Kategorie-Archiv: Unsterbliche

Das Jahr des Affen

Das Jahr des Affen hat begonnen und wie man sich vorstellen kann, soll es eher turbulent werden. Denn Affen gelten als schlau, agil, liebenswürdig und respektlos. Sie sind mutig und haben vor nichts Angst. Okay, mutig ziehe ich zurück. Mutig kann ja nur sein, wer sich fürchtet.

Die Elemente

Noch dazu wechselt das Element von Holz zu Feuer. Noch mehr Energiezufuhr. Also insgesamt Energie, Kreativität, Lebensfreude, Dynamik, Neugier und Rücksichtslosigkeit. Aber, so lese ich, da der Affe zum Westen gehört und das Yang-Feuer damit die untergehende Sonne symbolisiert, gibt es auch eine gewisse Kompromissbereitschaft. Zumindest verglichen mit dem Yang-Holz der letzten zwei Jahre. Denn so ein stur stehender Baum schwört mit seinem unflexiblen Starrsinn Zwiderwurz gewissermaßen geradezu herauf. Und weniger Widerstand heißt weniger Gewalt. Oder kürzere. Oder strohfeurigere.

Die ganze Vorhersage für das Jahr lässt sich ohnehin wahnsinnig gut mit einem Klick ändern. Einfach auf eine andere Seite mit Vorhersagen gehen. Und schon ist alles anders. Wie heißt es so schön: In Drachenjahren finden große Ereignisse statt, in Ziegenjahre fallen Unglücke und in Affenjahren kann alles passieren.  Ein Jahr mit ADHS.

Die Legende

In China verbindet man mit dem Affen insbesondere den Affenkönig Sun Wukong, eine durch und durch anarchische Gestalt. Ein Trickster reinsten Wassers.  „Als steinernes Ei aus einem Felsen geboren, befruchtet vom Wind, geschaffen aus den reinen Essenzen des Himmels, den feinen Düften der Erde, der Kraft der Sonne und der Anmut des Mondes“, wie es in „Die Reise nach Westen“, einer der beliebtesten Legenden in China heißt. Wenn auch vermutlich weniger in ihrer Fassung aus dem 16. Jahrhundert, sondern eher als Comic, Anime oder Film.

Der Affenkönig wurde unsterblich und nebenbei unverwundbar, weil er der Königinmutter des Westens die Pfirsiche der Unsterblichkeit gestohlen hatte. Sich durch ihren Obstgarten gefuttert hatte, den er eigentlich bewachen sollte. Und das bei einer Reifezeit der Pfirsiche -je nach Sorte und Wirkgrad- von 3000 bis 9000 Jahren. Anschließend schlug er noch völlig breit beim guten alten Laozi auf und vertilgte zu allem Überfluss dessen Unsterblichkeitspillen. Der Ärger war natürlich groß, der Skandal perfekt, aber unsterblich ist eben unsterblich. Auch sonst verfügte Sun Wukong über ein ganzes Arsenal magischer Fähigkeiten, wie Gestaltwandlung, Fliegen, Vervielfältigung seines Kampfstockes etc.pp. Dadurch war es praktisch unmöglich geworden, ihn in Schach zu halten.

Unsterblichkeit ist aber nicht immer von Vorteil. Ich schätze, Prometheus kann ein Lied davon singen. Ein recht qualvolles. Und so wurde auch Sun, der sämtliche Himmel, Paradiese, Höllen und Unterwelten Chinas in Unordnung stürzte und der lieben Herrlichkeit dreist auf der Nase herumtanzte, durch eine List von Buddha gefangen und die nächsten 500 Jahre unter dem Berg der 5 Elemente gefangen gehalten. Da drückt dann nicht nur der Berg, sondern auch die vermaledeite Unsterblichkeit. Es ist historisch allerdings etwas sonderbar, dass es einem davor nur wenig bekannten und nur mäßig einflussreichen Buddha gelang (schließlich muss das so gegen 300 nuZ gewesen sein und damals gab es China noch kaum Buddhisten), diesen Affen einzusperren, was dem versammelten altchinesischen Götterhimmel vorher nicht gelungen war. Aber vermutlich müssen da glaubensbedingt einige Abstriche hingenommen werden. Buddhaganda gewissermaßen.

