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Haare auf den Zähnen

Sieht man mal von der Zensur ab, funktioniert das Internet in China nicht viel anders als bei uns. Es gibt Moden, Hypes, Trends, Memes und virale Verbreitung. Ein älteres Beispiel ist das Schriftzeichen jiong 囧, das nicht nur „hell“ oder „Fenster“ bedeutet, sondern ursprünglich auch ein Fenster darstellen soll. Aber der Chinese und die Chinesin von heute sehen etwas anderes darin, nämlich ein trauriges Gesicht. (S.o.) Und als solches wird es in der digitalen Kommunikation als Emoticon verwendet. Als Zeichen für Traurigkeit oder Schock. Und so wurde aus einem Bild ein Wort, und dann aus dem Wort wieder ein Bild. Wenn auch ein anderes.

So etwas kann natürlich schnell zu Missverständnissen führen. Aber dafür braucht man nicht unbedingt das Internet.

Ein ganz besonders schönes und quasi historisches Missverständnisbeispiel stammt aus der Wundertüte chinesischer Stilmittel. Da gibt es platitüdentaugliche Redewendungen die unseren Sprichwörtern ähneln. Sogenannte Sagwörter, die wörtlich übersetzt „Hintenschlafrede“ heißen. Sie bestehen aus zwei Teilen, wobei der zweite in der Regel die Pointe zum ersten darstellt. Beispiele auf Deutsch wären: Wer anderen eine Grube gräbt…  Reden ist Silber … Früher Vogel… Adel…  Schuster… blablabla. Man merkt schon. Den hinteren Teil kann man getrost weglassen. Schlafen lassen. Jeder Muttersprachler könnte den im Schlaf ergänzen. Eines der bekanntesten chinesischen Sagwörter dürfte sein: Der Papiertiger – kann niemanden erschrecken. Dies ist auch ohne die zweite Hälfte leicht zu verstehen. Aber nicht immer ist es so einfach.

Das Missverständnis auf das ich hinaus will, spielt im Jahr 1971 und rankt sich um den amerikanischen Journalisten Edgar Snow.  (Bei Edgar Snow handelt es sich übrigens nicht um den ersten Teil der Hintenschlafrede Edward Snowden.) Kurz vor seinem Tod hatte dieser Snow den großen Vorsitzenden, aka Mao Zedong interviewt.  Dieser labert in dem Interview etwas von einem Mönch und einem Schirm, und Mr. Snow schreibt in seiner Begeisterung, dass sich Mao als „einsamer Mönch mit einem löchrigen Schirm“ begreife. Das klingt nach Bescheidenheit, innerer Größe, Askese und Keuschheit. Damit ist dieser egomane, jungfrauenfressende, eitle, skrupellose und machtgierige Despot nicht sehr gelungen beschrieben. Doch muss man Mao zugestehen, dass nicht er dieses Bild entworfen hatte. Er hatte nur gesagt: „Ein buddhistischer Mönch mit Schirm“. Den B-Teil der Redewendung ließ er einfach mal weg und ich habe tiefstes Verständnis für den Journalisten, dass er sich darauf seinen eigenen Reim machte. Auch wenn dieser von Einsamkeit und Löchern handelte.

Der hintere Teil dieses Sagwortes lautet nun: „keine Haare, kein Himmel“. Was sich darauf bezieht, dass der Mönch glatzköpfig geschoren ist und wegen des Schirmes den Himmel nicht sehen kann. Das könnte natürlich bedeuten, dass Mao auf sein gelichtetes Haupthaar hinweisen wollte und darauf, dass ihm komplett der Durchblick fehlt. Eine kleine selbstironische Schnurre, jovial, wenn nicht gar leutselig ausgebreitet. Doch auch diese Interpretation könnte nicht falscher sein. Und sicherlich hat auch kein Chinese das so verstanden.

