Kategorie-Archiv: Taiwan

Gipfeliges

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Letztens war ich zu einem Alumnitreffen eingeladen. Alumni klingt ja so ein wenig nach Illuminati, heißt aber tatsächlich nur Zögling. Und so lud die Taipeh-Vertretung ihre Zöglinge, die bisher etwa 120 ehemaligen Stipendiaten und Stipendiatinnen ein und immerhin gut die Hälfte davon kam aus der ganzen Republik angereist. Auch ich machte mich auf den Weg. Allerdings hatte ich es nicht weit, musste ich doch nur von Prenzlauer Berg in den angrenzenden Bezirk Mitte.

Wie immer auf solchen Treffen wusste ich nicht so recht, was ich da machen soll. Ich bin ausgesprochen schlecht im Smalltalk und daraus resultierend eine schlechte Netzwerkerin und Selbstvermarkterin. Was hätte ich nicht alles daraus machen können? Ich hätte meine laufende Ausstellung anpreisen können, meinen Tuschmalereiunterrichtsflyer in die Menge werfen können und allen mein Taiwanbuch unter die Nase halten können. Ich hätte damit unheimlich auf die Nerven gehen und mich damit bekannter machen können. Hätte ich alles können, hab ich aber nur äußerst zurückhaltend getan.

Tatsächlich ist für mich ja auch viel interessanter, was andere zu erzählen haben. Mich kenne ich ja schon. Also habe ich von einer Studie über eine nach Taiwan eingeschleppte Kletterpflanze gehört. Das Stipendium wurde für die Erforschung der Auswirkung der Einschleppung der Kletterpflanze vergeben. Das ist doch mal interessant. Nicht immer nur diese Sprachnerds. Erfreulicherweise hat sich herausgestellt, dass sich die Kletterpflanze entgegen den ursprünglichen Befürchtungen nicht schädlich auf das bestehende Ökosystem auswirkt.

Schließlich gab es Vorträge. Die Begrüßung durch Botschafter Wei war wie gewohnt geeignet, eigenen Gedanken nachzuhängen. Weil ich in dem Moment nicht so viele davon hatte, war ich froh, dass er sich kurz hielt. Dann kam der Hauptredner Dr. Croissant, der uns wesentlich länger, aber gleichzeitig wesentlich kurzweiliger über den Demokratisierungsprozess in Taiwan unterrichtete. Wir waren nicht überrascht, dass es Taiwan auf dem Bertelsmann Transformationsindex ganz nach oben geschafft hat, den Gipfel, ja den Olymp der transformierenden Staaten erklommen hat, gefolgt von Südkorea und Indien. Demokratien, die als gefestigt gelten, werden von dem Index (deshalb Transformationsindex) nicht mehr erfasst. Es kann also sein, dass Taiwan bald gar nicht mehr auf dem Index erscheint. Aufstieg in die Bundesliga sozusagen. Ach was sage ich: Champions League oder gar Weltmeisterschaft! Dort befinden sich die arrivierten, die erfolgreichen Demokratien, wie Dänemark, wir oder Italien. Und da sieht man gleich, was hier fehlt: ein Transformationsindex für den Abbau oder dem Verspielen von Demokratie. Schließlich ist ja nicht gesagt, dass eine arrivierte Demokratie immer eine solche bleibt. Italien könnte doch zum Beispiel wegen der Medienkonzentration und den sonderbaren Berlusconigesetzen auf einem Abstiegsplatz landen? Auch die EU insgesamt bekleckert sich in dieser Hinsicht nicht gerade mit Ruhm und erhält dafür schon gar keine olympischen Weihen. Vielleicht würde ein wenig Sportsgeist dem politischen Klima ganz gut tun? Spannende Relegationsspiele um Menschen- und Teilhaberechte? Wer möchte schon gerne absteigen? Das könnte der Demokratie ganz neue Attraktivität verleihen.

Ganz unten auf dem Index dümpelt wenig überraschend Myanmar/Birma, nur geringfügig hinter Nordkorea. China hat immerhin den viertletzten Platz ergattert: Glückwunsch! Das garantiert den Klassenerhalt!

Ansonsten ist es in Taiwan wie bei uns: die Mehrheit findet die Demokratie grundsätzlich gut (erstaunliche 92%), aber zufrieden sind mit ihr nur 53%. So schlecht ist das auch nicht, in Osteuropa finden beispielsweise nur 53% dass Demokratie überhaupt eine gute Idee ist. Lustigerweise genießt in Taiwan ausgerechnet das Militär das höchste Vertrauen, ganz im Gegensatz von Parteien oder gar dem Parlament. Aber wenn ich mich recht erinnere, ist das bei uns auch so, obwohl oder gerade weil das Militär nicht für seine demokratische Entscheidungsfindung bekannt ist.

In der anschließenden Diskussion wollte ein Alumnus unbedingt darauf hinaus, dass der ganze Demokratiebegriff  im Westen entstanden und entwickelt und damit eurozentristisch sei. Ja genau, der Asiate kann nämlich gar keine Demokratie. Wahrscheinlich verstehen die 92% Taiwaner gar nicht, wem oder was sie da zustimmen. Sie empfinden wahrscheinlich auch Schmerzen ganz anders und haben gar keine individuellen Wünsche. Mehr so eine Art Ameisenmensch oder so. Doch ist zu bedenken, dass auch das Automobil im Westen erfunden und entwickelt wurde. Und trauschauwem: auch der Asiate kann damit fahren. Unter Zurückdrängung all seiner eigentlichen Eigenheiten kann er vielleicht sogar wählen gehen, hört hört!

Interessanter war da schon der Beitrag, dass das taiwanische Nationalgefühl dem der Österreicher nach dem zweiten Weltkrieg vergleichbar sei. Der Taiwaner als chinesischer Schluchtenscheißer? China als die Trägerin der problematischen Mutterkultur mit all den üblichen Abgrenzungs- Ablöseproblemen für die Filia, die nicht nur Filiale sein will? Könnte schon sein. Leider war kein Österreicher da, den man zu seinem ganz speziellen Nationalgefühl, zur eigenen Verortung in der Welt hätte befragen können.

Was die Gipfel anbelangt gibt es schon gewisse Ähnlichkeiten: der Großglockner ist mit fast 3.800 m ähnlich hoch wie der taiwanische Yushan (ca. 3.900m). Dafür ist Chinas höchster Berg fast dreimal so hoch wie der unsrige. Aber wir spielen (wie natürlich auch Österreich) Demokratie in der Champions League.

Zufall

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„Ich glaube nicht an Zufälle“, hört man ja manchmal. Und ich frage mich dann, was damit gemeint ist. Vielleicht soll es heißen, dass der Zufall nur ein Produkt selektiver Wahrnehmung ist. Oder dass Ursache und Wirkung durchaus eindeutig zu bestimmen gewesen wären, hätte man nur alle Parameter gekannt. Aber jetzt mal im Ernst. Gibt es für den Alltagsgebrauch einen Unterschied, ob etwas insgesamt unvorhersehbar war oder ob es nur aus mangelnder Kenntnis aller Parameter nicht vorhergesehen werden konnte? Meist klingt „ich glaube nicht an Zufälle“ sowieso nicht nach Wissenschaft, sondern irgendwie absichtlicher, bedeutungsschwangerer. Vielleicht möchte die Person über sich sagen, sie sei karmagläubig, verbindungsfühlig, abergläubisch, sonstwie glaubend oder einfach nur fatalistisch?  Ist ein Leben ohne Zufälle wünschenswert? Überhaupt möglich? Ist es nicht schrecklich beengt?

Welches Karma oder welche aus unendlichen Weiten hergeleiteten Parameter sollten auch warum erklären, dass ich in diesem Monat zweimal von einem Ort hörte, dessen Existenz mir bis dato komplett verborgen war? Ein kleiner Ort in Thüringen schob sich wie aus dem Nichts zwei Mal unabhängig voneinander in meine Aufmerksamkeit. Aus dem Nichts trifft es eigentlich nicht so gut. Ins Nichts müsste es heißen. Denn war es nicht so, dass eines Nachts ein Stück von Schmalkalden im Nichts verschwand? Die Erde tat sich auf und nahm einen ordentlichen Bissen. Ein zufälliger Erdfall. Oder war es Absicht, dass der Schlund ein Auto verschlang? Aber wessen Absicht? Wäre Ort, Ausmaß und Zeitpunkt exakt vorhersehbar gewesen, hätte man alles gewusst? Wer bitte sollte das wissen können?

Vor allem: was hat das ganze jetzt mit Taiwan zu tun? Oder wenigstens mit China? Da kommt jetzt wieder der Zufall ins Spiel. Denn kurz bevor ein Teil Schmalkaldens in sich zusammenfiel, las ich ein Buch von einem Schmalkaldener. Also er selbst stammte eigentlich nicht aus Schmalkalden (so ist das mit den Zufällen, sie hinken zuweilen ein wenig), sondern aus dem 25km entfernten Friedrichroda, wo sein Vater Bürgermeister war. Doch ganz so armselig ist der Zufall auch wieder nicht, denn: der junge Mann hieß Schmalkalden. Caspar Schmalkalden. Ich weiß nicht, wie er es mit den Zufällen hielt, aber es wurde ihm 1642 zu eng dort im schönen Thüringen und er machte sich auf eine große Reise. Als Söldner für die Holländer.

Diese Reise führte ihn auch nach Taiwan. Und weil man Mitte des 17. Jahrhunderts noch keine Blogs schreiben und ins Netz stellen konnte, schrieb und malte er ein Tagebuch, das erfreulicherweise die nächsten 350 Jahre überstand. Mit wachen Augen beobachtete er die fremden Welten und Völker und nahm diese so offen auf, als vor seinem Hintergrund erwartbar ist.

Nach sechs Jahren des Herumgondelns auf den Meeren und den Ländern Hollands erreichte er 1648 Taiwan, das die Portugiesen Formosa genannt hatten, aber jetzt von den Holländern genutzt und beansprucht wurde.  Dort legte Schmalkalden dann seine Waffen nieder und arbeitete als Landvermesser. Die Holländer wollten schließlich wissen, was sie da famoses hatten und nicht alles dem Zufall überlassen. Im flachen und fruchtbaren Westen wohnten die Chinesen und in den Bergen der Ostseite die Formosanen, wie Schmalkalden die Ureinwohner nannte. Die waren nicht ganz freiwillig in den etwas anstrengenden Bergen. Die Chinesen, die sich in großen Auswanderungswellen (die letzte war gerade vorüber, weil die tartarische Qing-Dynastie die chinesische Ming-Dynastie ein paar Jahre davor beendet hatte) auf Taiwan niederließen, beanspruchten die bequemeren Orte für sich. Auf einer Insel vor der wirtlichen Westseite lag Zeelandia, das große holländische Fort, von dem heute nur noch ein paar Mauerreste übrig geblieben sind und das auch nicht mehr auf einer Insel liegt, sondern nunmehr auf dem taiwanischen Festland.

Von den Chinesen war er insgesamt sehr angetan, weil sie so weißhäutig und ehrbar gekleidet waren. Die Sitte, sich ein paar Fingernägel übertrieben lang wachsen zu lassen, missfiel ihm allerdings. Kann ich verstehen. Schön finde ich das auch nicht. Aber seine Abneigung war nicht durch so Skrupel wie das Selbstbestimmungsrecht anderer beschränkt. Er war immerhin Söldner zur Zeit der Kolonisation und obendrein mit der damals üblichen, guten christlichen Selbstgerechtigkeit ausgestattet. So konnte es einem chinesischen Imbissverkäufer wie aus heiterem Himmel passieren, dass eine Art Pseudoholländer namens Schmalkalden ihn ergriff und ihm die kostbar gezüchteten Nägel abschnitt. Immerhin kann man davon ausgehen, dass der Verkäufer damals nicht auch noch für teuer Geld Strasssteinchen und Unterwasserlandschaften darauf hat applizieren lassen. Aber das wird dem Chinesen sicher kein Trost gewesen sein.

