Kategorie-Archiv: Taiwan

Vom Wege finden

Ich weiß nicht genau, was ich an der Stelle habe, wo bei anderen der Orientierungssinn und der Sinn für Geografie sitzt. Ob in meinem Hirn andere Informationen oder fancy Apps dieses Areal nutzen, oder ob es sich nur um einen müden Hirnabschnitt mit wenigen Windungen handelt, der aus irgendwelchen Gründen verkümmert ist. Jedenfalls ist da bei mir Dunkeltuten angesagt.

Ungekehrt proportional dazu ist meine Begeisterung für Kartenmaterial. Wenn ich irgendwo bin, möchte ich als erstes eine Karte, einen Stadtplan. Das leuchtet natürlich unmittelbar ein, wenn man es recht bedenkt. Denn auf einer Karte gelingt die Orientierung mühelos. In der realen Welt ins haltlos Unklare gestellt, lassen sich auf einer Karte die Bezüge, die Einordnung in die Welt spielend herstellen. Im Sinne von: man versteht zwar nicht, wo man ist, aber man weiß es. Oder umgekehrt. Schon alleine wegen meiner Orientierungs- und Geografieschwäche kann ich von daher ganz gut Karten lesen. Der Kartenlesesinn ist gewissermaßen ein Subsidiärsinn zum Ortssinn. Und so hört man von mir als Beifahrerin nur selten Sätze wie: „Ich habe keine Ahnung, wo wir sind.“ Oder: „Da hätten wir rausgemusst.“

Chinesische Städte sind für so geografisch anders begabte wie mich sehr komfortabel geplant, insbesondere die Altstädte. Eine schick rechteckige Mauer drumrum und drinnen im Grunde Planquadrate. Die Eckigkeit ergibt sich zwangsläufig aus den in China so beliebten Makro/Mikroanalogien. Denn die Erde als solche ist eckig und der Himmel rund. Ob die Erde dabei gleichzeitig eine Kugel ist, ist und war den Chinesen schon seit jeher eher egal. Das Konzept, dass etwas das so ist, nicht gleichzeitig anders können sein soll, hat dort traditionell keine große Überzeugungskraft. Und die Erde ist ihrem Wesen nach eben quadratisch und der Himmel rund. Basta. Daneben darf sich das alles krümmen und zu Formen verdrehen, wie es will. Damit können sich dann die beschäftigen, die es angeht. Astronomen, oder Seefahrer beispielsweise. Aber nicht die Städtebauer.

Weil die Erde quadratisch ist, bietet es sich an, das Land und dann auch die Stadt ebenfalls als Quadrat zu sehen oder zu bauen. Denn das Kleine enthält das Große. Und umgekehrt. In so einer weltenthaltenden Stadt liegt dann der ebenfalls rechtwinklig ummauerte Palast in der leicht nördlichen Mitte. Und wenn der Laden aus Fengshuisicht Überlebenschancen haben soll, lässt sich der Norden an einer Hügelkette oder ähnlichem erkennen. Dazu kommt, gerade in größeren Städten, der freundliche Zusatz von Himmelsrichtungen zu Straßennanmen. Westliche Verjüngungsstraße, mittlere Verjüngungsstraße oder östliche Verjüngungsstraße. Nördliche, mittlere oder eben südliche Glockenturmstraße. Wenn die Stadt entsprechend groß ist, kommt noch der Zusatz „äußere“ oder „innere“ dazu, was sich auf das Stadtzentrum, beziehungsweise die früher mal existente Stadtmauer bezieht. Da Beijing übersetzt nördliche Hauptstadt heißt, kann dann eine Straße schon mal „Äußere-westliche-nördliche-Haupststadtstraße“ heißen. Der Orientierungsservice, der einem da geboten wird, kann ohne weiteres mit den nummerierten Straßen von Mannheim oder Manhattan mithalten.

Beliebt ist auch der Mitte-Berg für Straßennamen. Leicht kann es passieren, dass man sich  auf der „Mittlere-Mitte-Berg-Straße“ wiederfindet. Dabei handelt es sich nicht um eine Zusammenführung der Berliner Schicknessbezirke Mitte und Prenzlauer Berg, sondern um eine Huldigung des ersten Präsidenten der Republik China: Dr. Sun Yatsen. Für die Orientierung ist das natürlich unerheblich, aber ein wenig fragt man sich schon, was Sun Yatsen mit Zhongshan zu tun haben soll.

Und da wird´s dann kompliziert. Vom Klang her besteht offensichtlich kein Zusammenhang. Inhaltlich auch nicht. Denn zwar ist Yatsen die kantonesische Aussprache von zwei chinesischen Zeichen, aber nicht die von Zhongshan 中山, sondern die von Yixian 逸仙. Und so taucht man unverhofft in die wunderbare Fülle chinesischer Namensgebung ein. Herr Dr. Sun hatte davon selbstverständlich etliche.

Zunächst wurde das Kind aus der Familie Sun Wen 文 genannt, ein Begriff der sich auf zivile Kultur insgesamt, und auf Schriftkultur insbesondere bezieht. Außerdem hatte er einen Generationennamen, was sehr hilfreich sein kann, wenn man sich in einem chinesischen Clan zurecht finden muss. Also wer wem Respekt zu zollen hat, wer -obwohl vielleicht Jahrzehnte jünger- zur älteren Generation gehört. Es bekommen alle Abkömmlinge einer Generation die gleiche erste Silbe in den Namen. Beim kleinen Wen war das De. Und dazu kam ganz für ihn persönlich die zweite Silbe Ming. 德明. Tugendhelle.

Für den internen Kernfamiliengebrauch hatte er während seiner Kindheit auch noch einen sogenannten Milchnamen. Da hieß er Dixiang. 帝象. Salopp übersetzt göttlicher Elefant. Tatsächlich bezieht sich die erste Silbe auf einen ganz bestimmten Gott, und zwar auf den daoistischen Xuanwudi, den dunklen Krieger. Aber das würde jetzt zu weit führen.

Für das Erwachsenwerden mit etwa 20 Jahren braucht es dann wieder einen anderen Namen, den Großjährigkeitsnamen, im Falle des göttlichen Elefanten war das Zaizhi. 載之. Das könnte „Überlieferer“ oder „der alles aufschreibt“ bedeuten. Protokollführer gewissermaßen. Etwas später wurde dieser Protokollführer christlich getauft und es ist unmitelbar einleuchtend, dass dafür ein eigener Name fällig wird.  Und der lautete Rixin. 日新. Tägliche Erneuerung. Während seines Studiums in Hongkong bekam er dann den Pinselnamen (das kommt unserem Pseudonym am nächsten) Yixian, 逸仙. Das lässt sich unter anderem mit „müßiger Unsterblicher“ übersetzen. Und damit wären wir immerhin schon mal bei dem bei uns bekannten Yatsen angekommen, wenn auch noch nicht bei Zhongshan.

Aber so müßig und weltvergessen war unser Dr. Sun gar nicht, sondern war ob seiner politischen Aktivitäten und der wenig liberalen Qingdynastie zwischendurch gezwungen, ins Exil zu gehen. Und zwar unter anderem nach Japan. Und da brauchte er ganz praktisch einen neuen Namen zur Verschleierung seiner Identität. Und der lautete Nakayama Sho. Auf Chinesisch Zhongshan Qiao. Warum er in China und Taiwan ausgerechnet unter seinem japanischen Untertauchalias bekannt geworden ist, weiß ich auch nicht. Sein Heimatbezirk, der ursprünglich Xiangshan, also Duftberg hieß, wurde sogar ihm zu Ehren in Zhongshan umbenannt. Insofern ist Zhongshan doch eine geografische Bezeichnung, die mit Mitteberg etwa so charakteristisch ist, wie ein Ort aus meiner Herkunftsgegend, der auf den schönen Namen Neuorthofen hört.

Und so schnell hat man sich dann auch im Quadrat verlaufen. Wenn nicht in der Stadt, dann doch im Thema. Denn eigentlich wollte ich etwas über eine historische Karte schreiben. Und dazu, wieso eigentlich so viele Straßen in China und in Taiwan nach Dr. Sun heißen, habe ich auch nichts gesagt. Je nun. Vielleicht ein andermal.

 

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Sack Reis

Anfang November hatten Ma und Xi sich getroffen.

„Da laust mich doch der Affe“, mag sich einer denken. „Eiderdaus“, eine andere. Eine Dritte streift vielleicht der Gedanke „und was geht mich das an“. Vier, fünf und sechs halten es mit „scheiß der Hund drauf“, während sieben immerhin Neugier beweist: „Wer ist denn diese Ma? Und der Ksi?“ Acht wieder eher rustikal: „Sackl Zement!“ Doch neun hat eine Expertise zu bieten: „Und in China fällt ein Sack Reis um.“

Die beiden Herren, denn um solche handelt es sich, haben sich allerdings nicht in China getroffen, sondern in so einer Art Subsidiärchina, nämlich in Singapur. Dass es Herren sind, wurde als solches lange im Vorfeld vereinbart. Dass sie sich so anreden werden: als Herr Ma und Herr Xi. Oder genauer, als Ma Xiansheng und Xi Xiansheng. Wörtlich trifft dies allerdings nur auf Ma zu, denn der ist ein paar Jahre älter als Xi und Xiansheng heißt wörtlich „der früher Geborene“. So gesehen hätte der früher geborene Ma den später geborenen Xi also als Xi Housheng anreden müssen, aber das wäre dann eher eine saloppe Anrede à la „na, junger Mann?“ gewesen und geht in dem Zusammenhang natürlich gar nicht.

Das offensichtlich faktisch mögliche Treffen, widersprach jedoch theoretisch jeder Logik, denn Ma und Xi liegen auf zwei parallelen Geraden. Und die treffen sich bekanntlich und bestenfalls erst im Unendlichen.

Xi ist der Präsident der Volksrepublik China und Parteichef der KP China und Ma ist der Präsident der Republik China und Parteichef der Guomindang. Und da es nach Meinung beider nur ein China gibt, sich aber zwei chinesische Präsidenten unterschiedlicher Staaten mit dem gleichen Gebietsanspruch getroffen haben, muss selbst das Anredeprotokoll angepasst werden, um die Theorie der Praxis irgendwie anzubiegen.  Also trifft man sich eben in einem Subsidiärstaat und redet sich höflich unbestimmt mit Herr an. In Sachen Gebietsansprüche hat die Volksrepublik natürlich die Nase vorn, da sich die Republik China gegenwärtig nur auf Taiwan und den umgebenden Inseln befindet. Auch was internationale Anerkennung, Wirtschaftsmacht und Einwohnerzahl angeht, schlägt Xi den Ma um Längen. Bei Freiheit, Demokratie und Menschenrechten, sieht das ganze allerdings gleich ganz anders aus.

