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Es war wieder so weit. Die Chinagruppenreise stand an. Wir fuhren nach Sichuan, der Provinz in der man von innen mit Chili und Sichuanpfeffer gewissermaßen gepökelt wird.

Nach daoistischen Bergen und Klöstern, alten Dörfern und Megacities machten wir uns in den tibetischen Kulturkreis auf. Dazu muss man wissen, dass im Grunde nur das tibetische Hochland offiziell Tibet genannt wird. Von diesem allgemein bekannten Hochland müssen die Berge dann runter in die Ebene, und das tun sie üblicherweise in einzelne, separierte Täler gefaltet. In den Faltenwürfen der Gebirge, in diesen unzugänglichen Gegenden, die auf der Südostseite bürokratisch zu Sichuan gehören, leben seit alters her vor allem Tibeter. Und diese speziellen Faltenwurftibeter waren traditionell noch schwieriger regierbar, als ohnehin schon. Dalai Lama, Kaiser, König oder Fürst von nebenan: alle sind einfach sehr fremd und weit weg. Denn der Ort ist schlecht zu erreichen. Also kämpften beispielsweise die aus dem einen Tal gegen die aus dem Nachbartal. Weil die so einen unmöglichen Dialekt sprechen und komische Bräuche haben. Das Maibaumklauprinzip. So lokal-anarchisch ist es natürlich nicht mehr. In Zeiten von Partei, Globalisierung und Internet ist das nicht mehr so angesagt. Und so fuhren wir in eines dieser zahllosen Täler.

Dass diese Gegend auch tibetisch ist, auch wenn die Chinesen sie nicht so nennen, merkten wir spätestens daran, dass wir eine gewisse Miss Hu an die Seite bekamen, die normalerweise als Reiseleiterin in Chengdu mehrmals wöchentlich Touristen zur Pandaaufzuchtstation führt. Aber zur Not übernimmt sie eben auch Gouvernantenjobs. Je weiter wir die Ebene verließen, desto missmutiger wurde unsere Abby Hu. Barbarenland, Barbarenessen. Schauderhaft. Sie war angeblich schon mal da, hatte aber offenbar vergessen, dass dort Shorts und T-Shirt als Bekleidung nicht ausreichen, auch wenn noch so sinnreich „Are you happy?“ draufsteht. Sie war die gelebte Antwort.

Unser Busfahrer Herr Ren war besser ausgestattet, verlor aber ebenfalls zusehends seine Lebensfreude. Vom Herzhaftcholerischen wandelte er sich zum Missmutigcholerischen mit depressiven Episoden. Noch bevor wir den ersten Pass anfuhren, musste er Rast machen, um zu essen. Sich quasi Mut anessen. Vermutlich lag das am Zustand der Straßen, die ihn und seinen Bus vor große Herausforderungen stellten. Für rund 200 km brauchten wir über 10 Stunden. Und für gut unter 200 km auch noch mal.

In Tälern, in die nur eine Straße führt, ist halt schnell mal Schicht im Schacht und Ausweichrouten gibt es keine. Mal hielt uns das Mutanessen auf, mal ein Erdrutsch. So weit, so gut. Der Tag war lang, der Himmel weit, die Chefin im tibetischen Restaurant ausgesucht schön, der Raupenpilzschnaps gesund und der Buttertee köstlich. Wer will da über einen Tag im Bus jammern?

Am nächsten Morgen vertrödelten wir uns in zwei Klöstern und Herr Ren schnaubte schon durch geblähte Nüstern, als er uns -seiner Ansicht nach viel zu spät- auflas. Doch als wir einen über 4000m hohen Pass hinter uns gelassen hatten und der bisher graunasse Himmel aufriss, so dass dieses typische Höhenblau alle Farben zum Leuchten brachte, war er doch bereit, in einem Tal anzuhalten, in dem eine Tibeterin Yakjoghurt verkaufte. Wir schauten, wir kauften, wir aßen, wir genossen. Frohgemut machten wir uns wieder auf den Weg. Um nach etwa 3 km wieder zu stehen.

