, wie beispielweise den Fackellauf, der seither durchgeführt wird. Das bringt auch schöne Bilder. Vermutlich würde Hitler heute noch gut ins IOC passen, zumindest mit dem Faschisten Samaranch hätte er sich sicher gut verstanden.

Natürlich erwähnt Kevin Chen auch Frau Riefenstahl und ihre schwierig zu rezipierende Figur als unkritische Nazisse und bahnbrechende Filmemacherin.  Auch sie machte unbestritten schöne und auch neuartige Bilder. Das will man nicht. Getan hat sie es trotzdem.

Dann erzählt Kevin Chen, wie er sich bei seinem ersten Besuch des Olympiastadions anlässlich eines Konzerts von Pink fragte, ob denn alle Besucher eine Vorstellung von dessen Geschichte haben. Ich sage einfach mal: ja. Das ganze Stadion ist derart naziesk und die herausgemeißelten Hakenkreuze so präsent abwesend, dass man schon extrem vernagelt sein muss, um nicht wenigstens den Hauch einer geschichtlichen Ahnung zu verspüren. Vielleicht ist es gut, dass er dort niemanden gefragt hat, denn so kann ich das einfach weiterhin glauben.

Dabei sein ist alles

Die Republik China nahm 1936 übrigens mit 54 Athleten an den Spielen teil, reiste aber ohne eine einzige Medaille wieder ab. 2012 durfte sie wie gewohnt nicht unter dieser Bezeichnung an den Start gehen. Eine Art Fremdboykott. Denn schließlich nahm die Volksrepublik China teil. Die gab es 1936 ja noch gar nicht, so dass da kein Problem auftrat. Doch seit 1949 ist das anders. Und es mag zwar heute die Ein-Kind-Politik in der VR China wanken, doch die Ein-China-Politik bleibt bis auf weiteres in Stein gemeißelt. Also gab es wieder einen Auftritt der Republik China, vulgo Taiwan unter dem Pseudonym Chinesisch Taipeh.

Als was auch sonst? Als Japanisch Taipeh? Oder Burkinafasolisch Taipeh? Der Witz besteht darin, dass der Name auf dem Festland mit den Zeichen für China-Taipeh geschrieben wird, während Taiwan Zeichen benutzt, die sich nur auf die Kultur beziehen. Die Republik China turnte also notgedrungen und erprobt unter falscher Flagge und errang heuer immerhin mit 44 Athleten und Athletinnen zwei Medaillen (Silber für eine Gewichtheberin und Bronze für eine Taekwondo-Kämpferin). Ob diese beiden Olympionikinnen tatsächlich aus Taipeh kommen und nicht vielleicht aus „Chinesisch“ Gaoxiong oder Tainan, habe ich nicht weiter verfolgt. Ich stamme zum Beispiel aus Bayerisch Gräfelfing und habe keinerlei Medaillenaussichten, auch nicht in der denkbaren Mannschaft Deutsch Berlin. Oder gar Preußisch Berlin.

Zahlenexegese

Amerikanisch Washington trat im Übrigen mit 539 SportlerInnen an, erzielte also eine Medailleneffizienz von 0,19 pro TeilnehmerIn. Chinesisch Peking dagegen schaffte mit 382 AthletInnen ganze 0,23 Medaillen pro Hüpfdohle und Kampfgerät. Russisch Moskau brachte es auch auf einen Effizienzquotienten von etwa 0,19, Britisch London, Koreanisch Seoul und eben Deutsch Berlin liegen so bei 0,11/12. Damit zeigen uns Afghanistan (1 Medaille durch 5 Sportler und eine Sportlerin-> 0,17) und Aserbaidschan (10/53 -> 0,19)  deutlich, was wirklich effektive Olympiateilnahme auch bei knappen Ressourcen bedeuten könnte. Und Jamaika, das mit 50 TeilnehmerInnen ganze 12 Medaillen holte, liegt in Sachen Effizienz mit 0,24 noch vor der VR China. So weit die Statistik.

0,11 also. Aber ich will nicht meckern. Es gibt gar keinen Grund. Deutsch Berlin hat 44 Medaillen geholt. Der Chinese denkt bei der Zahl 4 an Tod und Sterben. Aber nicht wir. Wir denken an vier Jahreszeiten und vier Himmelsrichtungen, einen fröhlichen Vierviertel-Takt. Jetzt lese ich gerade, dass die vier das Kreuz mit seinen vier Enden symbolisiert. Also doch schon wieder Tod. Hm. Dann zählen wir doch einfach durch unser kleines Alphabet und landen bei D. DD. Doppel-D. Das kann viel heißen. Dummdödel. Dresden. Oder Differenzialdiagnose.  Dolby Digital. Doris Day. Donald Duck. Domino Day. Doppeldominante. Direkte Demokratie. Deutsch Drahthaar. Danke Dir. Oder das Topleveldomainkürzel der DDR, das nur drei Jahre leben durfte: .dd. Mit der 44 ist wirklich alles möglich!

88 möchte ich nicht schreiben, also: servus, baba!