So wenig dem Herrn Schmalkalden die chinesische Maniküre zusagte, so sehr hatte es ihm deren Krautwasser angetan: „Zur Gesundheit trinken sie öfters warm Wasser von einem Kraut, auf ihre Sprache Chia und ins gemeine Thé genannt, welches sehr gesund ist (…) Dieses Thé-Wasser ist sonderlich gut, wenn man unlustig ist oder einem das Essen nicht schmecket. Auch wenn einer trunken gewesen ist, so erwecket es wieder guten Appetit und vertreibt alle Unverträglichkeit des Magens. Auch wer von diesem Trank oft trinket, darf sich nicht der Schwind-, Steinsucht oder Podagra (Fußgicht) besorgen, wie man dann an solchen Orten von diesen Krankheiten nichts weiß.“

Schmalkalden versucht auch Fengshui zu erklären, weiß aber nicht so recht, ob er es dabei mit teuflischem Glauben oder Wissenschaft zu tun hat. Er äußert sich abfällig über die Gespenster und Schlangen, die den toten Chinesen die Hölle heiß machen sollen, wenn das Grab nicht fengshuigerecht liegt, aber sicherheitshalber malt er minutiös den für ihn völlig unverständlichen Fengshuikompass ab. Denn wer weiß? Liegen da nicht doch noch ein paar Parameter versteckt, mit deren Kenntnis man den Wechselfällen des Lebens gewappneter gegenüberstehen könnte?

Von den von ihm so bezeichneten Formosanern war er weniger begeistert und trotz seines immerhin zweijährigen Aufenthaltes, der ihn über die ganze Insel führte, fiel ihm offenbar nicht auf, dass es sich um etwa 14 unterschiedliche Volksgruppen handelte. Diese Verächtlichkeit teilte er sich mit den Chinesen. Er fand sie alle klein, stämmig, faul und skandalös bekleidet. Die Häuser von außen seien zwar hübsch und farbenfroh, aber innen schlicht zu leer. Kaum Dinge. Hausrat. Eigentum. Weil sie zu faul waren etwas zu arbeiten, war seine Analyse. Dafür liebten die formosanischen Männer den Wettlauf, wobei sie -weiterhin nur mit einem Schurz bekleidet- mehrere Metallringe um Arme und Hände trugen, die beim Rennen laut aneinanderschlugen. Heute machen die Taiwaner ohne Migrationshintergrund (Naja, irgendwo müssen die auch hergekommen sein. Ab wievielen Generationen erlischt wohl der Migrationshintergrund?) nur noch 2% der Bevölkerung aus und sind mehr oder minder sinisiert und vollständig bekleidet sowieso. Die meisten werden auch sehr viele Dinge zu hause haben, die sie zufällig immer dann nicht finden, wenn man sie braucht.

Damals wurde natürlich nicht die Sinisierung, sondern die Hollandisierung angestrebt und das Wichtigste dabei war natürlich die Christianisierung. Und so lernten die Formosaner mit Zuckerbrot und Peitsche das Vaterunser, das Schmalkalden phonetisch so notierte: Diameta Katu vullum, lulugniang ta nanang oho mabatongal ta tao tu goumoho…. Ob das heute noch jemand kennt?

Was es heute auf jeden Fall noch geben soll, ich aber leider nicht gesehen habe, ist etwas, das Schmalkalden den Tayonanischen Duyvel nannte und für eine Amphibie hielt. Heute nennt man es Ohrenschuppentier oder Manis pentadactylus und hält es für ein Säugetier. Es kann bis zu einem Meter groß werden und sieht in etwa aus wie eine Kreuzung aus einem Ameisenbär und einem Tannenzapfen. Neben der allgemeinen Körperform kämen auch die namengebenden Ohrwaschel vom Ameisenbär, während der Tannenzapfen Farben und Schuppen besteuerte. Trotzdem ist die Ähnlichkeit eher zufällig, denn eine nähere Verwandtschaft besteht weder mit dem einen noch mit dem anderen. Naja Zufall, in diesem Fall nennt man das wohl Konvergenz, was bedeutet, dass für ähnliche Probleme unabhängig voneinander ähnliche Lösungen gefunden wurden. Dieser beohrte Tannenzapfen ist wegen seines Fleisches und seiner Haut eine begehrte Beute, steht aber längst unter Artenschutz. Das klappt nur so mittelmäßig, doch es gibt ihn noch. Ganz offensichtlich war ich nachts zu selten im Wald. Denn dann und dort sucht er nach Ameisen, die er mit einer Art Stachelzähnen im Magen zerkaut. Zum Verdauen zieht er sich dann wieder in seine geräumigen unterirdischen Höhlen zurück.

Wäre es nicht ein ganz aberwitziger Zufall, wenn grabende Tannenzapfentiere aus Taiwan im ausgespülten Untergrund unter dem föhrenbestandenen Schmalkalden den letzten Anstoß für den Erdfall gegeben hätten? Wenn Waschbären Brandenburger Mülltonnen leeren, könnten dann nicht auch Tannenzapfentiere unter Thüringen herumbuddeln? Oder wäre das für einen Zufall doch zu weit hergeholt? Ich persönlich halte ja grundsätzlich fast alles für möglich. Sogar Zufälle.

An apple a day

Apfel

In Hongkong und Taiwan gibt es eine Zeitung namens Pinguo Ribao, Apple daily. Ribao heißt dabei nicht „täglich“, sondern Tageszeitung. Daily also als Erscheinungs-, nicht als Vertilgungsfrequenz. Äpfel haben keine wirklich signifikante Symbolik in China. Angeblich gibt es nicht mal gute Äpfel aus China, sondern nur aus Japan oder Korea. Äpfel sind einfach ein Obst. Immerhin ist Apfel (Pingguo) gleichlautend mit Land des Friedens (Pingguo). Aber gegen diese Assoziation spricht, dass Apple daily investigativ und skandalorientiert ist. Gerade Apple Daily Hongkong stöbert und stichelt und stochert ohne Unterlass gegen Festlandchina.

Ein Apfel täglich soll Ärzte fern halten, sagt ein englisches Sprichwort. Soll nun mit dem Zeitungsnamen auf diese Gesundheitsassoziation angespielt werden, oder auf den vergifteten Schneewittchenapfel? Auch der hat immerhin einen Arztbesuch überflüssig gemacht. Der Sündenfall mit Apfel und Schlange und allem drumunddran wiederum machte Ärzte überhaupt erst nötig, aber auch möglich. Die Gedankenpfade laufen so aber doch zu sehr gen Westen. Kurz:  ich habe keine Ahnung, warum die Zeitung so heißt.

Die taiwanische Apfeltageszeitung hat für ihren Onlineauftritt nun ein ganz neues Format entdeckt. Es ist ja so, dass ärgerlicherweise nicht immer eine Kamera vor Ort und aufnahmebereit ist, wenn etwas Interessantes passiert. Soviele Paparazzi, zufällige Handyfilmer und Googleautos gibt es gar nicht. Man mag es kaum glauben, aber es ist so. Also werden Nachrichten nunmehr optisch digital nachgestellt. Ein paar -ansonsten womöglich arbeitslose- Schauspieler werden mit Sensoren ausgestattet, schlagen und treten sich, werden von Trümmern erschlagen oder saufen ab, spielen eine Schlägerei, einen Mord oder auch ein Erdbeben auf Haiti nach. Umgebung und Personen werden dann digital ausformuliert und alle Zuschauer können sehen, wie es war. Das ist natürlich nobel gedacht.

Wahrscheinlich erhöht es sogar die Spendenbereitschaft, wenn man zuvor gesehen hat, wie eine computeranimierte Figur in einem eingestürzten Haus verschüttet wird. Obwohl es dabei natürlich auch auf so Details ankommt, ob beispielsweise ein ertrinkendes Kind oder ein ertrinkender Taliban, der gerade vom Nasenabschneiden kommt, gezeigt wird. Das Tendenziöse ist bei Echtfilm natürlich genauso gegeben, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass es immerhin irgendwo wirklich ein ertrinkendes Kind oder einen ertrinkenden, zuvor nasenabschneidenden Taliban zu filmen gab. Oder in letzterem Fall zumindest einen ertrinkenden fies aussehenden Mann mit Turban und Bart.  Apple Daily Taiwan zeigt darüberhinaus nun auch das, was außer den Beteiligten niemand gesehen hat. Beispielsweise eine Messerstecherei. Wie es dazu kam, die Schuldigen und die Unschuldigen und die Grauzonen dazwischen. Das ganze hat nur einen kleinen Schönheitsfehler, weil zumindest die, die das herstellen genausowenig wie alle anderen wissen, wie es war.

Aber der Apple-Daily-online-Konsument hat es nicht nur schwarzaufweiß gelesen, sondern quasi mit eigenen Augen gesehen. Ausgerechnet mit den leichtgläubigen Augen. Sich hinterher ein neues Bild zu machen, das alte zu überschreiben, ist so einfach nicht. Da ist das Hirn nicht viel anders als ein alter Monitor, auf dem sich Bilder auch noch in die Netzhaut einfraßen.

Ob dem ungläubigen Thomas das Sehen von Jesu post mortem zum Glauben genügte, oder ob er klug und widerspenstig genug war, seine Finger wirklich in die Wunden zu legen und zu fühlen, wie er es ursprünglich wollte, wird in der Bibel bezeichnenderweise nicht beantwortet. Der Skeptiker wurde ja schon gedisst, weil er sehen wollte, bevor er glaubte. Kann sein, ein Erspüren war ihm dann zu widerspenstig.

Auch in Deutschland gäbe es bestimmt Kunden für diesen speziellen Nachrichtendienst. Lassen wir jetzt mal den Fall Kachelmann außen vor, der sich auch für Apple daily aus Gründen des Jugendschutzes oder der allgemeinen Sexualmoral nicht zur Nachstellung anbieten würde, sondern verfolgen gespannt und in 3D das erdrückende Szenario von Duisburg. In Farbe und allen Details. So wie diese sonderbaren, aber offenbar sehr beliebten nachgespielten „Dokumentarfilme“ über Kelten, Pyramidenbau oder den Mann vom Hauslabjoch, kurz Ötzi. Nur viel schneller hinrecherchiert und veröffentlicht. Es muss ja aktuell sein. Daily verpflichtet.

Dann wüssten wir längst, welcher Polizeibeamte schuldig ist, welcher Sanitäter ein Held, welcher Teilnehmer ein kompletter Idiot. Wir wüssten Bescheid über die Tragödien einzelner Geretteter und vor allem die der Nichtgeretteten, weil die hinterher nichts mehr sagen können. Für die Aufarbeitung der Verwaltungsvorgänge eignet sich das Format natürlich weniger, das ist optisch doch zu monoton. Aber das wesentliche hätten wir ja gesehen und müssten nicht darauf warten, bis die Staatsanwaltschaft ihre Arbeit gemacht hat, oder darauf dass OB Sauerland ein Sätzchen wagt, oder dass sich Informationen durch Lecks schmuggeln. Warum das alles passiert ist und wie, das wüssten wir längst. Ha, alter Hut! Toll ist das. Man hätte eine total fundierte Meinung als praktisch Dabeigewesener. Augenzeuge Hilfsausdruck.