Aber die Sonne schien, der Stau ließ und an einem Fluss voller Manisteine halten, wir waren entspannt. F und ich marschierten neugierig und voller Bewegungsdrang an den Kopf der Schlange, um zu sehen, was los ist. Es stellte sich als ein Unfall zwischen zwei der unzähligen identischen LKW heraus. Die Polizei war mittlerweile eingetroffen, aber die Schuldfrage noch ungeklärt. Es wurde wild diskutiert, auf die Schäden am Fahrzeug, auf Bremsspuren, auf topografische Gegebenheiten hingewiesen. Dabei wurden die Kontrahenten nicht nur von dem Polizeibeamten begleitet, sondern auch von einer gewissen Anzahl Wartender, die sich auch gerne durch hilfreiche Bemerkungen nützlich machten. Wir schlossen uns dem Pulk an und gingen hin und her und schauten interessiert, beflissen und fachkundig zu, wie alle anderen auch. Nur Bemerkungen machten wir dann doch keine. Irgendwann schien die Sache geklärt zu sein und wir eilten die endlose LKW-Schlange zum Bus zurück, denn wir wären ungern gelaufen, wenn die Kolonne der LKW auf der Gegenspur anfängt, an uns vorbeizukacheln. Trotzdem war die Eile natürlich unnötig. Denn gut Ding will Weile haben.

Schließlich ging es weiter. Immer noch waren wir waren hochgestimmt. Sonne, Höhenluft, Vorwärtsdrang. Unser Busfahrer hatte ein neues Essensziel vorgeschlagen und wir waren einverstanden, denn Hunger und Durst machten sich bemerkbar. Durch die ständige Verfügbarkeit von Essen im Tiefland verwöhnt, hatten wir nicht sehr gut vorgesorgt.

Vielleicht fünf Minuten später zog Regen auf. Ergiebiger Regen. Kurz darauf standen wir wieder im Stau. Die Hochstimmung bekam aprupt Schlagseite. Die Langmut, die sich zuvor so gut angefühlt hatte, überstand diese Prüfung nicht. Was war los? Wir wussten es nicht. Wir waren kurz vor einem Ort und die Asphaltdecke fand dort ein jähes Ende. Das ist wie bei uns. Weil die Kommunen pleite sind, fährt man ab dem Ortsschild plötzlich durch eine Kraterlandschaft. Hier war es nun kein Ortsschild, sondern ein Eingangstor. Das weiß ich, denn trotz mittlerweile ebenfalls aufziehenden Gewitters war ich Teil einer Truppe, die wegen dringender menschlicher Bedürfnisse gezwungen war, den nun schützenden Bus zu verlassen. Die Ansprüche an das Örtchen sanken mit jemandem Schritt, den wir tiefer in den schlüpfrigen, grauen Matsch gerieten beträchtlich. Letztlich taten es ein paar Grünpflanzen am Straßenrand. Bei diesem Ausflug konnten wir feststellen, dass die Straße zwar in einem erbärmlichen Zustand, aber im Übrigen frei war. Warum fuhr dann aber niemand? Schließlich hieß es, dass die Ortsdurchfahrt komplett gesperrt war, um notwendige Straßenarbeiten vorzunehmen. Für noch zwei Stunden in etwa.

Nach Aufwallungen, Streitereien, Empörungen, dem Abklingen des Gewitters, dem Ablauf einer guten Stunde und des Aufbrauchens letzter Wasserreserven, beschloss der Großteil durch den Matsch in den Ort zu laufen, um dort etwas zu essen. Gesagt, diskutiert, verworfen, wiederaufgegeriffen und getan. Aber es galt: sollte es losgehen, lassen alle ihre Stäbchen fallen und springen in den Bus sobald der auf Höhe unserer Lokalität auftaucht.