Buddhistischer Strafvollzug

Jetzt stellt sich die Frage, wie sinnvoll diese Maßnahme war, aus heutiger Sicht betrachtet. Moderne Strafsysteme verfolgen grob vier Ziele: Generalprävention,  Genugtuung, Schutz der Allgemeinheit und Resozialisierung/Spezialprävention.

Generalprävention heißt, dass andere abgeschreckt werden sollen, sich genauso aufzuführen. Das kann bei unserem Affen keine Rolle spielen, schließlich handelt es sich bei Sun um eine ziemlich singuläre Erscheinung. So häufig gebären Steine keine Affen. Und solche schon gleich gar nicht. Die wenigsten dürften in der Lage sein, ähnlich gegen bestehende Ordnungen zu verstoßen.

Genugtuung ist grundsätzlich ein problematischer Strafzweck, da nicht so leicht von schlichter Rache zu unterscheiden. Und genügt eine 500jährige Haft, wenn es unter anderem um den Diebstahl von Pfirsichen ging, von denen schon ein einziger 9000 Jahre zur Reife braucht?

Schutz der Allgemeinheit war hier sicher das vorrangige Ziel. Die Götterwelt war ordentlich angepisst und wollte endlich ihre Ruhe haben. Das konnte sie haben. 500 Jahre eitel Ordnung und Sonnenschein. (Wenn nur nicht dieser Parvenue von Buddha gewesen wäre.) Aber konnte man den Affen auf ewig unter dem Berg versauern lassen? Lebenslängliche Haft beißt sich mit der Menschen- und sicher auch Affenwürde. Außerdem ist lebenslang für Unsterbliche einfach wahnsinnig lang.

Aber Buddha wäre nicht Buddha, wenn er es nicht auch mit einer Resozialisierungsmaßnahme versucht hätte. Das bloße Hocken unterm Berg nützt zur Wiedereingliederung (oder meinetwegen Ersteingliederung) in die Gesellschaft natürlich wenig. Das macht so einen Affen höchstens noch hibbeliger. Der Jugendstrafvollzug und Jugendämter waren damals noch nicht erfunden und der Affe auch schon viel zu alt dafür. Bei konservativer Schätzung muss er nach den 500 Jahren etwa 850 gewesen sein. Aber Buddha hatte eine vergleichbare Idee, wie straffällige Jugendliche auf ein Segelschiff zu pferchen, wo sie sich ganz existenziell mit den Lebensanforderungen auseinandersetzen müssen. Er schickte den Affen auf einen Wandertörn. Er sollte mit dem Mönch Xuan Zang nach Indien laufen, um dort Sutren zu holen und so den Buddhismus in China weiter zu verbreiten. Auf die Art war der Affe beschäftigt, aus dem Weg und machte sich obendrein nützlich. Sun zog also mit dem Mönch los, um ihn auf der gefahrvollen Reise nach Westen zu unterstützen. Das lief nicht ohne Verwerfungen ab, aber immerhin brachte er Xuan Zang, der weder sonderlich helle, noch allzu sympathisch gewesen zu sein scheint, wenn man „Der Reise nach Westen“ Glauben schenken mag, inklusive Sutren heile wieder zurück.

Anarchie im kapitalistischen Kommunismus

Aber zurück zum Affenjahr. Die politische Führung Chinas ist natürlich von anarchischen Tendenzen nicht so wahnsinnig begeistert (welche politische Führung ist das schon) und es wird versucht, das Affenjahr stattdessen eher mit dem Verdienen von Geld in Zusammenhang zu bringen. Den Affen sozusagen zu instrumentalisieren, anstatt ihm Zucker zu geben. Zu kapitalisieren. Im Kleinen kann man das hier und da seit jeher im Straßenbild sehen: ein als Affenkönig verkleideter Affe, der artig ein Kunststückchen macht, oder sich auch nur fotografieren lässt und dafür Geld einsammelt. Nicht für sich natürlich, sondern für den Menschen (Buddha?), der ihm das eingebrockt hat. (Und der dahinterstehenden Bettlergilde.)

Sagen wir so: wen man kontrolliert und dressiert, entwickelt nicht seine besten Eigenschaften. Und wenn man alles zu sehr im Griff und unter Kontrolle behalten will, kann es außerdem sein, dass man vor lauter Kontrolle nicht bemerkt, was sich hinter einem im Schatten bildet. Wenn man Pech hat, fliegt einem das dann in so einem ADHS-Jahr alles um die Ohren. Oder bleibt unter dem Berg gefangen. Oder vermehrt brav den Reichtum. Im Jahr des Affen kann eben alles passieren. Vielleicht auch in China.

