Kategorie-Archiv: Tuschmalerei

Papier

Man denkt ja, etwas ist gut und richtig, wenn es echt und wahr ist. Dazu gehört, dass es richtig bezeichnet wird. Dass ein Seidenhemd nicht aus Nylon ist. Dass es Angriffskrieg heißt und nicht präventiver Erstschlag. Dass etwas bei seinem Namen genannt wird. Wie schon weiland Konfuzius unter dem Schlagwort der „Richtigstellung der Begriffe“ forderte. Aber so einfach ist es eben nicht. Denn Sprache ist trotz allen Anspruchs nicht präzise, wenn sie nicht mit großem Aufwand so gestaltet wird. Wie beispielsweise Programmiersprachen. Oder Mathematik. Ganz zu schweigen von dem redlichen, aber unvollkommenen Versuch der juristischen Sprache.

Nehmen wir das Wort Papier. Leicht einsichtig kommt es von Papyrus. Auf dem besagten Papyrus hat man geschrieben und konnte theoretisch auch Dinge darin einwickeln. Vielleicht sogar Fisch vom Markt in Zeitungspapyrus. So weit, so gut, so zutreffend bezeichnet. Trotzdem ist der Papyrus seinem Wesen nach kein Papier. Er ist ein Geflecht, ein verwobenes Gebilde aus flachgeklopften, ineinanderverhakten, glattgeschliffenen Schilfstengeln der Sorte Papyrus. Klopfen, verhaken, schleifen. Man merkt schon, es ist ein Produkt der Mechanik, der Physik. Papier selber wird allerdings nicht nur mit Hilfe der Physik, sondern auch mit Hilfe der Chemie hergestellt. Das ist sein Wesen. Und ist Kohle etwa ein Diamant? Oder Beton Marmor? Ist ein Notizzettel das gleiche wie eine Notizapp im Handy? Ein beschreibbares Display ein Blatt Papier?

Papier also. Wer hat´s erfunden? Die Chinesen. Und unter diesen Chinesen angeblich ein Herr Cai mit Rufnamen Lun. Ein Eunuch, der um 100 nuZ in den kaiserlichen Werkstätten für die Papierherstellung zuständig war. Der kann aber nicht der Papiererfinder gewesen sein, da es Papierfunde von etwa 300 Jahren vor seiner Zeit gibt. Er kann auch schlecht für etwas zuständig gewesen sein, was er erst noch erfinden musste. Das würde für einen ungeheuer schnellen Verwaltungsapparat sprechen, wogegen die Erfahrung spricht. Aber vielleicht bin ich einfach berlingeschädigt. Wie dem auch sei. Erfunden hat Herr Cai das Papier nicht, aber die Qualität des rauen Hanfpapieres entschieden verbessert. Das sollte man ihm lassen.

Wie macht man also Papier? Man nimmt zum Beispiel Hanf, Lumpen, alte Fischernetze und Maulbeerbaumbast. Reinigt, stampft, kocht alles in Lauge und wässert es. Es entsteht idealerweise eine gleichmäßige Pulpe. Davon schöpft man eine Lage auf ein Sieb. Trocknet und oder presst es auf die ein oder andere Art, et voilà.

Im vierten Jahrhundert hatte sich das Papier in ganz China durchgesetzt und die Gelehrten und Beamten und Zauberer konnten sich Seide, Holztäfelchen und Schildkrötenpanzer als Schreibgrund schenken. Kultur und Wissenschaft konnte viel schneller und in größerem Ausmaß verbreitet werden. Gleichzeitig dehnte sich die Kunst der Papierherstellung nach Vietnam und Korea aus. Und die Rohstoffe auf Reisstroh, andere Baumrinden und Bambus. Als dann noch die Erfindung des Blockbuchstabendrucks dazu kam, beschleunigte sich das nochmal. Man muss sich das ungefähr so vorstellen wie die Erfindung des Internets. Technik und Wissensverbreitung explodieren. (Als kleinen Exkurs möchte ich erwähnen dass laut Joseph Needham „zum Beginn des 19. Jahrhunderts mehr gedruckte chinesische Seiten existierten als in allen übrigen Sprachen der Welt zusammengenommen.“)

Im achten Jahrhundert führen die Chinesen vorübergehend eine Art Papiergeld ein, wobei man sagen muss, dass es sich eher um ein Schuldscheinsystem handelte. Um die Jahrtausendwende wurden durch Geldreserven gedeckte Geldscheine eingeführt und der Staat schaffte sich schließlich ein Ausgabemonopol. Da dies zuweilen zu galoppierender Inflation führt, schafft man das Papiergeld ein paar hundert Jahre später kurzerhand wieder ab. Zu dieser Zeit hat es in Europa immer noch keinen einzigen Geldschein gegeben.

Doch zurück ins achte Jahrhundert. Da jagen die Araber den Chinesen nicht nur Samarkand ab, sondern auch die dortige Papiermühle nebst kundigen Handwerkern. Jetzt ist der Siegeszug des Internets, ach nein, des Papiers nicht mehr aufzuhalten. Okay, das christliche Europa sträubt sich noch ein Weilchen, weil sie das muslimische Teufelszeug nicht anrühren wollten. Die allein schreibkundigen Mönche fanden es wohl gottgefälliger, auf Pergament, also auf den gestreckten Häuten von jungen Säugetieren zu schreiben.  Aber im 12. Jahrhundert ergab man sich schließlich -Teufel hin, Satan her- der überlegenen Technologie.

Das Papier setzte sich in Europa derart durch, dass ein Rohstoff knapp wurde: Lumpen. Ein damals unverzichtbarer Bestandteil des Papiers. Die Lumpensammler, gewissermaßen Haderlumpen, waren die Dealer von damals, denn Lumpenschmuggel von einem Land ins andere war streng verboten und wurde drastisch bestraft. In England wurde sogar verboten, jemanden im Leichenhemd unter die Erde zu bringen, wo man doch aus diesem wunderbaren Totenhemd noch Papier herstellen konnte. Der Kampf um die Lumpen führte natürlich auch dann und wann zu Bandenkriegen unter den Lumpendealern. Erst im 18. Jahrhundert beschäftigte sich hierzukontinent jemand eingehender mit der Idee, Papier auch aus Pflanzenfasern oder Holz herzustellen. Etwa 100 Jahre später wurde es schließlich möglich, Papier auf Holzbasis in entsprechender Qualität herzustellen. Und die Bedeutung der Lumpensammler nahm ab. Jetzt wird zwar ein bedeutender Anteil des Papiers aus Altpapier hergestellt und ich kann mich erinnern, dass wir früher damit auch die ein oder andere Mark verdient hatten. (Wobei der Kilopreis für Illustrierte weit unter dem von Zeitungen lag.) Aber das ist lange her und schon damals hätte man kein lukratives Bandenwesen darauf aufbauen können.