Das letzte offizielle Treffen der Parteichefs beider Parteien -und damit auch der amtierenden Diktatoren im damals noch andauernden chinesischen Bürgerkrieg- fand vor 60 Jahren statt, in Form von Mao Zedong und Jiang Kaishek. So lange hat die Praxis gebraucht, um sich durch die Theorie zu wurmen.

Jetzt sollte man meinen: reden ist gut. Sich treffen ist gut. Sich die Hand reichen (soll über eine Minute gedauert haben) auch. Ist doch wunderbar, wenn zwei Seiten sich begegnen, die sonst nur über bizarre Umwege kommunizieren. Aber wenn Goliath einen David in die Arme schließen will, ist Vorsicht geboten. Dem kleinen Ma war´s egal, und rumms, fiel in Singapur ein Sack Reis um. Und daheim seine ohnehin kellertiefen Umfragewerte ins Bodenlose.

Aber das war bei der Wahl im Januar in Taiwan vermutlich nur noch eine kleine Schmuckapplikation auf dem politischen Sarg der Guomindang. Denn abgesehen von wirtschaftlichen Problemen und der Angst vor der goliathischen Schwester, wollen die meisten Taiwaner eben genau das sein. Taiwaner. In einer Demokratie. „Wir haben kein Problem mit der Ein-China-Politik. Ich stimme zu: Es gibt nur ein China. Es gibt aber daneben auch ein Taiwan. Und das eine hat mit dem anderen nichts zu tun“, so der politische Shootingstar Freddy Lim.

Also wird in Taiwan im Mai die erste Präsidentin ihr Amt antreten. Cai Yingwen von der Demokratischen Fortschrittspartei. Sie wurde mit absoluter Mehrheit gewählt, und ihre Partei hat nun erstmals auch die absolute Mehrheit im Parlament. Dass Taiwan sich für unabhängig erklärt, bleibt nachwievor theoretisch unmöglich, weil in der VR China ein Gesetz gilt, das in diesem Fall einen militärischen Angriff auf Taiwan zwingend vorsieht. Faktisch ist Taiwan längst ein unabhängiger Staat.  Also zeigt David Goliath nur wie zufällig den Stinkefinger und geht zur Sicherheit ein paar Schritte zurück. Das muss vorerst genügen. Die Geraden der VR China und der Republik China laufen ab sofort nicht mehr parallel, sondern windschief zueinander.

Wie zum Hohn wurde auch noch der Deathmetal-Star und Menschenrechtler Freddy Lim von der (aus der Sonnenblumenbewegung hervorgegangen) New Power Party per Direktmandat ins Parlament gewählt. Dass sein Guomindang-Gegenkandidat ihn als langhaarigen Geisteskranken diffamierte, änderte nichts daran. „Man stelle sich vor, Rammstein-Sänger Till Lindemann hätte in München-Süd CSU-Schlachtross Peter Gauweiler geschlagen, um eine Ahnung davon zu bekommen, was da passiert ist,“ kommentiert Kai Strittmatter.

Und was sagt Goliath dazu außer erbost zu schnauben? Noch nicht viel. Ich finde, der mächtige Xi Jinping sollte ein wenig über seinen Namen meditieren. Übersetzt man den nämlich wörtlich, so bedeutet er: üben, sich dem Frieden zu nähern. Das kann auf keinen Fall schaden. Gib Stoff, Xi, du schaffst das!

Tohuwabohu

Nun ist bald wieder Halloween (veralt.: Allerheiligen) mit seinem Transitverkehr von Drüben nach Hüben. Ich vermute, dass das auch in China und Taiwan von einigen gefeiert wird, obwohl dafür eigentlich kein weiterer Bedarf besteht. Denn in Taiwan steht man gewissermaßen immer im Austausch mit der jenseitigen Welt. Und in China war das zumindest früher so. Täglich grüßte man die Ahnen oder stellte ihnen was zu essen hin. Aber weil das Leben -oder der Tod- nicht nur aus Alltag bestehen soll, gibt es auch noch das Gräberfest Qingming im Frühjahr, und den Doppelneunten im Herbst, wo man seine Toten besucht und ihnen noch mehr und besseres Essen anbietet als ohnehin schon. Und damit die Toten auch mal die Möglichkeit haben, diese Besuche zu erwidern, gibt es im siebten Monat des Mondkalenders den Geistermonat. Da gehen die zwischenweltlichen Ventile in die andere Richtung auf. Und am Vollmond dieses Monats, also dem 15.7., da herrrscht dann Hochbetrieb. Keinen Geist der auf sich hält, hält es da zuhause. Heidewitzka. Wer hat, geht Familie besuchen. Der Rest amüsiert sich ohne die bucklige Verwandtschaft. Ich erinnere mich an die viele Warnungen, die ich in Taiwan um diese Zeit erhielt. Keine Wäsche aufhängen (damit sich kein Geist darin verfängt), nicht ans Wasser gehen (damit kein Wassergeist die Gelegenheit erhält, mit mir Rollen zu tauschen), nicht radfahren (viel zu gefährlich), überhaupt nicht am Verkehr teilnehmen (viel zu gefährlich). Am besten gar nicht vor die Tür gehen. (Immer noch gefährlich genug.)

Das chinesische Jenseits ist allerdings keinesfalls geisterhaft unstrukturiert, und schlägt katholische Vorstellungen von Himmel, Hölle und Fegefeuer staatsorganisatorisch um Längen. Da gilt es ja auch verschiedensten Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Für die Buddhisten muss das mit dem Karma geregelt werden. Das allein ist schon unendlich kompliziert. Für die Volksreligion braucht es Vorstellungen von wenigstens posthumer Gerechtigkeit, wofür auch mal Lebende zur Zeugenaussage geholt werden müssen. Und der Konfuzianer fürchtet sich ohnehin am meisten vor Luan, dem Chaos. Also hat er schon aus Selbstzweck dem Totenreich seinen organisatorischen Stempel aufgedrückt. Da gibt es Beamte, Gerichtsverfahren, den Totenkönig, Beförderungsstau, Akten, Karteileichen, Leibstrafen, Warteschlangen, Kompetenzprobleme, Gefeilsche und Bestechung. Im Grunde geht es im chinesischen Totenreich also nicht viel anders zu als im Diesseits. Nur die Strafen fallen drastischer aus und das mit der Korruption geht häufiger nach hinten los. Im Übrigen bleibt man wie gehabt der Obrigkeit unterworfen. Und ob posthum Gerechtigkeit walten wird, ist auch nicht unbedingt gesagt.

Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass sich unter diesen Umständen so mancher Daoist der Unterwelt entziehen und es lieber mit der Unsterblichkeit versuchen wollte. Sei es durch Qigong, Sexualpraktiken, Diät oder Quecksilberpräparate. Gelungen ist es wohl den wenigsten. Und so finden auch diese sich im allgemeinen Getümmel.

Da gibt es Wassergeister, die mal ertrunken sind. Hungrige Geister, die von der Verwandtschaft nicht genug gefüttert werden. Die zwei Unbeständigen, die einen in die Unterwelt geleiten. Die Totenstarren, die sich in einem unappetitlich angewesten Zustand etwa wie unsere Zombies aufführen. Unzählige weibliche Rachegeister, die wahrscheinlich alle gute Gründe für ihre Rachsucht haben und meist weiß gekleidet sind. Andere unerlöste Geister, die sich auch mal wie Heinzelmännchen verhalten. Bananengeister, die einem die Lottozahlen verraten können. Erdgeister, die von ihrer Scholle nicht loskommen. Gehängte, die man an ihren raushängenden Zungen erkennt. Die Kopflosen auf der Suche nach ihrem Kopf. Die aus Papier hergestellten und verbrannten Papierdiener. Die ochsenköpfigen und pferdegesichtigen Wächter der Unterwelt. Die unverheirateten Toten, für die die Lebenden noch Ehegesponse suchen und Geisterhochzeiten abhalten, damit dann Ruhe ist im Karton. Und und und. Und all die, die sich in irgendeinem Zustand des Transits befinden.

Kein Wunder, dass sich alles auf die Sommerferien freut. Einen Monat haben sie also frei und dürfen diese streng organisierte Unterwelt verlassen. Ich finde, das klingt alles sagenhaft deprimierend. Man stelle sich das vor: K. in „Das Schloss“ würde sich aus Verzweiflung umbringen, um dieses gnadenlose Schloss mit seiner Bürokratie loszuwerden. Um sich dann in einer Schlange vor irgendwelchen scheusaligen Beamten unterschiedlichster Zuständigkeiten wiederzufinden. Womöglich mit Wartenummer. Oder nur mit Onlinetermin. Man könnte sich schier die Kugel geben, wenn das nur gerade helfen würde!

Allerdings gibt es einen Ausweg. Und der heißt 聻. (In einer anderen Variante wird das Zeichen unten mit Radikal Geist geschrieben, aber das kennt mein Computer nicht.) Richtig viel habe ich darüber nicht in Erfahrung bringen können. Meine Handyapp behauptet, das Zeichen würde zhan ausgesprochen, aber übersetzen will sie es nicht. Ein Onlineübersetzer ist für die Aussprache Jian, drückt sich aber auch vor einer Übersetzung. Ich greife also zum analogen Medium. Zum Cihai, dem Meer der Wörter, einem „umfassenden“ einsprachigen Wörterbuch, einem Standardwerk, das erstmals 1936 herausgegeben wurde. Doch auch das hält mich zunächst an der kurzen Leine. Jian soll das Zeichen ausgesprochen werden, da ist das Lexikon eindeutig. Aber was soll es bedeuten? Sehe ich unter der Variante mit Geistradikal nach, verweist es mich auf das obige Zeichen. Schaue ich da nach, verweist es auf die vereinfachte Schreibweise. Ich will schon aufgeben, weil ich eine Zirkelverweisung befürchte, doch dann finde ich das entscheidende Zitat aus dem 17. Jahrhundert: Wenn ein Mensch stirbt, wird er zum Geist, wenn ein Geist stirbt, wird er zum Jian. Ich weiß natürlich nicht, wie sich das Leben, oder besser gesagt Dasein eines Jians gestaltet. Vermutlich wird sich dies auch in Zukunft notgedrungen im Bereich spekulativer Wissenschaft bewegen müssen, aber ich bin doch beruhigt, dass es auch für Geister einen Ausweg aus ihrer Bürokratenhölle gibt. Und gerade dass ich sonst gar nichts dazu finde, macht Hoffnung.

