Schlagwort-Archiv: Daoist

Tohuwabohu

Nun ist bald wieder Halloween (veralt.: Allerheiligen) mit seinem Transitverkehr von Drüben nach Hüben. Ich vermute, dass das auch in China und Taiwan von einigen gefeiert wird, obwohl dafür eigentlich kein weiterer Bedarf besteht. Denn in Taiwan steht man gewissermaßen immer im Austausch mit der jenseitigen Welt. Und in China war das zumindest früher so. Täglich grüßte man die Ahnen oder stellte ihnen was zu essen hin. Aber weil das Leben -oder der Tod- nicht nur aus Alltag bestehen soll, gibt es auch noch das Gräberfest Qingming im Frühjahr, und den Doppelneunten im Herbst, wo man seine Toten besucht und ihnen noch mehr und besseres Essen anbietet als ohnehin schon. Und damit die Toten auch mal die Möglichkeit haben, diese Besuche zu erwidern, gibt es im siebten Monat des Mondkalenders den Geistermonat. Da gehen die zwischenweltlichen Ventile in die andere Richtung auf. Und am Vollmond dieses Monats, also dem 15.7., da herrrscht dann Hochbetrieb. Keinen Geist der auf sich hält, hält es da zuhause. Heidewitzka. Wer hat, geht Familie besuchen. Der Rest amüsiert sich ohne die bucklige Verwandtschaft. Ich erinnere mich an die viele Warnungen, die ich in Taiwan um diese Zeit erhielt. Keine Wäsche aufhängen (damit sich kein Geist darin verfängt), nicht ans Wasser gehen (damit kein Wassergeist die Gelegenheit erhält, mit mir Rollen zu tauschen), nicht radfahren (viel zu gefährlich), überhaupt nicht am Verkehr teilnehmen (viel zu gefährlich). Am besten gar nicht vor die Tür gehen. (Immer noch gefährlich genug.)

Das chinesische Jenseits ist allerdings keinesfalls geisterhaft unstrukturiert, und schlägt katholische Vorstellungen von Himmel, Hölle und Fegefeuer staatsorganisatorisch um Längen. Da gilt es ja auch verschiedensten Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Für die Buddhisten muss das mit dem Karma geregelt werden. Das allein ist schon unendlich kompliziert. Für die Volksreligion braucht es Vorstellungen von wenigstens posthumer Gerechtigkeit, wofür auch mal Lebende zur Zeugenaussage geholt werden müssen. Und der Konfuzianer fürchtet sich ohnehin am meisten vor Luan, dem Chaos. Also hat er schon aus Selbstzweck dem Totenreich seinen organisatorischen Stempel aufgedrückt. Da gibt es Beamte, Gerichtsverfahren, den Totenkönig, Beförderungsstau, Akten, Karteileichen, Leibstrafen, Warteschlangen, Kompetenzprobleme, Gefeilsche und Bestechung. Im Grunde geht es im chinesischen Totenreich also nicht viel anders zu als im Diesseits. Nur die Strafen fallen drastischer aus und das mit der Korruption geht häufiger nach hinten los. Im Übrigen bleibt man wie gehabt der Obrigkeit unterworfen. Und ob posthum Gerechtigkeit walten wird, ist auch nicht unbedingt gesagt.

Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass sich unter diesen Umständen so mancher Daoist der Unterwelt entziehen und es lieber mit der Unsterblichkeit versuchen wollte. Sei es durch Qigong, Sexualpraktiken, Diät oder Quecksilberpräparate. Gelungen ist es wohl den wenigsten. Und so finden auch diese sich im allgemeinen Getümmel.

Da gibt es Wassergeister, die mal ertrunken sind. Hungrige Geister, die von der Verwandtschaft nicht genug gefüttert werden. Die zwei Unbeständigen, die einen in die Unterwelt geleiten. Die Totenstarren, die sich in einem unappetitlich angewesten Zustand etwa wie unsere Zombies aufführen. Unzählige weibliche Rachegeister, die wahrscheinlich alle gute Gründe für ihre Rachsucht haben und meist weiß gekleidet sind. Andere unerlöste Geister, die sich auch mal wie Heinzelmännchen verhalten. Bananengeister, die einem die Lottozahlen verraten können. Erdgeister, die von ihrer Scholle nicht loskommen. Gehängte, die man an ihren raushängenden Zungen erkennt. Die Kopflosen auf der Suche nach ihrem Kopf. Die aus Papier hergestellten und verbrannten Papierdiener. Die ochsenköpfigen und pferdegesichtigen Wächter der Unterwelt. Die unverheirateten Toten, für die die Lebenden noch Ehegesponse suchen und Geisterhochzeiten abhalten, damit dann Ruhe ist im Karton. Und und und. Und all die, die sich in irgendeinem Zustand des Transits befinden.