Nun reiste in unserer Gruppe die Chinesin X mit. Schon in der Theorie war es schwierig, ihr diesen Plan plausibel zu machen. Ein Essen stehenlassen? Sie warf die potenziell gekränkten Gefühle des Kochs als Pfand in die Runde. Nun ja. Aber natürlich hofften wir alle, Zeit für ein ausgedehntes Gelage zu haben. Miss Hu und ein paar andere blieben gleich im Bus. Wir glipschten also erneut durch den grauen Schlamm und nicht nur ich versank knöcheltief. Es war kalt und nass und dreckig. Aber im Lokal gab es Tee, Bier und die Aussicht auf warmes Essen. Die Stimmung stieg.

Zeitgleich setze sich die LKW-Kolonne in Bewegung. War ja klar! Also kein Essen. Wir bekamen ein paar Schälchen Reis eingepackt und mussten X förmlich aus dem Lokal schleifen. Ich glaube, sie unterwarf sich lediglich dem Gruppendruck und weniger dem Gedanken, dass es vielleicht eine schlechte Idee sei, einen Bus auf einspuriger Piste halten zu lassen, weil ein paar Leute etwas essen wollen. Glücklich über die paar Schlucke heißen Tees – man wird ja bescheiden-, stiegen wir wieder ein und verteilten grauen Schmodder im Bus. Viel grauen Schmodder.

Und die Stirnfalten des Herrn Ren wurden tiefer und tiefer. Tief wie die tibetischen Täler wurden sie beim Fahren durch die tiefen Schlaglöcher auf der schlammigen Straße. Auch wir hielten den Atem an. Beim nächsten Halt schimpfte, grummelte und zeterte er die halbe Stunde, die er zum Feudeln des Busses brauchte ununterbrochen. Laut und ungebremst.Weil ein verschmutzer Bus so gefährlich sei. Der Schlamm war auch in die Kofferräume gedrungen und so konnte dort noch ein wenig weitergefeudelt und geschimpft werden. Irgendwann erreichten wir im Dunkeln offenbar die Kulturgrenze zu Tibet, denn nun wurden Pässe kontrolliert und Miss Hu hatte ihren einen Einsatz. Danach dauerte es nur noch einige wenige Stunden und wir waren auch schon da.

Der Zwiespalt zwischen dem Wunsch bequem und einigermaßem zügig voranzukommen und dem Gefühl unangemessenen und mit untauglichen Mitteln einzudringen, war groß. Selten habe ich den Widerspruch zwischen China und Tibet unmittelbar so stark erlebt. Die Mühsal des Zusammentreffens, des Austausches. Zu fühlen, dass einen das eigene Interesse treibt, während einem die Gegebenheiten lästig sind. Gleichzeitig wird auf der Klaviatur des Widerspruchs zwischen Moderne und Tradition, Technik und Natur gespielt, wobei die Fronten in diesen Fällen sicher nicht zwischen Chinesen und Tibetern verlaufen. Das Faktische ringt einen mal ganz schlicht und ergreifend zu Boden. Dabei war noch nicht einmal etwas passiert.

Diese große Unzulänglichkeit konnte ich dann ganz bequem mit einer viel kleineren bekämpfen. Miss Hu hatte nämlich Geburtstag. Ihr eigentlicher Wunsch, mit X eine kleine Tour durch die Gemeinde zu machen, wurde durch herabstürzende Wassermassen und der Ferne der Gemeinde (etwa 2km) vereitelt. Die Alternative war eine Runde Mahjong, wofür es vier Spieler_innen braucht. M und ich erklärten uns bereit. Wir nahmen an einem dieser automatischen Mahjongtische Platz, die offenbar auch ihren Weg in das tibetische Sichuan gefunden hatten und für die man wie bei uns für einen Billardtisch zahlt. Während oben die neue Runde schon gespielt werden kann, werden die alten Steine unten gemischt und in eine Mauer sortiert. Technisch und effizient. Autobahnen statt Bergstraßen.

