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Es war wieder so weit. Die Chinagruppenreise stand an. Wir fuhren nach Sichuan, der Provinz in der man von innen mit Chili und Sichuanpfeffer gewissermaßen gepökelt wird.

Nach daoistischen Bergen und Klöstern, alten Dörfern und Megacities machten wir uns in den tibetischen Kulturkreis auf. Dazu muss man wissen, dass im Grunde nur das tibetische Hochland offiziell Tibet genannt wird. Von diesem allgemein bekannten Hochland müssen die Berge dann runter in die Ebene, und das tun sie üblicherweise in einzelne, separierte Täler gefaltet. In den Faltenwürfen der Gebirge, in diesen unzugänglichen Gegenden, die auf der Südostseite bürokratisch zu Sichuan gehören, leben seit alters her vor allem Tibeter. Und diese speziellen Faltenwurftibeter waren traditionell noch schwieriger regierbar, als ohnehin schon. Dalai Lama, Kaiser, König oder Fürst von nebenan: alle sind einfach sehr fremd und weit weg. Denn der Ort ist schlecht zu erreichen. Also kämpften beispielsweise die aus dem einen Tal gegen die aus dem Nachbartal. Weil die so einen unmöglichen Dialekt sprechen und komische Bräuche haben. Das Maibaumklauprinzip. So lokal-anarchisch ist es natürlich nicht mehr. In Zeiten von Partei, Globalisierung und Internet ist das nicht mehr so angesagt. Und so fuhren wir in eines dieser zahllosen Täler.

Dass diese Gegend auch tibetisch ist, auch wenn die Chinesen sie nicht so nennen, merkten wir spätestens daran, dass wir eine gewisse Miss Hu an die Seite bekamen, die normalerweise als Reiseleiterin in Chengdu mehrmals wöchentlich Touristen zur Pandaaufzuchtstation führt. Aber zur Not übernimmt sie eben auch Gouvernantenjobs. Je weiter wir die Ebene verließen, desto missmutiger wurde unsere Abby Hu. Barbarenland, Barbarenessen. Schauderhaft. Sie war angeblich schon mal da, hatte aber offenbar vergessen, dass dort Shorts und T-Shirt als Bekleidung nicht ausreichen, auch wenn noch so sinnreich „Are you happy?“ draufsteht. Sie war die gelebte Antwort.

Unser Busfahrer Herr Ren war besser ausgestattet, verlor aber ebenfalls zusehends seine Lebensfreude. Vom Herzhaftcholerischen wandelte er sich zum Missmutigcholerischen mit depressiven Episoden. Noch bevor wir den ersten Pass anfuhren, musste er Rast machen, um zu essen. Sich quasi Mut anessen. Vermutlich lag das am Zustand der Straßen, die ihn und seinen Bus vor große Herausforderungen stellten. Für rund 200 km brauchten wir über 10 Stunden. Und für gut unter 200 km auch noch mal.

In Tälern, in die nur eine Straße führt, ist halt schnell mal Schicht im Schacht und Ausweichrouten gibt es keine. Mal hielt uns das Mutanessen auf, mal ein Erdrutsch. So weit, so gut. Der Tag war lang, der Himmel weit, die Chefin im tibetischen Restaurant ausgesucht schön, der Raupenpilzschnaps gesund und der Buttertee köstlich. Wer will da über einen Tag im Bus jammern?

Am nächsten Morgen vertrödelten wir uns in zwei Klöstern und Herr Ren schnaubte schon durch geblähte Nüstern, als er uns -seiner Ansicht nach viel zu spät- auflas. Doch als wir einen über 4000m hohen Pass hinter uns gelassen hatten und der bisher graunasse Himmel aufriss, so dass dieses typische Höhenblau alle Farben zum Leuchten brachte, war er doch bereit, in einem Tal anzuhalten, in dem eine Tibeterin Yakjoghurt verkaufte. Wir schauten, wir kauften, wir aßen, wir genossen. Frohgemut machten wir uns wieder auf den Weg. Um nach etwa 3 km wieder zu stehen.