Kein Wunder, dass sich alles auf die Sommerferien freut. Einen Monat haben sie also frei und dürfen diese streng organisierte Unterwelt verlassen. Ich finde, das klingt alles sagenhaft deprimierend. Man stelle sich das vor: K. in „Das Schloss“ würde sich aus Verzweiflung umbringen, um dieses gnadenlose Schloss mit seiner Bürokratie loszuwerden. Um sich dann in einer Schlange vor irgendwelchen scheusaligen Beamten unterschiedlichster Zuständigkeiten wiederzufinden. Womöglich mit Wartenummer. Oder nur mit Onlinetermin. Man könnte sich schier die Kugel geben, wenn das nur gerade helfen würde!

Allerdings gibt es einen Ausweg. Und der heißt 聻. (In einer anderen Variante wird das Zeichen unten mit Radikal Geist geschrieben, aber das kennt mein Computer nicht.) Richtig viel habe ich darüber nicht in Erfahrung bringen können. Meine Handyapp behauptet, das Zeichen würde zhan ausgesprochen, aber übersetzen will sie es nicht. Ein Onlineübersetzer ist für die Aussprache Jian, drückt sich aber auch vor einer Übersetzung. Ich greife also zum analogen Medium. Zum Cihai, dem Meer der Wörter, einem „umfassenden“ einsprachigen Wörterbuch, einem Standardwerk, das erstmals 1936 herausgegeben wurde. Doch auch das hält mich zunächst an der kurzen Leine. Jian soll das Zeichen ausgesprochen werden, da ist das Lexikon eindeutig. Aber was soll es bedeuten? Sehe ich unter der Variante mit Geistradikal nach, verweist es mich auf das obige Zeichen. Schaue ich da nach, verweist es auf die vereinfachte Schreibweise. Ich will schon aufgeben, weil ich eine Zirkelverweisung befürchte, doch dann finde ich das entscheidende Zitat aus dem 17. Jahrhundert: Wenn ein Mensch stirbt, wird er zum Geist, wenn ein Geist stirbt, wird er zum Jian. Ich weiß natürlich nicht, wie sich das Leben, oder besser gesagt Dasein eines Jians gestaltet. Vermutlich wird sich dies auch in Zukunft notgedrungen im Bereich spekulativer Wissenschaft bewegen müssen, aber ich bin doch beruhigt, dass es auch für Geister einen Ausweg aus ihrer Bürokratenhölle gibt. Und gerade dass ich sonst gar nichts dazu finde, macht Hoffnung.

Denn dazu fällt mir die schöne Geschichte von Hundun aus dem Buch Zhuangzi, (ca 300 vuZ) ein: „Der Kaiser des Südmeeres war Shu, der Kaiser des Nordmeeres war Hu. Der Kaiser der Mitte war Hundun. (Oder Ungeteiltheit, oder Chaos, oder Tohuwabohu.) Shu und Hu trafen sich häufig bei Hundun und der behandelte sie zuvorkommend. Shu und Hu wollten Hunduns Güte vergelten und sagten: alle Menschen haben sieben Öffnungen mit denen sie sehen, hören, essen und atmen. Nur Hundun nicht. Wir wollen ihm welche bohren. Jeden Tag bohrten sie Hundun eine Öffnung. Am siebten Tag war Hundun tot.“

Nachdem also das Ungeteilte durch zuviel Nachbohren seine Ursüpplichkeit verloren hat und selbst Geister einen Urlaubsmonat brauchen, um sich von all den Geisterstrapazen zu erholen, bleibt Jian als letzte Hoffnung. Wie gut, dass man so wenig darüber weiß.

Merken