Denn dazu fällt mir die schöne Geschichte von Hundun aus dem Buch Zhuangzi, (ca 300 vuZ) ein: „Der Kaiser des Südmeeres war Shu, der Kaiser des Nordmeeres war Hu. Der Kaiser der Mitte war Hundun. (Oder Ungeteiltheit, oder Chaos, oder Tohuwabohu.) Shu und Hu trafen sich häufig bei Hundun und der behandelte sie zuvorkommend. Shu und Hu wollten Hunduns Güte vergelten und sagten: alle Menschen haben sieben Öffnungen mit denen sie sehen, hören, essen und atmen. Nur Hundun nicht. Wir wollen ihm welche bohren. Jeden Tag bohrten sie Hundun eine Öffnung. Am siebten Tag war Hundun tot.“

Nachdem also das Ungeteilte durch zuviel Nachbohren seine Ursüpplichkeit verloren hat und selbst Geister einen Urlaubsmonat brauchen, um sich von all den Geisterstrapazen zu erholen, bleibt Jian als letzte Hoffnung. Wie gut, dass man so wenig darüber weiß.

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Papier

Man denkt ja, etwas ist gut und richtig, wenn es echt und wahr ist. Dazu gehört, dass es richtig bezeichnet wird. Dass ein Seidenhemd nicht aus Nylon ist. Dass es Angriffskrieg heißt und nicht präventiver Erstschlag. Dass etwas bei seinem Namen genannt wird. Wie schon weiland Konfuzius unter dem Schlagwort der „Richtigstellung der Begriffe“ forderte. Aber so einfach ist es eben nicht. Denn Sprache ist trotz allen Anspruchs nicht präzise, wenn sie nicht mit großem Aufwand so gestaltet wird. Wie beispielsweise Programmiersprachen. Oder Mathematik. Ganz zu schweigen von dem redlichen, aber unvollkommenen Versuch der juristischen Sprache.

Nehmen wir das Wort Papier. Leicht einsichtig kommt es von Papyrus. Auf dem besagten Papyrus hat man geschrieben und konnte theoretisch auch Dinge darin einwickeln. Vielleicht sogar Fisch vom Markt in Zeitungspapyrus. So weit, so gut, so zutreffend bezeichnet. Trotzdem ist der Papyrus seinem Wesen nach kein Papier. Er ist ein Geflecht, ein verwobenes Gebilde aus flachgeklopften, ineinanderverhakten, glattgeschliffenen Schilfstengeln der Sorte Papyrus. Klopfen, verhaken, schleifen. Man merkt schon, es ist ein Produkt der Mechanik, der Physik. Papier selber wird allerdings nicht nur mit Hilfe der Physik, sondern auch mit Hilfe der Chemie hergestellt. Das ist sein Wesen. Und ist Kohle etwa ein Diamant? Oder Beton Marmor? Ist ein Notizzettel das gleiche wie eine Notizapp im Handy? Ein beschreibbares Display ein Blatt Papier?

Papier also. Wer hat´s erfunden? Die Chinesen. Und unter diesen Chinesen angeblich ein Herr Cai mit Rufnamen Lun. Ein Eunuch, der um 100 nuZ in den kaiserlichen Werkstätten für die Papierherstellung zuständig war. Der kann aber nicht der Papiererfinder gewesen sein, da es Papierfunde von etwa 300 Jahren vor seiner Zeit gibt. Er kann auch schlecht für etwas zuständig gewesen sein, was er erst noch erfinden musste. Das würde für einen ungeheuer schnellen Verwaltungsapparat sprechen, wogegen die Erfahrung spricht. Aber vielleicht bin ich einfach berlingeschädigt. Wie dem auch sei. Erfunden hat Herr Cai das Papier nicht, aber die Qualität des rauen Hanfpapieres entschieden verbessert. Das sollte man ihm lassen.

Wie macht man also Papier? Man nimmt zum Beispiel Hanf, Lumpen, alte Fischernetze und Maulbeerbaumbast. Reinigt, stampft, kocht alles in Lauge und wässert es. Es entsteht idealerweise eine gleichmäßige Pulpe. Davon schöpft man eine Lage auf ein Sieb. Trocknet und oder presst es auf die ein oder andere Art, et voilà.

Im vierten Jahrhundert hatte sich das Papier in ganz China durchgesetzt und die Gelehrten und Beamten und Zauberer konnten sich Seide, Holztäfelchen und Schildkrötenpanzer als Schreibgrund schenken. Kultur und Wissenschaft konnte viel schneller und in größerem Ausmaß verbreitet werden. Gleichzeitig dehnte sich die Kunst der Papierherstellung nach Vietnam und Korea aus. Und die Rohstoffe auf Reisstroh, andere Baumrinden und Bambus. Als dann noch die Erfindung des Blockbuchstabendrucks dazu kam, beschleunigte sich das nochmal. Man muss sich das ungefähr so vorstellen wie die Erfindung des Internets. Technik und Wissensverbreitung explodieren. (Als kleinen Exkurs möchte ich erwähnen dass laut Joseph Needham „zum Beginn des 19. Jahrhunderts mehr gedruckte chinesische Seiten existierten als in allen übrigen Sprachen der Welt zusammengenommen.“)

Im achten Jahrhundert führen die Chinesen vorübergehend eine Art Papiergeld ein, wobei man sagen muss, dass es sich eher um ein Schuldscheinsystem handelte. Um die Jahrtausendwende wurden durch Geldreserven gedeckte Geldscheine eingeführt und der Staat schaffte sich schließlich ein Ausgabemonopol. Da dies zuweilen zu galoppierender Inflation führt, schafft man das Papiergeld ein paar hundert Jahre später kurzerhand wieder ab. Zu dieser Zeit hat es in Europa immer noch keinen einzigen Geldschein gegeben.

Doch zurück ins achte Jahrhundert. Da jagen die Araber den Chinesen nicht nur Samarkand ab, sondern auch die dortige Papiermühle nebst kundigen Handwerkern. Jetzt ist der Siegeszug des Internets, ach nein, des Papiers nicht mehr aufzuhalten. Okay, das christliche Europa sträubt sich noch ein Weilchen, weil sie das muslimische Teufelszeug nicht anrühren wollten. Die allein schreibkundigen Mönche fanden es wohl gottgefälliger, auf Pergament, also auf den gestreckten Häuten von jungen Säugetieren zu schreiben.  Aber im 12. Jahrhundert ergab man sich schließlich -Teufel hin, Satan her- der überlegenen Technologie.

Das Papier setzte sich in Europa derart durch, dass ein Rohstoff knapp wurde: Lumpen. Ein damals unverzichtbarer Bestandteil des Papiers. Die Lumpensammler, gewissermaßen Haderlumpen, waren die Dealer von damals, denn Lumpenschmuggel von einem Land ins andere war streng verboten und wurde drastisch bestraft. In England wurde sogar verboten, jemanden im Leichenhemd unter die Erde zu bringen, wo man doch aus diesem wunderbaren Totenhemd noch Papier herstellen konnte. Der Kampf um die Lumpen führte natürlich auch dann und wann zu Bandenkriegen unter den Lumpendealern. Erst im 18. Jahrhundert beschäftigte sich hierzukontinent jemand eingehender mit der Idee, Papier auch aus Pflanzenfasern oder Holz herzustellen. Etwa 100 Jahre später wurde es schließlich möglich, Papier auf Holzbasis in entsprechender Qualität herzustellen. Und die Bedeutung der Lumpensammler nahm ab. Jetzt wird zwar ein bedeutender Anteil des Papiers aus Altpapier hergestellt und ich kann mich erinnern, dass wir früher damit auch die ein oder andere Mark verdient hatten. (Wobei der Kilopreis für Illustrierte weit unter dem von Zeitungen lag.) Aber das ist lange her und schon damals hätte man kein lukratives Bandenwesen darauf aufbauen können.

Und wo ich jetzt schon bei Kindheitserinnerungen bin: den Weg zur Schule konnte man drastisch abkürzen, wenn man -verbotenerweise- über das Gelände einer stillgelegten Fabrik ging. Man musste nur über eine Mauer klettern und sparte sich mindestens die Hälfte der Zeit. Unter uns hieß es, das sei eine Papierfabrik gewesen. Jetzt kommt mir das komisch vor, denn eine solche braucht viel Wasser und davon gab es bei uns in der Gegend weit und breit keins. Später wurden die Baracken auf dem Gelände der mutmaßlichen Papierfabrik nur noch als Lager benutzt und als eine davon abbrannte, hatten wir alle stapelweise nur leicht angesengte Kartendecks.

Der Name für dieses Wunderwerk aus dem auch diese Spielkarten waren, mit oder ohne Lumpen, stammt also -ohne Papyrus zu sein oder damit etwas zu tun zu haben- von dem Wort Papyrus ab. Papier, paper, papir, papel, papier (frz), papier (pln) und so weiter. Nur die Italiener, die nennen es carta. Das kommt von griechisch chartes, Papierblatt, was womöglich auf dem ägyptischen Wort für Schreiberkästchen beruht und damit passenderen Ursprungs wäre. Die Russen sagen irgendwie sowas wie Bumaga. Wie es auf arabisch heißt, konnte ich auf die Kürze nicht überzeugend herausfinden. Zwischen wara´at und (phon) wodecha blieb ich hängen. Die Ethymologie muss ich in den beiden letzten Fällen leider ebenfalls schuldig bleiben.

Danach könnte Papier also auf Deutsch korrekter Karte heißen. Oder hoch spekulativ Bumens (von russisch Bumaga) oder Weutel (von arabisch irgendwas mit w). Der Chinese und die Chinesin, und die haben es ja schließlich erfunden, nennen es aber zhi. Sprich: dschsch. Dschschtüte, ein Blatt Dschsch,  Dschschstau, „Zeigen Sie mir mal Ihre Dschsch!“, dschschschnipsel, Essdschsch, Löschdschsch etc. Da mögen Tschechen oder Polen noch lachen, aber Deutschen oder gar Spaniern bleibt das Lachen im Zungenknoten hängen. So gesehen sind wir mit Papier -Konfuzius und seine Richtigstellung der Begriff hin oder her- doch eigentlich ganz gut bedient. Praktikabilität geht schon mal vor Präzision.