Und wo ich jetzt schon bei Kindheitserinnerungen bin: den Weg zur Schule konnte man drastisch abkürzen, wenn man -verbotenerweise- über das Gelände einer stillgelegten Fabrik ging. Man musste nur über eine Mauer klettern und sparte sich mindestens die Hälfte der Zeit. Unter uns hieß es, das sei eine Papierfabrik gewesen. Jetzt kommt mir das komisch vor, denn eine solche braucht viel Wasser und davon gab es bei uns in der Gegend weit und breit keins. Später wurden die Baracken auf dem Gelände der mutmaßlichen Papierfabrik nur noch als Lager benutzt und als eine davon abbrannte, hatten wir alle stapelweise nur leicht angesengte Kartendecks.

Der Name für dieses Wunderwerk aus dem auch diese Spielkarten waren, mit oder ohne Lumpen, stammt also -ohne Papyrus zu sein oder damit etwas zu tun zu haben- von dem Wort Papyrus ab. Papier, paper, papir, papel, papier (frz), papier (pln) und so weiter. Nur die Italiener, die nennen es carta. Das kommt von griechisch chartes, Papierblatt, was womöglich auf dem ägyptischen Wort für Schreiberkästchen beruht und damit passenderen Ursprungs wäre. Die Russen sagen irgendwie sowas wie Bumaga. Wie es auf arabisch heißt, konnte ich auf die Kürze nicht überzeugend herausfinden. Zwischen wara´at und (phon) wodecha blieb ich hängen. Die Ethymologie muss ich in den beiden letzten Fällen leider ebenfalls schuldig bleiben.

Danach könnte Papier also auf Deutsch korrekter Karte heißen. Oder hoch spekulativ Bumens (von russisch Bumaga) oder Weutel (von arabisch irgendwas mit w). Der Chinese und die Chinesin, und die haben es ja schließlich erfunden, nennen es aber zhi. Sprich: dschsch. Dschschtüte, ein Blatt Dschsch,  Dschschstau, „Zeigen Sie mir mal Ihre Dschsch!“, dschschschnipsel, Essdschsch, Löschdschsch etc. Da mögen Tschechen oder Polen noch lachen, aber Deutschen oder gar Spaniern bleibt das Lachen im Zungenknoten hängen. So gesehen sind wir mit Papier -Konfuzius und seine Richtigstellung der Begriff hin oder her- doch eigentlich ganz gut bedient. Praktikabilität geht schon mal vor Präzision.

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Der fleißige Pinsel

 

Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit Gongbi-Malerei. Eigentlich wollte ich das nie, aber was heißt das schon. Gong heißt Arbeit und Bi heißt Pinsel und damit ist das ganze schon ganz gut beschrieben. Eigentlich handelt es sich zwar um eine Abkürzung von gongzheng bi „ordentlicher Pinsel“, aber ich finde, fleißiger Pinsel beschreibt es auch ganz gut. Es handelt sich um eine gut 2000 Jahre alte Art zu malen, eine Palastmalerei, bei der mit wasserlöslichen, transparenten Farben, in zunächst angelegte Außenlinien Farblasur über Farblasur gelegt wird, bis ein detailreiches, prächtiges Bild entstanden ist.

Normalerweise male ich ja im Xieyi-Stil, wobei Xie Schreiben und Yi Gedanke heißt. Eine Gedankenschrift sozusagen oder ein Schriftgedanke. Die hat ihren Ursprung in der chinesischen Gelehrtenmalerei, ist meist monochrom und eben expressiv, flüchtig, spontan. Weder fleißig noch ordentlich. Nicht das Werk gedungener Malerhandwerker, die gebückt und mit Fleiß und dreihaarigem Pinsel nach dem Geschmack der Herrscher Prunk und Pracht der Paläste mehren, sondern der selbstbestimmte Gestus eines Freigeistes. Hah! Der statt eines Pinsels auch mal den eigenen Zopf nimmt oder gleich mit den Fingern in die schwarze Tusche geht. Wenn man es so darstellt, ist klar, wieso ich im Xieyi-Stil male. (Mit der gleichen Berechtigung könnte man allerdings auch die Gongbi-Maler als hingebungsvolle Künstler und die Xieyi-Fraktion als selbstverliebte und versoffene Wichtigtuer bezeichnen.)

Wie gesagt, hatte ich bis vor kurzem nie auch nur das geringste Interesse an Gongbi-Malerei, doch dann hörte ich von einem entsprechenden Seminar, das die Künstlerin Liu Jing gab. Da war dieser Kurs allerdings schon vorbei. Und dass ich ihn verpasst hatte,  fand ich plötzlich schade. Die angedachte Wiederholung fand dann doch nicht statt, also wurde ich auf einmal selber tätig. Glücklicherweise gibt es das Internet. So viel zum Thema: wollte ich noch nie machen.

Das erste zu bewältigende Problem ist das Papier. Denn während man Xieyi-Bilder auf stark saugendem Pflanzenstrohpapier, sogenanntem Xuanpapier malt, das ich stapelweise zuhause habe, soll das Gongbi-Papier eben gerade nicht so stark saugen. Die Farbe soll sich nicht unkontrolliert ausbreiten, sondern präzise Linien malen und auch noch auf dem Blatt verwässert und verstrichen werden können. Auf westlichem Aquarellpapier steht das Wasser wiederum zu viel. Also mache ich mich schlau und rühre mir eine Lösung an, mit der ich mein rohes Xuanpapier behandeln soll.