Man kann das Hinundherspiegeln von Realität und Idee natürlich auch andersrum aufziehen. Der Film Avatar brach in China alle möglichen Rekorde. Er spielte in der ersten Woche 30 Millionen Euro ein und das bei einer Anzahl von nur 4.600 Kinos in ganz China. (In Deutschland gibt es für ein grobes Zwanzigstel an Bevölkerung immerhin rund 1.800Kinos). Schließlich bekam dieser optisch sensationelle und inhaltlich etwas tumbe Film die Ehre eines zeitweiligen Verbots, bzw eine Beschränkung auf die 700 3D-Kinos im ganzen Land. Die teuren 3D-Kinos waren auf Wochen und Monate ausgebucht. Apple Daily Hongkong berichtete dazu, dass die Propagandabehörden Avatar vorzeitig auslaufen lassen wollten, „weil er die Besucher an Zwangsumsiedlungen denken lässt und möglicherweise Gewalt auslösen könnte“.

Das Verbot kam tatsächlich nicht so gut an und hielt auch nicht sehr lange. Gleichzeitig wurden andere Geschäftszweige entdeckt. Denn die schwebenden Berge von Pandora wurden nach dem Huangshan, dem Gelben Gebirge in China gestaltet. Oder nach den Bergen in Zhangjiajie. Soll der Regisseur James Cameron gesagt haben. Jeweils. In Zhangjiajie wurden mittlerweile ein paar Berge avatargemäß umbenannt, während man im Huangshan noch nicht über so altbackene, voravatarische Bezeichnungen wie den Handyfelsen herausgekommen ist. Doch sonst geben sich beide Gegenden nichts bei der Werbung mit dem Animationsfilm. Man reist jetzt nicht mehr zu den fantastischen Naturformationen des Huangshan oder denen von Zhangjiajie um ihrer selbst willen, sondern um die Vorlage für die Filmberge von Pandora zu sehen. Das soll sehr gut laufen. Als würden die Berge dadurch toller. Mir als alter Bergziege passt das natürlich überhaupt nicht. Und mit Verlaub: das ist auch gar nicht möglich. Das was den Bergen am meisten schadet, ist nunmal die Anzahl der Besucher. Und ich stand vor Avatar im Huangshan schon mal mitten im Gebirge im Menschenstau.

In Taiwan ist ein Mann gestorben, nachdem er sich Avatar in 3D im Kino angesehen hatte. 42 Jahre war er und litt unter hohem Blutdruck. Auf dem Weg ins Krankenhaus wurde er bewusstlos und starb später an einer Gehirnblutung. Die Symptome sollen durch die übermäßige Aufregung im Kino ausgelöst worden sein. Über Todesfälle durch das Betrachten von Apple daily online ist noch nichts bekannt geworden. An apple a day keeps the doctor away, so ist es eben.

Ursprünglich kommt diese verwortete Idee übrigens aus Wales und da hieß es 1866: Eat an apple on going to bed, and you’ll keep the doctor from earning his bread. Vielleicht ist der Originaltext der Grund, warum es bei mir zu hause hieß, dass ein Apfel vor dem Schlafengehen Zähneputzen überflüssig macht. Dabei gehörten Zahnärzte ja lange nicht zu den Ärzten, sondern eher zu den Barbieren, Henkern und Scharlatanen. In Chinas Provinz  kann man sich auch heute noch auf lokalen Märkten den Zahnersatz an Marktständen aussuchen und sich unter Publikumsbeteiligung per Fußbohrer Karies entfernen lassen. Dann wünscht man sich wahrscheinlich auch weit weg auf die schwebenden Berge Pandoras.

Ein Lichtlein brennt

Teufelsziege

Der heilige Nikolaus von Myra hat eine Schokoladenseite. Mit dieser verteilt er Apfel, Nuss und Mandelkern. Oder auch kleine Schokoladenstatuen von sich selbst. Die dunkle Seite des Nikolaus ist ein Kinderschreck namens Krampus oder Knecht Ruprecht. Obwohl ich schon die Selbstgerechtigkeit mit der das goldene Buch gezückt und Wohlverhalten und Untaten vorgetragen werden, eine ziemlich dunkle Seite finde. Diese Indiskretion war mir ein Gräuel.  Und abgesehen davon: woher weiß der das? Entweder sieht Gott alles und hat nichts besseres zu tun, als das haarklein weiterzuerzählen. Oder die Informanten kommen aus der eigenen Familie. Big Brother oder Stasi. Pest oder Cholera.

Es muss aber auch eine wesentlich diskretere Form des Heiligen geben, ist er doch auch der Schutzpatron der Diebe und sonstiger Verbrecher. Wie er da wohl angerufen wird?

Gib mir nen Tip Sankt Nikolaus, wo räume ich als nächstes aus?

Sinterklaas sei gut zu mir, zeig mir ne offene Hintertür.

Und dann: Hab ein Einsehen Santa Claus, mach mir meine Beute groß!

Oder: Oh weh oh schreck  Sant Nicolo, helf mir in pericolo!

und schließlich: Lieber guter Nikolaus, hau mich aus der Scheiße raus!

Das Verhältnis der doch recht katholisch angelegten Mafia zum Weihnachtsmann würde vielleicht mal eine Untersuchung lohnen.

Auch die taiwanische Unterwelt hat natürlich ihren Schutzgott.  Mit Heiligen halten die sich erst gar nicht auf. Wenn dieser spezielle Gott auch weniger vielseitig angelegt ist. Nikolaus muss sich schließlich noch um Seeleute, Studenten, Kaufleute, Jungfrauen, Getreidehändler, Pfandleiher, Juristen, Apotheker, Schneider,  Fuhrleute, Salzsieder, Gefängniswärter, Drescher und  Metzger kümmern. (Wobei viele vermutlich finden, dass das meiste davon eh auch Gauner sind.)

Der Gott der Gangster in Taiwan heißt Handan, wie ich einem eben gesehenen Dokumentarfilm entnahm. Verehrt wird er im Xuanwu-Tempel in der größten Stadt im abgelegenen Osten Taiwans: in Taidong.  Und sein ganz großer Tag ist das dortige Laternenfest zwei Wochen nach chinesisch Neujahr.

Wer Handan war, ist mal wieder nicht so klar. Er könnte ein General aus der schier vorzeitlichen Shangdynastie gewesen sein, der posthum für die Finanzen des Himmels zuständig war und so zum Kriegergott des Wohlstands wurde. Kapital ist Diebstahl? So à la: Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie, was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?

Oder Handan war ein reuiger Delinquent, der sich zur Sühne halbnackt auszog und mit Feuerwerkskörpern bewerfen ließ. Vielleicht auch weil ihm kalt war, heißt „han“ doch Kälte. („Dan“ heißt zwischen ungerade, Liste und Tuch noch so allerlei anderes, was mich hier nicht weiterbringt.)

Abgesehen von der Reue ist es jedenfalls genau das, was zum Laternenfest in Taidong passiert. Junge und mitteljunge Männer lassen sich mit nacktem Oberkörper und roten Hosen auf einer Art Stehsänfte durch die Menge tragen, die sie unablässig mit zahllosen explodierenden Geschossen bewirft. Die Augen sind durch eine Brille, das Gesicht insgesamt durch ein Tuch geschützt, um das ein rotes Stirnband mit der Aufschrift Handanye (Handan-Onkel) gebunden ist. Der Oberkörper wird vorausschauend mit Desinfektionsmittel eingerieben, damit sich die ganzen Brand- und sonstigen Wunden möglichst wenig entzünden. Dann holen sie sich noch ein Handan-Amulett, hängen sich das um den Hals und dann gehts hoch auf die Sänfte.

Mit der einen Hand halten sie sich am Gerüst fest, in der anderen einen Banyanzweig, mit dem sie den Pulverqualm um die Nasen oder festgebrannte Feuerwerkskörper verfächeln können. Sehen können sie praktisch nichts. Aber die anderen sehen sie, die Inkarnation eines vergöttlichten Paten. Ist der eine durch, kommt der nächste dran. Weil die Wurfgeschosse und damit die Verletzungen vor ein paar Jahren eskalierten, dürfen mittlerweile nur noch vom Tempel ausgesuchte Personen zünden und werfen. Was ein bisschen unfair ist, weil das Bewerfen sich positiv auf die Finanzen im neuen Jahr auswirken soll. Vielleicht reicht aber auch das Spenden der Geschosse.

Diese Handanyes gehören, bedenkt man das Ressort der Gottheit, natürlich in der ein oder anderen Weise zur taiwanischen Unterwelt, was man unschwer an ihren Tattoos erkennen kann. (Diese Tätowiererei der Unterwelt ist ein Yakuzaimport aus der Zeit der japanischen Besatzung.) Bringt man einen neuen Handanye, der diese Tortur durchsteht, gibt das Gesicht, oder zeigt ganz einfach, dass man toughen Nachwuchs hat. Schlimm ist natürlich, wenn der Nachwuchs vom Gerüst fällt oder sonst unrühmlich früh aufgibt. Auch das fällt natürlich auf den Initiator zurück.

Also ich muss schon sagen, es wirkt zwar aus rationaler Sicht komplett bescheuert, macht aber gleichzeitig mehr her und sehr viel mehr Lärm als der Nikolaus. Ich meinesteils hatte versucht, am Laternenfest in Tainan – einem eher harmlosen Ort ohne paradierende Gangster- nicht beschossen zu werden, was trotzdem nicht ganz gelang. Mir hat´s trotzdem gereicht, dabei hatte ich noch was an.

Das Handanfest ist für die Taidonger Unterwelt der Höhepunkt des Jahres. Im Film werden nun verschiedene Handanyes und ihre Vorbereitung auf das Großereignis vorgestellt. Einer aus dem Kies- und Zementwesen, der seine Zeit hauptsächlich in Karaokebars verbringt, um an seiner Karriere zu basteln: Aufträge an Land ziehen, Kontakte verfestigen, Konkurrenten durch Bestechung umstimmen etc pp. Vor allem aber um kübelweise Alkohol in sich reinzuschütten.

Angefangen hätte er mit ganz anderen Aufträgen: also ein Killer sei er zwar nicht gewesen. Aber man hätte sich halt um die ein oder andere Person kümmern sollen und hätte das dann eben gemacht. Nach der Vorrede nahm ich an, sie hätten die Zielperson verprügelt. Aber dann fügt er hinzu: als Beweis für die Erledigung hätten sie dann ein Organ vorweisen müssen. Ich gehe nicht davon aus, dass es um die chirurgische Entfernung einer nicht unbedingt notwendigen Niere oder der Galle ging. Erzählt er ganz treuherzig mit etwas dumpfem, aber nicht unliebenswertem Humor. Vielleicht hat er kein Geld dafür bekommen? Oder was in dieser Geschichte trägt die Selbsteinschätzung, er sei kein Killer gewesen? Vielleicht wenn es erfunden ist. Aber sonst? Davon hätte er dann aber weg gewollt. Blöd nur, dass das Bauwesen, insbesondere Zement und Kies, offenbar weltweit mit irgendwelchen Syndikaten verwickelt ist.