Denn der B-Teil meint etwas ganz anderes. Spricht man nämlich „keine Haare, kein Himmel“ nur ganz wenig anders aus, bedeutet der schlafende Teil: „kein Gesetz, kein Himmel“. Hier funktioniert die Bedeutung über die Aussprache, wobei das geschriebene Wort nur der chinesischen Begeisterung für Doppeldeutigkeiten dient. Und damit bedeutet dieses Sagwort eigentlich: kein Gesetz, keinen Gott kennen, oder auch: allen menschlichen und himmlischen Gesetzen zum Trotz. Und wenn Mao in diesen Interviews auch sonst gelogen haben mag, dass sich die Balken biegen, war er an dieser Stelle doch durchaus ehrlich. Er erklärte sich für allmächtig und selbstherrlich. 囧 Nur dass es niemand abendländisches verstanden hat, bis gut 20 Jahre später ein Chinese netterweise auf den Übersetzungsfehler hingewiesen hat.

Natürlich wissen aber auch Chinesen unter sich nicht immer, wovon die Rede ist. Aktuell beschäftigt sich die chinesische Netzgemeinde mit einer wieder anderen Variation des chinesischen Sprachgebrauchs. Seit Ende Februar hat „duang“ das Internet im Sturm erobert. Dieses rein lautmalerische Wort, also gewissermaßen ein Geräusch,  hatte Jackie Chan vor gut einem Jahrzehnt in einem lang vergessenen Werbespot für Antihaarausfallshampoo verwendet. Es war einer dieser Werbespots, in denen der prominente Protagonist sagt, dass er das eigentlich gar nicht machen wollte, weil er nicht Teil von den verlogenen Tricks und Kniffen der Werbung sein will. Aber wegen der Tolligkeit des Produktes dann eben doch macht. Und was soll ich sagen, nach seiner anfänglichen Skepsis war Herr Chan ganz begeistert davon, dass das Shampoo seine Haare so schwarz, glänzend, weich und duang macht. Ganz echt und ohne Trick.  Werbewirksam glücklich schüttelt er dann sein volles, onomatopoetisch geduangtes Haar. Der Mönch mit Schirm hätte mit dem Shampoo sicher nichts anfangen können und wieder nur traurig aus der Wäsche geschaut. 囧

Vor kurzem erschien auf Youku (dem chinesischen Youtube) eine satirische Version dieses Spots. Chan wird dabei unter anderem in den Mund gelegt, seine Haare wären genauso falsch wie der Duangeffekt. Der Spot könnte eine Reaktion darauf sein, dass Chan sich abfällig über Hongkong, Taiwan und die Demokratie geäußert hat, (und das Shampoo krebserregendes Dioxan enthalten soll). Oder aber er soll ihn und seinen neuen Film beaufmerksamen. Das muss notgedrungen offen bleiben. Schließlich gibt es in China nicht nur eine Liebe zur Doppel- Trippel- und Quadrupeldeutigkeit, sondern auch einen Zwang. Die Zensur schläft nie. Und hat weder Haare, noch Himmel. Man sieht, die Themen Haare und Macht bleiben verwoben. Und der Medienprofi Chan nutzt den Hype natürlich längst für sich. Egal wie es gemeint war.

In diesem satirischen Spot wurde das Wort „duang“ erstmals nicht nur gesagt, sondern auch als Untertitel geschrieben. Tatsächlich gibt es aber weder dieses Wort, noch die Silbe „duang“ im Chinesischen. Und das bedeutet, dass man es mangels Alphabet zunächst nicht auf Chinesisch schreiben konnte. Aber in dem insofern nachgiebigeren Latein. Zwar wurde schnell ein Schriftzeichen dafür erfunden, das aus den beiden übereinandergestellten Schriftzeichen von Jackie Chans Namen (Cheng Long 成龙) besteht. Doch auch wenn Duang es schon zu einem Eintrag auf Baidubaike (dem chinesischen Wikipedia) gebracht hat, gibt es das Zeichen dafür bisher nur als Bild, als Logogramm und kann insofern zwar mit der Hand, nicht aber digital in Unicode geschrieben werden. Was dazu führt, dass diese geräuschbasierte, chinesische Wortschöpfung in seiner Heimat, dem Internet, nachwievor mit lateinischen Buchstaben geschrieben werden muss. Die Verwandlung von Laut zu Bild hat also schon stattgefunden. Nur eine Schrift ist es noch nicht geworden.

Was es bedeutet, ist übrigens auch noch offen und so kann man es für alles verwenden.

Mir ist heute zum Beispiel ziemlich duang.

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