Aber die Sonne schien, der Stau ließ und an einem Fluss voller Manisteine halten, wir waren entspannt. F und ich marschierten neugierig und voller Bewegungsdrang an den Kopf der Schlange, um zu sehen, was los ist. Es stellte sich als ein Unfall zwischen zwei der unzähligen identischen LKW heraus. Die Polizei war mittlerweile eingetroffen, aber die Schuldfrage noch ungeklärt. Es wurde wild diskutiert, auf die Schäden am Fahrzeug, auf Bremsspuren, auf topografische Gegebenheiten hingewiesen. Dabei wurden die Kontrahenten nicht nur von dem Polizeibeamten begleitet, sondern auch von einer gewissen Anzahl Wartender, die sich auch gerne durch hilfreiche Bemerkungen nützlich machten. Wir schlossen uns dem Pulk an und gingen hin und her und schauten interessiert, beflissen und fachkundig zu, wie alle anderen auch. Nur Bemerkungen machten wir dann doch keine. Irgendwann schien die Sache geklärt zu sein und wir eilten die endlose LKW-Schlange zum Bus zurück, denn wir wären ungern gelaufen, wenn die Kolonne der LKW auf der Gegenspur anfängt, an uns vorbeizukacheln. Trotzdem war die Eile natürlich unnötig. Denn gut Ding will Weile haben.

Schließlich ging es weiter. Immer noch waren wir waren hochgestimmt. Sonne, Höhenluft, Vorwärtsdrang. Unser Busfahrer hatte ein neues Essensziel vorgeschlagen und wir waren einverstanden, denn Hunger und Durst machten sich bemerkbar. Durch die ständige Verfügbarkeit von Essen im Tiefland verwöhnt, hatten wir nicht sehr gut vorgesorgt.

Vielleicht fünf Minuten später zog Regen auf. Ergiebiger Regen. Kurz darauf standen wir wieder im Stau. Die Hochstimmung bekam aprupt Schlagseite. Die Langmut, die sich zuvor so gut angefühlt hatte, überstand diese Prüfung nicht. Was war los? Wir wussten es nicht. Wir waren kurz vor einem Ort und die Asphaltdecke fand dort ein jähes Ende. Das ist wie bei uns. Weil die Kommunen pleite sind, fährt man ab dem Ortsschild plötzlich durch eine Kraterlandschaft. Hier war es nun kein Ortsschild, sondern ein Eingangstor. Das weiß ich, denn trotz mittlerweile ebenfalls aufziehenden Gewitters war ich Teil einer Truppe, die wegen dringender menschlicher Bedürfnisse gezwungen war, den nun schützenden Bus zu verlassen. Die Ansprüche an das Örtchen sanken mit jemandem Schritt, den wir tiefer in den schlüpfrigen, grauen Matsch gerieten beträchtlich. Letztlich taten es ein paar Grünpflanzen am Straßenrand. Bei diesem Ausflug konnten wir feststellen, dass die Straße zwar in einem erbärmlichen Zustand, aber im Übrigen frei war. Warum fuhr dann aber niemand? Schließlich hieß es, dass die Ortsdurchfahrt komplett gesperrt war, um notwendige Straßenarbeiten vorzunehmen. Für noch zwei Stunden in etwa.

Nach Aufwallungen, Streitereien, Empörungen, dem Abklingen des Gewitters, dem Ablauf einer guten Stunde und des Aufbrauchens letzter Wasserreserven, beschloss der Großteil durch den Matsch in den Ort zu laufen, um dort etwas zu essen. Gesagt, diskutiert, verworfen, wiederaufgegeriffen und getan. Aber es galt: sollte es losgehen, lassen alle ihre Stäbchen fallen und springen in den Bus sobald der auf Höhe unserer Lokalität auftaucht.