Spaß machen in dem Lehrvideo, das ich dazu gefunden habe, schon die Mengenangaben, denn der Anteil von Gelatine zu Alaun kann je nach Jahreszeit zwischen 8:2 und 6:4 schwanken. Ich einige mich mit mir auf das Verhältnis 2:1 und frage mich nun aber, wieviel ml eine Tasse sind. Warum, frage ich mich, kann der nette Herr Li, der mich mit einer Mischung aus quälender und in Trance versetzender Langsamkeit auf Youtube unterrichtet, keine international verständliche vernünftige Menganangabe geben? In ml? Was versteht er unter einer Tasse? Aber, denke ich mir, das ist vielleicht auch jahreszeitenabhängig und ich nehme eine gefühlte Juli-Tasse Wasser. (Denn es war Juli.) Gelatine lauwarm einweichen, stehen lassen, heiß aufgießen, abkühlen lassen, Alaun dazu und schütteln. Mein Ergebnis sieht genauso aus wie das von Herrn Li und ich imprägniere damit also mein rohes Papier. Mehrfach. Und nochmal.

Dazwischen sehe ich mir alle möglichen Videos an, wie man Gongbi denn nun malt. Als besondere Fertigkeit wird erwartet, dass man mit zwei Pinseln in einer Hand malt. Diese beiden Pinsel, von denen einer voller Farbe und der andere voller Wasser ist, wechselt man blitzschnell und mit einer kartenspielertrickhaften Handbewegung.  Stundenlang übe ich den Pinselwechsel. Das kann man ja gut beim Fernsehen machen, oder bei sonst etwas, wozu man die (in meinem Fall) rechte Hand nicht braucht. Es geht dann auch schon ganz gut und ich setze mich frohgemut vor mein nun nicht mehr rohes Xuanpapier.

Das Ergebnis ist niederschmetternd. Die Farbe läuft zwar weniger als vorher, aber sie läuft. Und läuft. So geht es schon mal nicht. Vielleicht würde es gehen, wenn ich das Blatt noch weitere Male imprägniere, aber auch die nächste aufgetragene Schicht reicht noch nicht aus. Ich lege das Projekt erstmal zur Seite. Wenn es schon so lange dauert, Gongbi-Bilder zu malen, habe ich irgendwie nicht die ganz große Lust, vorher unendlich das Papier zu bearbeiten. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Bei meinem nächsten Chinabesuch ein paar Monate später, kaufe ich bereits professionell behandeltes Papier. Trotz des Hinweises der Verkäuferin, dass die Beschichtung mit der Zeit an Qualität verlöre, führt das Papier weitere Monate ein Mauerblümchendasein in meinem Papierschrank. Aber dann ist es endlich so weit. Ich baue alles auf, Farben, Wasser, Papier, Pinsel und bin bereit loszulegen. Nur um feststellen zu müssen, dass ich leider die Pinselwechseltechnik lange nicht mehr geübt und daher wieder verlernt habe. Bevor nun meine Geduld ein weiteres Mal schwindet, gehe ich einfach auf eine andere Technik über. Ich male beidhändig. Den Pinsel mit der Farbe halte ich links, den mit Wasser rechts. Beidhändiges Arbeiten soll ja eh gut fürs Hirn sein.

Tatsächlich stellt sich diese Art zu malen zwar als langwierig, aber auch als äußerst entspannend heraus. Bei der flüchtigen Gedankenschrift hingegen muss man immer maximal im Hier und Jetzt sein, der Pinsel eins mit der Hand und dem Herz, das Gemüt wach und zielgerichtet, ohne zu wollen. Oder wie auch immer man diesen Zustand beschreiben soll, den es braucht, um eine gelungene Gedankenschrift aufs Papier zu bringen. Nicht so beim fleißigen Pinsel. Ich kann Musik derweil nicht nur laufen lassen, sondern höre sie tatsächlich auch. Und auch bei den Nachrichten stelle ich nicht erst beim Wetterbericht fest, dass ich sie schon wieder verpasst habe. Genaugenommen könnte ich sogar Hörbücher dabei anhören, wenn ich das nur mögen würde.

Wie gesagt handelt es sich aber um ein langwieriges Projekt, so dass das oben gezeigte Bild zum einen nur einen Ausschnitt darstellt und natürlich auch noch nicht fertig ist. Damit ist aber nicht der Hintergrund gemeint. Denn die sonderbare westliche Auffassung, bei einem Bild müssten alle Flächen mit Farbe bedeckt sein, ist nicht nur dem gelehrten Freigeist, sondern auch dem buckligen Palastmaler völlig fremd. Also werde ich an diesem prachtvoll verwelkten Tulpenblatt noch eine Weile herumpinseln und dabei beispielsweise die Bundesligaschlusskonferenz im Radio verfolgen.

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Synthese

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Es gibt Themen, die einen verfolgen, auch wenn man selbst gar nicht weiter an ihnen interessiert ist. Was kann man tun? Was soll man mit ihnen machen? Reagieren? Im Falle von Stalking wird dringend davon abgeraten auch nur die geringste Reaktion zu zeigen.  Bloß nicht. Unter keinen Umständen. Aber ich meine jetzt gar nicht so Stalkingthemen wie die Steuererklärung, bei der sich trotz dieser belästigend-beunruhigenden Dauerpräsenz das Nichtstun entgegen diesem gutgemeinten Rat nicht wirklich anbietet.

Ich habe gerade eher ein Thema im Sinn, was zwar anhänglich, aber keinesfalls beunruhigend ist und hinter mir herdackelt. So dass manchmal Leute fragen, „Du, was ist denn das mit dem Thema da hinter dir?“ Es lautet: Was ist denn nun der Unterschied zwischen chinesischer und japanischer Tuschmalerei. Immer wieder.

Am liebsten würde ich mich umdrehen und sagen „ach man, das hatten wir doch schon“. Und ich verweise auf meinen Eintrag im April 2008. Aber man kann ja nicht ernsthaft der Meinung sein, dass es bei den vielen Millionen Menschen und Themen und Situationen reicht, wenn man einmal etwas zu etwas gesagt hat. Außer man heißt JFK und steht vorm Brandenburger Tor.