Als Mittdreißiger und mit entsprechend düsterer Vergangenheit ist der nur halbseitig tätowierte Zementmann ein alter Hase in Sachen Handanye und die Vergöttlichung gelingt ihm mühelos. Trotzdem war es das letzte Mal für ihn. Der Alkohol sollte ihm im Laufe des kommenden Jahres den Garaus machen.

Ein anderer notorischer Handanye konnte sich gerade noch rechtzeitig per Kaution aus der Haft auslösen. Doch dann starb ausgerechnet sein Bruder und Trauer verträgt sich nicht mit der Personifizierung als Gott. Wenigstens war er so für die Beerdigung seines Bruders draußen.

Ein dritter, ein Debütant, der sich gerade mit eigenem Tätowierstudio selbständig machen wollte, kam vorher mit manischer Depression ins Krankenhaus.  Auch er schaffte es zum Laternenfest wieder raus, um sich endlich mal ordentlich bewerfen zu lassen. Blöderweise vergaß er sich die Ohren zu verstopfen, so dass die Folge seines kurzen Göttlichseins dazu führte, dass eines seiner Ohren dauerhaft taub blieb. Aber er hat durchgehalten. Und kann stolz auf sich sein.

Außer der Ehre versprechen sich die Handanyes davon einerseits Sühne und andererseits Glück für zukünftige Unternehmungen. Hat irgendwie was von einer Beichte.

In Mexiko heißt die Schutzheilige der Diebe Santa Muerte, eine (ebenfalls rotgekleidete) Sensenfrau zu der außer Straftätern auch Polizisten beten. Damit kommen wir wieder näher an den Krampus, den dunklen Begleiter des heiligen Nikolaus, mit Hörnern, zu vielen Haaren und zu langen Zähnen. Oder gar zu Knecht Ruprecht, der sich von den Perchten oder der Perchta herleiten soll, einer vorchristlichen Göttin, die schon früh in die Illegalität abgedrängt wurde. Zuvor verteilte sie wie Frau Holle Lohn und Strafe. In schlimmen Fällen schlitzte sie den Bauch auf, füllte Steine hinein, nähte wieder zu und warf die gastrotomierte Person in den Brunnen. Damit wäre wohl geklärt, was Knecht Ruprecht mit denen macht, die er in seinen Sack gesteckt hat. Ob er auch Organe entnimmt, um sie als Beweis dem heiligen Nikolaus vorzulegen, ist jedoch nicht überliefert.

Gewölbegestaltung

Gewölbe

Bekanntermaßen ist Taiwan das Kunststück gelungen, sich selbst und von innen heraus von einer Militärdiktatur unter Kriegsrecht zu einer Demokratie zu entwickeln. Und wie es aussieht, zu einer echten. Schließlich gab die erst totalitär, dann ab 1996 demokratisch herrschende Guomindang im Jahr 2000 erstmalig und tatsächlich die Macht an die demokratische Fortschrittspartei ab. Leider muss sich deren Präsident aD Chen derzeit wegen Korruption, Unterschlagung und Geldwäsche vor Gericht verantworten. Sollte es sich dabei um ein Komplott handeln, steckt die Demokratie vielleicht doch noch in den Kinderschuhen. Wenn nicht: willkommen im Zirkel der demokratischen Ehrenmänner.
Seit der letzten Wahl 2008 stellt jedenfalls die Guomindang wieder den Präsidenten, einen gewissen Herrn Ma. Schlagartig verbesserten sich die Beziehungen zur VR China. Tauwetter in der klimatisch ohnehin völlig frostfreien Taiwan Strait. Das freut einen natürlich irgendwie. Wenn die Welt friedlicher und harmonischer wird. Das ist ganz grundsätzlich eine schöne Sache. Hängt in diesem Fall aber damit zusammen, dass die Guomindang auch eine Einchinapolitik verfolgt. Taiwan als eine Provinz Chinas und umstritten ist nur, wer das Land regiert, bzw regieren soll. Die Fortschrittspartei hat ihre Anhänger eher bei jungen Leuten bzw den alteingesessenen Taiwanern, deren Eltern zwischendurch auch mal Japaner waren und denen Sinn und Bedürfnis, China zu sein völlig abgeht.
Mir ging das ja vor über 20 Jahren ähnlich. Ich fragte mich und andere, ob es nicht vielleicht mal an der Zeit sei, dass das Grundgesetz und die Bildzeitung ihren Wiedervereinigungsanspruch aufgäben. Man müsse doch auch mal historische Fakten akzeptieren etc pp. Wie bekannt, wurde ich mit meinem Vorwurf der Gestrigkeit von der Geschichte plötzlich rechts überholt. Während aber im Verhältnis DDR/BRD der Wiedervereinigungsimpetus der letzteren die Beziehungen erschwerte, ist bei Festland China/Taiwan das Gegenteil der Fall. Wenn und solange Taiwan auch vom gemeinsamen China träumt, ist die VR zufrieden.
Ich fragte eine taiwanische Freundin, was sie denn von dem neuen taiwanischen Guomindang-Präsidenten halte. Ich gebe das jetzt besser nicht wörtlich wieder, denn retour kam eine wütende Schmähschrift. Ok, dachte ich, sie empfindet die Entspannung augenscheinlich als nicht so zentral. Fäkalsprachenbereinigt könnte man den Anwurf mit Duckmäuser und Verräter zusammenfassen.
Dann erkundigte ich mich bei einem volksrepublikanischen Freund, den ich jetzt mal Xianfa nenne, nach seinen Ideen zu Taiwan. Überraschenderweise hatte er welche. Häufig wird bei einer vorsichtigen Nachfrage meinerseits in der allgemeinen gehaltenen Antwort an das Wort Taiwan noch der Zusatz Provinz gehängt, dann weiß man gleich wo der Hammer hängt. Ein weiteres Nachfragen erübrigt sich so.
Also, sagte er, er hätte im Prinzip nichts gegen eine Wiedervereinigung, diese setze aber voraus, dass die Volksrepublik demokratisch würde. Ich finde, das ist ein hübsche Idee, dass sich die wiedervereinigungsversessene Seite der anderen anpasst und nicht umgekehrt. Auch inhaltlich spricht hier natürlich einiges dafür.
Und so -natürlich nicht in erster Linie deswegen- machte sich Xianfa ans Werk und ich darf mithelfen. Er erklärte mir, dass ja die Übernahme westlicher Zivilrechtsstandards eine schöne Sache sei und vermutlich auf wirtschaftlicher Ebene zu ein bisschen mehr Rechtssicherheit führen könnte. Aber eigentlich sei das alles bloße Kosmetik. Die Volksrepublik müsse sich mit westlichen, zum Beispiel deutschem Staatsorganisationsrecht auseinander setzen, Gewaltenteilung, Föderalismus, Grundrechte. Pipapo. Diese Dinge eben. Ich stimme völlig überzeugt, taktisch aber vielleicht etwas ungeschickt, vollmundig zu. Und komme so wie die Jungfrau zum Kinde. Und Kinder machen nun mal Arbeit, unbezahlt aber befriedigend. Irgendwie. Habe ich mir sagen lassen. Xianfa und ich treffen uns jedenfalls nun wöchentlich, um an der Übersetzung eines grundlegenden Staatsorganistionsrechtsbuches zu arbeiten. Natürlich helfe ich nicht bei der Übersetzung ins Chinesische, das würde einen schönen Unsinn ergeben, sondern bei der Erläuterung des Deutschen, oder sogesehen des Fachchinesischen. Da Xianfa auch Jurist ist, muss ich glücklicherweise nur selten die juristischen Begriffe selbst erläutern.
Der gemeine deutsche Jurist, insbesondere der professoralen Hintergrundes, befleißigt sich aber mit Vorliebe einer etwas gestochenen, um nicht zu sagen geschraubt veralteten Ausdrucksweise, gleichwohl diese zugunsten einer präzisen Definierbarkeit zuweilen berechtigt, ja sogar geboten erscheint, die einen potenziellen Leser, für den Deutsch zudem eine Fremdsprache darstellen mag, jedoch mitunter ratlos zurücklässt.
Meine erste Aufgabe besteht also daran, die Bezüge herzustellen. Auf was bezieht sich in einem ellenlangen Satz ein die oder der oder das oder dass. Dann versuche ich so sonderbare Wörter wie „mitunter“ oder „sich befleißigen“ zu erklären. Oder dass gemein nicht immer fies heißt. Das geht meist recht gut, aber wie bitte könnte ich Ausgestaltung erläutern? Ausgestaltung eines Rechts, beispielsweise. Das kommt im Text sehr häufig vor. Und es gibt weder ein Synonym, noch eine Übersetzung. Schaffung, Bestimmung, Definieren, greift alles zu kurz. Die chinesische Übersetzung wird hier wohl oder übel etwas flacher ausfallen.
Dann müssen lateinische und französische Begriffe übersetzt werden. Wie soll denn auch Xianfa wissen, dass es sich bei: „Verhältnismäßigkeit und Proportionalität müssen gewahrt werden“ eigentlich nur um eine Voraussetzung handelt? Und natürlich ist auch manchmal auszudeutschen, was der Autor überhaupt sagen will. Dazu bemale ich dann Zettel mit Kreisen und Pfeilen und Zeitachsen, als würden wir eine Mischung aus Physik und Mengenlehre betreiben.
Der Höhepunkt sind Redewendungen, wie das sich selbst erklärende „mit Kanonen auf Spatzen schießen“ (Stichwort: Verhältnismäßigkeit). Oder: „Ein effektiver Rechtsschutz ist der Schlussstein im Gewölbe des Rechtsstaates.“ Da gilt es erst ein Gewölbe zu erklären, was nun wirklich keine traditionell chinesische Bauform darstellt (ich sage nur: Holzbalkendecke) und dann plastisch zu machen, was passiert, wenn der Schlussstein weggelassen wird. Wie alles zusammenfällt, all das zuvor sorgsam und mühsam Erbaute. Ich bin gespannt, welche chinesische Redewendung Xianfa dafür einfällt. Denn mit Sicherheit gibt es in den unendlichen Weiten chinesischer Sprichwörter auch dafür etwas Passendes.
Wenn er dann alles verstanden und in wunderbares Chinesisch übersetzt haben wird, soll das Werk in einer chinesischen Juristenzeitschrift erscheinen. Das wird dann zwar sicher nicht der Auslöser einer Lawine werden, aber vielleicht ein Beitrag zu einem Rinnsal, das mit anderen Rinnsalen zu einem Bach, einem Fluss, einem Strom zusammenfließt. Dann schließlich wird die Demokratie in der Volksrepublik erblühen, die taiwanisch/festländischen Brüder und Schwestern werden sich glücklich in die Arme sinken und Frieden und Glück wird sein allüberall.
Um der Freundschaft willen erzähle ich also meiner taiwanischen Freundin besser nichts von diesem Projekt.
Und wer kriegt dann eigentlich von wem das Begrüßungsgeld?

Schall und Rauch

Rauch

Ich wollte ja schon lange mal etwas zu chinesischen Namen schreiben, aber das sollte natürlich fundiert und informativ sein. Für Fundiertes und tiefgehender Informatives habe ich aber gerade keine Zeit. Auf der anderen Seite ging die Frage nach deutschen Namen gerade so schön durch die Presse, dass ich nun nicht länger an mich halten kann. Die Frage also, die das Bundesverfassungsgericht gerade beschäftigt, ob neben Doppelnamen auch Tripel-, bzw Quadrupelnamen zulässig sein müssen. Da will ein Paar unbedingt einen gemeinsamen Ehenamen, aber auf den eigenen nicht verzichten, auf den eigenen Doppelnamen. Ist ja schließlich auch so eine Art Marke und die jeweiligen Kinder heißen so. Das ist natürlich völlig verständlich. Nur der Wunsch nach dem gemeinsamen Ehenamen nicht. Wozu soll der denn dann noch gut sein?

