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Pingpong

Im 18. Jahrhundert herrschte in Europa eine große Chinabegeisterung, die zur sogenannten Chinoiserie führte. Aus den Schilderungen der Jesuiten-Missionare bastelten sich die Menschen in den Ländern der untergehenden Sonne ein Reich zurecht, das nicht nur unvorstellbar exotisch, sondern auch viel gerechter und intellektueller war, als die eigenen Länder daheim.

Die Beamtenprüfung

Einer der Gründe für diese Begeisterung war das Beamtenexamen, das in China etwa 1300 Jahre lang für die Rekrutierung von Staatsbeamten sorgte. Für das feudal bespaßte Europa war das eine Sensation. Und auch wenn man einräumen muss, dass das kaiserliche China recht weit von einer wirklichen Meritokratie entfernt war, gab es doch immerhin die theoretisch vorgesehene Möglichkeit, durch Wissen und Fähigkeit vom einfachen Bauern in höchste Staatsämter aufzusteigen. Wahrscheinlicher war allerdings der Aufstieg eines Sohnes aus adeligem Hause in eine mittlere Beamtenposition. Und auch das war nicht sehr wahrscheinlich, was daran lag, dass das Bestehen der Examen selbst nicht so wahnsinnig wahrscheinlich war. Den für den Eintritt in den gehobenen Staatsdienst erforderlichen Doktortitel Jinshi erreichte gerademal einer von 3000. Zum Vergleich: die juristischen Staatsexamina in Deustchland heute bestehen etwa 2 von 3, was als ordentliches Aussieben gilt. Immerhin durfte man weiland in China so oft antreten wie man wollte und sich leisten konnte. Man heißt natürlich, dass man keine Frau sein durfte, kein ehemaliger Strafgefangener, Mönch, in Trauer oder etwas ähnlich despektierliches.

Das bisschen Jura

Besonders schlimm muss das alle drei Jahre stattfindende Provinzexamen gewesen sein. Damit war man noch kein Jinshi, aber konnte schon einen niedrigeren Beamtenposten ergattern, oder eben zum Hauptstadtexamen (und in späteren Dynastien noch dem Palastexamen) antreten. Das Provinzexamen entspricht also gewissermaßen dem ersten juristisische Staatsexamen. Das war auch schlimmer als das zweite. Und man kann damit auch schon Rechtspfleger werden. Oder Politiker.

Geschrieben habe ich meins  in der Senatsverwaltung für Justiz. Man hatte aus Anonymisierungsgründen eine Nummer, einen zugewiesenen Tisch, der von den anderen vielleicht 60 Plätzen im gleichen Raum getrennt war und man musste eine Taschen- und Bücherkontrolle über sich ergehen lassen. Wenn man aufs Klo oder zum Rauchen (das durfte man damals noch auf dem Flur) wollte, musste man sich abmelden, was nur gestattet wurde, wenn niemand sonst gleichzeitig unterwegs war. Der Prüfungsbereich durfte erst nach Abgabe der Klausur verlassen werden. Beaufsichtigt wurden wir von vielleicht vier Personen. Das ganze an acht oder neun Tagen, jeweils für fünf Stunden. Die paar anderen hundert Prüflinge schindeten und schunden sich in vergleichbaren Räumen. Als Vorbereitungszeit wird etwa ein Jahr reines Lernen empfohlen. Der reinste Spaziergang also.