Ich könnte ablehnend sein, mich umdrehen und mit „BUH!“, das Thema verjagen. Ausformuliert würde Buh in etwa lauten: „was möchtest Du denn verglichen haben? Die Palastmalerei der Mingdynastie mit zeitgenössischer japanischer Malerei? Oder den hemmungslosen Bada Shanren aus dem 17. Jahrhundert mit dem kunstfertigen Jakuchu aus dem 18. ? Die Zenmalerei in beiden Ländern? Möchtest Du Äpfel mit Birnen, oder Fische mit Strukturreform vergleichen? Boskop mit Cox Orange? Häh?“ Wie ich schon sagte: Buh! und das verschüchterte Thema verdrückte sich kleinlaut.

Aber möchte man so miteinander umgehen? Das ist doch nicht schön. Das muss auch anders gehen. Zum Beispiel mit Synthese. Gelebte Synthese. So nahm ich  an einem Tuschmalereikolloquium auf Schloss Mitsuko teil, das von der japanischen Meisterin Kinsui Katori geleitet wurde. Ihr Meister hatte bei Zhang Daqian, einem der berühmtesten chinesischen Maler des 20. Jahrhunderts gelernt. Bevor dieser später mit Picasso Bilder austauschte, lernte eben dieser Großmeister um 1917 Malerei auch in Japan. Der Lehrer von Frau Katori wiederum wurde in Taiwan Zhangs Schüler, was in den 70ern schon lange nicht mehr japanisch war. Also lernte der Chinese Tuschmalerei unter anderem in Japan und unterrichtete dann einen Japaner in Taiwan, was ehemalige japanische Kolonie, mittlerweile aber chinesisch war. „Entscheide Du?“, sage ich freundlich zum anhänglichen Thema, das ich nun liebevoll in die Arme nehme, „Lerne ich bei Frau Katori japanische oder chinesische Tuschmalerei?“ Gewaltfreie Kommunikation kann so schön sein.

Für mich besteht der größte Unterschied darin, dass ich bei einem chinesischen Meister versuche, auch die Worte zu verstehen und bei einem japanischen nicht, weil das gar keinen Sinn machen würde. Letztlich kommt es so oder so mehr auf das Zuschauen an. Manchmal wurde Frau Katori von der  äußerst freundlichen japanischen Dame des Hauses übersetzt und dabei stellte sich heraus, dass Japaner auf jeden Fall ein noch größeres Problem mit der Unterscheidung zwischen L und R haben als Chinesen, was bezüglich der Erörterung von blauer (kiefernrußbasierter) und brauner (rapsölrußbasierter) Tusche offenbar wurde. Es ging eine ganze Weile um dieses Thema, doch ob gerade von Braun oder Blau die Rede war, musste man dem Kontext entnehmen, da auch das N meist weggelassen wurde.

Einer Übersetzerin sind ja immer Grenzen gesetzt und so lernten wir alle ein paar japanische Begriffe. Gradation beispielsweise. Das ist zwar eher Englisch oder fremdwortisch, aber Katori Sensei nutzte den Begriff so selbstverständlich, häufig und bestimmt, dass er eine gewisse japanische Note erhielt. Die Rede war von der Farbabstufung Schwarz zu Grau, die in den Pinsel einmassiert werden musste. Pinsel abstreifen: wan-tu-srie, in die Tusche und dann: Gradation.

Das andere waren die Worte kasure und nijimi. Kasure (oder kasule?) meint den gerissenen Strich, der das Weiß des Papiers wie zufällig durch die schwarze Tusche scheinen lässt. Ich habe das Kernzeichen auf Chinesisch nachgeschlagen, es hat die Bedeutung: gleiten oder rauben. Das ist natürlich ganz wunderbar und ich verstehe, warum sich der Begriff nicht übersetzen ließ. Der Pinsel gleitet zwar über das Papier und doch hat es etwas grobes, raubendes, denn das Schwarz wird beraubt, das Weiß holt sich seinen Teil.

Nijimi ist dagegen das Bluten der Tusche, die Verläufe. Das chinesische Zeichen bedeutet durchsickern oder infiltrieren. Die Tusche blutet in das Papier und durchtränkt es, Tusche und Papier werden eins.

Wenn sich die Meisterin und Frau Mitsuko-san sprachlich ergänzten beim konkreten Demonstrieren von Techniken und es nicht so sehr um die Worte ging, klang es etwa so: wan, tu, srie, dann die tusch, put, put, gradation, dann Pinsel malen, kasure, wieder wan, tu, srie, in tusch, dick tusch, put put gradation…. Auch wenn es nicht so klingt, war es sehr lehrreich.

Auch wurden natürlich gewisse Formen japanischer Höflichkeit gewahrt, doch war es mitnichten so, dass wir alle erst fünf Jahre auf den Knien rutschen mussten, bevor wir nur in die Nähe eines Pinsels durften, während sich die Meisterin in Geheimnis und Meisterschaft hüllte.  Ganz im Gegenteil sparte sie nicht mit der Preisgabe von Tricks und Kniffen, darunter auch eine Technik, die Großmeister Zhang Daqian entwickelt hatte. Ich darf diesen jetzt meinen Großmeister nennen, das hat sie uns allen ausdrücklich erlaubt. Falls ich also mal in die Verlegenheit des Namedroppings komme, kann ich ja darauf zurückgreifen.

Frau Katori hat auch in Afrika, Australien und Amerika Kolloquien abgehalten und so kommen wir auch in den Genuss Fotos von beispielsweise afrikanischer Tuschmalerei zu sehen. Die Menschen, die Tiere, die Landschaft. Eindeutig afrikanisch. Ich könnte jetzt wirklich nicht sagen, ob es eher chinesischafrikanisch oder japanischafrikanisch gemalt war. Oder die Känguruhs aus Australien. Auch wir sollen am letzten Tag europäisch frei interpretieren. Ich ließ mich davon inspirieren, dass es das ganze Wochenende wie aus Eimern geschüttet hatte und malte Nacktschnecken und Regenlandschaften.

Das große Lernen

Eins

Ich nahm an einem Intensivmalkurs von Deng Yuanpo teil. Der war eigentlich für Anfänger, aber das schadet ja nichts. Zu lernen gibt es ja immer was. Und auf ein fortgeschritteneres Angebot werde ich lange warten können.