Nun reiste in unserer Gruppe die Chinesin X mit. Schon in der Theorie war es schwierig, ihr diesen Plan plausibel zu machen. Ein Essen stehenlassen? Sie warf die potenziell gekränkten Gefühle des Kochs als Pfand in die Runde. Nun ja. Aber natürlich hofften wir alle, Zeit für ein ausgedehntes Gelage zu haben. Miss Hu und ein paar andere blieben gleich im Bus. Wir glipschten also erneut durch den grauen Schlamm und nicht nur ich versank knöcheltief. Es war kalt und nass und dreckig. Aber im Lokal gab es Tee, Bier und die Aussicht auf warmes Essen. Die Stimmung stieg.

Zeitgleich setze sich die LKW-Kolonne in Bewegung. War ja klar! Also kein Essen. Wir bekamen ein paar Schälchen Reis eingepackt und mussten X förmlich aus dem Lokal schleifen. Ich glaube, sie unterwarf sich lediglich dem Gruppendruck und weniger dem Gedanken, dass es vielleicht eine schlechte Idee sei, einen Bus auf einspuriger Piste halten zu lassen, weil ein paar Leute etwas essen wollen. Glücklich über die paar Schlucke heißen Tees – man wird ja bescheiden-, stiegen wir wieder ein und verteilten grauen Schmodder im Bus. Viel grauen Schmodder.

Und die Stirnfalten des Herrn Ren wurden tiefer und tiefer. Tief wie die tibetischen Täler wurden sie beim Fahren durch die tiefen Schlaglöcher auf der schlammigen Straße. Auch wir hielten den Atem an. Beim nächsten Halt schimpfte, grummelte und zeterte er die halbe Stunde, die er zum Feudeln des Busses brauchte ununterbrochen. Laut und ungebremst.Weil ein verschmutzer Bus so gefährlich sei. Der Schlamm war auch in die Kofferräume gedrungen und so konnte dort noch ein wenig weitergefeudelt und geschimpft werden. Irgendwann erreichten wir im Dunkeln offenbar die Kulturgrenze zu Tibet, denn nun wurden Pässe kontrolliert und Miss Hu hatte ihren einen Einsatz. Danach dauerte es nur noch einige wenige Stunden und wir waren auch schon da.

Der Zwiespalt zwischen dem Wunsch bequem und einigermaßem zügig voranzukommen und dem Gefühl unangemessenen und mit untauglichen Mitteln einzudringen, war groß. Selten habe ich den Widerspruch zwischen China und Tibet unmittelbar so stark erlebt. Die Mühsal des Zusammentreffens, des Austausches. Zu fühlen, dass einen das eigene Interesse treibt, während einem die Gegebenheiten lästig sind. Gleichzeitig wird auf der Klaviatur des Widerspruchs zwischen Moderne und Tradition, Technik und Natur gespielt, wobei die Fronten in diesen Fällen sicher nicht zwischen Chinesen und Tibetern verlaufen. Das Faktische ringt einen mal ganz schlicht und ergreifend zu Boden. Dabei war noch nicht einmal etwas passiert.

Diese große Unzulänglichkeit konnte ich dann ganz bequem mit einer viel kleineren bekämpfen. Miss Hu hatte nämlich Geburtstag. Ihr eigentlicher Wunsch, mit X eine kleine Tour durch die Gemeinde zu machen, wurde durch herabstürzende Wassermassen und der Ferne der Gemeinde (etwa 2km) vereitelt. Die Alternative war eine Runde Mahjong, wofür es vier Spieler_innen braucht. M und ich erklärten uns bereit. Wir nahmen an einem dieser automatischen Mahjongtische Platz, die offenbar auch ihren Weg in das tibetische Sichuan gefunden hatten und für die man wie bei uns für einen Billardtisch zahlt. Während oben die neue Runde schon gespielt werden kann, werden die alten Steine unten gemischt und in eine Mauer sortiert. Technisch und effizient. Autobahnen statt Bergstraßen.