In der langen chinesischen Geschichte kommt man schon seit jeher ohne gemeinsame Ehenamen aus. Darin könnte natürlich die subtile Spitze verborgen sein, dass die zur Familie ihres neuen Mannes ziehende Ehefrau eben nie wirklich zu dieser Familie gehören wird, sondern eben angeheiratet bleibt. Das ist nicht von der Hand zu weisen. So wahnsinnig subtil ist es auch letztlich gar nicht. Auf der anderen Seite darf sie immerhin ihre nominelle Identität behalten, ist ja auch was. Und mittlerweile ziehen auch die Bräute nicht mehr alle zu den Schwiegereltern.

Jedenfalls habe ich noch nie gehört, dass in China oder Taiwan überlegt wurde, Ehedoppelnamen einzuführen. Aber wenn, wäre es ein weiter Weg zu Leutheusser-Schnarrenberger. Erst nur ein kleines Li-Chen. Auch Quadrupel müssten nicht schrecken: Frau und Herr Li-Chen-Shi-Liu, das ginge doch noch. Da könnte man noch drei/vier Namen dranhängen ohne sich den Mund fusselig zu reden. Ich dagegen würde Schneider-Haas-Bürkner-von Hofmann heißen. Oder etwas bedeutsamer klingend: von Hofmann-Bürkner-Haas-Schneider. Gerade das Haas-Schneider hat wirklich einen hübschen Klang. Und doch würde das Ganze beim Formulareausfüllen schon mal zu einer Belastung werden. Es führte schon zu traurigen Staatsdienerblicken in anderen Kontinenten, wenn sie den damaligen Ausstellungsort meines Passes (den längsten Gemeindenamen der Republik: Höhenkirchen-Siegertsbrunn) abschreiben mussten. Mit Umlaut und allem pipapo. Gut, aber das ist Geschichte.

Die chinesisch-sprachige Welt neigt jedenfalls nicht zu derartigen Exzessen. Die Kinder heißen im ehelichen Legalfall wie der Vater, sonst eben wie die Mutter. Das ist patriarchal und daher kritikwürdig, aber nicht zungenbrecherisch. Ob ich danach auch noch Schneider heißen würde ist unklar, da es in meiner väterlichen Linie eine Unehelichkeitsepisode geben soll, ich aber ohne Ahnenforschung außer Stande bin nachzuvollziehen, ob die auf meinen Nachnamen durchgeschlagen hätte. Vielleicht würde ich dann jetzt Hassdenteufel heißen. Aber das ist nur der Name eines Zahnarztes, der mich als Kind sehr beeindruckt hat und gar keine echte hypothetische Möglichkeit.

Die chinesische Sprache neigt also insgesamt zur Kürze. Beispielsweise heißt 269 auf deutsch zweihundertneunundsechzig (25 Buchstaben). Und auf polnisch gar dwiescieszescdziesiatdziewiec (29 Buchstaben, und was für welche!). Auf Chinesisch reicht dagegen erbaijiushiliu, 14 Buchstaben, die in echt aber nur mit fünf Zeichen geschrieben werden. Und so gilt auch bei den Vornamen gebotene Kürze: kein Anna-Katharina und Karl-Friedrich. Oder angesagter: Cheyenne-Blue und Elias-Emanuel, sondern zwei Silben, fertig. Oder eben nur eine Silbe. Das unterliegt dann auch der Mode. Und den Lebensumständen.

Meine Kalligrafielehrerin wurde beispielsweise zur Zeit der japanischen Besatzung auf Taiwan geboren. Dort gab es nun einen gewissen Druck, den Kindern japanische Namen zu geben, schließlich sollte auch japanisch gesprochen werden. Und das bedeutete zumindest für alle Mädchen, das hinten ein -ko angehängt wird, was eigentlich Kind/Sohn bedeutet. Mir scheint dieses -ko einem hiesigen -i vage vergleichbar, jedenfalls eine Art Verniedlichung. Sie hieß also auf Japanisch Haruko, auf Chinesisch Chunzi und auf Deutsch Frühlingchen. Dann verlor Japan den zweiten Weltkrieg und musste Taiwan wieder hergeben. Damit hatten auch die japanischen Namen ausgedient und Frühlingchen wurde zu Frühling-Osmanthus, ganz chinesisch. Diese Namensänderung war dann eigentlich eine reine Privatsache. Bei uns ist eine Vornamensänderung ein riesiger bürokratischer Aufwand, mit nur geringen Erfolgsaussichten. Ein triftiger Grund muss vorliegen, der darin besteht, dass das weitere Führen des Namens eine erhebliche Unzuträglichkeit darstellt. Der Name ist quasi eine Staatsaffäre. Und eine Änderung des Vornamens kann bis zu 255 € an Gebühren kosten. Namen scheinen chinesisch viel privater zu sein als bei uns, wo die festgelegte, benannte Identität für den staatlichen Zugriff offenbar fundamental benötigt wird. In einem Clansystem mögen Vornamen persönlicher gehandhabt werden.

Doch natürlich ist auch in der chinesischen Welt die diesbezügliche Verrechtlichung auf dem Vormarsch. So hatte die kleine Tochter einer chinesischen Freundin in der VR China einen typisch chinesisch-privaten Kosenamen, Qingqing, und dieser Name war den Behörden auch mitgeteilt worden. Irgendwann dachte die Mutter, dass der Kindername langsam nicht mehr passend ist und ging also zur Polizei um den Namen zu ändern. Sie machte sich gar keine weiteren Gedanken darüber, da Namensänderungen in China eher üblich als eine große Sache sind. Beispielsweise hieß ihre Schwester zweisilbig so etwas wie Natürliche Glorie, wollte aber als junge Frau plötzlich lieber einen damals modernen einsilbigen Namen. Hui, Scharfsinn, war ihre Wahl. Mit etwa folgendem Aufwand bei der Behörde: „Ich will statt Natürliche Glorie Scharfsinn heißen.“ „Ok, ich hab´s notiert.“
Erleichtert wurde diese Praxis natürlich auch dadurch, dass Personalausweise überhaupt erst ab dem 20. Lebensjahr ausgestellt wurden. Bei Qingqing war es schon etwas schwieriger. Der Beamte musste erst überzeugt werden, dass das Mädchen nicht mit seinem Kindernamen erwachsen werden kann und schließlich wurde sie als Qingtong eingetragen. Ihre gleichaltrige Cousine hatte nur kurze Zeit später weniger Glück und sie muss nun offiziell für immer mit ihrem Kinderkosenamen herumlaufen. So wie Spatzl, Irmeli oder in meinem Fall: Dicke. Das klingt nun nicht so attraktiv, aber ein deutsches Standesamt hätte das ohnehin nie als Namen eingetragen.

Aber auch für den Fall dass, muss man das in Relation betrachten. Ein chinesischer Freund von mir heißt beispielsweise mit -damals einsilbig modernen- Namen: Armee. Auch nicht so schön. Wenn wir aber nun unsere Namen, die sich ja stark von Wörtern unterscheiden, in Worte übersetzen, sieht es soviel anders auch wieder nicht aus. Männerabwehrer statt Alexander beispielsweise. Da kommen einem chinesische Namen schon weniger abwegig vor. Ob ich nun sage: na, hallo Männerabwehrer, wie geht´s? Oder ob ich sage: na, hallo Armee, wie geht´s? Das unterscheidet sich nicht wirklich. Nur weiß der gemeine Chinese, was er sagt und wir nicht. Oder ist wirklich allen klar, dass jemand namens Speerkraft bei uns Gertrud heißt? Klingt Gertrud für uns nicht eher nach alter Tante? Ich hab´s da noch ziemlich gut getroffen, denn mein erster Vorname geht auf das griechische Helena zurück, was die Ungarn in ihrer eigenen Gestimmtheit nicht wie die Japaner vielleicht zu Helenko, sondern zu Ilonka/Ilka verniedlicht haben. Und das heißt hell, leuchtend, strahlend. Das ist sowohl allgemeiner als auch weniger zeitgebunden als beispielsweise Rote Verteidigung, wie eine chinesische Freundin heißt. Glück gehabt.

Taibei mon amour

Regenfrau

Ich möchte mal so sagen: wenn man 40 ist und drei bis vier Jobs macht, um gleichzeitig seinen Berufungen folgen zu können, oder was man eben dafür hält, wenn man dann noch Chinesisch studiert, dieses Studium aber nicht abschließen kann, weil für das erforderliche Zweitfach Zeit und Lust fehlen, wenn das alles so ist, muss die Frage erlaubt sein, warum man dann doch eine Zwischenprüfung ablegen will. Noch dazu nachdem der Wissenszenit wegen anderweitiger Beschäftigung (siehe oben) schon erheblich überschritten wurde. Wenn man dann noch „man“ durch „ich“ ersetzt, wird die Frage extrem aufdringlich, also lass ich das besser. Aber um mir selber nicht so ein Zensurodeur zuzulegen, lasse ich die Frage selber natürlich zu. Fragen kostet ja nichts. Wenn man nicht gerade auf einer Hotline eine Frage stellen will. Aber hier: ganz kostenfrei. Antwort habe ich trotzdem nicht. Das ist natürlich dann erfreulich, dass man dafür nicht auch noch Geld ausgegeben hat. Man muss auch nicht jede Frage beantworten, nur weil es erlaubt ist sie zu stellen. Obwohl das schwer ist nicht zu antworten. Alter Verhörtrick, Polizeischule erstes Halbjahr.

Immerhin erspart einem so ein Chinesisch-Studium Dr. Schiwagos Gehirnjogging, oder wie das heißt. Ist ja auch recht sinnfrei, aber weil mutmaßlich gut für die Denke, doch wieder nicht doof. Und ich mache eben eine zutiefst sinnfreie Zwischenprüfung in Chinesisch. Man gönnt sich ja sonst nichts. Leider ist der Arbeitsaufwand nicht unerheblich, aber an den Rändern der Themen, die ich eigentlich vorbereiten soll, finden sich interessante Informationen.

Zum Beispiel habe ich endlich eine ausführliche Erklärung für die Stadt Taibei gefunden. Taibei liegt im Norden Taiwans, was sich schon aus dem Namen ergibt: Tai steht für Taiwan und Bei heißt Norden. Die Stadt in der Mitte heißt Taizhong. Wenig überraschend heißt Zhong Mitte und kommt zum Beispiel im Begriff Zhongguo vor, wie China auf Chinesisch heißt: Land der Mitte. Tainan liegt im Süden. Nan= Süden. Taidong im Osten. Chinesisch ist eigentlich ganz einfach. Wenn man dann noch weiß, dass Jing Hauptstadt heißt, hat man doch eine optische Vorstellung davon, wo Beijing im Verhältnis zu Nanjing liegt. Und Tokyo heißt übrigens auf Chinesisch Dongjing, östliche Hauptstadt. Auf Japanisch auch, es klingt halt nur anders.

Aber warum bedarf es einer Erklärung für Taibei? Es ist nun mal so: im Norden Taiwans ist die Regenzeit im Winter, es ist klamm und unangenehm und regnet dauernd, während es im heißschwülen Sommer außer bei Taifun fast gar nicht regnet. Zudem liegt Taibei sehr tief, förmlich in einer Senke und man macht sich Sorgen was bei steigendem Meeresspiegel geschehen mag. Holländer, Portugiesen, Chinesen- alle hatten daher ihre wichtigen Stützpunkte oder Hauptstadt im Süden. Wo die Regenzeit im Sommer ist, wenn es eh schon wurscht ist, warum man jetzt nass wird. Also Taibei. Wie konnte sich dort eine so große Stadt entwickeln? Dazu muss ich ein wenig ausholen.