Es begann damit, dass der Gruppe von 15 Leuten gesagt wurde, sie sollen einen Querstrich malen. Die chinesische eins. Natürlich, so fängt es immer an. Ach nein, tönt es hier und da, das will ich nicht, ich will lieber ein ganzes Zeichen malen! Ich will gar kein Zeichen malen! Ich will dies, ich will das. Bei den wenigen, die sich auf die eins einlassen wird man überrascht, wie unterschiedlich ein Querstrich aussehen kann. Ich kenne das auch aus eigenen Workshops, ein unerschöpflicher Quell des Wunders. Ich zeige beispielsweise ein ziemlich schlichte, klare und nur begrenzt variierbare Art, einen Bambusstamm zu malen. Dann fangen alle an und die 10.000 Dinge entfalten sich unkontrolliert auf dem Papier. Die einen brauchen für einen Stamm ein ganzes Blatt, die anderen schaffen es mit zehn nicht voll. Es wird variiert von tiefstem Schwarz, zu fast nicht zu sehen, dick, dünn, gebogen, gerade. Manche kasteln ihr Papier in Abschnitte, andere benutzen das gleiche so lange, bis alles ganz schwarz geworden ist. Was bei komplexeren Anweisungen passiert, man frage nicht!

Ich versuche mich auch kurz in Anarchie, denn ich schreibe nicht gern Kaishu, die chinesische Normalschrift. Sie ist mir zu steif, zu langsam, zu genormt. Bin ich doch so froh, dass ich meine Kalligrafielehrerin dazu bringen konnte, mir Currentschrift beizubringen, jetzt soll ich wieder von vorne anfangen. Aber gerade als ich mich unbotmäßig einer flotteren Vorlage zuwenden will, steht Meister Deng hinter mir und blättert im Heft freundlich aber bestimmt zurück. Na gut, denke ich. Also gut. Ok. Ich schreibe die Eins. Mit mittlerweile der vierten Theorie dahinter, egal. Eins. Eins. Eins. Eins. Außer mir und einer teilnehmenden Chinesin macht das kaum jemand. Aber wie gesagt, es schadet ja nicht. Und ich bin ja nicht zum Vergnügen da. Er hat es gleich erkannt: ich bin das gewohnt, ich mache das, was der Meister sagt. Deswegen bin ich da und so lernt man nun mal die asiatischen Künste. Ohne viel Erklärung, durch Tun, durch Nachahmen. Im Idealfall hat das durchaus seinen Sinn, weil bei verschiedenen Dingen das intellektuelle Verstehen nichts nützt. Verstanden wird es dann auf anderer Ebene. Später. Vielleicht.

In China lernte man natürlich nicht nur Künste so, sondern grundsätzlich. So mussten die Kinder schon Texte auswendig lernen, die sie unmöglich verstehen konnten. Der Inhalt wurde später nachgeliefert, oder er sickerte peu à peu durch. Eines von den ersten Werken, die es für die Kleinen zu lernen gab, war das Sanzijing, der Dreizeichen-Klassiker aus dem 13. Jahrhundert. Da werden in dreizeichenlangen Satzeinheiten Grundlagen gelegt. Dass der Mensch im Grunde gut sei, beispielsweise. Oder dass es drei Kräfte (Mensch, Erde, Himmel), drei Lichter (Sonne, Mond und Sterne), drei Beziehungsbande, vier Jahreszeiten, fünf Himmelsrichtungen (inklusive der Mitte), fünf Elemente (Wasser, Feuer, Holz, Metall, Erde), sechs Getreidearten (Reis, Weizen, Hülsenfrüchte und drei Arten von Hirse), sechs Haustiere (keine Katzen), sieben Gefühle (Freude, Zorn, Mitleid, Furcht, Liebe, Hass, Begehren) und acht Töne gibt. Woher diese Leidenschaft der Chinesen kommt, alles zu zählen und kategorisieren, weiß ich wirklich nicht. Bei uns sieht es da durchaus magerer aus: zwei Geschlechter, vier Himmelsrichtungen, 16 Bundesländer, 27 Eu-Staaten, 206-220 Knochen im Körper. Man sieht schon, die Anzahl ist hier gerne Definitions-, Mode- oder Geschichtsfrage. Kaum etwas davon wird die nächsten 1000 Jahre überdauern. Geschweige denn 2000.

Besonders gut gefällt mir im Sanzijing eine Geschichtszusammenfassung mit 102×3, also insgesamt 306 Zeichen. Das ist für etwa 5000 Jahre eine wirklich überschaubare Anzahl. Dennoch soll man das erst lesen, wenn man die wesentlich kürzere Literatur- und die Philosophiegeschichte absolviert hat.

Auch bei uns wurde früher ja viel mehr auswendig gelernt, aber zu Chinesen besteht trotzdem ein himmelweiter Unterschied. Die müssen ja auch heute noch tausende Zeichen auswendig lernen, um überhaupt lesen zu können. Ich habe in diesem Zusammenhang in einem aus popeligen 29Buchstaben zusammengesetzten Text gelesen, dass der Teil des Gehirns, der für das Auswendiglernen zuständig ist, bei Chinesen signifikant stärker ausgeprägt ist. Das glaube ich sofort.

Eines der anderen, unbedingt auswendig zu beherrschenden Texte war das gut 2000 Jahre alte „Das große Lernen“, ein Kapitel aus dem Buch der Riten. Dort heißt es: „Diejenigen in alter Zeit, die auf der ganzen Welt die helle Tugend erstrahlen lassen wollte, die ordneten zuerst ihr eigenes Land. Die, die ihr Land ordnen wollten, brachten zunächst Ordnung in ihre Familien. Die die ihre Familien ordnen wollten, kultivierten zunächst sich selbst. Wer sein Selbst kultivieren wollte, machte erst seinen Geist aufrichtig. Wer seinen Geist aufrichtig machen wollte, der läuterte zuerst seine Absichten. Wer seine Absichten läutern wollte, erweiterte zunächst sein Wissen so weit es geht. Sein Wissen so weit wie möglich auszudehnen bedeutet, die Dinge gewissenhaft zu untersuchen.“ Und dann geht es wieder zurück: „Nur wenn die Dinge sorgfältig untersucht wurden, wird das Wissen erreicht. Nur wenn das Wissen erreicht wurde, werden die Absichten geläutert“ etc.pp. So wiederholende, rhythmische Strukturen lassen sich ja vergleichsweise gut auswendig lernen. Die Dinge untersuchen, muss dann aber trotzdem selber.

