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Der Wald vor lauter Bäumen

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Als ich neulich in Hongkong… (Hach. Wie das klingt!). Als ich also neulich in Hongkong ankam, saßen überall wahnsinnig viele Frauen herum.  Jung bis mittelalt. Aber eher jung. Vor allem jung. Auf Bürgersteigen, Fußgängerüberwegen, in Parks, unter Rolltreppen, in Tunnels. Zu Tausenden. Auf Decken, Kartons oder nur auf dem Hosenboden. Die Innenstadt war voll von ihnen. Sie verkauften nichts, insbesondere nicht sich selbst, sie wollten augenscheinlich nichts von mir oder anderen Passanten, sondern quatschten, lachten, aßen und manche tanzten auch. Was machten die da? Und warum gerade da? Also in einem Park, ok, aber in einem Fußgängertunnel? Auf einer Fußgängerbrücke? Am Straßenrand? Warum eigentlich nur Frauen?

Ein innerlicher Schritt zurück kann hilfreich sein, das ist bekannt. Sonst kommt das Problem mit dem Wald und den Bäumen. Ich nahm also von meinem verständnislosen Kopfschütteln und Gewundere ein wenig Abstand. Probehalber. Und siehe, ich wurde mit der Erweiterung meiner Wahrnehmung prompt belohnt. Denn genau genommen sahen die zweifellos asiatischen Damen nicht sonderlich chinesisch aus und: es war Sonntag.

Schon entstand der Wald vor meinen Augen und das Phänomen fand eine Erklärung: an ihrem freien Tag treffen sich die philippinischen und malaiischen Hausangestellten zum Stelldichein. Davon gibt es offensichtlich eine erkleckliche Anzahl. Pack das Pappkartönche ein, nimm dein kleines Schwesterlein und dann nischt wie raus zum, tja, zum Trottoir. Ein Badesee ist schließlich nicht in Sicht. Und, wenn ich das jetzt mal pauschal über den Löffel balbieren darf, macht sich die durchschnittliche Ostasiatin auch nicht so wahnsinnig viel aus Badeseen. Nachhause können sie sich gegenseitig auch schlecht einladen, denn das ist ja eigentlich das Zuhause ihrer Arbeitgeber. Wenn die guten Plätze im Park schon belegt sind, dann setzt man sich eben auch in eine Unterführung. Das Paradies, das sind die anderen. Kulisse nebensächlich.

Ob diese zahllosen Ausländerinnen wohl -ganz im Gegensatz zu mir- Kantonesisch verstehen? Wenn ich mit Hongkongern spreche, verstehen diese mein Hochchinesisch ganz gut. Und antworten entsprechend. Zumindest den ersten Halbsatz. Ab dann verlieren sie sich sehr schnell im Kantonesischen, spätestens beim zweiten Satz verstehe ich gar nichts mehr. Ich höre dann so etwas wie: nei gwon sik sik gwok. naam suk wak. Ein Beispiel zum Vergleich: Fragt ein Pekinese den anderen, ob er jetzt Zeit hat, sagt er:

Ni xianzai you mei you kong?

In Hongkong sagt man stattdessen:

néih yìh ga dak mh dak hàahn a ?

Wie so Vogellaute im Wald.  Der Kleiber sagt beispielsweise: piüpiü twit güt vivivi sittsitt. Sprachen die man nicht versteht klingen einfach amüsant.

Dazu kommt ein ausufernder Gebrauch von Tonhöhen dieser südchinesischen Sprache. Vier bis fünf kennt der Pekinese, der Hongkonese neun. Davon sind drei nicht distinktiv, sagt Wikipedia. Ich glaube, das ist eine gute Nachricht. Dazu kommen drei bis vier hongkongeigene Umschriftsysteme für die lateinische Schrift. Wunderbar. Für das Chinesische haben sich ja auch alle eine ausgedacht: die Engländer, die Franzosen, die Amerikaner, die Deutschen, die Russen etc.pp.