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Tohuwabohu

Nun ist bald wieder Halloween (veralt.: Allerheiligen) mit seinem Transitverkehr von Drüben nach Hüben. Ich vermute, dass das auch in China und Taiwan von einigen gefeiert wird, obwohl dafür eigentlich kein weiterer Bedarf besteht. Denn in Taiwan steht man gewissermaßen immer im Austausch mit der jenseitigen Welt. Und in China war das zumindest früher so. Täglich grüßte man die Ahnen oder stellte ihnen was zu essen hin. Aber weil das Leben -oder der Tod- nicht nur aus Alltag bestehen soll, gibt es auch noch das Gräberfest Qingming im Frühjahr, und den Doppelneunten im Herbst, wo man seine Toten besucht und ihnen noch mehr und besseres Essen anbietet als ohnehin schon. Und damit die Toten auch mal die Möglichkeit haben, diese Besuche zu erwidern, gibt es im siebten Monat des Mondkalenders den Geistermonat. Da gehen die zwischenweltlichen Ventile in die andere Richtung auf. Und am Vollmond dieses Monats, also dem 15.7., da herrrscht dann Hochbetrieb. Keinen Geist der auf sich hält, hält es da zuhause. Heidewitzka. Wer hat, geht Familie besuchen. Der Rest amüsiert sich ohne die bucklige Verwandtschaft. Ich erinnere mich an die viele Warnungen, die ich in Taiwan um diese Zeit erhielt. Keine Wäsche aufhängen (damit sich kein Geist darin verfängt), nicht ans Wasser gehen (damit kein Wassergeist die Gelegenheit erhält, mit mir Rollen zu tauschen), nicht radfahren (viel zu gefährlich), überhaupt nicht am Verkehr teilnehmen (viel zu gefährlich). Am besten gar nicht vor die Tür gehen. (Immer noch gefährlich genug.)

Das chinesische Jenseits ist allerdings keinesfalls geisterhaft unstrukturiert, und schlägt katholische Vorstellungen von Himmel, Hölle und Fegefeuer staatsorganisatorisch um Längen. Da gilt es ja auch verschiedensten Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Für die Buddhisten muss das mit dem Karma geregelt werden. Das allein ist schon unendlich kompliziert. Für die Volksreligion braucht es Vorstellungen von wenigstens posthumer Gerechtigkeit, wofür auch mal Lebende zur Zeugenaussage geholt werden müssen. Und der Konfuzianer fürchtet sich ohnehin am meisten vor Luan, dem Chaos. Also hat er schon aus Selbstzweck dem Totenreich seinen organisatorischen Stempel aufgedrückt. Da gibt es Beamte, Gerichtsverfahren, den Totenkönig, Beförderungsstau, Akten, Karteileichen, Leibstrafen, Warteschlangen, Kompetenzprobleme, Gefeilsche und Bestechung. Im Grunde geht es im chinesischen Totenreich also nicht viel anders zu als im Diesseits. Nur die Strafen fallen drastischer aus und das mit der Korruption geht häufiger nach hinten los. Im Übrigen bleibt man wie gehabt der Obrigkeit unterworfen. Und ob posthum Gerechtigkeit walten wird, ist auch nicht unbedingt gesagt.

Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass sich unter diesen Umständen so mancher Daoist der Unterwelt entziehen und es lieber mit der Unsterblichkeit versuchen wollte. Sei es durch Qigong, Sexualpraktiken, Diät oder Quecksilberpräparate. Gelungen ist es wohl den wenigsten. Und so finden auch diese sich im allgemeinen Getümmel.