Frankreich hatte 1871 einen Krieg gegen das Deutsche Reich verloren und musste nun dringend in Asien was zreißen[1], um wieder zu Gesicht zu kommen. In dieses Feld noch ohne Gesicht kam sogleich China. Den Handel über den Süden aufziehen, das war die Idee. Vom heutigen Vietnam aus drangen die Franzosen daher Richtung China vor. Das prächtige aber hinfällige, alte Reich zeigte noch mal die Zähne und engagierte chinesische Revolutionskrieger, die nach Zerschlagung der Taipingrevolte dorthin geflohen waren.

Und die Taipingrevolte ist so interessant, dass sie auch eine Erklärung verdient hat, auch wenn man das Tai in Taiping völlig anders schreibt als in Taibei: der Anführer der Taiping war nach eigenem Bekenntnis Jesus jüngerer Bruder und hieß Hong Xiuquan. Unter seiner Führung sollte das Reich des großen Friedens (=Taiping) an Stelle der mandschurischen Qingdynastie auf Grundlage der Bibel und der Gedanken des Herrn Hong selbst, errichtet werden. Tatsächlich gab es 15 Jahre Bürgerkrieg, der etwa 30 Millionen Tote forderte. Die Franzosen waren sich wie die anderen Europäer etwas unsicher, für welche Partei sie sich denn nun stark machen sollten, immerhin verhieß Hong irgendwie ein christliches China. Aber letztlich war er ihnen dann doch zu sozialistisch, oder zu mystisch, oder zu unberechenbar. Und schließlich ließ sich die Kolonialpolitik zulasten Chinas ohnehin so schön an.

Hong gehörte zu den Hakka, eine Volksgruppe, die auf Chinesisch Keren, Gastmensch heißt, was wohl soviel wie Zuagroaster[2] bedeuten soll und auch so gemeint ist. Es gelang den Taiping, Nanjing -die südliche Hauptstadt- einzunehmen und zu ihrer Hauptstadt zu erklären. Halten konnten sie sie und sich jedoch auf längere Sicht nicht und sie wurden besiegt.

Nun erlebte Frankreich im Guerillakrieg mit deren Überbleibseln, die sich „Truppen der schwarzen Flagge“ nannten, schon Ende des 19. Jahrhunderts ihr Vietnam in Vietnam. Nach vier Jahren gaben sie auf.

Und suchten einen neuen Angriffspunkt, zwecks Handel und Gesicht und entdeckten Taiwan für sich. Im Norden Taiwans griffen sie die Hafenstadt Jilong an. Die konnten sie zwar besetzen (und heute steht dort auf dem örtlichen McDonald eine große Nachbildung der Freiheitsstatue), nicht aber die dortige Festung von Danshui (Süßwasser) einnehmen. La Grande Nation verhängte aus lauter Hilflosigkeit eine Blockade über die Küsten Taiwans. Was den Engländern gar nicht gefiel. Und belagerten Danshui neun Monate weiter (auch im Winter bei nasskaltem Wetter) und verloren 700 Mann, gaben auf und besetzten schließlich die Inselgruppe der Pescadoren. Die sie dann auch wieder aufgeben mussten, aber dafür bekamen sie dann auf einmal Vietnam von den Chinesen.

Und jetzt kommt´s: Weil nun offenbar wurde, wie gefährdet auch der Norden der Insel ist, wenn man sich gar nicht um ihn kümmert, sollte der Schwerpunkt nach oben geschoben werden. Und Taibei wurde gebaut. Das mit den Stadtmauern klappte nicht so recht, weil der Boden zu nass und weich war, aber das gab sich mit der Zeit und richtiger Bepflanzung.

Ich muss gestehen, dass ich nicht restlos überzeugt bin. Schließlich bedeutet der Ausbau des Nordens nicht zwangsläufig die Verschiebung der Hauptstadt. Und wie sollte nun auf den Süden aufgepasst werden? Und Taibei liegt auch gar nicht am Meer, aber das war vermutlich beabsichtigt. Trotzdem bin ich Oskar Weggel für seinen Erklärungsversuch und vor allem für den Strauß Informationen rundherum sehr zu Dank verpflichtet.

Ganz unabhängig von der Frage der Lage der Hauptstadt, zu dem Thema Kolonisation und Imperialismus aber zu obigen Ausführungen thematisch doch passend, möchte ich nun noch auf die taiwanischen Ureinwohner zu sprechen kommen. Polynesisch/austronesische Stämme unterschiedlichster Couleur. Das heißt: nichts genaues weiß man nicht. Deren Menschenrecht auf Unbehelligtsein wurde ab Anfang des 17. Jahrhunderts zunehmend mit Füßen getreten. Mit den Holländern ging es wohl ausnahmsweise noch, die wollten einfach nett Geschäfte machen und dazu brauchten sie die Einheimischen. Aber mit den Chinesen, die da richtig siedeln wollten, insbesondere auch mit den armen ewigen Zugereisten, den Hakka, die auch endlich mal wer sein wollten, gab es wohl von Anfang an Probleme. Und die Ureinwohner wurden erbarmungslos in die Berge abgedrängt und natürlich als Barbaren verunglimpft. Nun besannen sie sich zum Teil wieder auf die schöne alte Sitte des Kopfjagens, so heißt es. Ist der Ruf erst ruiniert…

Auch die USA durfte eines dieser Völker mal kennen lernen. 1867 strandete die Rover, ein amerikanisches Schiff in Südtaiwan und die Koalut massakrierten mirnichtsdirnichts die ganze Besatzung. So geht´s nicht, sagte Washington und wollte den Barbaren per Strafexpedition ein bisschen Völkerrecht nahe bringen, was an sich ja schon ein Paradoxon ist. Hinterhalte im unbekannten Gebiet, ständiges sich Verirren der Eingreiftruppen und Tropenkrankheiten vereitelten schließlich die Erziehungsmaßnahme. Einzelne zivile Unterhandlungen nach Abzug der Soldaten gelangen dann aber doch noch und so kam es erst 1871 zum nächsten Zwischenfall dieser Art. Die Besatzung eines japanischen Fischkutters war das Opfer. Auch die Mission von über 3.500 Japanern scheiterte an den Gegebenheiten. Anschaulich lassen sich diese Gegebenheiten bzgl der Übernahme Taiwans durch die Japaner erläutern. Japan gewann 1895 einen Krieg gegen China und damit unter anderem Taiwan. Die Insel sträubte sich, aber vergebens. Allerdings kostete dies die japanische Seite rund 4.800 Tote. Von denen gingen 4.600 auf das Konto von Tropenkrankheiten, und 500 Verwundete lagen neben über 20.000 Kranken. Bevor das Mitleid mit den japanischen Soldaten, die ja auch nur ihren Job machten, zu groß wird, möchte ich erwähnen, dass auf chinesischer Seite etwa 7.000 starben, kriegsbedingt.

Ich weiß natürlich nicht, ob das mit den Tropenkrankheiten stimmt. Ich lese das ja alles nur. Als ich in Taiwan war, war mir zwar ständig zu heiß, aber krank war ich eigentlich nie. Außer erkältet wegen der Klimaanlagen. Aber gut, waren andere Zeiten damals. Jedenfalls richteten die Japaner unter den ohnehin schon sehr dezimierten Ureinwohnern undokumentierte, ungezählte Gemetzel an. Und so machen diese heute nur noch 2% der Bevölkerung aus.

Der Plan mit Taibei ging letztlich nicht auf: als die Japaner von Norden über Jilong ins Land kamen, verließen die Beamten fluchtartig die Hauptstadt, die Soldaten desertierten oder sammelten sich im Süden zum Widerstand und die verlassene Bevölkerung hängte in Ermangelung sinnvoller Alternativen weiße Fahnen aus den Fenstern.

Und all das hat mit meinen Themen für die Zwischenprüfung überhaupt nichts zu tun und gerade das macht es vermutlich so unheimlich interessant. Offensichtlich hat mein Gehirn zum Joggen sowenig Neigung wie der restliche Körper auch.

[1] Bair.: was mit ordentlichem Einsatz auf die Reihe kriegen

[2] bair.: Zugereister; ein Außenseiterstatus der einem mindestens fünf Generationen anhängt, eher mehr.

Erwartungen

Drache

Gegen innere Bilder ist ja eigentlich nichts einzuwenden. Ist doch schön, wenn man die hat. Wenn sie sich aber verfestigen und derart nach außen quellen, dass sie allem Äußeren übergestülpt und plötzlich verobjektiviert werden, dann wird es problematisch. Das nennt man zum Beispiel Erwartung und wir alle tun es, obwohl es doch so sehr die Kommunikation erschwert.

Auf der längst vergangenen Berlinale hatte ich mir natürlich zumindest einen taiwanischen Film angesehen. Piaoliang qingchun. Darin werden einige Geschichten erzählt, darunter unter anderem auch die eines scheinverheirateten Paares, das schon lange getrennte Wege ging. Sie war mittlerweile dement geworden, er hatte Aids und wurde obendrein von seinem Liebhaber abserviert. Also besucht er sie. Sie hält ihn für ihre Verflossene. Nach längerem Hinundher akzeptiert er diese Verwechslung und entschließt sich, bei ihr zu bleiben. Und will mit ihr fein ausgehen. Zieht sich ein weißes Hemd und Anzughosen an. Sie ist entsetzt, weil „was werden die Leute sagen?“ und zwingt ihn in ein Kleid, schminkt ihn. Steht ihm auch gut, aber das Aufsehen, welches vermieden werden sollte, ist nun besonders groß. Und es kommt für sie völlig unerklärlich zu einer hässlichen homophoben Gewaltentladung.

Nun waren auch die Regisseurin und ein paar Schauspielerinnen bei der Filmvorführung anwesend und erwarteten sicher ein paar warme Worte. Schon aus Höflichkeit, aber auch weil der Film gut ankam. So abwegig war diese Vorstellung sicher nicht. Aber schließlich war es ein deutsches Filmfestival. Und so wurden die taiwanischen Schauspielerinnen als allererstes gefragt, ob es nicht schwierig und karrieregefährdend sei, in einem homophoben Land solche Rollen zu spielen.

Ich schämte mich fremd. Ich gestehe, auch sehr deutsch zu sein und gerne direkt und zuvorderst in Problemen herumzustochern. Aber an dieser Stelle hätte man sich doch etwas zusammenreißen können und sei es nur, um zuerst den Film zu loben und dann, wenn es denn sein muss, womöglich eine offenere Frage zu stellen wie zB: ist die Gesellschaft in Taiwan homophob? Aber nein. Die Schauspielerinnen blieben dafür ganz in ihrem Kontext, bedienten nicht die intellektuell-mitfühlend verbrämte Gier auf Auslotung aller Missstände, sondern antworteten einfach auf die erwarteten Fragen. Dass sie sehr froh seien hier zu sein, dass die Dreharbeiten viel Spaß gemacht hätten. Und betonten immer wieder, wie schön Taiwan sei und wie gut es sich dort leben lässt. Ich vermute, dass zwar beide Seiten sagten, was sie wollten, aber hinterher doch irgendwie unzufrieden waren.