Zunächst diskutierten Hu und X eine Weile, denn natürlich wird in den Städten Chengdu und Taoyuan nach unterschiedlichen Regeln gespielt. Aber nachdem eine Art „Ohne-Neunen“-Regel erbittert umkämpft worden war, gab Hus Geburtstag dann den Ausschlag. Wir spielten also Chengdu-Style. Ich war erst komplett im Stress und als ich andere auch wieder wahrnehmen konnte, voller Bewunderung für M, die chinesisch weder lesen noch sprechen konnte und es trotzdem irgendwie schaffte mitzuspielen und ihre Steine anzusagen. Steine auf denen weder arabische Zahlen, noch lateinische Buchstaben stehen. Hu bespielte nebenbei noch gelangweilt ihr Smartphone, denn die Chengduer spielen eigentlich so, als wäre es ein Wettrennen.

Doch all das nützte ihr nichts. Nach einem ersten Erfolg gewannen nur noch X und ich. M bekam von mir den Preis für herausragende Anpassung an schwer begehbares Gelände. Hu rauschte missmutig ab.

Doch am nächsten Abend gewann sie unsere Sympathie zurück. Völlig überraschend gesellte sie sich mit einem Bier zu uns. Erst erzählte sie, dass sie gerne Sketche von Anke Engelke im Internet ansähe, weil diese Art über das Geschlechterverhältnis Witze zu machen, für Chinesinnen ganz und gar unmöglich sei. Dann berichtete sie von ihrer unglücklichen Liebe und dem Heiratsstress, den ihre Mutter ihr mache. Von den endlosen arrangierten Treffen. Und dann gestand sie noch, dass sie Fotos von unserem Spiel gepostet hätte. Dieser Nachklang war offenbar viel erfolgreicher als das Spiel selbst und schließlich räumte sie auch ein, dass sie behauptet hätte, die Gewinnerin des Abends gewesen zu sein. Denn: was zuviel ist, ist zuviel.

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Mit Kanonen auf Spatzen schießen

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Etwa alle zwei Monate treffe ich mich mit drei anderen zu einer Runde Mahjong. Vier Damen vom Grill. Meistens verliere ich. Vermutlich weil ich keine rote Unterwäsche trage. So oder so bin ich dann für die Beantwortung verschiedener Fragen zuständig, die ich passenderweise meistens auch nicht beantworten kann. Entweder ich denke mir dann was aus -obwohl in dem Fall muss man ja sagen, dass ich die Frage doch beantworten kann-, oder ich lese halt nach. Die letzte bislang unbeantwortete Frage war, was denn die Chinesen zu den einzelnen Steinen sagen. Bei uns heißen sie Bambus, Zahl und Kreis/Münze. Das ließ sich natürlich leicht herausfinden. Sie sagen Suo/ Tiao, Wan und Tong/ Bing. Und natürlich in allen möglichen Ecken des Landes noch alles mögliche andere. Aber was soll das bedeuten? Fest steht, dass Suo nicht Bambus heißt, sondern Strick, dass Wan nicht Zahl heißt, sondern zehntausend undTong nicht Kreis, sondern Rohr, während Bing ein runder Kuchen wäre.

An dieser Stelle kann ich natürlich unmöglich aufhören. Was soll das alles? Was spielt man da eigentlich? Das Spiel wird auf Hochchinesisch Majiang geschrieben und könnte mit Hanfgeneral übersetzt werden. Das führt aber in die völlig falsche Richtung, denn dabei handelt es sich nur um eine phonetische Annäherung. Das Spiel entstand nicht, wie gerne behauptet wird, in grauer Vorzeit, sondern vermutlich im 19. Jahrhundert an der Ostküste in Ningbo. Und da nannte man es irgendwie so etwas wie Majan. Schrieb aber mit Schriftzeichen, die der Hochchinese Maque ausspricht, Hanf + kleiner Vogel, also kleiner Hanfvogel. Und das ist ein Spatz, oder eben Sperling. Ein kleiner Bergvogel (Shanque) wäre beispielsweise eine Meise und ein kleiner Wolkenvogel (Yunque) wäre eine Lerche.