Wenn man aber irgendwann verinnerlicht hat, dass beispielsweise der Laut eu mit eu, oe, ê oder o´ geschrieben werden kann (Kantonesisch), oder dass  jing, ching und king identisch sein sollen (Mandarin), wird man allmählich flexibler im Kopf und macht sich auch über Rechtschreibreformen der eigenen Herkunftssprache insgesamt wirklich weniger Sorgen. Selbst der völlig sinnlose Gebrauch eines Apostroph-S´ lässt sich nach einem Sinolgiestudium besser aushalten.

Mein Rechtschreibprogramm macht mir trotzdem Sorgen. Denn neulich (noch neulicher als Hongkong) schrieb ich das Wort Sichentblößen in den Computer. Die Fehlerzensur war durchaus nicht einverstanden. In der Regel lässt mich das kalt. Wörter die es nicht gibt, müssen eben erfunden werden. Und was ist schon gegen eine echte, gutdeutsche Substantivierung einzuwenden? Doch ich war weich und offen, an diesem neulichen Tag. Hey, ja, mach einen Vorschlag, warum nicht?, dachte ich und sah nach, was die Rechtschreibfunktion mir zu sagen hatte. Sie überraschte mich mit: Siechentblöden.

Ich war konsterniert. Was bitte sollte das heißen? Dass man sich nicht entblödet zu siechen? Oder dass Siechen zur Entblödung führt? Macht das Ergebnis des Siechens, also der Tod, einen demnach schlau? Oder nur weniger blöd? Und was hat das ganze mit sich ausziehen zu tun? So à la das letzte Hemd hat keine Taschen? Will mir mein Computer metaphysische Wahrheiten übermitteln? Ich weiß wirklich nicht, ob ich mir den zwecks Baumbestand übersehenen Wald  von meinem Rechtschreibprogramm ausdeutschen lassen möchte.

Dass Deutsch voller Überraschungen steckt, erfuhr ich (noch mal neulicher) von einem Chinesen, der gerade erst begonnen hatte diese unsere Sprache zu lernen. Deutsch sei sexy, meinte er. Sexy. Ok. Wenn er meint. Hört man ja nicht ungern. Ist offenbar auch etwas was man nicht so wahrnimmt, wenn man mitten unter den deutschen Baumwörtern wohnt. Den Sexappeal der eigenen Sprache. Ich fragte natürlich nach.

Auf Platz drei der sexy deutschen Wörter kam das Wort: „ja“. Ich vermute mal, dieser besondere Reiz des Wortes wird sich früher oder später abnutzen. Häufige Wiederholung und Gewohnheit sind der Tod jeder Sexyness.

Längere Aussichten hat da vielleicht auf Platz zwei das Wort: „futsch.“ Ein wirklich bemerkenswert hübsches Wort, wenn auch vielleicht kein echtes Deutsch im engeren Dudensinne. Dachte ich zumindest.  Aber mein Rechtschreibprogramm -ich teste es immer mal wieder- stimmte dem Chinesen einschränkungslos zu. Keine Unterringelung, kein Alternativvorschlag. Futsch ist bestes, sozusagen astreines Deutsch. Und das ethymologische Wörterbuch unterstützt ihn zusätzlich: es hält eine Herleitung von foutre, beschlafen, für möglich. Sexy eben.

Der erste Platz der sexiest german words alive ging jedoch an: „blöd“. Hm. Ich finde, es geht so. Sympathisch, lustig, meinetwegen frech, ja, aber sexy? Ich bin voreingenommen.

Andere deutsche Worte haben allerdings keine Chance in diesem Ranking auch nur den allerkleinsten chinesischen Blumentopf zu gewinnen. Denn sagt ein Deutscher zum Chinesen  „Schatz“ (gibt es eigentlich wirklich Menschen, die sich gegenseitig Schatz nennen?), dann wird er Shazi verstehen: Dummkopf. Je nun. Der Ton macht die Musik. Ach du mein süßer Dummkopf! Geliebtes Trottelchen!

Aber wenn der Deutsche dann zum Chinesen sagt: „tschüss, Schatz!“, dann wird es arg. Da nützt die schönste Melodie nichts mehr. Denn dann hat er gesagt: qu si, shazi! Und das heißt:

Dummkopf, geh sterben!