Am Folgeabend war ich eingeladen auf die Taiwan-Night zur Berlinale im Ritz-Carlton, veranstaltet von der Kulturabteilung der Taipeh-Vertretung. Die Einladung kam per email-Anhang. Ich hatte eigentlich Sorge, dass mein kleiner Farbausdruck vielleicht nicht reichen könnte, um Einlass zu finden. Aber Wenqi meinte, das ginge schon in Ordnung. Meine Cogäste Andrea und Andreas und ich schlugen also am Potsdamer Platz auf, nachdem wir länger über die taiwanische Bedeutung von „Business attire“ diskutiert hatten. Ich fand, das Ergebnis dieser Diskussion konnte sich sehen lassen. Am Eingang erwartete uns ein imposanter, sehr schwarzer Schwarzer in schmucker Livree, der überhaupt keine Einladungen sehen wollte, aber wohl nicht damit gerechnet hatte, an diesem Abend deutsch sprechen zu sollen und daher etwas mit den Worten rang. Und so arbeiteten wir uns langsam in den Ballsaal hoch. Das Ritz-Carlton. Nun. Hm. Was soll ich sagen. Teuer war´s bestimmt. Aber vielleicht reicht es, wenn ich sage, dass der Ballsaal mit Teppich (teurem, dickem Teppich) ausgelegt war und alt-anmuten-sollende dunkle Holzbüffets völlig sinnlos vor holzvertäfelten Wänden standen.

Wir hatten zuvor nicht viel gegessen. Schließlich waren wir auf einer Abendveranstaltung mit chinesischem Kulturhintergrund eingeladen. Und erwarteten daher Köstlichkeiten. Mit ganz unverbrämter Gier. Stattdessen gab es hier die warmen und lobenden Worte und blinkende Taiwananstecker. Und ganz selten kam jemand mit kulinarischen Winzigkeiten vorbei. Zum Beispiel Zahnstocher als Puppensatéspieße. Tässchen, die aussahen, als ob sie Espresso macchiato enthielten, entpuppten sich als geschäumte Erbsensuppe. Schälchen mit jeweils einem sushiartigen Gebilde in Würfelzuckergröße ließen den Magen ratlos zurück. Aber dann ließen wir eben den Magen Magen sein, gaben mit Mühe unsere Erwartungen auf und tranken dafür ein bisschen mehr und hotteten mit Vertretern der Taipeh-Vertretung inklusive Botschafter über die Tanzfläche (einem gesondert errichteten Holzboden). Aber nicht dass jetzt ein falscher Eindruck entsteht: mit heißt hier nur gleichzeitig, der Botschafter kennt uns ja gar nicht. Und wir tanzten auch ausdauernder. Und wurden doch abrupt um 23.00Uhr mit allen anderen vor die Tür gesetzt. Aber das war zu erwarten. Es stand schließlich klar und unmissverständlich auf der Einladung: 19.00 – 23.00 Uhr.

Ein anderes Ereignis an dem ich aktiv teilnahm war ein Kirschblütenfest, zu dem Kimonos, Raku-Geschirr, japanischer Tee, Lackwaren, Ikebana und Origami präsentiert, angeboten bzw demonstriert wurden. Und zwischen die Kimonos an den Wänden hängte ich meine Bilder. Tuschbilder. Und alles sah sehr schön aus und war auch gut besucht. Ich bekam warme Worte zu hören, wenn die sich auch nicht in wirtschaftlichen Wert umsetzten.

Doch schließlich kam ein Interessent auf mich zu. Ich weiß nicht mehr, wie er hieß und nenne ihn der Einfachheit halber mal Sepp. Sepp kommt also auf mich zu und riecht unangenehm aufdringlich nach Aftershave. Und fragt, ob ich die sei, die diese Bilder gemalt habe. Ja!, sage ich dienstleistend strahlend. Er hätte Interesse, aber an einem anderen Motiv. Kein Problem, lächele ich selbstbewusst, was es denn sein solle? Ein Drache. Kein Problem, strahle ich weiter. Der Drache solle irgendwie so durch die Wolken fliegen. Ok, aber doch wohl ohne Flügel?, frage ich zwischen. Er rieb sich sein aftershave-verseuchtes Kinn. Ich würde ja wohl japanische Drachen malen und die hätten ja keine Flügel. Ganz im Gegensatz zu chinesischen. Aber er wolle diesmal einen japanischen, also ohne Flügel. Sinniert und doziert er vor sich hin.

Ich rolle innerlich mit den Augen. Auch chinesische Drachen haben keine Flügel. Es gibt Wasserdrachen und Feuerdrachen und Eisdrachen und Sumpfdrachen undundund. Aber sie haben keine Flügel. Sie haben den Leib einer Schlange, die Schuppen eines Fisches, das Gebiss eines Löwen, das Geweih eines Hirsches, den Kopf eines Kamels, die Ohren eines Rindviehs, die Tatzen eines Tigers, die Klauen eines Adlers und die Augen eines Dämons. Dazu haben sie einen Schuppenkamm und Barthaare. Punkt. Nur ein einziger Drache (Ying Long) hat Flügel und den hab ich noch nirgends abgebildet gesehen. Aber egal. Sepp will ja einen japanischen Drachen ohne Flügel. Wozu also aufregen?

Ob ich den auch in Öl malen könnte? Mein Lächeln bekommt leichte Verunsicherungsrisse. Öl? Nein, ich male nicht in Öl sondern offensichtlich in Tusche. Ja, also weil Tusche mag er nämlich nicht. Aha. Ich halte das Gespräch für beendet. Nicht so Sepp. Wenn ich ihm also einen Drachen in Tusche malte, was ihn das kosten würde? Ich eier so ein wenig herum von wegen kommt darauf an, Größe, sonstige Vorstellungen etc, aber ab 180,00 € ohne Rahmen könnte es losgehen. Entgeistert sieht er mich an. Ob das denn so lange dauern würde, um diesen Preis zu rechtfertigen? Oder das Material so teuer sei? Mein echtes Lächeln war in Fassungslosigkeit längst zerschellt, aber ich hatte noch mein dienstleistendes, was sich zunehmend zu einem Zähnefletschen auswuchs. Kunst würde nicht nach Stunde bezahlt, gab ich zu bedenken. Es spielten auch andere Faktoren wie zum Beispiel Kreativität, Gelingen, Idee, Fähigkeit, Gefühl undwasnichtalles eine Rolle. Aha, sagte Sepp. Und das würde ich bei mir so hoch einstufen? Ich frage mich wovon er sprach? So hoch?? Drunter würde ich es nur verschenken, aber sicher nicht an ihn, denke ich. Und sage: ja, mindestens. Sepp: Weil er hätte eine Bekannte, die würde ihm einen Drachen für 30,00 € malen. In Öl. Das sei doch schön für ihn, sage ich gleichermaßen verstört, belustigt und verärgert, dann solle doch diese seine liebe Freundin ihm seinen Drachen für 30 € malen und er mich damit verschonen. Damit haken wir dieses Thema ab.

Aber Sepp gibt nicht auf. Ob ich ihm das Schriftzeichen für Drachen schreiben würde, er sei schließlich Drache. Ja, meine ich zermürbt, das könne er von mir sogar für 30 € haben. Er möge nämlich Drachen, also weil er selber einer sei und auch chinesische Schriftzeichen würden ihm gefallen. Dabei deutet er auf seine Jacke. Auf seinem Anorakärmel prangt groß und unvermittelt: shenglizhe in Schriftzeichen: Sieger. Ich steige nicht darauf ein. Man muss wissen, wann man einem Sieger gegenübersteht. Er fängt mit irgendeinem Kampfsportgeblubber an und ob ich den Kassenwart von dem und dem Verein kennen würde. Er redet, als müsste ich die Welt mit seinen Augen sehen, als gäbe es nur seine Augen, seine Sicht, seine Anschauung, als müsste ich also auch immer wissen von wem er redet und was wichtig für ihn ist. Und warum. Ich schweige und zweifele an seinem Verstand und wahre Contenance. Schließlich konnte ich nicht weg, es war doch auch meine Veranstaltung. Und er der Sieger.

Und ihm kam eine neue, eine wunderbare Idee. Schließlich hat er einen Freund, einen betagten Japaner. Und der hätte bald Geburtstag. Ob ich für den ein Bild malen könnte? Ich war gedanklich abgeglitten und hatte irgendwie den Einstieg verpasst und wusste erst nicht, wovon nun wieder die Rede war, aber er war von seiner Idee so hingerissen dass ich nicht umhin kam, mich doch noch damit zu beschäftigen. Eine Pagode sollte es sein, mit Löwen- nein Drachenstatuen -er sei schließlich Drache und möge diese daher besonders gern- am Eingang, ein japanischer Garten sollte auch zu sehen sein und pi und pa und po. Das mit dem pipapo blieb mir etwas unklar und gönnerhaft bot er mir an, mir ein Foto zukommen zu lassen, was ich dann abmalen könnte. Nun war das Dienstleistungslächeln vollends abgelaufen, wie eine nicht ausreichend gefütterte Parkuhr.

Sein inneres Bild hatte gesiegt, aber musste ich da dabei sein? Nein, entschied ich, drehte mich um und ging weg, um am Tresen mit köstlichstem, minutengenau gebrühtgezogenen Tee auf Nachfrage ein paar Informationen über die Funktionsweise bzw Ordnungsprinzipien japanischer Wörterbücher zu erhalten und aß dazu Teekuchen, bis sich meine inneren Bilder von der Fremdherrschaft erholt hatten.

Honigmond

Honigmond

Wenn ich das Wort Hochzeitsreise höre, denke ich an Venedig oder Barcelona, meinetwegen auch an Paris, an Südseearchipele und einsame Inselgruppen, an warme Temperaturen und ungestörte Zweisamkeit. So weit so konventionell. Bei so viel Einfallslosigkeit sollte ich vielleicht grundsätzlich die Finger von so etwas lassen. Man kann es nämlich auch ganz anders angehen. Jiaru und Zhichang zum Beispiel, ein befreundetes Paar aus Taiwan.

Sie unternahmen eine Hochzeitsreise anderer Art und ließen den Honigmond im Januar im Osten Deutschlands scheinen. Und während es im Süden der Republik glitzernden Schnee unter einer vom blauen Himmel strahlenden Sonne gab, fiel im Osten statt Sonnenstrahlen der Himmel selbst herunter. Gut, es hätte auch anders kommen können. Auch hier hätte es kalt und sonnig sein können, sogar Schnee hätte liegen können oder zumindest hätte die Spree zugefroren sein können. Oder es hätte einfach normal winterdepressionstrüb sein können. Hätte, hat es aber nicht. Es regnete ohne Pause, mal stark, mal noch stärker. Kristin, eine Freundin aus Leipzig, brachte die zwei also mit nach Berlin. Aus dem regenumspülten Leipzig über die Traufenhölle Dresden in die Unterwasserwelt Berlin.

Sie war ein bisschen erschöpft, denn Besuch aus Taiwan bedeutet einen Fulltimejob. Jiaru und Zhichang hatten Asien noch nie verlassen und das Englisch, na ja. Außerdem gehört sich das so. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Chinesischlehrerin in Taiwan, die sich bitter bei mir beklagte, dass sie mal nach Japan eingeladen wurde, sich dort aber niemand um sie kümmerte. Wenn ich dem Ausbruch richtig folgen konnte, kümmerte sich zumindest hin und wieder jemand nicht. Außerdem musste sie zelten und alles war eine totale Zumutung.

