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Rund um die Zeichenschlagmaschine

Das Problem

Ich weiß nicht, ob sich jemand fragt, der nicht Chinesisch oder Japanisch gelernt hat, wie man eigentlich ein Schriftzeichen im Wörterbuch findet. Oder Chinesisch in den Computer schreibt. Oder sich das gerade jetzt fragt, ohne sich davor je Gedanken darüber gemacht zu haben. Ich werde versuchen, diese womöglich neu generierte Frage sogleich zu beantworten.

Nehmen wir die Zeichen 電腦. Heutzutage ist das natürlich ganz einfach. Ich schreibe die Zeichen mit dem Finger auf die Touchscreen meines Telefons, et voilà sagt mir meine App was die Zeichen bedeuten und wie sie ausgesprochen werden. Aber das war natürlich nicht schon immer so.

Radikale und Listen

Die meisten europäisch-chinesischen Wörterbücher beruhen auf der Phonetik und sind alphabetisch aufgebaut. Wenn ich also weiß, wie das Zeichen ausgesprochen wird, aber nicht was es bedeutet, kann ich einfach nachschlagen. Wenn ich das nicht weiß, wird es etwas umständlicher. Zunächst muss mir klar sein, welcher Teil des Zeichens der Radikal ist und damit auf die Bedeutung hinweist und welcher eher die Aussprache definiert. Das ist bei dem ersten Zeichen oben kompliziert, weil es die hier benutzte traditionelle Form gibt und eine verkürzte, die in der VR China geschrieben wird. Aber ich lass das jetzt einfach mal beiseite. Nach einer Weile kennt man seine Pappenheimer und weiß meistens auf Anhieb, welches der Radikal ist. Im obigen Beispiel beim ersten Zeichen der obere Teil. Der bedeutet Regen, was -hier völlig irrelevant- yu ausgesprochen wird. Das ganze hat also mit Wetter zu tun.

Nun zähle ich die Strichanzahl des Radikals, das sind in diesem Fall 8. Mit diesem Ergebnis gehe ich auf die Radikalliste in meinem Wörterbuch, die je nach Alter und System etwas mehr oder weniger Radikale als 200 kennt, zu der Spalte mit den 8strichigen Radikalen und suche unter rund 10 Alternativen nach meinem. Dort steht bei meinem Radikal nun zB 172. Das bedeutet, dass alle Zeichen mit diesem Regenradikal in einer anderen Liste unter der Ordnungszahl  172 zu finden sind. Idealerweise geht auch diese Liste mit ansteigender Strichzahl vor. Der restliche Teil meines Zeichens schreibt sich mit 5 Strichen und da ist das Zeichen auch schon gefunden. Es liest sich „dian“.

Mit diesem Ergebnis kann ich nun vertraut alphabetisch die Bedeutung nachschlagen und an achter Stelle unter dian (im vierten Ton) steht es auch schon. Dian bedeutet Blitz. Oder Elektrizität.

Beim zweiten geht es schon schneller

Das zweite Zeichen finde ich mit Glück dann unter „dian“ als zusammengesetztes Wort, aber ich wollte ja zu Fuß gehen. Also wieder von vorne. Beim zweiten Zeichen ist der vordere Teil der Radikal, der zwar so aussieht wie das Zeichen wie Mond, aber tatsächlich Fleisch („rou“) meint. Es hat also etwas mit dem Körper (und nicht mit Essen) zu tun. Ich zähle die Strichanzahl des Radikals (4), gehe zur Liste der 4strichigen Radikale und werde unter ca 30 4strichigen Radikalen fündig und auf die Nummer 103 in der anderen Liste verwiesen. Ich zähle die restlichen Striche (9) und stoße unter 103-9 schließlich an 13. Stelle auf mein Zeichen und erfahre, dass es sich nao liest. Erleichtert mache ich mich auf in den alphabetischen Teil und siehe da: nao bedeutet Gehirn.

Heureka

Elektrogehirn also. Wenn es mir nun an Fantasie mangelt oder ich zuviel davon habe, schaue ich in der vorherigen dian-Liste nach „diannao“ und erfahre schließlich, dass es Computer bedeutet. Hätte ich vorher bei dian besser geguckt, hätte ich mir den Umweg sparen können, aber da man nie weiß, welche Zeichen zusammen ein Wort bilden, läuft man diesen Umweg bei einem Satz mit vielen Unbekannten doch recht häufig.

Wer bis hierhin durchgehalten hat, kann vielleicht verstehen, wieso eine App bei der man einfach das Zeichen auf die Touchscreen schreibt, einen wochenlang glücklich machen kann. Was sage ich: monatelang!

Damals die Schreibmaschine

Überhaupt machen Computer die chinesische Schriftsprache wesentlich praktikabler. Eine handelsübliche Tastatur hat rund 100 Tasten, im Chinesischen aber -grob vereinfacht- jedes Wort ein eigenes Schriftzeichen. Um vernünftige Texte schreiben zu können, braucht man Zugriff auf etwa 4000-5000 Zeichen. Deswegen war man früher auf wahre Monster von Schreibmaschinen angewiesen. Man fuhr mit einer beweglichen Vorrichtung über einen Setzkasten mit 2000 Zeichen, suchte das richtige raus und schlug dann die Letter mit einem Hebel auf das Papier. Wenn unter den 2000 Zeichen nicht das richtige zu finden war, gab es noch zwei Ersatzkästen, ebenfalls à 2000 Zeichen.