Zunächst diskutierten Hu und X eine Weile, denn natürlich wird in den Städten Chengdu und Taoyuan nach unterschiedlichen Regeln gespielt. Aber nachdem eine Art „Ohne-Neunen“-Regel erbittert umkämpft worden war, gab Hus Geburtstag dann den Ausschlag. Wir spielten also Chengdu-Style. Ich war erst komplett im Stress und als ich andere auch wieder wahrnehmen konnte, voller Bewunderung für M, die chinesisch weder lesen noch sprechen konnte und es trotzdem irgendwie schaffte mitzuspielen und ihre Steine anzusagen. Steine auf denen weder arabische Zahlen, noch lateinische Buchstaben stehen. Hu bespielte nebenbei noch gelangweilt ihr Smartphone, denn die Chengduer spielen eigentlich so, als wäre es ein Wettrennen.

Doch all das nützte ihr nichts. Nach einem ersten Erfolg gewannen nur noch X und ich. M bekam von mir den Preis für herausragende Anpassung an schwer begehbares Gelände. Hu rauschte missmutig ab.

Doch am nächsten Abend gewann sie unsere Sympathie zurück. Völlig überraschend gesellte sie sich mit einem Bier zu uns. Erst erzählte sie, dass sie gerne Sketche von Anke Engelke im Internet ansähe, weil diese Art über das Geschlechterverhältnis Witze zu machen, für Chinesinnen ganz und gar unmöglich sei. Dann berichtete sie von ihrer unglücklichen Liebe und dem Heiratsstress, den ihre Mutter ihr mache. Von den endlosen arrangierten Treffen. Und dann gestand sie noch, dass sie Fotos von unserem Spiel gepostet hätte. Dieser Nachklang war offenbar viel erfolgreicher als das Spiel selbst und schließlich räumte sie auch ein, dass sie behauptet hätte, die Gewinnerin des Abends gewesen zu sein. Denn: was zuviel ist, ist zuviel.

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Die süßesten Früchte

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Die Gruppe

Es war mal wieder so weit. Meine jährliche Chinareise mit dem besten Reiseleiter der Welt stand an. Diesmal gab es hochstudierte Historiker zu bespaßen. Denn diese entschieden sich -auch wegen gewisser verwandschaftlicher Bezüge des Professors G zum besten Reiseleiter der Welt (Mann der Schwester der Mutter)- ihre Exkursion heuer ins Land der Mitte zu unternehmen. Und wie das mit Akademikern so ist: allein das Einsammeln der Gruppe dauerte etwa 4 Tage.

Zhou-Dynastie

Thematisch angebracht arbeiteten wir uns langsam durch die Dynastien, mit einem kleinen Akzent auf den damaligen Hauptstädten. Höchst spekulativ fuhren wir dementsprechend zu den Relikten von Fenghao in der Nähe von Xi´an. Kein normaler Mensch fährt da hin. Und es war auch nicht gar so leicht. Die eine Straße war blockiert durch einen Erdhügel, auf den unser Bus auf jeden Fall aufgesetzt hätte. Die zweite Zufahrt war durch taktisch eingegossene Betonwürfel versperrt und das ganze spielte sich völlig in der Pampa ab. Der Grund für diese Straßensperren erschloss sich uns nicht. Das Gute daran war aber, dass unser Rangiere und Überlege die örtliche Dorfbevölkerung auf den Plan rief, die unseren Busfahrer mit Tipps versorgte und der Bus nach einem komplizierten Rangieren auf Feldwegen tatsächlich weiterfahren konnte. Zu einem Ort, dessen Wichtigkeit höchst umstritten ist. War es eine Hauptstadt der Zhou oder nur ein vorübergehendes Heerlager? Wer will das bei Frühgeschichte wirklich wissen können?

Zu sehen gab es jedenfalls zunächst ein verschlossenes Museum. Doch die Ankunft von 16 Westlern konnte nicht lange ohne Reaktion bleiben und uns wurde aufgetan. Drinnen gab es eine Grube und in der lagen zwei versteinerte Pferdewagen nebst Pferden. Ein Zweispänner und ein Vierspänner. Vor tausenden von Jahren wurden sie begraben. Und nun zur Schau gestellt. Das fühlt sich falsch an, aber sehen will man es dann doch. Obszön und faszinierend zugleich.