Auf der anderen Seite war ich, als letzten Winter zwei andere taiwanische Freunde von mir (auf Verlobungsreise) in Berlin waren, angenehm überrascht, dass ich diese beiden zumindest einen Tag allein durch Berlin schicken konnte. Dabei stellte ich allerdings geradezu gluckenhafte Gefühle meinerseits fest. Große Kringel und Kreuzchen malte ich für sie in meinen Stadtplan, radelte ihnen hinterher, um ihnen noch eine Tageskarte für den öffentlichen Nahverkehr zu besorgen und fragte mehrmals, ob sie auch meine Adresse dabei hätten, meine Telefonnummer und die U-Bahn-Haltestelle wüssten. Ob ich ihnen noch einen deutschen Satz aufschreiben sollte. Die beiden lächelten nachsichtig. Wenn wohlmeinende Chinesen oder Taiwaner befürchteten ich würde in ihren für mich sicher undurchdringlichen Städten oder Ländern unweigerlich verloren gehen und nun sei es deshalb leiderleider an der Zeit für immer Abschied voneinander zu nehmen, lächelte ich auch immer so nachsichtig. Mit der stillen Hoffnung, sie würden mich endlich gehen lassen und mit der noch größeren Hoffnung, dass man mir diesen Wunsch nicht zu stark ansehen möge. Ich nahm mich also schließlich zusammen, ging meinen eigenen Angelegenheiten nach und bereitete später die erste Ente meines Lebens zu. Es ging schließlich auf Weihnachten zu und in der Ente trifft sich nun einmal chinesische Vorliebe mit deutscher Weihnacht. Rotkohl und Knödel, alles im Dienste der Kulturvermittlung. Und tatsächlich: sie kamen fast rechtzeitig zurück und hatten eine ganze Schachtel voll Erzgebirgsräuchermännchen als Beute mitgebracht.

Aber das ist natürlich ein unfairer Vergleich: Wenxi lebte schon eine Weile in England, war auch öfter in Paris gewesen (wo im Übrigen auch die Verlobung stattfand) und Rongquan ist immerhin Schlagzeuger in einer Heavy Metal Band. Die kann und soll man dann schon mal vom Betüddelungshaken lassen. Bei den jetzigen, weniger abgebrühten Gästen war dies nun weniger möglich. Und so kam Kristin mit den beiden schon etwas abgenutzt in Berlin an. Und ich war zunächst auch keine Hilfe. Mein Chinesisch schien sich in alle Winde zerstreut zu haben und beide sprechen zu allem Überfluss mit relativ starkem taiwanischen Akzent. Und damit meine ich nicht, dass sie taiwanisch sprachen, denn das wäre wieder was ganz anderes. Es ist mehr eine Lautverschleifung und so nennt er sich nicht Zhichang, sondern Dstsang. Aber vermutlich hätte mich auch das vornehmste Hochchinesisch nicht gerettet.

Mein Plan für den Abend war, mit den dreien relativ spracharm zum Café Fatal im alteingesessenen Szeneschuppen SO36 zu gehen. Dort gibt es eine Stunde Standardtanzkurs, dann Standardtanz, dann eine mehr oder minder skurrile Showeinlage und dann normales Getanze. Das ganze für weit gestreute Altersgruppen und mit allen nur denkbaren Geschlechtern. Passend für eine Hochzeitsreise, fand ich. Leider war Jiaru auf dem Weg zum Zug nach Berlin gestrauchelt, hatte sich den Fuß verstaucht und humpelte. Damit fiel dieser Programmpunkt, der obendrein so wunderbar wetterunabhängig gewesen wäre, aus. Ein Jammer.

Also bewegten wir uns erstmal langsam auf meine Wohnung zu. Langsam nicht nur wegen Jiarus Gehumpel, sondern weil natürlich alles so interessant ist. Zhichang fotografierte Straßenschilder, Bahnhofsbeschriftungen, Schaufenster, Bürgersteige, Taxameter, Haustüren, Werbetafeln, Zugansagen etc.pp. Und er fotografierte sehr schön. Bei seiner sehr besonderen Art mit dem Jetlag umzugehen, konnte er dies auch ansprechend präsentieren: er ignorierte die Zeitumstellung einfach und stand morgens um 4 Uhr auf. Bis der Rest der Gesellschaft Lebenszeichen von sich gab, stellte er eine beschriftete Powerpointpräsentation der besten Bilder vom Vortag zusammen. In einer solchen bekam ich auch die Hochzeitsfotos zu sehen. Und damit sind nicht die Fotos von der Hochzeit gemeint, sondern die lange vorher angefertigten professionellen Aufnahmen in unterschiedlichen Kleidern, mit unterschiedlichen Frisuren, im Grünen, am Strand, auf Plätzen, im Stehen, Sitzen, Liegen und Tragen. Von der Hochzeit selbst bekam ich hauptsächlich Filmaufnahmen zu sehen und musste dabei feststellen, dass es auch TaiwanerInnen gibt, die nicht singen können. Die Karaokedarbietung einer Cousine war wirklich unter Niveau.

Als wir endlich meine Wohnung erreicht hatten, wurde ich reich beschenkt. Ein selbst gemachter Aschenbecher mit meinem deutschen Namen von Zhichang, der erleichtert war, diesen richtig geschrieben zu haben und eine riesige Dose leckerer Haferkekse von Jiaru. Made in Taiwan, dem Geschmack nach könnte es aber ein deutsches Rezept gewesen sein.

Und dann zogen, oder besser: schlichen wir tapfer los unter die gewaltige Dusche. Und ich muss sagen, sie waren hart im Nehmen. Jiaru jammerte nicht einmal trotz ihrer offensichtlichen Schmerzen und wenn Kristin und ich Gefahr liefen die Fassung zu verlieren, versicherten sie uns immer wieder fröhlich, dass alles ganz wunderbar sei. Ich versuchte in der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße die Sache mit der Mauer auf Chinesisch zu erklären. Das Ergebnis war, dass Jiaru verwirrt feststellte, dass die Ostdeutschen die Bösen seien. Das war nicht unbedingt das, was ich ausgedrückt haben wollte, aber wegen der Taiwan-VR China-Konstellation musste diese Frage vermutlich auf jeden Fall geklärt werden. Und Kristin und ich gaben auch sofort unisono zu, dass uns als Wessi und Ossi auch unüberbrückbare Feindschaft trenne. Jiaru stutzte und lachte. Anschließend schauten wir von innen auf die Regentropfen auf der Reichstagskuppel, denn viel mehr war nicht zu sehen. Zhichang machte stimmungsvolle Streulichtbilder vom Hauptbahnhof undsoweiterundsofort.

Und es gab eine Geheimwaffe, die wir immer wieder einsetzten. Deutschland ist in Taiwan für Autos berühmt, auch den Begriff Fußball hört man in dem Zusammenhang ab und zu. Aber vor allem ist Deutschland für seine Würstchen berühmt und beliebt, Thüringer, Frankfurter/Wiener, Bockwurst, Currywurst, egal. Mit einem Weißwurstfrühstück hatte ich zB bei Wenxi und Rongquan durchschlagenden Erfolg gehabt. Wenxi zückte vor lauter Begeisterung damals ihren Reiseführer, um mir zu zeigen, dass das was ich da serviert hatte, wirklich genauso aussah, wie darin abgebildet. Mit Brezel und Händlmaier Senf und allem. Aber dieses Mal war ich zeitbedingt eine schlechte Gastgeberin und wir gingen immer essen. Keine Ente, kein Weißwurschtfrühstück, sondern zum Beispiel frühstücken in einem Café, das völlig zu recht für seine Backerzeugnisse berühmt ist. Und was bestellt Zhichang? Bockwürste. Mir war bis dahin gar nicht aufgefallen, dass sie die überhaupt haben. Und mittags sollte es dann Kali Xiangchang (Currywurst) bei Konnopke geben. Aber der hatte zu. Und so weiß ich immer noch nicht, ob der Laden seinen Ruhm auch wert ist. Vielleicht erinnert sich ja jemand: unser im ach so demokratischen Russland hängen gebliebener Altkanzler äußerte mal zu Amtszeiten seine Vorliebe für Italien und italienische Küche. Prompt kam der Vorwurf von Landesverrat. Und da schob er schnell zur Selbstrehabilitierung nach, dass er natürlich am allerliebsten Currywurst bei Konnopke äße. Was er auch 2001 schon mal sagte, um seine Unerschrockenheit gegenüber BSE zu demonstrieren. Ortskundigen dürfte das nur ein Schnauben abverlangen. Konnopke residiert in Form einer Imbissbude unter der gerade zur Ü-Bahn gewordenen U-Bahn auf der Mittelinsel einer stark befahrenen Kreuzung. Es ist zugig, laut und stinkt nach Abgasen. Schnorrer allenthalben. Ich sah vor meinem inneren Auge den Staatsschutz die ganze Kreuzung lahm legen, damit Schröder seine Wurst essen kann. Jedenfalls war ich von der Reaktion der Flitterwöchner überrascht. China und auch Taiwan sind berühmt dafür, dass die unscheinbarsten Imbissbuden trotz mieser Lage und schauderlichem Ambiente einen reich machen können, wenn nur das Essen gut ist. Konnopke ist also eine Art chinesischer Erfolgsstory. Aber Jiaru und Zhichang waren gar nicht enttäuscht, dass die Bude zu war, weil sie fanden, dass es dort hässlich und zugig war. Und irgendeine Currywurst in Berlin aufzutreiben ist ja so schwer nicht. Und jede Ingredienz wurde fototechnisch festgehalten. Ganz wie mein Bruder, als er mich in Taiwan besuchen war.

Aber was fiel ihnen besonders auf: dass bei uns Tische immer gedeckt werden, dass Deutsche nicht gerne Regenschirme benutzen, dass sonntagabends normale Apotheken oder Geschäfte nicht mehr aufhaben und –man glaubt es kaum- Metztger Hasen verkaufen. Hasen! Punks in der U-Bahn sind demgegenüber schlicht gexing: individuell.

Abends schlug ich Hotpot vor, chinesisches Fondue. Es ist im Kulturschock doch immer wieder schön, etwas Vertrauteres zu essen zu bekommen und so waren Jiaru und Zhichang gleich damit einverstanden. Obwohl ich sagte es sei Festlandstyle, also à la VR China. Was wir während des Essens natürlich ausführlich diskutierten. Mitten im fröhlichen Geschlemme, was nicht ohne Spitzen gegen das Schwesterland und zahlreiche Selbstauslöserfotos ablief, verschwand Zhichang diskret und bezahlte die Rechnung. Als das aufflog verschwand ich auch diskret und erledigte nachträglich die in Taiwan unbekannte Sache mit dem Trinkgeld. Mehr Chancen zum Bezahlen bekamen Kristin und ich kaum. Auch wenn wir zuweilen zu dritt mit Geldscheinen wedelnd an irgendwelchen Tresen standen. Jiaru oder Zhichang setzten sich durch. Ich hörte dann irgendwann einfach ganz mit den Versuchen auf und frage mich natürlich heute, ob ich nicht vielleicht sehr unhöflich wirkte. Jiaru musste nach diesem Abend wegen ihres Fußes -immer noch lachend- zu mir getragen werden und humpelte die nächsten Tage tapfer weiter durch den unerbittlichen Regen. Aber sie war ganz offensichtlich auf Schlimmeres eingestellt: aus der Sohle ihrer Schuhe konnte man Haken ausklappen, sollte man auf ein Eisfeld geraten.