Da gibt es Wassergeister, die mal ertrunken sind. Hungrige Geister, die von der Verwandtschaft nicht genug gefüttert werden. Die zwei Unbeständigen, die einen in die Unterwelt geleiten. Die Totenstarren, die sich in einem unappetitlich angewesten Zustand etwa wie unsere Zombies aufführen. Unzählige weibliche Rachegeister, die wahrscheinlich alle gute Gründe für ihre Rachsucht haben und meist weiß gekleidet sind. Andere unerlöste Geister, die sich auch mal wie Heinzelmännchen verhalten. Bananengeister, die einem die Lottozahlen verraten können. Erdgeister, die von ihrer Scholle nicht loskommen. Gehängte, die man an ihren raushängenden Zungen erkennt. Die Kopflosen auf der Suche nach ihrem Kopf. Die aus Papier hergestellten und verbrannten Papierdiener. Die ochsenköpfigen und pferdegesichtigen Wächter der Unterwelt. Die unverheirateten Toten, für die die Lebenden noch Ehegesponse suchen und Geisterhochzeiten abhalten, damit dann Ruhe ist im Karton. Und und und. Und all die, die sich in irgendeinem Zustand des Transits befinden.

Kein Wunder, dass sich alles auf die Sommerferien freut. Einen Monat haben sie also frei und dürfen diese streng organisierte Unterwelt verlassen. Ich finde, das klingt alles sagenhaft deprimierend. Man stelle sich das vor: K. in „Das Schloss“ würde sich aus Verzweiflung umbringen, um dieses gnadenlose Schloss mit seiner Bürokratie loszuwerden. Um sich dann in einer Schlange vor irgendwelchen scheusaligen Beamten unterschiedlichster Zuständigkeiten wiederzufinden. Womöglich mit Wartenummer. Oder nur mit Onlinetermin. Man könnte sich schier die Kugel geben, wenn das nur gerade helfen würde!

Allerdings gibt es einen Ausweg. Und der heißt 聻. (In einer anderen Variante wird das Zeichen unten mit Radikal Geist geschrieben, aber das kennt mein Computer nicht.) Richtig viel habe ich darüber nicht in Erfahrung bringen können. Meine Handyapp behauptet, das Zeichen würde zhan ausgesprochen, aber übersetzen will sie es nicht. Ein Onlineübersetzer ist für die Aussprache Jian, drückt sich aber auch vor einer Übersetzung. Ich greife also zum analogen Medium. Zum Cihai, dem Meer der Wörter, einem „umfassenden“ einsprachigen Wörterbuch, einem Standardwerk, das erstmals 1936 herausgegeben wurde. Doch auch das hält mich zunächst an der kurzen Leine. Jian soll das Zeichen ausgesprochen werden, da ist das Lexikon eindeutig. Aber was soll es bedeuten? Sehe ich unter der Variante mit Geistradikal nach, verweist es mich auf das obige Zeichen. Schaue ich da nach, verweist es auf die vereinfachte Schreibweise. Ich will schon aufgeben, weil ich eine Zirkelverweisung befürchte, doch dann finde ich das entscheidende Zitat aus dem 17. Jahrhundert: Wenn ein Mensch stirbt, wird er zum Geist, wenn ein Geist stirbt, wird er zum Jian. Ich weiß natürlich nicht, wie sich das Leben, oder besser gesagt Dasein eines Jians gestaltet. Vermutlich wird sich dies auch in Zukunft notgedrungen im Bereich spekulativer Wissenschaft bewegen müssen, aber ich bin doch beruhigt, dass es auch für Geister einen Ausweg aus ihrer Bürokratenhölle gibt. Und gerade dass ich sonst gar nichts dazu finde, macht Hoffnung.

Denn dazu fällt mir die schöne Geschichte von Hundun aus dem Buch Zhuangzi, (ca 300 vuZ) ein: „Der Kaiser des Südmeeres war Shu, der Kaiser des Nordmeeres war Hu. Der Kaiser der Mitte war Hundun. (Oder Ungeteiltheit, oder Chaos, oder Tohuwabohu.) Shu und Hu trafen sich häufig bei Hundun und der behandelte sie zuvorkommend. Shu und Hu wollten Hunduns Güte vergelten und sagten: alle Menschen haben sieben Öffnungen mit denen sie sehen, hören, essen und atmen. Nur Hundun nicht. Wir wollen ihm welche bohren. Jeden Tag bohrten sie Hundun eine Öffnung. Am siebten Tag war Hundun tot.“

Nachdem also das Ungeteilte durch zuviel Nachbohren seine Ursüpplichkeit verloren hat und selbst Geister einen Urlaubsmonat brauchen, um sich von all den Geisterstrapazen zu erholen, bleibt Jian als letzte Hoffnung. Wie gut, dass man so wenig darüber weiß.

