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Das Jahr des Affen

Das Jahr des Affen hat begonnen und wie man sich vorstellen kann, soll es eher turbulent werden. Denn Affen gelten als schlau, agil, liebenswürdig und respektlos. Sie sind mutig und haben vor nichts Angst. Okay, mutig ziehe ich zurück. Mutig kann ja nur sein, wer sich fürchtet.

Die Elemente

Noch dazu wechselt das Element von Holz zu Feuer. Noch mehr Energiezufuhr. Also insgesamt Energie, Kreativität, Lebensfreude, Dynamik, Neugier und Rücksichtslosigkeit. Aber, so lese ich, da der Affe zum Westen gehört und das Yang-Feuer damit die untergehende Sonne symbolisiert, gibt es auch eine gewisse Kompromissbereitschaft. Zumindest verglichen mit dem Yang-Holz der letzten zwei Jahre. Denn so ein stur stehender Baum schwört mit seinem unflexiblen Starrsinn Zwiderwurz gewissermaßen geradezu herauf. Und weniger Widerstand heißt weniger Gewalt. Oder kürzere. Oder strohfeurigere.

Die ganze Vorhersage für das Jahr lässt sich ohnehin wahnsinnig gut mit einem Klick ändern. Einfach auf eine andere Seite mit Vorhersagen gehen. Und schon ist alles anders. Wie heißt es so schön: In Drachenjahren finden große Ereignisse statt, in Ziegenjahre fallen Unglücke und in Affenjahren kann alles passieren.  Ein Jahr mit ADHS.

Die Legende

In China verbindet man mit dem Affen insbesondere den Affenkönig Sun Wukong, eine durch und durch anarchische Gestalt. Ein Trickster reinsten Wassers.  „Als steinernes Ei aus einem Felsen geboren, befruchtet vom Wind, geschaffen aus den reinen Essenzen des Himmels, den feinen Düften der Erde, der Kraft der Sonne und der Anmut des Mondes“, wie es in „Die Reise nach Westen“, einer der beliebtesten Legenden in China heißt. Wenn auch vermutlich weniger in ihrer Fassung aus dem 16. Jahrhundert, sondern eher als Comic, Anime oder Film.

Der Affenkönig wurde unsterblich und nebenbei unverwundbar, weil er der Königinmutter des Westens die Pfirsiche der Unsterblichkeit gestohlen hatte. Sich durch ihren Obstgarten gefuttert hatte, den er eigentlich bewachen sollte. Und das bei einer Reifezeit der Pfirsiche -je nach Sorte und Wirkgrad- von 3000 bis 9000 Jahren. Anschließend schlug er noch völlig breit beim guten alten Laozi auf und vertilgte zu allem Überfluss dessen Unsterblichkeitspillen. Der Ärger war natürlich groß, der Skandal perfekt, aber unsterblich ist eben unsterblich. Auch sonst verfügte Sun Wukong über ein ganzes Arsenal magischer Fähigkeiten, wie Gestaltwandlung, Fliegen, Vervielfältigung seines Kampfstockes etc.pp. Dadurch war es praktisch unmöglich geworden, ihn in Schach zu halten.

Unsterblichkeit ist aber nicht immer von Vorteil. Ich schätze, Prometheus kann ein Lied davon singen. Ein recht qualvolles. Und so wurde auch Sun, der sämtliche Himmel, Paradiese, Höllen und Unterwelten Chinas in Unordnung stürzte und der lieben Herrlichkeit dreist auf der Nase herumtanzte, durch eine List von Buddha gefangen und die nächsten 500 Jahre unter dem Berg der 5 Elemente gefangen gehalten. Da drückt dann nicht nur der Berg, sondern auch die vermaledeite Unsterblichkeit. Es ist historisch allerdings etwas sonderbar, dass es einem davor nur wenig bekannten und nur mäßig einflussreichen Buddha gelang (schließlich muss das so gegen 300 nuZ gewesen sein und damals gab es China noch kaum Buddhisten), diesen Affen einzusperren, was dem versammelten altchinesischen Götterhimmel vorher nicht gelungen war. Aber vermutlich müssen da glaubensbedingt einige Abstriche hingenommen werden. Buddhaganda gewissermaßen.

Buddhistischer Strafvollzug

Jetzt stellt sich die Frage, wie sinnvoll diese Maßnahme war, aus heutiger Sicht betrachtet. Moderne Strafsysteme verfolgen grob vier Ziele: Generalprävention,  Genugtuung, Schutz der Allgemeinheit und Resozialisierung/Spezialprävention.