Nichts für Warmduscher

Denn für die chinesischen Staatsexamina musste man nicht nur unendlich viel mehr gelernt und memoriert haben, sondern auch guter Konstitution sein. Als ein gewisser Zhang Qian aus Jiangsu 1894 endlich das Palastexamen bestand, hatte er nach eigenem und Wikipedias Bekunden 35 Jahre mit Examensvorbereitungen und 160 Tage in Prüfungshallen verbracht.
So ein Prüfungsbezirk, der ja nur alle drei Jahre gebraucht wurde, hatte die Größe eines ganzen Stadtteils. Er war von einer Mauer mit nur einem einzigen Eingang umgeben. Waren alle drin, wurde die Tür versiegelt. Für die Dauer der drei bis neun Tage dauernden Provinzexamensprüfung blieb jeder der rund 20.000 Prüflinge in seiner kleinen Prüfungskammer. Man muss sich das wie endlose Reihen von Minigaragen vorstellen. Fotos von der vorletzten Jahrhundertwende vermitteln den beklemmenden Eindruck eines riesigen Barackenlagers. Die vielleicht 1,20 m breiten, nach vorne offenen Zellen verfügten über ein Brett zum Sitzen, davor eins um darauf zu schreiben. Vielleicht gab es auch noch ein Regalbrett. Nach einem Tag gründlicher Leibes- und Taschenvisitation ging es los. Man blieb für die Tage der Prüfung in seiner kleinen Prüfungsgarage, egal ob ein Herbststurm durch die Gassen fegte und die Füße im Matsch versanken, oder die Herbstsonne die Steine zum Glühen brachte und die Exkremente zum Himmel stanken. Oder alles gleichzeitig. Zu hoffen war, dass das mitgebrachte Essen und das Fassungsvermögen des Nachttopfes reichten. Nicht zu vergessen das Öl in der Lampe. Zum Schlafen rollte man sich dann auf seiner Sitzbank zusammen, oder wer Ungeziefer und Unrat nicht scheute, auf dem ebenfalls zu knapp bemessenen Boden. Überwacht wurden die Prüflinge von zahlreichen Wachtürmen aus. Sieht man mal von der persönlichen Inkommodität ab, war so eine Prüfung eine beachtliche organisatorische Leistung.

Eine Besonderheit bestand darin, dass Schriftstücke, die beschmutzt, angesengt oder verknittert waren, von vorneherein zum Durchfallen führten, genauso wie Schreibfehler, Durchstreichungen oder nicht richtig proportionierte Schriftzeichen. Man kann sich vorstellen, dass unter diesen Bedingungen makellose Schriftstücke abzugeben allein eine große Hürde war. Wenn ich heutzutage Staatsexamensklausuren korrigiere, bin ich ja schon froh, wenn ich sie halbwegs lesen kann. Aber genug von Mühsal und Pein.

Die Exotikprüfung

Mehr auf die Exotik zielte die Geschichte einer anderen Art Prüfung, die fast 200 Jahre die Chinabegeisterung befeuerte: Turandot.
Ein Drama um eine „chinesische“ Prinzessin, das erst de la Croix (1710), dann Gozzi (1762) und dann Schiller (1811) schrieb, und sowohl Busoni (1917), als auch Puccini (1926) zu Opern inspirierte.

Die chinesische Prinzessin

Dass es sich um eine han-chinesische Prinzessin handelt, ist schon wegen des dreisilbigen Namens extrem unwahrscheinlich. (Abgesehen davon, dass die metikulöse chinesische Geschichtsschreibung nicht sehr viel Raum für pseudohistorische Märchen rund um die kaiserliche Familie lässt.) Es könnte vielmehr ein sinisierter Name einer Mandschurin oder Mongolin sein.
Auch spricht die Geschichte als solche dagegen, dass es sich überhaupt um eine chinesische Prinzessin handelt. Darin weigert sich nämlich die namengebende Prinzessin zu heiraten. Sie will einfach nicht. Nur wenn es einem Bewerber gelänge, drei von ihr gestellte Rätsel zu lösen, wäre sie dazu bereit. Wer versagt, wird geköpft. Ich frage mich unwillkürlich, warum die Schlange der Bewerber angesischts der aufgespießten Köpfe nicht abriss. Weil Turandot so wahnsinnig schön war, heißt es dann.
Das ist natürlich Unsinn. Erstens bekam die Öffentlichkeit chinesische Prinzessinnen gar nicht zu Gesicht. Zweitens wollten wahrscheinlich alle nur zeigen, dass sie schlauer sind als die anderen. Das Gegenteil war der Fall.

Selbst wenn Schönheit vom Hörensagen reichen sollte, so bleibt doch zu bedenken: wenn eine chinesische Prinzessin partout nicht heiraten wollte, und ihr kaiserlicher Vater sie aus irgendwelchen Gründen nicht zwingen wollte, dann wäre sie halt ins Kloster gegangen. Oder hätte die anderen Frauen im inneren Palast wahnsinnig gemacht. Oder Astronomie studiert. Oder ihre Kalligrafie perfektioniert. Oder sich umgebracht. Aber sicher hätte sie nicht mit ihrer persönlichen Befindlichkeit die Hauptstadt in Atem gehalten. Zumal ihr Gemahl ja auch niemals Kaiser geworden wäre. Er wäre halt mit einer Prinzessin verheiratet gewesen, was sicher auch den ein oder anderen Vorteil wie Prestige, Titel etc. gehabt haben mag, aber nicht das Potenzial, um eine opernreife Diana-Charles-Geschichte zu entfesseln.