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Smogblog

 

Es gibt Leute, die finden den Smog in Beijing nicht schlimm. Zum Beispiel hörte ich von einem aus dem Pott, der dort Kind war, als das Wort Umweltschutz genauso abgehoben klang, wie das Wort Katalysator. Und fast so unbekannt war wie Smartphone.  Als die Wäsche grau, der Himmel gelblich, die Grünen noch nicht erfunden und Ruß im Essen und Staub in der Lunge normal waren. Als der Pott noch nicht auf Kultur sondern auf Kohle machte. So einer entwickelt Geborgenheitsgefühle im Beijinger Smog, wie andere beim Geruch von Zimtsternen im Backofen kurz vor Weihnachten.

Um die nicht mehr ganz so stark wachsende Wirtschaft zu stützen, wird -von singulären Ereignissen wie der APEC-Konferenz abgesehen- weniger getan, als leicht möglich wäre. Für die Konferenz werden dann eine Woche lang die staatlichen Betriebe stillgelegt, um so das erwünschte APEC-Blau am Himmel zu erzielen. Das bedeutet für viele Zwangsurlaub, der allerdings nachgearbeitet werden muss. Eine dauerhafte Lösung sieht anders aus. Natürlich wird auch der Verkehr runtergeregelt. Das passiert aber auch schon mal ohne APEC. Als ich letztens mit dem besten Reiseleiter der Welt plus Gruppe in Beijing war, wurden wir überraschend Zeugen und Objekte einer solchen Verkehrsberuhigung. Wir waren auf dem Weg ans Meer, freuten uns über einigermaßen zügig befahrbare Straßen und auf eine angenehme und nicht zu langwierige Busfahrt. Doch es kam anders. Denn die Autobahn wurde wegen Smogs gesperrt.

Der Sinn, den dies auf den ersten Blick hatte, wurde auf den zweiten Blick etwas geschmälert. So war an dem Tag gar nicht so wahnsinnig schlimmer Smog. Die Smogstufen wurden in der App meiner Zimmergenossin M farblich veranschaulicht. Grün ist die niedrigste Stufe. Die niedrigeste Smogstufe und keine Smogabwesenheitsstufe wohlgemerkt. Von da hangelt sich die Luft, die irgendwie auch zum Atmen gedacht ist, fröhlich durch den Regenbogen. Wenn sie bei Lila angekommen ist, ist sie tatsächlich eher gelblich und gilt als riskant. Da die dunkelrote Stufe davor schon als erheblich gesundheitsgefährdend gilt, meint riskant hier wohl lebensgefährlich.  An diesem Tag befanden wir uns auf einem mickrigen Orangerot. Wieso also jetzt auf einmal verkehrseinschränkende Smogmaßnahmen?

Noch schmaler wurde der Sinn auf den dritten Blick, denn die Autobahn wurde mit allen Autos darauf gesperrt. Dauerstau zur Smogbekämpfung. Interessantes Konzept. Die Motoren laufen. Werden abgestellt. Wieder angemacht. Auf weiten Teilen der Stadtautobahn. Wir machten auch mit. An. Und aus. Und an. Und wieder ein Meterchen. Und aus.

Auf den vierten Blick steht der Sinn dieser Maßnahme auf einer Basis so breit wie der Yangtse, wo Mao ihn durchschwommen hat (12 km). Leider kann ich ihn wegen des Autoabgasnebels nicht erkennen.

Nach über einer Stunde wurde die Sperrung hinter dem fünften Ring wieder geöffnet und die Fahrt ging weiter. Für solche Sperrungen erweisen sich Mautstellen als extrem praktisch. Wir fuhren wie gesagt nach Osten. Ans Meer. Zum Kopf des alten Drachen. Also dort wo die große Mauer das Meer trifft. Ich hoffe, der alte Drache verträgt Salzwasser, wenn er da schon mit der Nase dringhängt. Unsere Nasen blieben überwasser und freuten sich jedenfalls über Frischluft und Meeresbrise.