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Im Zeichen der Blume

Es ist ja immer wieder überraschend, dass es in anderen Ländern auch Dinge gibt, die wir so haben. Zum Beispiel Musikpreise. Da gibt es nämlich nicht nur die Grammy Awards (USA), die Brit Awards (GB) oder den Echo (D), sondern noch allemöglichen anderen. Vermutlich haben sehr, sehr viele Länder eigene Musikpreise, von denen kaum jemand etwas weiß.  Taiwan hat beispielsweise den Jinqujiang, den Goldene-Melodie-Preis. Von dem weiß natürlich nicht kaum jemand etwas, denn er wird auch in die anderen chinesischsprachigen Länder wie die VR China und Singapur übertragen. Es handelt sich also um ein Großereignis, das garantiert von mehr Menschen gesehen wird als der Echo.  Ein an und für sich harmloses Großereignis. Aber nicht harmlos genug, um es in China und Singapur echt live zu übertragen. Sicherheitshalber wird eine 30 sekündige Verzögerung eingebaut. Man kann ja nie wissen. Beziehungsweise: man weiß schon, warum. Und das Wohl des Volkes steht über allem.

Die USA machen das seit 2004 bei ihren Grammys übrigens auch so (wenn auch nur für 5 Sekunden), um ein weiteres Nipplegate, den wahnsinnig traumatisierenden Skandal einer im Fernsehen versehentlich gezeigten weiblichen Brustwarze fürderhin zu verhindern. Über so viel Fürsorge ist man ja froh. Die Russen beherrschen diesen Trick natürlich auch, so dass es der sensiblen russischen Seele erspart blieb, bei der Olympiade einen sich nicht öffnenden Ring sehen zu müssen. Dafür bekamen sie die gelungene Probenvariante serviert und ich staune über die Geschwindigkeit, in der dieser Schnitt vonstatten gegangen sein muss.

An eine andere, etwas historischerere Gelegenheit kann ich mich persönlich sehr gut erinnern. Die funktioniert aber nur, wenn man vorher jemandem das Manuskript der Sendung zu lesen gibt, was sich bei einer Preisverleihung generell nicht so anbietet. Es war Mai 1986 und Tschernobyl noch ganz frisch. Dem bayerischen Rundfunk gefiel das Manuskript des bevorstehenden Scheibenwischers nicht. Insbesondere die an Harmlosigkeit kaum zu überbietende Nummer Der verstrahlte Großvater war irgendwie zu viel des Guten. Trotz des Bayerntums von Dieter Hildebrandt hatte aber nicht der BR über die Ausstrahlung der Sendung zu entscheiden, sondern die ARD. Und die fand das Material ausstrahlungsfähig. Also klinkte sich der BR für die Zeit der Sendung aus dem Programm der ARD aus und die bayerischen Scheiben blieben an diesem Abend ungewischt und matt. Auch das diente natürlich nur dem Volkswohl. Ehrensache.

China und Singapur hatten nun bei der Verleihung der Goldenen Melodie vorher weder ein Manuskript, noch konnten sie harmloses Probenmaterial reinschneiden. Also blieb ihnen wie weiland dem BR nur das schlichte Ausblenden. Stattdessen erschien ein freundlicher Hinweis, dass der Teil dieses Programms zum Übertragen leider ungeeignet sei. Ungeeignet war in dem Fall ein Höhepunkt der Sendung, nämlich die Übertragung des Songs des Jahres. Denn der war von Feuerlöscher (Miehuoqi) und heißt in etwa Inselmorgendämmerung (Daoyu tianguang). Vor diesem Machwerk mussten die zarten chinesischen Gemüter unbedingt bewahrt werden. Denn es handelt sich um die Hymne der Sonnenblumenbewegung.

In China gab es 2011 ja die Jasminbewegung, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzte. Da aber schon ein offener Meinungsausdruck wie eine friedliche Versammlung von 100-200 Leuten verdroschen und massiv kriminalisiert wurde, ging sie notgedrungen in Deckung, wich ins Subversive aus. Auf stumme Spaziergänge und die Bestellung von Jasmintee in Lokalen. Soweit ich weiß, kam die zweite Phase des Aktionsplans: Halten von Jasminzweigen und das Abspielen des äußerst populären Volksliedes Molihua mit dem Handy, nie wirklich in Gang. Dass Celine Dion auf der offiziellen Neujahrsgala 2013 zusammen mit Song Zuying das Lied gesungen hat, dürfte der Subversität desselben auch nicht gut getan haben.

Aber was ist jetzt die Sonnenblumenbewegung?  Während man sich hierzulande mit TTIP herumschlägt, hat Taiwan mit dem Handelsabkommen ECFA zu tun, das zwischen China und Taiwan als Rahmenabkommen beschlossen wurde. Das Abkommen löst auf der kleinen Insel mit den paarundzwanzig Millionen gegenüber dem chinesischen Goliath nicht ganz unbegründete Besorgnis aus. So ist die VR China nicht nur der größte Handelspartner Taiwans, sondern auch der größte politische Gegner. Und der ist nicht gerade für sein zartfühlendes Wesen bekannt.  Taiwan muss also vorsichtig agieren, wenn es zumindest seine faktische Unabhängigkeit bewahren will.

Es war also vereinbart worden, die Unterabkommen im Parlament Punkt für Punkt durchzudiskutieren. Natürlich hatte die Opposition viel zu bemängeln. Das nervt verständlicherweise. Also befand im Frühling 2014 die taiwanische Regierung unter dem Präsidenten Ma Yingjiu das Abkommen plötzlich insgesamt für ratifizierbar. Und das am liebsten heimlich. Insbesondere der Jugend Taiwans riss nun die Hutschnur und sie besetzte für 24 Tage das -insofern übergangene- Parlament. Nachdem ein örtlicher Florist aus Solidarität Sonnenblumen an die Student_innen verteilt hatte, taten sie das ab sofort unter dem Symbol der Sonnenblume.  Schon mal im März 1990 hatte die Demokratie Taiwans unter dem Symbol der wilden Lilie große Fortschritte erzielt, denn diese Bewegung hatte das Ende der Einparteiendemokratie eingeläutet.

Das mit den Blumen kann also durchaus klappen. Und an Etappenzielen gemessen, tat es das auch diesmal. Nach einer kurzen, gewaltsam geräumten Besetzung des Regierungssitzes, verstärkte sich die landesweite Solidarität nur noch. Schließlich lenkte die Regierung ein und kehrte zur Punkt-für-Punkt-Diskussion zurück. Immerhin. Alles weitere bleibt abzuwarten.

Und die hymnentypisch nicht ganz unpathetische Hymne der Sonnenblumenbewegung wurde also auf dem Goldene-Melodie-Award im Juni zum Song des Jahres gekürt, was die VR China ihrem erfolglosen und jasmingebeutelten Volk gerne ersparen wollte. Eigentlich ein schöner Zug. Vielleicht unterschätze ich doch das Zartgefühl der VR China.

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Umzingelt

Mein persönlicher Fundus an den im letzten Beitrag erwähnten Chengyus (also viersilbigen chinesischen „Sprichwörtern“) ist leider sehr klein. Man könnte auch sagen: verschwindend gering.  Aus ungeklärten Gründen ist mir jedoch ausgerechnet „aus allen vier Richtungen ertönen Chu-Lieder“ im Kopf hängengeblieben. Das wirkt wie mehr als vier Zeichen, aber genaugenommen heißt es: „Vier Seiten Chu Lied“.

Dieses Chengyu ist nun nicht sehr frohgemut. Es beschreibt eine außerordentlich bedrohliche Situation und passt vordergründig wie die Faust aufs Auge der Kurden in Kobane. Das Zitat stammt aus dem Shiji, den Aufzeichnungen des Historikers (von Sima Qian) und ist gut 2000 Jahre alt. Die Situation, die darin beschrieben wird, muss man sich so vorstellen:

Der erste Kaiser von China Qin Shi Huangdi (das ist der mit der Terrakottarmee) ist tot, das Reich zerfällt, bzw wird zum Zankapfel verschiedener Generäle oder auch Warlords, der jeweils vorher zwangsvereinigten Völker, wie die Chu, die Han und noch ein paar Hanseles und Jinseles. Ich glaube, ich muss das nicht näher erläutern, das kann man ja gerade überall beobachten. Ganz vorne dabei ist ein gewisser Xiang Yu aus dem Hause Chu. Dieser Xiang Yu errichtet nun seine ganz eigene Schreckensherrschaft, die der des Qin Shi Huangdi in nichts nachsteht. So soll er beispielsweise 200.000 Qin-Soldaten habe töten lassen, die sich ihm ergeben hatten. Er gilt also eher als grausam und auch als politisch wenig geschickt, um es mal so auszudrücken.

Die wichtigsten Gegner waren die Han unter Liu Bang. Wenn man sich klar macht, dass auf die Qin-Dynastie bald die Han-Dynastie folgte und dass es Han-Chinesen und nicht Chu-Chinesen heißt, wird das Ergebnis dieses Konfliktes nicht überraschen. Aber bis dahin würde noch viel Blut fließen.

Die Aggressionsformen, mit denen ich alltäglich zu tun habe, sind natürlich vergleichsweise lächerlich. Und doch eine Frage der Dosis. Man bekommt manchmal eine Ahnung, wie schnell der zivilisatorischer Firniss abplatzen könnte, wenn man etwas weiter an der Schraube drehte.  Ein aktuelles Beispiel erlebte ich ausgerechnet am 103. Jahrestag der Republik China/Taiwan. Ein Grund zu feiern. Sogar die auf dem zugehörigen Empfang gehaltenen Reden waren irgendwie erträglich. Zwar störte das extreme Übergewicht der Erwähnung von Wirtschaftsdaten, doch dafür entschädigten kleine Sprachungenauigkeiten, die durch Fremdsprachengebrauch unweigerlich auftreten.  Ein MdB klang exakt wie Seehofer und gab als Begrüßung insofern erwartbar ein zünftiges „Nie Hau!“ zum Besten. Wesentlich subtiler war da die Repräsentantin der Taipeh-Vertretung,  Agnes Chen, die tatsächlich sehr gut Deutsch spricht. Trotzdem entwickelten sich bei ihr Dinge friedrich statt friedlich (und nicht etwa fliedlich) und bei den Furzenden der Handelskammer handelte es sich eigentlich um deren Vorsitzende. Auf eine subversive Art unklar blieb allerdings, was mit Witzewirtschaftsministerium gemeint sein könnte. Musik gab es auch noch. Ein zivilisierter Abend also. So weit, so gut.

Aber dann wurde das Buffet eröffnet. Wir hatten vorher die Information bekommen, dass wir uns in der Nähe desselben aufhalten sollten, wenn wir tatsächlich etwas essen wollten. Und zugegeben: wir wollten. Also hielten wir uns schamlos im Bereich Pole-Position etwa 50 cm neben einem Stapel Teller auf. Je mehr Reden vergingen, desto voller wurde es dort. Klar. Doch auf das, was dann kam, waren wir nicht vorbereitet. Wir waren hungrig, lieb und harmlos.