Es ist also ein Spatzenspiel und der General hat sich nur aus lauter Phonetik hineingeschlichen. Es passt eigentlich auch nicht zu einem General. Beim Schach, ja da sieht es anders aus. Da weiß man, wo der Gegner steht, hat auch nur einen davon und der lebt auf der anderen Seite des gelben Flusses und hält wiederum mich für den Feind. Klare Fronten, Krieg wird geführt, ein General pro Seite ist vonnöten. Das ist schwer zu spielen, aber leicht zu verstehen. Aber um was geht es nun eigentlich beim Spatzenspiel?

Aufgabe des Spiels ist beim Majiang oder vergleichbaren Kartenspielen wie Canasta ja, etwas anderes als die Gegner zu haben, etwas tolleres, besseres. Und mehr natürlich. Und das ganze in dem man eine gewisse Ordnung herstellt. Wer zuerst seinen Saustall aufgeräumt hat, gewinnt. Vermutlich spielt man den normalen Nachbarschaftsalltag? Der Spatz als Sinnbild des Alltäglichen.

Das blöde an solchen Fragen ist, dass man von Spatzerl auf Hölzchen auf Stöckchen gerät. Denn, so meine Überlegung, wenn Majiang vom Spielablauf Rommé oder Canasta ähnelt, schließt sich zwanglos die Frage an: woher kommen eigentlich die Spielkarten. Gut, dass ist leicht. Aus China natürlich. Dort sind sie jedenfalls seit dem 12. Jahrhundert belegt, in Europa, genaugenommen in Italien, erst seit dem 14. Nun gibt es auch noch eine auffallende Ähnlichkeit der sehr unterschiedlichen Kartenspiele als solches und auch mit den Majiang-Steinen. 9 bis 10 Zahlkarten in drei bis vier Farben. Und regional und je nach Spiel eine sehr unterschiedliche Art von Bilderkarten und Trümpfen. Die Farben heißen in Frankreich beispielsweise trèfle (Kleeblatt), pique (Lanze), coeur (Herz) und carreau (Quadrat). Im deutschen Blatt heißen sie Eicheln, Blatt, Herz und Schellen, in Italien spielt man wiederum mit Münzen, Stäben, Schwertern und Kelchen etc pp. Und natürlich haben sie regional wiederum völlig andere Namen. Aber das Prinzip bleibt das gleiche. Erklärt mir das jetzt, was man da eigentlich spielt? Was also unabhängig von Skat, Rommé, Maumau oder Schafkopfen der tiefere Hintergrund ist? Der Grund des Ursprunges? Nein. Keine Ahnung. Eine Sackgasse. Also zurück zu den Chinesen.

Deren frühes Kartenblatt hatte die Farben 10.000, Schwert und Strick. Zehntausend ist übrigens nur ein kleines Zeichen und kann vielleicht auch mit „sehr viel“ übersetzt werden. Da trappst dann die Nachtigall schon ganz ordentlich herum, auf dem europäischen Blatt. Oder der Spatz. Also mit entsprechender Fantasie. Erklären tut das natürlich trotzdem nichts. Oder kämpft man mit dem Schwert um das viele Geld und wenn man dabei erwischt wird, baumelt man am Strick? Aber warum sind dann alle Farben gleichviel wert? Ich finde auf Baidubaike, der chinesischen, zensierten „Wikipedia“ einen sehr interessanten Beitrag. Majiang ist ein Vogeljägerspiel, heißt es da. Danach sei die Münze in Wirklichkeit die Mündung einer Schusswaffe, der Strick diene dem Zusammenbinden der abgeschossenenen Vögel und das Geld die Belohnung. Könnte fast von mir sein. Nur: wer soll das glauben? Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als die Grundlage des Spiels tatsächlich und unbefriedigend im Dunkeln zu lassen, denn auch die freie chinesischsprachige Wikipedia erläutert dies nicht. Und noch weiter wollte ich meine Hausaufgaben eigentlich nicht ausdehnen.  Immerhin wird dort nicht diese Räuberpistole erzählt. Die einfachste Erklärung ist die, dass es sich bei einer Münze um eine Kupfermünze handelt, beim Strick um den Strick auf den man selbige zu je 1000 Stück aufzieht und die 10.000 ist dann eben noch mal mehr. Doch die Frage bleibt: warum ist dann jede Farbe gleich viel wert?