Der Weg nach Osten, aufs Meer, ist spätestens seit dem ersten Kaiser Chinas, Qin Shi Huangdi (um 200 vor) mit Unsterblichkeit verbunden. Denn dort irgendwo soll die Penglaiinsel liegen, auf der die acht Unsterblichen wohnen. Ein ziemlich exzentrischer Haufen mit ziemlich schlechter Frauenquote (12%), soweit man weiß. Nun hatte der erste Kaiser von China -wie so viele vor und vermutlich noch viel mehr nach ihm- dieses Ding mit der Unsterblichkeit am Laufen. Wenig überraschend machten ihn die ganzen aus diesem Zweck eingenommenen Quecksilberpräparate auch nicht schlauer und so schickte er einmal (so 210 v Chr) eine von dem Magier Xu Fu angeführte, 3000-5000 Mensch starke Seeexpedition los. Sie sollten die Insel der Unsterblichen finden und bitte schön irgendetwas Unsterblichmachendes wieder mitbringen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, bei denen nur ein Wal dran glauben musste, verschwand diese riesige Expedition.

Dafür gibt es verschiedene Erklärungen. Sie konnten selber nicht widerstehen, haben sich mit Unsterblichkeitskraut, -pilzen und -pfirsichen den Wanst vollgeschlagen und sind unsterblich gen Himmel entfleucht. Oder sie sind alle abgesoffen. Oder sie haben sich an irgendeinem anderen Ufer niedergelassen, weil klar war, dass sie eine erfolglose Heimkehr sicher nicht überleben würden. Eine Sage sagt, bei der Expedition habe Xu Fu Japan „entdeckt“ und verschiedene kulturelle Errungenschaften eingeführt. Angeblich wird er dort tatsächlich unter seinem japanischen Namen Jofuku als Gott des Ackerbaus, der Seide und der Medizin verehrt. Hab ich irgendwo gelesen. Keine Ahnung, ob das stimmt. In diesem Fall hätte es für den einen von all den tausenden mit der Unsterblichkeit geklappt.

Aber zurück nach Beijing. An einem dieser lila-gelb gestalteten Tage, an denen man sich fragt, ob atmen wirklich eine gute Idee ist,  oder ob man es nicht lassen könnte, besuchte ich mit M chinesische Freunde. Wir fuhren sehr, sehr weit mit der U-Bahn und als die nicht mehr weiterfuhr noch mit dem Taxi. Dort befindet sich aus Platzgründen ausgelagert, die größte und älteste Jurafakultät Chinas, wo mein Freund J arbeitet.

Während wir später bei ihm und seiner Familie zu Hause genüsslich auf Schweineohren und die Kinder auf den mitgebrachten Gummibärchen herumkauten, diskutierten wir dabei natürlich Probleme, Lösungsansätze und Aussichten des Smogproblems. Man kommt dem Thema halt ganz buchstäblich nicht aus.

Und so wurden natürlich auch Witze erzählt. Für den folgenden muss ich jetzt ein wenig ausholen. Denn es geht um die „Reise nach Westen“.  Gewissermaßen das Gegenteil der Ostmeerunsterblichkeitsexpedition. Ein Hauptdarsteller dieses mingzeitlichen Romans ist der aus einem Stein geborene Affenkönig Sun Wukong, eine Art Gottheit mit gewissen Autoritätsproblemen. Der andere ist der historische Mönch Xuanzang, der in der Tangdynastie buddhistische Schriften aus Indien nach China gebracht hatte. Also eine Westlanderkenntnisexpedition. Alle Ostasiaten kennen die Geschichte, die unzählige Male adaptiert wurde. Dragonball ist beispielsweise eine neuere davon. Durch diese Bekanntheit sind Xuanzang und der Affenkönig Sun Wukong so häufige Witzprotagonisten, wie bei uns ein Bayer, ein Ostfriese und ein Engländer, oder von mir aus der Papst und die Queen.

Der Witz: Xuanzang und Sun Wukong kommen auf ihrer Reise nach Westen nach Beijing. Es liegt geheimnisvoll in eine Art Nebel gehüllt. Wie eine Insel der Unsterblichen. Wie eine Abschussrampe in die Erleuchtung. Xuanzang sagt zum Affen: hier bleiben wir. Der sieht sich um und sagt erstmal nichts. Nach einer Weile sagt er: Wollten wir nicht in den Westen? Xuanzang: Es gibt keinen schnelleren Weg in den Westen, als hierzubleiben.

Hahaha.

Ok. Um den Witz zu verstehen, muss man auch wissen, dass „nach Westen gehen“ auch „sterben“ bedeutet.

Und am nächsten Tag strahlte so unverschämt blauer Himmel auf Beijing runter, dass dieser aschig-metallische Geschmack im Mund der Rest eines Alptraums zu sein schien.

 

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