Und hatten keine Chance. Kaum war das Buffet eröffnet, wurden wir von schwarzen Anzügen eingekesselt. Von allen Seiten Chu-Lieder. Wir wurden ellbogenbearbeitet und weggedrückt. Zu Boden getreten.  Zertrampelt. Im Meer schwarzen Zwirns ertränkt. Was nützt der eigene Ellenbogen, was die Abwehrrakete, wenn man nicht weiß, wie sie einzusetzen sind? Keine Bedienungsanleitung hat? Oder keine Zeit, sie zu lesen? Wenn das  Training fehlt? Und die Impertinenz? Hunger allein reicht einfach nicht. Ein Teil der bundesdeutschen Elite, wenn man diese schockweise aufgetretenen Bundestagsabgeordneten und ähnliches Personal dazu zählen mag, war auf uns zu, durch uns durch und über uns drüber gerollt. Mehrere Mann stark bildeten die schwarz und grau uniformierten Herren (und sehr wenige Damen) (und noch weniger Damen und Herren aus Taiwan) das Bollwerk vor der Futterkrippe. Nach zwei ernsthaften Anläufen etwas zu essen zu kriegen, blieb uns nur noch der Ausfall und wir strichen so entnervt wie hungrig Segel. Wie anno dazumal der von Chu-Liedern Umzingelte. Also hungrig war der zwar eher nicht, aber er floh.

Jetzt kann man sich fragen, wieso überlebt denn ausgerechnet ein dermaßen plattes Zitat die Jahrtausende? Die Truppen eines grausamen Herrschers umzingeln einen, klar ist das bedrohlich! Genausogut könnte der Satz „Witz komm raus, du bist umzingelt!“ Weltliteratur werden. Aber so war es nicht. Ohne ein bisschen Pingpong wird es keine chinesische Geschichte. Denn der, der da so schreckerfüllt sagt: „Von allen vier Seiten ertönen Chu-Lieder“ ist Xiang Yu, der Herr der Chu selbst, der sich in Gaixia in einem Belagerungszustand befindet. Er hört ganz vertraute Lieder. Ein bisschen Heimat im Feldzug. Schön eigentlich. Doch seine Reaktion ist eine ganz andere. Und zwar nicht weil er dachte, dass sich seine Leute gegen ihn erhoben haben könnten. Er geht vielmehr davon aus, dass die Han mittlerweile sein Heimatland erobert und die Menschen aus Chu in ihren Kriegsdienst gezwungen hätten. Und das sind doch so viele! Seine zahllosen Untertanen! Das macht ihm Angst. Das Echo der eigenen Lieder. Der Böse selbst hat Angst, gewissermaßen vor sich selbst.

Das ist wie bei mir im Straßenverkehr der Großstadt. Es sei denn, ich bin in Sanftmut gebadet und habe Blumenduft gefrühstückt. (Kommt auch vor.) Ansonsten stürmen von allen Seiten Feinde auf mich ein, erschrecken mich zu Tode oder stehen saublöd im Weg rum. Und dann wird erbittert zurückgeschossen. Zur Not auch präventiv. Auf dem Rad bin ich ein selbstgerechtes Arschloch und im Auto ein nervös-aggressives Opfer.  Hass und Zwiderwurz brechen hervor und kommen von überall zurück. IS, das sind nicht nur die wahnsinnige Terrormiliz vom „islamischen Staat“, sondern auch meine Initialen. Von allen Seiten Chu-Lieder.

Nun irrt aber der belagerte Xiang Yu. Es sind gar nicht seine Chu, die da gegen ihn singen. Die Han haben sein Chu-Land noch gar nicht erobert. Vielmehr hat sein Widersacher Liu Bang seine Leute angewiesen, Chu-Lieder zu singen. Wäre Xiang Yu nur etwas aufmerksamer, hätte er hören können, dass sie Furzende statt Vorsitzende singen.

Aber Xiang Yu hört nicht lange zu, sondern reagiert seinerseits mit einem Lied. (Deutsche Sprichwörter bewegen sich ja leider eher auf dem Niveau: „Da wo man singt, da lass dich nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder“. Was soll man dazu sagen?) Denn es gibt noch einen romantischeren Grund, warum sich das Zitat mit den Chu-Liedern versprichwörtlicht hat. In dieser Nacht, als der Despot Xiang Yu schaudernd und gleichzeitig unaufmerksam den Chu-Gesängen lauscht, befindet er sich in Gesellschaft einer Dame. Es handelt sich um seine Konkubine Yu, die darauf besteht ihn auch auf Feldzügen zu begleiten.  Ich stelle sie mir als eine Art Eva Braun vor.

Er besingt in dieser Reihenfolge seine frühere Macht, sein windschnelles Pferd und die Konkubine Yu. Die letzteren beiden mit Worten, die „Was kann ich noch für dich tun?“ oder „Was soll ich nur mit dir tun?“ bedeuten können. Das Pferd antwortet naturgemäß nicht und wird im Verlauf der weiteren Geschichte verschenkt. Die Konkubine antwortet ihrerseits mit einem Schwerttanz. Und wie es der Chu so Art ist, mit einem Lied. Der Inhalt soll etwa gewesen sein: Unser Land ist verloren, um uns herum singen die Chu, mein König ist erschöpft, wozu soll ich da leben? Und flugs schneidet sie sich die Kehle durch. (Wem das jetzt bekannt vorkommt: aus der Geschichte entstand eine chinesische Oper, die im gleichnamigen Film „Lebwohl, meine Konkubine“ von Chen Kaige eine wichtige Rolle spielt. )

Ein Schicksal, dass sich Xiang Yu kurze Zeit und viele Tote später, zu teilen entschließt. Obwohl ihn ein Fährmann in seine bisher uneroberte Heimat und in Sicherheit bringen würde. Aber nachdem er seine ganze Armee aufgeraucht hat, ist ihm das irgendwie unangenehm. Die (vielfach schamanistischen) Chu-Lieder haben als tatsächlich gesungenes Liedgut bald keine Chance mehr. Niemand wird sie mehr singen. Nicht auf einer, nicht auf zwei und schon gar nicht auf allen vier Seiten. Aber immerhin überleben sie als Literatur.

Wenn also aus allen Richtungen Chu-Lieder ertönen, handelt es sich dann um eine bedrohliche Situation? Um eine eingebildete bedrohliche Situation? Um eine eingebildet dramatisierte Situation? Um ein Hassecho? Um eine schlichte Tragödie? Eine Fehleinschätzung gigantischen Ausmaßes? Und was ist eigentlich der Unterschied?

Und so übe ich mich in Sanftmut und Verständnis: Vermutlich war die 103-Jahrfeier der Republik China der erste Tag im Jahr unserer armen Bundestagsabgeordneten, sich endlich mal satt zu essen. Vorher lebten sie mutmaßlich in Verhältnissen wie in einem unter Ebolaquarantäne stehenden Slum in Liberia. Da muss man dann schon mal ein bisschen Verständnis haben.  Und mir wird klar, dass angesichts dessen eine Diätenerhöhung reiner Wahnsinn wäre. Mit noch mehr Diät werden unsere Abgeordneten völlig unberechenbar. Radikalisiert, ja fanatisiert. Der IS wartet schon darauf, unsere völlig ausgemergelten Volksvertreter zu rekrutieren. Ich fordere Fett zu Pflugscharen! Waffen zu Kohlehydraten! Fürze zu Vorsitzenden!

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Gepflegte Unterhaltung

Die Einladung

Ende Januar bekam ich eine sehr vage formulierte Email von der Taipeh-Vertretung in der BRD. Darin hieß es, dass die Frau Botschafterin sich beehrt, mich als ehemalige Taiwan-Stipendiatin zum Neujahrsbuffet einzuladen. Namentlich gab sich kein Absender zu erkennen, aber um Antwort wurde gebeten.

Wenn die Botschaft qua Repräsentant einlädt, tut sie das normalerweise auf Büttenpapier per Schneckenpost zu einem Handschüttelereignis. Das hier war also anders. Auch fragte ich mich, wie viele Exstipendiaten denn bitte gerade in Berlin sein mögen? Sonderbar war auch die Adresse in Grunewald (Stadtrand), denn schließlich befindet sich die Taipeh-Vertretung am Gendarmenmarkt (Mitte). Was um alles in der Welt sollte das für eine Veranstaltung werden?

Natürlich sagte ich zu.

Neugierig wackelte ich Sonntag Mittag zur angegebenen Adresse. Doch die Realität ist brüchig, wenn man sie mit niemandem teilt. War ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort? Hatte es die Einladung überhaupt gegeben? Vor der herrschaftlichen Villa zögerte ich kurz, denn nichts ließ auf eine öffentliche oder semiöffentliche Veranstaltung schließen. Ich wollte nur ungern sonntagmittags bei mir völlig unbekannten Leuten klingeln und nach einem Buffet fragen. Nachher meinen die Leute noch, sie müssten mich zum Sonntagsbraten einladen. Glücklicherweise fegte jemand die Treppe. Durch´s schmiedeeiserne Tor fragte ich also nach der Taipeh-Vertretung und bekam ein eifriges Nicken zur Antwort. Mir wurde aufgetan.

Die Gesellschaft

Im Flur nahmen mich etwa vier taiwanische Herren im Anzug in Empfang und überschlugen sich, mir die Garderobe zu zeigen, den Weg in die gute Stube zu ebnen und einen Stuhl zu besorgen. Mir zu sagen, wo ich ein Getränk bekomme, einen anderen Stuhl zu besorgen, diesen Platz ebenfalls wieder für unangebracht zu halten und mir schließlich einen weiteren Platz zuzuweisen. Herr Gu, den ich schon vor Jahren kennengelernt hatte, war auch dabei. Ein bekanntes Gesicht. Wir freuten uns.

Schließlich begrüßte mich Frau Chen Huayu (oder auch Chen Hwa-Yue), die seit Sommer letzten Jahres neue Botschafterin Taiwans in Berlin. Für die deutsche Anrede hatte sie sich vor vielen Jahren für den schönen Namen Agnes entschieden und ich fragte mich, ob sie sich selbst Angnes oder Agnes ausspricht. Langsam verstand ich, auf was für einer Art Veranstaltung ich gelandet war. Die Botschafterin Agnes Chen hatte gar nicht pro forma eingeladen, sondern tatsächlich. Zu sich nach Hause. Die Einladung war ganz wörtlich zu verstehen gewesen. Damit rechnet man doch nicht.

Und so saß ein Sammelsurium unterschiedlichster Leute um ihren Wohnzimmertisch herum. Außer mir noch zwei andere Regierungsstipendiat_innen, ein paar taiwanische Student_innen, ein Taiwandeutscher in zweiter Generation, Leute von der Botschaft, zwei von der Stadt Berlin, Ehemann und Tochter der Botschafterin, eine Frau mit taiwanischer Mutter und deutschem Vater.