Kopf oder Pferd?

Wenn sie nun aber keine chinesische Prinzessin war, woher stammte sie dann? Ich lese, die Geschichte gehe auf „Die sieben Schönheiten“ des persischen Dichters Nezami zurück. (Um 1200) Dort soll es eine russische Prinzessin sein. Turandocht wiederum, so steht es an anderer Stelle, bedeute Tochter aus Turan, wobei es sich bei Turan um das Tiefland Turan in Zentralasien handeln soll. Das würde nun eher für eine Usbekin oder Kasachin sprechen. Andere behaupten, bei Turandot handele es sich eigentlich um Khutulun (ca. 1260-1306), eine Nichte Kublai Khans, die wiederum zur Bedingung gemacht hatte, dass ihr zukünftiger Gatte sie im Ringen schlagen müsste. Wem das nicht gelang, musste ihr Pferde schenken, womit man letztlich auch viel mehr anfangen kann, als mit abgeschlagenen Köpfen.  Sie soll auf die Art 10.000 Pferde erwitschaftet haben. So oder so ist die Ursprungsgeschichte wohl etwas westlicher als China anzusiedeln.

Pingpong

Es ist jetzt schon über 10 Jahre her, als ich einmal eine chinesische Adaption von Turandot in Beijing gesehen habe. Wobei chinesische Adaption bedeutet, dass sich die Oper dramaturgisch an Carlo Gozzis bzw Friedrich Schillers Bühnenstück orientierte, musikalisch aber nicht das geringste mit der Oper von Puccini zu tun hatte, sondern im Stile einer chinesischen Oper vertont worden war. So eine chinesische Adaption eines europäischen Dramas einer sogenannten chinesischen Prinzessin, führt zu einem dieser schönen kulturellen Pingpong-Projekte, wo wie in einem Spiegelsaal kreuz über quer projiziert wird. Leider habe ich kein Programmheft aufgehoben, so dass ich nicht sagen kann, ob es in der chinesischen Variante auch die Minister namens Ping, Pang und Pong gab.

Und jetzt zum Mitmachen

Aber was waren nun die kopfgefährdenden Prüfungen? Die folgten keinem festen Kanon. Schiller dichtete beispielsweise für sein Stück, in dem wie üblich nur drei Rätsel zu lösen waren, alleine 14 Rätsel, um das anspruchsvolle und rätselwütige Publikum weiter ins Theater zu locken. Hier ein Beispiel:

Kennst du das Bild auf zartem Grunde,
Es gibt sich selber Licht und Glanz.
Ein andres ists zu jeder Stunde,
Und immer ist es frisch und ganz.
Im engsten Raum ists ausgeführet,
Der kleinste Rahmen faßt es ein,
Doch alle Größe, die dich rühret,
Kennst du durch dieses Bild allein.
Und kannst du den Kristall mir nennen,
Ihm gleicht an Wert kein Edelstein,
Er leuchtet, ohne je zu brennen,
Das ganze Weltall saugt er ein.
Der Himmel selbst ist abgemalet
In seinem wundervollen Ring,
Und doch ist, was er von sich strahlet,
Noch schöner, als was er empfing.

Lösung

Und auch Goethe steuerte eins bei:

Ein Bruder ist’s von vielen Brüdern,
In allem ihnen völlig gleich,
Ein nötig Glied zu vielen Gliedern
In eines großen Vaters Reich,
Jedoch erblickt man ihn nur selten,
Fast wie ein eingeschoben Kind,
Die andern lassen ihn nur gelten,
Da wo sie unvermögend sind.

Lösung

Es ist für das gegenseitige Verhältnis vielleicht symptomatisch, dass von der damaligen Chinabegeisterung nicht viel mehr übrig ist, als Puccinis wunderbare und so wenig chinesische Oper Turandot mit ihren Ministern Ping, Pang und Pong.

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