Aber ein wenig Aufklärung kann ich doch noch beitragen, was nämlich die sogenannten Drachensteine angeht. Bei unseren Kartenspielen würden sie zu den Bilderkarten gehören. Am berühmtesten ist sicher der rote Drache, wegen des Thrillers von Thomas Harris aus den 80ern und der Verfilmung von Michael Mann und der Hannibal Lecter Reihe. Ich weiß es nicht mehr ganz genau, aber irgendeiner dieser Serienmörder ritzt das „Zeichen für roter Drache“ in einen Baum und wird von diesem im Übrigen auch schizophren zu allerlei Scheußlichkeiten angehalten. Tatsächlich ist das Zeichen zwar rot geschrieben, hat aber mit Drachen nicht das Geringste zu tun. Das mit den Drachen hat sich nämlich erst der US-Amerikaner Joseph Park Babcock ausgedacht, der in den 1920ern ein einheitliches Regelwerk verfasste und das Spiel in den USA populär machte. (Eine Popularität die abrupt nachließ, als es hieß, die importierten Spiele seien mit Viren versucht.) Das mit den einheitlichen Regeln ist natürlich was wert. Man denke nur an diese komplexeren Kartenspiele wie Doppelkopf, wo vorher erst eine Stunde darüber gestritten wird, nach welchen Regeln denn nun bitte warum gespielt werden soll. So muss man sich das bei den chinesischen Spatzenspielern auch vorstellen. Mit oder ohne Neunen? Und wenn dann noch Malayen dazu kommen, wollen die mit Katz, Maus, Huhn und Centipeder spielen und der Japaner sagt gar, es handele sich gar nicht um einen Spatz, sondern um einen Fasan. Und Vietnamesen halten nichts von dem Getier und haben dafür Kaiser- und Kaiserinnensteine.

Aber zurück zum roten Drachen, bei dem es sich in der Tat nur um das Zeichen für Mitte handelt, wie in „Land der Mitte“, wie in „mitten im Zimmer“, wie in „Mittags“. Das ist sicher für einige eine bittere Enttäuschung, aber was soll man machen? Der grüne Drache heißt eigentlich so etwas wie „aussenden, absenden“ und der weiße Drache ist einfach nur ein leerer, blanker Stein. Man kann sich vorstellen, was der eine Baidubaike-Artikel in seinem Spatzenmassaker daraus gemacht hat: Mitte heißt Treffer, weiß: daneben! Und da „aussenden“ mit einem anderen Zeichen zusammen die sehr geläufige Kombination von Reichtum ergibt, ist dies eben der Hauptgewinn. Alle anderen Quellen sagen etwas jeweils anderes. Der „rote Drache“ stehe zum Beispiel für ein bestandenes Examen oder aber Mildtätigkeit. Der grüne für Reichtum oder aber Aufrichtigkeit und das leere Weiß könnte Pietät bedeuten oder eben Unkorrumpierbarkeit. Das Spiel macht einen virtuell also entweder reich oder gut oder erfolgreich. Praktisch aber -so man um Geld spielt- eher durchtrieben, korruptionsanfällig und arm.