Generalprävention heißt, dass andere abgeschreckt werden sollen, sich genauso aufzuführen. Das kann bei unserem Affen keine Rolle spielen, schließlich handelt es sich bei Sun um eine ziemlich singuläre Erscheinung. So häufig gebären Steine keine Affen. Und solche schon gleich gar nicht. Die wenigsten dürften in der Lage sein, ähnlich gegen bestehende Ordnungen zu verstoßen.

Genugtuung ist grundsätzlich ein problematischer Strafzweck, da nicht so leicht von schlichter Rache zu unterscheiden. Und genügt eine 500jährige Haft, wenn es unter anderem um den Diebstahl von Pfirsichen ging, von denen schon ein einziger 9000 Jahre zur Reife braucht?

Schutz der Allgemeinheit war hier sicher das vorrangige Ziel. Die Götterwelt war ordentlich angepisst und wollte endlich ihre Ruhe haben. Das konnte sie haben. 500 Jahre eitel Ordnung und Sonnenschein. (Wenn nur nicht dieser Parvenue von Buddha gewesen wäre.) Aber konnte man den Affen auf ewig unter dem Berg versauern lassen? Lebenslängliche Haft beißt sich mit der Menschen- und sicher auch Affenwürde. Außerdem ist lebenslang für Unsterbliche einfach wahnsinnig lang.

Aber Buddha wäre nicht Buddha, wenn er es nicht auch mit einer Resozialisierungsmaßnahme versucht hätte. Das bloße Hocken unterm Berg nützt zur Wiedereingliederung (oder meinetwegen Ersteingliederung) in die Gesellschaft natürlich wenig. Das macht so einen Affen höchstens noch hibbeliger. Der Jugendstrafvollzug und Jugendämter waren damals noch nicht erfunden und der Affe auch schon viel zu alt dafür. Bei konservativer Schätzung muss er nach den 500 Jahren etwa 850 gewesen sein. Aber Buddha hatte eine vergleichbare Idee, wie straffällige Jugendliche auf ein Segelschiff zu pferchen, wo sie sich ganz existenziell mit den Lebensanforderungen auseinandersetzen müssen. Er schickte den Affen auf einen Wandertörn. Er sollte mit dem Mönch Xuan Zang nach Indien laufen, um dort Sutren zu holen und so den Buddhismus in China weiter zu verbreiten. Auf die Art war der Affe beschäftigt, aus dem Weg und machte sich obendrein nützlich. Sun zog also mit dem Mönch los, um ihn auf der gefahrvollen Reise nach Westen zu unterstützen. Das lief nicht ohne Verwerfungen ab, aber immerhin brachte er Xuan Zang, der weder sonderlich helle, noch allzu sympathisch gewesen zu sein scheint, wenn man „Der Reise nach Westen“ Glauben schenken mag, inklusive Sutren heile wieder zurück.

Anarchie im kapitalistischen Kommunismus

Aber zurück zum Affenjahr. Die politische Führung Chinas ist natürlich von anarchischen Tendenzen nicht so wahnsinnig begeistert (welche politische Führung ist das schon) und es wird versucht, das Affenjahr stattdessen eher mit dem Verdienen von Geld in Zusammenhang zu bringen. Den Affen sozusagen zu instrumentalisieren, anstatt ihm Zucker zu geben. Zu kapitalisieren. Im Kleinen kann man das hier und da seit jeher im Straßenbild sehen: ein als Affenkönig verkleideter Affe, der artig ein Kunststückchen macht, oder sich auch nur fotografieren lässt und dafür Geld einsammelt. Nicht für sich natürlich, sondern für den Menschen (Buddha?), der ihm das eingebrockt hat. (Und der dahinterstehenden Bettlergilde.)

Sagen wir so: wen man kontrolliert und dressiert, entwickelt nicht seine besten Eigenschaften. Und wenn man alles zu sehr im Griff und unter Kontrolle behalten will, kann es außerdem sein, dass man vor lauter Kontrolle nicht bemerkt, was sich hinter einem im Schatten bildet. Wenn man Pech hat, fliegt einem das dann in so einem ADHS-Jahr alles um die Ohren. Oder bleibt unter dem Berg gefangen. Oder vermehrt brav den Reichtum. Im Jahr des Affen kann eben alles passieren. Vielleicht auch in China.

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