Ich selber musste nur sehr wenig auswendig lernen. Ribbeck mit seinen Birnen zum Beispiel, der uns in der bayerischen Provinz sehr zum Lachen reizte. Oder natürlich Vaterunser und Glaubensbekenntnis. Später die Texte im Schultheater. Aber nie konnte ich mir einen Text merken, dessen Inhalt ich nicht verstanden hab. Wenn auch manchmal falsch, wie das entlaufene Pferd bei „Es ist ein Ros entsprungen“.  Dieser Teil meines Gehirns ist leider bemerkenswert schwach ausgeprägt, was beim Vokabelnlernen außerordentlich hinderlich ist. Noch schwächer ist allerdings der Teil ausgeprägt, der Straßenzusammenhänge erinnert, der bei Taxifahrern messbar besser ausgebildet sein soll. Bei einer Obduktion meines Gehirns wird sich zweifelsfrei feststellen lassen, dass ich weder Chinesin noch Taxifahrerin war. Ich bin also selten ohne Stadtplan unterwegs. Oder ohne Wörterbuch. Wie zum Ausgleich lese ich ausgesprochen gerne Karten und Stadtpläne. Und schaue Wörter nach. Aber merken, ach du liebe Güte.

Die Methode des Auswendiglernens erfordert natürlich viel Vertrauen, dass das Gelernte tatsächlich Potenzial zur Entfaltung bietet. Dass ein Grundstock gesetzt wird, aus dem man dann schöpfen kann. Bei einem Hintergrund von uralter Geschichte ist zumindest die Tiefe des vermittelten Wissens einigermaßen sicher. Die Methode taugt natürlich genauso zur Gehirnwäsche. Ein chinesischer Freund erzählte mir, wie er einmal eine Ausstellung mit Kinderbildern aus aller Welt besuchte. Sie seien voller Wildheit und überbordender Fantasie gewesen. Nur eins nicht, das Kinderbild aus China: brav, gerade, aufgeräumt, hübsch, leblos. Sowas kann beim Nachmachen natürlich auch passieren, insbesondere wenn das Dogma dräut.

Vor diesem Hintergrund ist klar, warum Meister Deng immer so lacht. Vielleicht findet er es wirklich lustig, das sonderbare Verhalten meiner Mitkursteilnehmer. Vielleicht dient es auch nur dem Überspielen seiner Indignation. Wir sollen Bambus malen, jemand malt kleine Blumen. Eine andere eine Art Blumenstrauß à la Bauernmalerei. Eine anderer einen Tiger. Pluralität macht sich breit. Das ist erfreulich und schön, aber wozu sind wir eigentlich da? Am letzten Tag gerät es außer Kontrolle. Jetzt wird ihm bei Vormalen richtig reingeredet: dem Küken fehlt eine Kralle und wo sind eigentlich die Körner? Ein Flugzeug auf dem Bild wäre schön. Eine Dame erklärt mit sehr rudimentärem Wissen Herrn Deng die chinesische Kultur. Undundund. Bis er uns auf unsere Plätze scheucht, mit mittlerweile einer größeren Motivauswahl: Küken, Chrysanthemen, Pfirsichblüten. Der eine schreibt Zeichen, manche malen Vögel und Blumen, andere schauen in die Luft, manche gehen spazieren, ich male eben Küken, Chrysanthemen und Pfirsichblüten. Die eine malt weiterhin Tiger.

Wasser in Wasser schütten

Wasser

Vor etwa drei Wochen war ich in Shanghai in der Ausstellung „Gegenwärtige Tuschmalerei“. Einiges fand ich schön, anderes unverständlich, manches großartig, anderes blöd, also insgesamt eine äußerst gelungene Ausstellung. Allerdings gab es mehrere befremdliche Momente bezüglich der Ausstellung selbst, bzw ihrer Konzeption.

Ich war die einzige Besucherin und schlich mit diesem westlichen Kunstsinngesicht still durch die Räume. Gleichzeitig tat dem ermüdeten Aufseher offenbar der Rücken weh oder er war einfach müde und mit seinen Fäusten laut auf den Rücken trommelnd ging er auf und ab, ein Geräusch das durch den Saal hallverstärkt wurde. Als er damit fertig war, fing er an, ausgiebig so herzhaft und laut zu gähnen, dass ich auch ganz müde wurde.

Dies passte so gar nicht zu dem Kritischesinteresseundsachverstanddemonstriergesicht und zu der dabei unbedingt erforderlichen Stilleerwartung, dass ich beides ablegte und stattdessen die Kamera zückte, was offenbar erlaubt war.

Die nächste Irritation bestand darin, dass die Bilderrahmen zum Teil noch in Plastikfolie steckten und vor allem, dass einige Bilder in den Rahmen heruntergerutscht waren. Da dies bei unterschiedlichen Künstlern, aber den gleichen Rahmen der Fall war, kann ich eine künstlerische Absicht dabei ausschließen.

Besonders befremdlich war aber die Konzeption selbst. So gab es im Erdgeschoss Bilder von Ausländern, in der Mitte abstrakte Tuschmalerei und oben Kunst von Frauen. Was kann man nun daraus schließen? Die abstrakte Kunst war von Chinesen, wobei sich auch ein in Shanghai lebender Deutscher darunter befindet, von denen die überwiegende Mehrheit Männer sind. Hier war man also eingeladen, sich mit den Bildern zu beschäftigen. An den Ausländern (auch für Chinesen immerhin die Mehrheit der Weltbevölkerung), Männer wie Frauen, die hauptsächlich ebenfalls abstrakt malten, war offenbar hauptsächlich interessant, dass sie von außen kamen und sie mussten von den Chinesen unterscheidbar gemacht werden. Na und dann halt noch die eigenen, die chinesischen Frauen. Frauen halt. Diese Abweichung von der Norm, die man sich noch nicht einmal durch nationale Abgrenzung oder sonstwas vom Leib halten kann. Auch hier kommt es offenbar nicht auf die Bilder, sondern auf die spezielle Herkunft an. Die Norm und die Abweichung also.