Frau Chen stellte sich, ihre Familie, ihre letzten und ihre geplanten Aktivitäten vor und ermunterte dann ihre Gäste, es ihr gleichzutun. Das ging natürlich nicht ohne Scherze und viele Neujahrsglückwünsche ab. Auch das Bonmot: „das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“ wurde bemüht. Frau Chen ist sozial und persönlich fraglos eine immense Verbesserung gegenüber ihrem Vorgänger. Das ist zwar keine Kunst, aber sie macht eine daraus. Voller Ideen und Kontaktfreude.

Apfel und Birne

Frau Chen wurde von der seit 2008 wieder regierenden Guomindang entsandt. Diese Regierung hat den unbestreitbaren Vorteil, dass das Säbelgerassel zwischen China und Taiwan leiser geworden ist.

Die Volksrepublik China vertritt die Auffassung, dass es sich bei Taiwan um eine abtrünnige Provinz handelt. Die Guomindang, also die Nationalpartei auf Taiwan spiegelt das. Sie sagen, dass auf Taiwan die Republik China regiert, die ihren eigentlichen Sitz in Nanjing (auf dem Festland) hat und dort unrechtmäßig von den Kommunisten 1949 vertrieben wurde. Es handelt sich also um eine Art Exilregierung, die international ab den 1970er Jahren desto weniger anerkannt wurde, als die VR China an wirtschaftlicher und im Zuge dessen politischer Bedeutung gewann. Einigkeit besteht bei beiden Regierungen also über den Umfang Chinas, egal ob als Volksrepublik oder als Republik. Diese rein äußerliche Übereinstimmung scheint mittlerweile für Friede-Freude-Eierkuchen auszureichen. Ob die einen sagen: „es ist eine Birne!“, und die anderen: „es ist ein Apfel!“ spielt keine Rolle.

Die Fortschrittspartei, die von 2000-2008 regierte, fand allerdings, dass die Republik nicht auf, sondern in Taiwan unabhängig geworden war. Dass es einen Apfel und eine Birne, mithin zwei Obste gibt. Wobei das zweite Obst keinerlei Ansprüche auf das erste erhebt. Nach der Wiederwahl der Fortschrittspartei wurden die Rufe nach der Erklärung eines Zweitobstes lauter. Umgehend zeigte die VR nicht nur die Zähne, sondern entsicherte auch die Waffen. Sprich, im Jahre 2005 verabschiedete die VR China das Anti-Abspaltungsgesetz, das militärische Schritte gegen Taiwan vorsah, sobald sich dieses formell für unabhängig erklärte. „Apfel oder Birne“ heißt also Frieden. „Apfel und Birne“ Krieg. Auch eine sehr brüchige Realität und keine wirklich gute Voraussetzung für eine freie Entscheidung.

Die Spielregeln

Die Fortschrittspartei sah sich also zur Politik der fünf Neins gezwungen. (Man beachte diese bizarre chinesische Begeisterung für Bezifferungen.) Das war der Deal. Die VR China bedroht Taiwan nicht akut militärisch und dafür hält sich Taiwan an die fünf Spielregeln:
Taiwan…

  • erklärt sich nicht für unabhängig
  • ändert nicht den Staatsnamen (zB in Republik Taiwan)
  • schreibt nichts in die Verfassung, was die Beziehungen zur Volksrepublik als „zwischenstaatlich“ bezeichnet
  • hält kein Referendum über die Änderung des Status quo ab
  • ändert nicht die Richtlinie der Wiedervereinigung.

Bei uns merkt man das dann an so Sonderbarkeiten, dass Taiwan an den Olympiaden als „Chinesisch Taipeh“ antritt. Übrigens seit 1984 sogar regelmäßig bei den Winterspielen. Diesmal mit drei Athleten. Allerdings medaillenlos.

Was nun?

Nun ist die Vermeidung von Krieg grundsätzlich und bei so ungleichen Voraussetzungen insbesondere, unbedingt wünschenswert. Aber bitte was soll der Unsinn? Seit 1949 gehen beide Länder getrennte Wege. Die Generation, die auf dem Festland geboren wurde, stellte immer nur einen Anteil der Bevölkerung und stirbt langsam aber sicher aus. Warum sollen es nicht de jure zwei Länder sein, was sie de facto schon so lange sind? (Eine Frage, die ich mir und anderen vor über 25 Jahren auch häufig bezüglich DDR und BRD stellte. Das macht mich jetzt natürlich unsicher.)

Also kein Krieg. Aber Schmusekurs? Die ganz praktische Befürchtung ist, dass die VR China durch diese Schulterklopfpolitik die Gelegenheit bekommt, in Taiwan ungebremst ihre Interessen durchzusetzen. Das ist die Kehrseite dieser großen Entspannung und der immer stärkeren wirtschaftlichen Verflechtung der beiden Länder. Und die Größenverhältnisse sprechen eine deutliche Sprache: 1,3 Mrd gegenüber 23 Mio Menschen. Also im Apfel leben mehr als 50 Mal so viele Menschen und er ist auch 260 Mal so groß, wie die Birne. Ein Manga-Superapfel gegen eine Bonsaibirne.

Das größte Problem ist natürlich, dass nur ganze 22 Staaten noch diplomatische Beziehungen zu Taiwan als Republik China unterhalten. Zum Beispiel Swasiland und Tuvalu. Denn das bedeutet, keine diplomatischen Beziehungen mit der Volksrepublik zu unterhalten. Wir versuchen das auf sehr bescheidene Art wett zu machen und genießen das Buffet der Frau Botschafterin, die apfel-birnen-technisch eigentlich Repräsentantin der Taipeh-Vertretung heißt.

Kulinarisch und Kultur

Am Buffet gab es zwar weder Äpfel noch Birnen, aber jede Menge andere Köstlichkeiten. Unter anderem Jiaozi, diesen Teigtaschen, die zu Neujahr unbedingt gegessen werden müssen und Niangao, ein Klebreiskuchen, dessen Name als Klebkuchen oder aber auch sinngemäß als „im neuen Jahr wird´s besser“ verstanden werden kann.

Es folgte ein entspanntes Geplauder, in dem ich allerlei erfuhr. Zum Beispiel etwas über die Notfallpläne der Stadt Berlin. Es ist schön, dass sich andere darüber Gedanken machen, was passiert, wenn in der Stadt der Strom ausfällt. Was für ein Glück die alten Wasserpumpen darstellen. (Wo ist eigentlich meine nächste?) Dass das Gas mit genug Druck durch die Pipelines kommt und nicht auf Pumpen angewiesen ist. Aber dass zum Beispiel im ganzen Stadtgebiet nur drei Tankstellen einen Anschluss für ein Notstromaggregat haben.Vom Aggregat selber mal ganz abgesehen.

Schließlich erklingt „Für Elise“ vom Flügel im Salon. Ein Mitarbeiter der Taipeh-Vertretung läutet den kulturell gepflegten Teil des Nachmittags ein. Es übernimmt spontan ein taiwanischer Kompositionsstudent der Hanns-Eisler-Hochschule für Musik zusammen mit einer Anwärterin auf ein Gesangsstudium an der UdK. Nach einem Neujahrslied zum Mitsingen folgen Schubertlieder, die der Komponist in spe mal eben so vom Blatt spielt. Schließlich überzeugen wir ihn, noch ein Solo folgen zu lassen. Leider will er keine Eigenkomposition zum Besten geben, sondern entscheidet sich für Liszt.  Es ist alles ganz wunderbar. Und ich fühle mich so neunzehntes Jahrhundert.

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Man sieht nur mit den Augen gut

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Es ist unwahrscheinlich aber wahr. Ich habe  Fördermittel für die Übersetzung eines taiwanischen Romans bekommen. Vom nationalen Literaturmuseum Taiwan. Vom Chinesischen ins Deutsche. Unfassbar. Dabei habe ich nicht mal einen Abschluss in Sinologie. Ich bin begeistert.

Neben der Begeisterung bin ich natürlich auch beunruhigt. Hab ich das im Kreuz? Schaffe ich es in der Zeit? Die ganze Schwarte? Oder werde ich scheitern und muss alles samt Strafe zurück zahlen? Das befürchte ich natürlich nicht wirklich, aber wenn der Tag lang ist und die Nacht noch länger, kann man sich ja mal mit ein paar selbst ausgedachten Problemen herumschlagen. Man gönnt sich ja sonst nichts. Eins ist allerdings klar: Das Projekt kann noch heiter werden.

Manche sagen, dass Übersetzungen eigentlich gar nicht möglich sind. Strenggenommen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Da ist was dran. Aber strenggenommen ist halt doch sehr eng. Ich würde sogar so weit gehen und sagen: mir zu eng. Genaugenommen sind wir sogar zur sprachlichen Kommunikation grundsätzlich unfähig, da jeder und jede auch Worte der eigenen Sprache anders aufnimmt, vor einem anderen Hintergrund verarbeitet. Hören wir deswegen etwa auf zu sprechen?

Sprache eignet sich wenig für das Absolute, das Wahre.  Die reine Sprache- das klingt schon so nach Fundamentik und Fanatilismus. Sprache ist in sich selbst eher ein amorphes Angebot, eine Unschärfe, die in bestimmten Gesprächen und Sätzen Brillanz gewinnt, Klarheit. Aber auch oder gerade die kristalline Klarheit bricht das Licht in alle Farben. Apropos Farben: Ich werde zum Beispiel meinen Dauerstreit mit A., ob eine bestimmte Blume blau oder violett zu nennen ist, bis in alle Ewigkeit wiederholen. Jedes Frühjahr neu.

Ein Annäherung an eindeutige Sprache versuchen die Juristen und bedienen sich dabei der Methoden der Mathematik. Der Inhalt eines Wortes wird definiert. Die zentralen Worte die der Definition dienen, werden wiederum definiert. So entsteht eine Art Kunstsprache, die sich um Eindeutigkeit und Gleichheit bemüht. Bekanntermaßen mit wechselndem Erfolg. Beobachte ich mein Umfeld, dass sich häufig weigert, selbst kürzeste juristische Texte zu verstehen zu versuchen, wird klar: das ist ein löblicher, aber eben künstlicher Umgang mit Sprache.