Qin Shi Huangdi

Die nachfolgende Qin-Dynastie ließ sich da leichter verorten. Ich sage nur: Terrakottaarmee. Und man kommt nicht umhin festzustellen, dass der berühmte und berüchtigte erste chinesische Kaiser Qin Shi Huangdi, dieser Despot, der Bücher verbrannte und Gelehrte lebendig begraben ließ (man sieht schon, inwiefern er Mao als Vorbild diente), der schon im Teenageralter mit dem Bau seiner auf 56 km² ausgedehnten Grabanlage begonnen hatte, dass der zu seinem Schutz nur noch Pferdenachbildungen vergraben ließ und keine echten Pferde mehr. Das ist soweit doch immerhin eine erfreuliche Kulturleistung. Aber lebensgroß, das mussten sie natürlich schon sein.

Allerdings wurde sein Grab selber noch nicht geöffnet. Man soll also den Kaiser nicht vor der Exhumierung loben. Der Hügel erhebt sich pyramidal aus der flachen Landschaft und der zentrale Teil soll angeblich nie geplündert und noch nie geöffnet worden sein. Von unterirdischen Quecksilberflüssen mit Goldenten munkelt der berühmteste Historiker Chinas, Sima Qian (ca. 100 vChr), von Edelsteinen als Sternen und Zugängen gepflastert mit Selbstschussanlagen. Also von Quecksilberflüssen und Edelsteinsternen schreibt er. Woher das mit den Goldenten und Selbstschussanlagen stammt, weiß ich jetzt auch nicht. Vielleicht aus einem Indiana Jones Drehbuch.

Doch meine ganze Neugier nützt nichts. Sie machen das Ding einfach nicht auf. Entweder weil drumrum noch so viel anderes auszubuddeln und zu restaurieren ist. Oder weil man auf bessere Erhaltungsmöglichkeiten nach noch mehr technischer Entwicklung hofft. (Die Terrakottaarmee verlor im Nullkommanichts ihre Farbe, als sie ausgebuddelt wurde. Ein Problem, dass erst 2004 mit bayerischer Hilfe gelöst wurde.) Vielleicht aber auch, weil man sich irgendwie Sorgen macht, was passiert, wenn die Reichsleiche ausgebuddelt wird, wie unbeliebt sie auch immer gewesen sein mag. Vielleicht sollte man zuvor mal testen, wie sich die Dinge entwickeln, wenn man Maos Leichnam aus seinem Maosoleum entfernt und das Ding abreißt.

Das Obst

Unser persönlicher Kaiser, Professor G, verlangte von uns erfreulicherweise weder den Bau einer großen Mauer, ließ Bücher aller Art gelten und an ein Mausoleum wurde nicht einmal gedacht. So weit so gut. Doch als wir in einer ziemlich spekulativen Nachbildung des mutmaßlichen Palastes von Qin Shi Huangdi (bürgerlich hieß er übrigens Ying Zheng) waren, gelüstete es ihn nach einer Persimone. Die Bäume standen voll damit. Wie Obst es üblicherweise so macht, wuchsen die Früchte auch hier zu hoch. Runterwerfen, das war die nahe liegende Idee. M nahm also einen Ast und warf. Dabei stellte sich heraus, dass M zwar stark, das Holz aber schwach war und so schob sich ein Teil des Astes mit ganzem Wurfschwung in die Hand von M. Zunächst versuchte unsere glücklicherweise mitreisende Ärztin A per Taschenmesser das Holz aus der Hand zu entfernen. Kaum jemand merkte, dass wir es mit einem veritablen Vorgang zu tun hatten, denn M verzog kaum eine Miene. So ganz ohne Desinfektionsmittel waren der OP trotzdem schnell Grenzen gesetzt. M war offenbar noch wurfgewaltiger als gedacht und das Holz sehr tief in seiner Hand verschwunden.  Es blieb uns also nichts anderes übrig und wir brachen den historischen Teil des Tages ab, und besichtigten stattdessen ein Krankenhaus. Wir, das waren Ärztin A, um nach dem Rechten zu sehen, ich zwecks Dolmetschung, J als Beziehung und natürlich M als Patient. Ohne ihn hätte es ja kaum Sinn gemacht.