Nicht, dass einem so etwas hierzulande nicht begegnet. Dauernd und überall, und auch von einem Freund musste ich mal hören, dass eine männliche Sprecherstimme neutral und sachlich sei, während eine weibliche speziell, also anders sei. Weder Logik noch Haareraufen half, um verständlich zu machen, was daran androzentrisch ist. In so einem intellektuellen Kontext wie der der Ausstellung, wäre natürlich etwas mehr Bewusstsein schön gewesen. Nur ein klein bisschen zB Foucault oder Irigaray oder gar bloß Gender Mainstreaming und ein bisschen nachdenken von hier auf gleich und schon wäre das nicht passiert. Eigentlich würde schon ganz ohne Lesen das Empfinden von der Gleichwertigkeit von Männern und Frauen ausreichen.

Meine Erbosung wird unzusammenhängend durch die Texte, die ich gerade in einer sinologischen Übung lese, geschürt. Nämlich die Notizen des Beamten Chen Shengshao, der sich auch zu verschiedenen „Frauenproblemen“ äußert. Immerhin sind die Notizen fast 200 Jahre alt, können also zur aktuellen Problematik konkret wenig beitragen. Aber vielleicht veranschaulichen.

Herr Chen war also um 1830 als Beamter in den südlichen Provinzen Chinas tätig und bemühte sich dort darum, die auftretenden Probleme aller Art in den Griff zu kriegen. Auch wenn er selbst gerne sagt, dass ein Übel von der Wurzel her beseitigt werden müsse, wirken seine Maßnahmen häufig eher pragmatisch oder gar oberflächlich, aus heutiger Sicht. Rechtfertigend sagt er auch: gegen den Lauf der Dinge zu Regieren ist schwer, folgt man der Natur der Dinge, dann ist es leicht. Wobei die Natur der Dinge hier der Schwachpunkt in der Argumentation sein dürfte.

Ein besonders drängendes Problem war jedenfalls das Ertränken von Mädchen,was offenbar gerade in der heutigen Provinz Fujian erhebliche Ausmaße angenommen hatte. Es gibt demographische Zahlen noch zu der Zeit vor Chen Shengshao, nämlich aus der Mingzeit. Anfang der Mingzeit (12. Jhdt) gab es in einem bestimmten Kreis 36.790 männliche und 28.368 weibliche Einwohner. Zum Ende der Mingzeit (17. Jhdt) kamen auf 32.966 Männer nur noch 11.628 Frauen. Offenbar hat sich bis zur Zeit des Herrn Chen hier keine nennenswerte Besserung eingestellt.

Er begründet das Phänomen des Mädchenertränkens damit, dass es so unglaublich teuer sei, eine Tochter zu verheiraten, dass sich Familien in Schulden stürzen müssen, die sie nie wieder los werden. Weil ja aber auch immer die Nachbarn schauen, wieviel Mitgift geleistet wird, man also an der Stelle unmöglich sparen kann, bringt man die Mädchen nach der Geburt einfach um, offenbar durch Ertränken. Das passt gut zu dem Satz, eine Tochter sei wie verschüttetes Wasser. Denn nach der Heirat gehört sie mitsamt der Mitgift zur anderen Schwiegerfamilie und pflegt auch deren Ahnen, während sie ihrer Ursprungsfamilie nichts mehr nützt, also nur gekostet hat. Da schüttet man das Wasser doch besser gleich zum anderen Wasser dazu. Bevor es einem Mühe und Kosten verursacht hat.
Die Idee, sie als Kindsbräute ohne Mitgift an andere Familien zu geben, soll nicht praktikabel sein, weil sie immer weinend zurückgelaufen kämen, wenn sie ihre leiblichen Eltern kennen.

Aber Herr Chen will Abhilfe schaffen, da aus dem akuten Frauenmangel allerlei Übel resultieren, als da wären: Familien adoptieren wegen Nachwuchsmangel fremde Jungen für die Ahnenverehrung, was zu genealogischem Chaos führt, Witwen heiraten ein zweites Mal und marodierende Junggesellenhorden sorgen für Unruhe.

Also erlässt er ein Gesetz zum Ammenwesen. Ammen, die fremde Mädchen aufnehmen werden bezahlt und mit sozialversicherungsähnlicher Versorgung ausgestattet, sie ziehen sie groß, bis die Mädchen etwa 7 Jahre alt sind und Schaufel und Besen halten können. Nochmal 6-7 Jahre später taugen sie dann als Ehefrauen. Ob sie diesen zweiten Abschnitt schon als Kindsbräute bei der neuen Familie schuften sollen, ist etwas unklar. Für ammenaufgezogene Kindsbräute fällt offenbar keine Aussteuer an und da sie ihre leibliche Familie nicht kennen, können sie zu denen auch nicht zurücklaufen. Und die Ammen werden sie ohne die Bezahlung nicht wieder aufnehmen. In der Falle, aber am Leben.

Jedenfalls gab es im Bezirk Zhaoan nach seiner Amtszeit 1200 bezahlte Ammen und als er versetzt wurde, hätten ihn die Ehefrauen und Ammen gar nicht abreisen lassen wollen. Dass er zahllosen Mädchen das Leben gerettet hat, scheint ihn zwar nur im Hinblick auf die Funktionsfähigkeit und Ordnung in der Männergesellschaft zu interessieren, aber gerettet ist gerettet, das darf man schon anerkennen. Vielleicht empfand er auch ein kleines bisschen Bedauern für die Mädchen, wie für einen ertränkten Wurf Kätzchen, fand das aber zu emotional für seine landeskundlichen Notizen.

Ein bisschen froh bin ich in dem ganzen Ärger schon, dass ich mich persönlich auf dem Niveau von Ausstellungskonzepten mit dem Thema auseinandersetzen kann.

Betrachtung der Kampenwand

Kampenwand

Letztens hatte ich eine Ausstellung die untertitelt war mit: japanische und chinesische Tuschmalerei. Dies reizte das Publikum zu zwei Fragen: „Kann man das in einen Topf werfen?“ und „Wo ist denn da der Unterschied?“

Die erste könnte ich mit „Och ja, irgendwie schon.“ und die andere mit „Naja, schwer zu sagen.“, beantworten. Aber das wäre ein arg kurzer Beitrag. Und so möchte ich ergänzen, dass die chinesische Tuschmalerei in China erfunden und gepflegt wurde und von dort ihren Weg nach Japan antrat, um dann irgendwann japanische Tuschmalerei zu heißen. Dies aber nur im Ausland. Denn in China heißt die chinesische Tuschmalerei Shuimohua oder Mohui und in Japan Suibokuga oder Sumi-e. Was nur ein scheinbarer Unterschied ist, da es jeweils mit den gleichen chinesischen Schriftzeichen geschrieben wird und Wasser-Tusche-Bild oder Tusche-malen bedeutet.