Aber ich lenke ab. Ich soll ja nicht die reine Sprache erfinden, sondern einen Roman übersetzen. Hinderlich dabei könnten meine nur mäßige Erfahrung im Übersetzen sein und mein Hang, selber Texte zu verfassen. Das erste Problem wird angenehmerweise im Verlauf der Arbeit ganz von selbst schrumpfen. Das zweite wird voraussichtlich durch einen ebenfalls vorhandenen Hang zur Texttreue in Schach gehalten werden. Es kann also losgehen. Logischerweise wird auch meine Übersetzung eine Interpretation des Textes werden, aber was ist an einer Annäherung schlechter als an nichts? Nichts.

Ein Punkt der mich darüber hinwegtröstet, dass ich nicht Swetlana Geier bin, ist, dass ich auch nicht vorhabe, Dostojewski zu übersetzen, sondern Frau Chen. Ich ringe bodennah mit einem greifbaren Text. Schüttel ihn und würge, rede ihm dann wieder gut zu und versuche mich einzuschmeicheln. Vermutlich wird es trotz aller Bodennähe eine Borderline-Beziehung.

Begonnen hat diese, als der Vertrag der Fördermittelgeber eintrudelte. Eine Mischung aus Jura- und Bürokratenchinesisch. „Absolute“ Sprache im höflichen Mäntelchen. Da saß ich lange vor. Ich konnte ja schlecht sagen: Moment, Leute, ich verstehe das nicht! Kann ich bitte zumindest eine englische Übersetzung haben? Die hätten mir die Mittel glatt wieder entzogen! Irgendwann kam ich per Zufall darauf, dass „Plattformende“ eine höfliche Anrede darstellt, dass also mit dieser auf Deutsch wenig schmeichelhaften klingenden Bezeichnung ich gemeint war und dann wurde alles schon viel klarer. Die Feinheiten habe ich dann sicherheitshalber mit einem befreundeten chinesischen Rechtsanwalt erörtert.

Einer der berühmtesten, frühen Übersetzer vom Chinesischen ins Deutsche war natürlich nicht Frau Geier, denn die kann alle möglichen Sprachen, aber kein Chinesisch, sondern der Theologe Richard Wilhelm (1873-1930). Eigentlich hatte er eine ganz andere Aufgabe, denn er sollte den Chinesen den Segen der christlichen Lehre bringen. Es kommt aber zuweilen vor, dass einen die Arbeit, die man eigentlich tun soll viel weniger interessiert, als irgendetwas anderes. Augen auf bei der Berufswahl möchte man sagen, aber das sagt sich so leicht. Ich könnte darauf ein sehr langwieriges Lied singen. Wilhelm beschäftigte sich also statt mit dem Missionieren -und abgesehen von pädagogischer Arbeit- vor allem mit dem Studium der chinesischen Klassiker und begann, sie zu übersetzen. Als Missionar war er denn auch ein Totalversager, wenn nicht gar ein Saboteur: er bekehrte (mit erklärter Absicht) keinen einzigen Chinesen. Auch gelten seine Übersetzungen heute als zum Teil veraltet, zu christlich gefärbt etc. Meckern kann man immer. Doch hat dieser zwiderwurzige Missionar im Austausch mit chinesischen Gelehrten riesige Kulturschätze für den Westen gehoben. Das kann man doch einfach mal so stehen lassen. Es darf auch jede_r besser machen.

Ob das eine oder das andere besser ist, ist dann wieder eine Auslegungs-, oder auch Geschmacksfrage. Die zahlreichen und eklatanten Abweichungen in den Übersetzungen der Klassiker wie dem Daodejing sind legendär, was sich unschwer aus dem interpretationsbedürftigen Text ergibt. Aber auch nicht ganz so obskure Lyrik zeigt sich in ganz unterschiedlichem deutschen Gewand. Die folgenden Texte sind drei von zahllosen, unterschiedlichen Übersetzungen des berühmten Gedichts „Gedanken in stiller Nacht“ von Li Bai (701-762).

Wanderer erwacht in der Herberge  (Klabund 1891-1928)

Ich erwache leicht geblendet, ungewohnt eines fremden Lagers.

Ist es Reif, der über Nacht den Boden weiß befiel?

Hebe das Haupt – blick in den strahlenden Mond.

Neige das Haupt – denk an mein Wanderziel.

oder aber

Erwachen in der Nacht (Hundhausen 1878-1955)

Vor meinem Bette spielt ein weißes Licht.

Ist es der Morgen schon? ich weiß es nicht.

Und wie ich zweifelnd hebe mein Gesicht,

seh ich den Mond, der durch die Wolken bricht.

Da muss ich mich zurück aufs Lager senken

und heimatlos an meine Heimat denken.

oder auch

Nachtgedanken (Eich 1907-1972)

Vor meinem Bette das Mondlicht ist so weiß,

Dass ich vermeinte, es sei Reif gefallen.

Das Haupt erhoben schau ich zum Monde,

das Haupt geneigt denk ich des Heimatdorfes.

etc.pp.

Bis auf „weiß“, „heben“, „Mond“ und „denken“ sind praktisch keine Wörter gleich, obwohl das Gedicht durchaus gut zu erkennen ist. Ob nun ganz, halb oder gar nicht gereimt.

Das Buch, das ich übersetze, ist gar nicht gereimt und aus der Sicht eines Deutschen, genau genommen eines Sachsen im 18.Jahrhundert geschrieben. Ich transformiere also ein fiktives Tagebuch eines Deutschen aus dem Chinesischen zurück in die fiktive Originalsprache. Da kann man also nicht aus lauter Exotismus oder zur Veranschaulichung des Fremden irgendwelche Sinismen stehen lassen. Doch der Chinese hat wenig überraschend sprachlich verschiedene Eigenarten. Und damit meine ich nicht die unermessliche Anzahl von Schriftzeichen, sondern die Formulierungen selbst. Um nur ein Beispiel zu nennen: der Chinese greift immer mit der Hand. Mit was auch sonst, mag sich mancher fragen. Mit den Zähnen oder den Zehen etwa? Immerhin greifen wir hiesig meist auch mit den Händen.

Der Unterschied ist der, dass wir das nur selten mitteilen. Wir nehmen einfach etwas. Und Punkt. Chinesisch ist wiederum eine derart kurze Sprache, dass man über derartige, im Grunde überflüssige Zusatzinformationen nahezu froh ist. Dass er oder sie mit den Händen greift, mit den Augen sieht und im Herzen (da sitzt der chinesische Geist) denkt. Mit der Hand greift sie nach dem Glas (womit sonst?) und er denkt bei sich (bei wem auch sonst?). Er nimmt mit den Händen ein Papier und zerreißt es, sie greift nach dem Eimer, nimmt ihn und geht damit sonstwohin. Dinge explodieren -kawumm- mit einem Knall an schiefen Hängen.  Und dann hört man nicht nur den Knall, sondern das Geräusch des Knalles. Die Aufgabe bei der Übersetzung ist hier klar: weglassen.

Aber was, wenn einer etwas nur mit zwei Fingern greift? Oder seine dreckige Hand danach ausstreckt? Da sind dann Entscheidungen gefragt. Solange man es noch merkt. Denn noch größer ist eigentlich das Problem, dass ich nach einer Weile anfange, bei mir komisches Deutsch zu denken, es mit den Händen zu schreiben und es im Herzen für ganz normal zu halten.

Aber wenn der Sachse seine Geschichte so hübsch auf Chinesisch erzählt, werde ich doch wohl in der Lage sein, ihn sprachlich heim ins Reich zu holen. Ins heilige römische. Ich werde mir mit den Händen fest und sicher ein Herz fassen, in meinem Kopf alles hin und her überlegen, metaphorisch so als ob mit den Füßen oberhalb schiefer Hänge Halt finden und mit den Fingern zögernd und zweifelnd meine Tastatur bearbeiten. Wir werden sehen. Mit den Augen.

Das Ziel ist das Ziel

olympiaklein

Die Sommerolympiade 2012 ist vorbei und die VR China hat sich mit der schönen Zahl von 88 Medaillen verabschiedet.

Achtundachtzig

Ich glaube, das ist auch der tiefere Grund, warum Hongkong als Sonderverwaltungszone extra an den Spielen teilnehmen musste. Denn die Bronzemedaille irgendeiner Radsportlerin aus Hongkong hätte dieses gelungene Ergebnis zunichte gemacht. Der gemeine Chinesen liebt die Doppelacht, da 8 in irgendeinem -vermutlich dem kantonesischen- Dialekt auf Reichtum hinweist. Und doppelter Reichtum ist natürlich noch besser, oder sogar ∞, unendlicher, wenn man es aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Der gemeine chinesische Chatter oder Twitterer hält sich mit so schnödem Mammon allerdings gar nicht auf, denn wenn der 88 in die Tasten tippt, dann sagt er mit fast Wienerischem Schmäh: baba, also byebye. (Mit 748 sagt er: fahr zur Hölle, aber davon vielleicht ein anderes Mal.)

Eine Abschlussmedaillenzahl von 88 ist insofern in  jeder Hinsicht perfekt.

Mit der 88 hat es der Chinese mal wieder gut. Denn hierzulande steht die Zahl doch leider vor allem für „Heil Hitler“. Passend dazu habe ich in einem Reiseführer den ein Taiwaner über Berlin geschrieben hat, mal das Kapitel „Ehre und Ruinen“ über das Berliner Olympiastadion nachgelesen. Der Autor, Chen Sihong, den ich unter dem Namen Kevin kenne, beginnt die Liebeserklärung an Berlin -wie es sich gehört- etwas sperrig und schwer verdaulich. Die Nazi-Olympiade von 1936 schmiegt sich zwischen die Kapitel KZ und Wannsee, inklusive Konferenz.

Sommerliches Intermezzo

Um dem ganzen zwischendurch eine etwas leichtere Note zu geben, kann ich vielleicht berichten, dass wir an einem der eher raren Sommersonntage dieses Jahr mit einer chinesischen Familie im Strandbad Wannsee waren. Großartig. Man steht lange an, bis man endlich rein darf, wird von der Kassenfrau und vom Bademeister jeweils mit gegensätzlichem Inhalt zusammengeschissen und sucht dann ein kleines Fleckchen für´s Handtuch im Gewühl. Kaum ist man eine weitere halbe Stunde durchs knöcheltiefe Wasser gewatet, kann man auch schon schwimmen. Es ist eine Zeitreise ins alte West-Berlin. Toll, einfach toll. Wobei ich zugeben muss, dass mit kleinen Kindern dieses endlose, nordseeebbehafte Flachwassergedümpel tatsächlich fein ist.

Laut und Inhalt

Aber zurück zum Thema Olympia und 1936. Beim Lesen des Reiseführers habe ich zum ersten Mal gesehen, wie man Nazi auf Chinesisch schreibt. Und zwar: Nacui. Übersetzt man das nun wörtlich, hat man gleich die Zutaten für des Teufels Küche, denn es könnte heißen: „das Reine akzeptieren“. Eigentlich handelt es sich aber um eine phonetische Lösung. Da es einen stark aspirierten Laut in Verbindung mit i auf Chinesisch nicht gibt, wird also der Umweg über das U genommen. Nacui, gesprochen Na-tzuei.