Krankenhaus

Gleich zu Anfang liefen wir in die Arme einer barmherzigen Schwester, die uns unermüdlich durch die komplexen Strukturen des Krankenhauses begleiten sollte. Erst mussten wir zur Kasse und eine Anmeldegebühr bezahlen. Dann gingen wir zu einem Büro, in dem die Zuständigkeit für dieses spezielle Problem geklärt wurde. Das Interesse daran war groß und es kamen auch ein paar Leute aus angrenzenden Büros herein und besahen sich fachkundig die äußerlich nahezu unversehrt wirkende Hand von M. Alle durften mal fühlen und schließlich kristallisierte sich eine einhellige Meinung heraus, der wir uns anschlossen: wir sollten in die Chirurgie. Daraufhin führte uns die Schwester über einen Hof zu einem anderen Gebäude und dort zu einem Lift, der etwa alle halbe Jahr einmal kam. In gemütlicher Geselligkeit mit Kranken, Invaliden, Angehörigen und Personal, warteten wir, drängelten uns und fuhren hoch zur Chirurgie. Dort besprachen wir mit einem Arzt am Tresen im Flur die konkreten Maßnahmen. Abgesehen von einem kleinen Disput über den Sinn und Unsinn einer Röntgenaufnahme im speziellen Fall, einigten wir uns auf aufschneiden und rausholen. Dieses Ergebnis wurde notiert, umgerechnet und mit einer Codenummer versehen. Mehrfach wurde uns versichert, dass es sich dabei nicht um den Preis handelte, denn dann wäre es ganz schön teuer geworden. Dr. As mehrfach geäußerter Wunsch, einfach schon mal etwas Desinfektionsmittel über die Wunde zu schütten, verhallte zwar nicht ungehört, aber unerhört. Alles der Reihe nach.

Mit dieser Nummer fuhren also die Schwester, J und ich wieder mit diesem halbjährlichen Lift runter. Auf dem Weg in das andere Gebäude hielten wir hin und wieder an, da unsere barmherzige Schwester hier und da helfend eingriff. Das war ein schöner Zug von ihr und auch wir hielten mal einen Plastikvorhang auf oder schoben einen Rollstuhl über eine Schwelle. Mir ist nicht ganz klar, ob das Ganze genau so abgelaufen wäre, wenn M heftig geblutet und/oder vor Schmerzen gejault hätte. Aber M, den wir oben zurückgelassen hatten, war so ruhig, als sei er auf Krankenbesuch und fügte sich zwanglos in die ebenfalls eher stoischen chinesischen Patienten ein. Schließlich erreichten wir wieder die Kasse, wo wir nach Vorlage des Zettels mit der Codenummer zur Zahlung von etwa 15 € aufgefordert wurden. Dafür bekamen wir eine dieser typischen, hauchdünnen Quittungen, deren äußere Substanzlosigkeit völlig außer Verhältnis steht zu ihrer Wichtigkeit. Die windige Quittung fest in der Hand gingen wir nach Entrichtung des Obolus´diesmal zu einem anderen Lift, der nicht so groß und nicht so bekannt sein sollte. Ein Geheimtipp unserer neuen Freundin, der Schwester. Dort wartete dann aber nicht der Lift, sondern der Vorführeffekt auf uns, denn auch hier warteten wir mindestens genauso lange.