Ich möchte am Rande auf die irritierende Besonderheit des Japanischen hinweisen, das gerne das gleiche Schriftzeichen unterschiedlich ausspricht, ohne deshalb die Bedeutung zu verändern. Sumi oder Boku werden also gleich geschrieben und bezeichnen jeweils die schwarze Tusche. Im Chinesischen hat ein Schriftzeichen mit unterschiedlichen Aussprachevarianten auch unterschiedliche Bedeutungen. Ich kann kein Japanisch und bin daher leider außerstande diese überflüssig wirkende Komplikation zu erläutern.

Die Kunst kam also im Gepäck von Mönchen im 12./13. Jahrhundert zusammen mit dem Zen (chin: Chan) aus China nach Japan. Habe ich jedenfalls gelesen. Dabei war ich nicht. In China kam im 17. Jahrhundert die Bildsammlung „Zehnbambushalle“ und die Malanleitung „Senfkorngarten“ heraus und wurde per Holzdruck vervielfältigt. Dadurch wurde eine großflächige Verbreitung auch in Japan möglich und führte dort zu verstärkter Popularität.

Der japanische Maler Yanagisawa Kien sagte im 18. Jahrhundert: „In der Malerei muss man chinesische Bilder studieren, denn es haben in Japan alle großen Maler von der chinesischen Malerei gelernt.“ Was natürlich nicht heißt, dass nach dem Lernen nichts Eigenes mehr passierte.

Man kann hüben wie drüben zwei Hauptschulen ausmachen: die Nordschule mit opulenten, detailreichen, aufwendigen Werke und die Südschule mit reduzierten, spontanen Bilder. In China floss ersteres vor allem aus den Pinseln von Berufsmalern (die damit -igitt- Geld verdienen mussten) und letzteres war eher das Werk von so genannten Literatenmalern, denen das Malen zur Selbstkultivierung diente, die den Abdruck des Herzens malen wollten. Aber bevor es zu esoterisch wird: in China ist das Herz der Sitz des Geistes.

Beide Schulen machten Zyklen durch, an deren einem Pol die totale Reglementierung und am anderen die Formenfreiheit stand. Mein kunsthistorisches Interesse erlahmt an dieser Stelle immer etwas, weil die Aufsplitterung in Familienschulen und deren zeitlichen Abläufe viel weniger fesselnd ist, als selber ein Bild zu malen. Und zwar egal ob formal reglementiert oder ganz nach Gusto.

Mit europäischer Tuschmalerei ist es im Vergleich ja nicht sehr weit her. Tuschezeichnungen ohne Ende, aber Malerei? Mir fallen nur Picassos Stierkampfszenen ein. Ist das dann spanische Tuschmalerei?

Das sind so Fragen. Dazu fällt mir einer meiner ersten Berufswünsche als Kind ein: ich wollte Zigeunerin werden. Ich bitte den Begriff zu entschuldigen, aber ich wollte eben Zigeunerin und nicht Roma oder Sinti werden. Völlig zutreffend, aber doch irgendwie demoralisierend wandten meine Eltern ein, dass Zigeunerin kein Beruf sondern eine Volkszugehörigkeit sei. (Als ich daraufhin umdisponierte, -Augen auf bei der Berufswahl- sattelte mein Bruder noch einen drauf und meinte, ich könnte als Mädchen kein Pirat werden. Heute tut ihm diese reaktionäre Ansicht natürlich leid, aber heute will ich ja nicht mehr Pirat werden.) Nun stellt sich natürlich die Frage, kann ich japanische Tuschmalerei betreiben? Oder chinesische? Bezieht sich das auf die Herkunft? Auf die Technik? Aufs Sujet?

Ein Freund von mir ist nicht nur Heilpraktiker für traditionelle chinesische Medizin (TCM), sondern kann auch Chinesisch, hat die maßgeblichen Klassiker im Original studiert und ist obendrein Kungfumeister. Trotz dieser umfassenden Ausbildung passiert es ihm, dass Chinesen seine Kompetenz anzweifeln. Weil er kein Chinese ist. Kulturchauvinismus ist schließlich keine westliche Erfindung. Ja, sagt er dann bescheiden. Chinesen könnten auch keinen Beethoven spielen, ergänzt er dann. Das ist schlicht und schön und brillant. Und stoppt das Genöle.

Natürlich denkt ein Teil von mir, wie denn bitte ein Chinese die Schwermut, Wuchtigkeit, Rhythmik und ja, auch Harthörigkeit eines Beethoven empfinden können solle. Wo all dies doch so deutsch ist. Und merke gleichzeitig wie doof das ist. Wenn Beethoven oder TCM kulturell unübertragbar wären, wer würde sich dann dafür so interessieren?

Also machen wir es uns doch einfach: wenn ein Haiku auf dem Bild ist oder der Fuji oder die Personen japanische Moden tragen, ist es ein japanisches Bild. Ist ein Ci (chinesisches Gedicht in gebundener Sprache v.a. aus der Songzeit) drauf oder der Huangshan (malerisches Gebirge im Osten Chinas) oder chinesische Moden, ist es chinesisch. Wenn weder noch drauf ist, oder man nicht erkennen kann, ob das Geschreibsel ein Haiku oder ein Ci oder sonst was ist, schaut man auf den Namen des Malers oder der Malerin. Ist er japanisch, ist das Bild japanisch. Oder? Ist ein Bild, das im Stile des französischen Impressionismus von einem Chinesen in China gemalt wurde eigentlich französisch oder chinesisch? Und wenn ich mir jetzt meinen Namen so betrachte: muss ich nächstes Mal mit „deutsche Tuschmalerei“ untertiteln? Das weckt ganz falsche Erwartungen. Aber als Vertreterin der Südschule könnte ich zum Beispiel ein Gstanzl draufschreiben und/oder eine Sennerin beim Betrachten der Kampenwand malen.