Wie das funktioniert, sieht man hier.

Es leuchtet unmittelbar ein, dass es schneller ging, mit der Hand zu schreiben.

Phonetische Eingabesysteme

Der Computer bietet heute natürlich ganz andere Möglichkeiten. Dabei lassen sich die Eingabearten in akkustische und optische Systeme unterteilen.

Die akkustischen Systeme basieren auf dem gesprochenen Wort, also der Phonetik. Ich habe oben das Wort 電腦  in chinesischer Hochsprache und dem heutzutage in der VR China für die phonetische Erfassung benutzten Pinyin zu diannao transkribiert. Tippt man nun dian auf der Computertastatur ein, werden einem entsprechend der Häufigkeit ihres Vorkommens (und der eigenen Verwendungshäufigkeit) sortiert eine Vielzahl von Zeichen (hier ca 30)  vorgeschlagen, die dian ausgesprochen werden. Dort klickt man das Zeichen für Elektro/Blitz an und schreibt nao, wo das Gehirn vermutlich gleich an erster Stelle kommt, weil diannao eine übliche Kombination ist. Aus diesem Grund kann man auch gleich diannao schreiben und begründete Hoffnung haben, dass der Computer einem das zusammengesetzte Wort gleich in Gänze vorschlägt.

Der Nachteil des phonetischen Systems ist, dass dieses an die Aussprache gekoppelt ist, die sich dialekthalber innerhalb Chinas stark unterscheidet. Für Fremdsprachler ist es natürlich das Mittel der Wahl, denn die lernen ja ohnehin Mandarin. Wegen der vielen Homonyme, also gleichklingenden Silben, muss man allerdings höllisch aufpassen, dass man auch das richtige Wort geschrieben hat und nicht statt “Computer” zum Beispiel völlig sinnlos „Kissenärger“, was genau gleich ausgesprochen wird.

Natürlich gibt es eine Vielzahl solcher Umschriftssysteme. So ist in Taiwan zB Zhuyin oder Bopomofo gebräuchlich, was eigens erfundene, alphabetähnlich funktionierende Zeichen verwendet. Auch gibt es für das in Hongkong und Südchina gesprochene Kantonesisch eigene Umschriften.

Optische Eingabesysteme

Die optischen Systeme gehen von der Zeichenstruktur aus, zT von der Schreibreihenfolge oder der Zusammensetzung der einzelnen Grundformen. Besonders erwähnen möchte ich hier den vergleichsweise überraschend simplen Viereckenindex. Dieser Index wurde in den 1920er Jahren von Wang Yunwu erfunden und diente damals natürlich nicht der Eingabe in den Computer, sondern wiederum dem Nachschlagen von Zeichen in Wörterbüchern. Wang hatte 10 unterschiedliche Strichklassen festgelegt, die mit Ziffern von 0-9 bezeichnet werden. Jeder Ecke wird je nach Strich dann die entsprechende Ziffer zugeteilt, so dass sich aus einer Kombination von 4 Ziffern  eine kleinere Auswahl von Schriftzeichen ergibt. Man tippt also keine phonetischen Laute, sondern Zahlen ein, die sich aus der Optik des Zeichens ergeben. Der Vorteil hierbei ist, dass die Verwechslungsgefahr geringer ist, der Nachteil, dass man sich sehr lange einarbeiten muss. Und natürlich sicher wissen muss, wie ein Zeichen geschrieben wird.

Zwei Seiten einer Medaille

Das klingt jetzt vielleicht unwahrscheinlich, aber wenn man Chinesisch kann, kann man auf die eine oder andere Art sehr schnell in den Computer schreiben. Laut Wikipedia ist die Schreibgeschwindigkeit pro Satz vergleichbar mit der, die man für einen deutschen Satz auf einer deutschen Tastatur braucht. Als Beispiel: für “Gehirn” muss ich 5 Tasten drücken. Für “nao” ganz ähnlich drei Tasten plus den Klick auf das ausgewählte Zeichen. Oder bei “Schreibmaschine“ auf Deutsch 15 Tasten, auf Chinesisch da+klick und zi+klick und ji+Klick (9 Tasten) , bzw einfach gleich daziji (Zeichen-schlagen-Maschine)+Klick (7 Tasten). Für den Viereckenindex müsste ich dafür 5102-3040-4295 eingeben.

Die Folge dessen ist, dass immer weniger Chinesen ihre Schrift noch sicher schreiben können, denn das Schreiben der Zeichen ist eine Art motorische Übung, die gewissermaßen in der Hand gespeichert wird. Und das setzt regelmäßige Übung voraus. Das geht weit über unsere Ermüdung beim ungeübten Handschreiben hinaus, da wir uns unsere paar Buchstaben wohl gerade noch merken können. Der gemeine Chinese und die gemeine Chinesin lernen derzeit also zunächst mühsam die Zeichen zu schreiben, um sie für den aktiven, händischen Gebrauch dann wieder zu verlernen. Aber das hat zumindest den Vorteil, dass sich Fremdsprachler dann weniger dämlich vorkommen.

 

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