Operation

Als wir wieder oben ankamen, konnte es im Prinzip losgehen. Wir gaben die Quittung am Tresen ab, holten Ärztin und Patient ab und folgten dem Arzt in das Behandlungszimmer. Die nette Schwester verabschiedete sich nun leider. Ob sie wirklich mit allen Neupatienten stundenlang durch´s Haus läuft? Das ist kaum vorstellbar. Im Behandlunsgzimmer mussten wir alle gleichermaßen überrascht feststellen, dass in den Lampen die Birnen fehlten. Vielleicht sind Glühbirnen in China mittlerweile auch verboten? Macht nichts, fand dann der Arzt, er kann auch ohne Licht genug sehen. Immerhin war Tag. Er gschaftelhuberte noch eine Weile herum, ging und kam, schaute erneut in die -oh Wunder- immer noch leeren Lampenschirme, ging und kam wieder. Was genau er eigentlich tat, blieb uns verborgen. Dr. A, J und ich waren aus unterschiedlichen Gründen aufgeregt, M saß still auf seinem Stuhl. Die Ruhe selbst.

Schließlich hielt mir der Arzt einen Zettel unter die Nase, denn ich sollte unterschreiben, dass das Krankenhaus nichts dafür kann, wenn sie trotz brillanter Arbeit womöglich ein Staubkorn in der Wunde übersehen. Das Thema hatten wir vorher schon mehrfach diskutiert und ich unterschrieb. In meiner Funktion als was eigentlich? M nahm auch das recht gelassen hin. Doch dann erklärte ich dem Arzt, dass A eine Kollegin von ihm sei, um ihre ständige Einmischung zu erklären und mit angemessener Kompetenz auszustatten. Der Arzt bot daraufhin A an, die OP selbst vorzunehmen. Erst jetzt wurde M nervös. Nicht wegen A, denn die lehnte dankend ab, sondern weil der Arzt dadurch etwas von seiner Kompetenzaura verlor.

Der Arzt verschwand noch ein letztes Mal, doch dann ging es endlich los. Ein Betäubungsmittel wurde gespritzt und ich verzog mich ans Fenster und sah äußerst interessiert hinaus, weil ich Rumgewurschtel mit einem Messer ausgerechnet IN der Hand wirklich nicht ertragen kann, J lief auf und ab wie ein aufgescheuchtes Huhn, weil es ihr im Prinzip nicht viel anders ging, Dr A redete englisch auf den Arzt ein und nach Ankunft eines zweiten Arztes (genaugenommen also eines Dritten) auch auf diesen.

Sie versorgte uns mit beruhigenden Nachrichten, dass die Jungs im Prinzip etwas von ihrem Handwerk verstanden. Nur dass das Blut auf das alte Holzpult tropfte, worauf M seine Hand abgelegt hatte, fand sie aus Sterilitätsgründen verbesserungswürdig. Mitten im Geschnippel erschien eine Schwester und wollte uns alle des Zimmers verweisen. Das hätte sie sich nun wirklich früher überlegen müssen. Wir reagierten einfach nicht. Sie versuchte es noch ein paar Mal, gab aber schließlich auf. Als wir schon nahe daran waren, alle Hoffnung aufzugeben, brachten die zwei Ärzte endlich das 2cm lange Stück Holz wieder zur Welt.

Nachsorge

Wir freuten uns, klatschten (außer M) und machten Fotos. Die Wunde wurde gesäubert, desinfiziert, genäht, verbunden und was man dann noch alles so macht. Nun holten auch die Ärzte und Schwestern ihre Kameras oder Fotohandys und wir posierten in allen möglichen Konstellationen.

Noch waren wir allerdings nicht fertig, denn die Nachbehandlung blieb zu klären. Ich verstand eine ganze Weile gar nichts. Doch irgendwann kam heraus, dass mit Kaputte-Wunde-Wind Tetanus gemeint ist. Es war an alles gedacht. Es blieb nur noch der Austausch von Emailadressen zu vollziehen und zum Abschied wurde mir Ms Krankenversicherungsheft in die Hand gedrückt, das die Behandlung, den Durchschlag der Quittung und den von mir unterschriebenen Haftungsausschluss enthielt. Erleichtert zogen wir ab, allerdings zügig über die Treppe. Die weitere Nachsorge bestand vor allem in literweise Bier.

Am nächsten Tag gab es dann für ein paar Groschen körbeweise Persimonen zu kaufen.