Beim Lernen von Zeichen und Vokabeln nützt natürlich die Bedeutung -Teufel hin, Küche her- ungemein. Nur mit Interpretationen sollte man doch vorsichtig sein. Stasi wird beispielsweise mit Shitaxi übertragen, was wirklich ähnlich klingt, auch wenn es nicht so aussieht. In wörtlicher Übersetzung heißt Shitaxi: Geschichtspagode West. Menschen mit einem ausgesprochenen Hang zu Verschwörungstheorien sollten vielleicht besser die Finger vom Chinesischen lassen.

1936

Kevin, der Autor, erzählt also vom möglichen Boykott der Spiele , insbesondere wegen der damals schon in Kraft getretenen Nürnberger Rassegesetze. Dass die Boykottüberlegungen sich auch darauf bezogen haben sollen, dass die innerstädtischen Sinti und Roma (auf Chinesisch: Jipusai „Wettkampf der Allgemeinenbeglücker“ = Gipsy) in Marzahn interniert wurden, halte ich demgegenüber für ein freundliches Gerücht. Bisher gehörte zu sämtlichen Olymischen Spielen auch immer die unerfreuliche Nachricht, dass Bettler oder andere unerwünschte Personen irgendwie für die Dauer der Spiele aus der Innenstadt weggeräumt wurden, auch wenn sich die Methoden sicherlich hier und dort unterschieden. Dass sich die USA für die Rechte der Jipusai stark gemacht haben sollen, naja.

So oder so setzte sich die Boykottfraktion bekanntermaßen nicht durch, sondern die anderen verschoben die Abstimmung darüber so lange, bis genug Befürworter da waren. Und schlossen anschließend den heftigsten Boykottbefürworter aus. Insgesamt wollte man doch lieber glauben, dass auch Hitler die olympische Idee für eine gute hielt. Er hatte ja auch sonst so schöne Ideen, wie beispielweise den Fackellauf, der seither durchgeführt wird. Das bringt auch schöne Bilder. Vermutlich würde Hitler heute noch gut ins IOC passen, zumindest mit dem Faschisten Samaranch hätte er sich sicher gut verstanden.

Natürlich erwähnt Kevin Chen auch Frau Riefenstahl und ihre schwierig zu rezipierende Figur als unkritische Nazisse und bahnbrechende Filmemacherin.  Auch sie machte unbestritten schöne und auch neuartige Bilder. Das will man nicht. Getan hat sie es trotzdem.

Dann erzählt Kevin Chen, wie er sich bei seinem ersten Besuch des Olympiastadions anlässlich eines Konzerts von Pink fragte, ob denn alle Besucher eine Vorstellung von dessen Geschichte haben. Ich sage einfach mal: ja. Das ganze Stadion ist derart naziesk und die herausgemeißelten Hakenkreuze so präsent abwesend, dass man schon extrem vernagelt sein muss, um nicht wenigstens den Hauch einer geschichtlichen Ahnung zu verspüren. Vielleicht ist es gut, dass er dort niemanden gefragt hat, denn so kann ich das einfach weiterhin glauben.

Dabei sein ist alles

Die Republik China nahm 1936 übrigens mit 54 Athleten an den Spielen teil, reiste aber ohne eine einzige Medaille wieder ab. 2012 durfte sie wie gewohnt nicht unter dieser Bezeichnung an den Start gehen. Eine Art Fremdboykott. Denn schließlich nahm die Volksrepublik China teil. Die gab es 1936 ja noch gar nicht, so dass da kein Problem auftrat. Doch seit 1949 ist das anders. Und es mag zwar heute die Ein-Kind-Politik in der VR China wanken, doch die Ein-China-Politik bleibt bis auf weiteres in Stein gemeißelt. Also gab es wieder einen Auftritt der Republik China, vulgo Taiwan unter dem Pseudonym Chinesisch Taipeh.

Als was auch sonst? Als Japanisch Taipeh? Oder Burkinafasolisch Taipeh? Der Witz besteht darin, dass der Name auf dem Festland mit den Zeichen für China-Taipeh geschrieben wird, während Taiwan Zeichen benutzt, die sich nur auf die Kultur beziehen. Die Republik China turnte also notgedrungen und erprobt unter falscher Flagge und errang heuer immerhin mit 44 Athleten und Athletinnen zwei Medaillen (Silber für eine Gewichtheberin und Bronze für eine Taekwondo-Kämpferin). Ob diese beiden Olympionikinnen tatsächlich aus Taipeh kommen und nicht vielleicht aus „Chinesisch“ Gaoxiong oder Tainan, habe ich nicht weiter verfolgt. Ich stamme zum Beispiel aus Bayerisch Gräfelfing und habe keinerlei Medaillenaussichten, auch nicht in der denkbaren Mannschaft Deutsch Berlin. Oder gar Preußisch Berlin.

Zahlenexegese

Amerikanisch Washington trat im Übrigen mit 539 SportlerInnen an, erzielte also eine Medailleneffizienz von 0,19 pro TeilnehmerIn. Chinesisch Peking dagegen schaffte mit 382 AthletInnen ganze 0,23 Medaillen pro Hüpfdohle und Kampfgerät. Russisch Moskau brachte es auch auf einen Effizienzquotienten von etwa 0,19, Britisch London, Koreanisch Seoul und eben Deutsch Berlin liegen so bei 0,11/12. Damit zeigen uns Afghanistan (1 Medaille durch 5 Sportler und eine Sportlerin-> 0,17) und Aserbaidschan (10/53 -> 0,19)  deutlich, was wirklich effektive Olympiateilnahme auch bei knappen Ressourcen bedeuten könnte. Und Jamaika, das mit 50 TeilnehmerInnen ganze 12 Medaillen holte, liegt in Sachen Effizienz mit 0,24 noch vor der VR China. So weit die Statistik.

0,11 also. Aber ich will nicht meckern. Es gibt gar keinen Grund. Deutsch Berlin hat 44 Medaillen geholt. Der Chinese denkt bei der Zahl 4 an Tod und Sterben. Aber nicht wir. Wir denken an vier Jahreszeiten und vier Himmelsrichtungen, einen fröhlichen Vierviertel-Takt. Jetzt lese ich gerade, dass die vier das Kreuz mit seinen vier Enden symbolisiert. Also doch schon wieder Tod. Hm. Dann zählen wir doch einfach durch unser kleines Alphabet und landen bei D. DD. Doppel-D. Das kann viel heißen. Dummdödel. Dresden. Oder Differenzialdiagnose.  Dolby Digital. Doris Day. Donald Duck. Domino Day. Doppeldominante. Direkte Demokratie. Deutsch Drahthaar. Danke Dir. Oder das Topleveldomainkürzel der DDR, das nur drei Jahre leben durfte: .dd. Mit der 44 ist wirklich alles möglich!

88 möchte ich nicht schreiben, also: servus, baba!

Form und Inhalt

inhalt

Die Republik China auf Taiwan ist am 10.10.11 100 Jahre alt geworden. Und ich war nicht dabei. Aus Krankheitsgründen nahm ich nicht einmal an dem Empfang teil, der in Berlin von der hiesigen Repräsentanz gegeben wurde. Das ist schade. Deshalb kann ich auch nicht berichten, ob wieder ein bayerischer Spielmannszug aufspielte, oder was sonst die kulturhungrigen Besucher erfrischte. Sicher ist nur, dass wieder mitreißende Reden geschwungen wurden.

Was das Thema Repräsentanz angeht, hat die große Schwester Volksrepublik seit kurzem ganz andere Probleme. Denn die  Zwistigkeiten zwischen der KP China und dem Dalai Lama haben eine neue,  fast dialektisch zu nennende Stufe erreicht. Dummerweise haben die beiden Parteien auf der Ebene der Synthese wiederum entgegengesetzte Positionen eingenommen. Der Dalai Lama hat nämlich erklärt, sich nicht weiter reinkarnieren zu wollen. Jetzt hätte man meinen können, dass die kommunistischen Funktionäre hurra rufen und helau und alaaf, mit Kamelle werfen, trunken vor Glück mit tibetischen Mönchen Karaoke singen und den Dalai Lama in Zukunft einen guten Mann sein lassen würden.

Doch weit gefehlt. Sie schäumen vor Wut. Anstatt dass sie sich freuen, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft (Tendzin Gyatsho ist immerhin schon 76 Jahre alt) den ollen Lama ein für allemal los wären, protestieren sie. Anmaßend sei das Vorgehen, empört sich die KP, weil doch die historischen Institutionen und religiösen Rituale der tibetischen Buddhisten respektiert werden müssten. Ah ja. So ist das. Und immerhin seien die Fragen der Wiedergeburt in der VR China aufs Vortrefflichste geregelt. Sie hätten ein Verfahren zur Reinkarnationsbestimmung, das nicht in die inneren Glaubensvorstellungen eingreife und doch den Fund eines wirklich wahren und echten neuen lebendigen Buddhas garantieren könne.

Fairerweise muss man sagen, dass der chinesische Kaiserhof früher schon mal kontrollierenden Einfluss auf die Auswahl der wichtigen Inkarnationen nahm, um die grassierende Korruption einzudämmen. Mongolische Khane, tibetische Adlige, hohe Mönchsbeamte, alle wollten mit Hilfe der Verwandtschaft zum neuen Dalai Lama ihr Süppchen kochen. Da war es nicht schlecht, wenn jemand ein kritisches Auge darauf warf. Ich weiß nicht warum, aber ich argwöhne, dass die KP heute mit der Verfahrenskontrolle andere Zwecke verfolgt. In diesem speziellen Fall würde Korruptionsbekämpfung auch keinen Sinn machen, denn schließlich besteht keinerlei Korruptionsgefahr, wenn es gar keine Inkarnation gibt. Wie soll man denn Vetternwirtschaft betreiben, wenn kein Vetter da ist? Dafür gibt nun wirklich niemand Geld aus.

Reinkarnationen, die dieses chinesische Verwaltungsverfahren nicht durchlaufen oder nicht bestanden haben, sind illegal. Illegale Buddhas. So einem Buddha, der die Scheinhaftigkeit der Welt ja durch und durch kennt, ist das vermutlich wurscht, aber er kann so natürlich schlecht repräsentieren.

Und man darf eins nicht vergessen:  die Partei, die Partei, die hat immer Recht.

Ohne eine solche unfehlbare Institution hat sich natürlich auch manch chinesischer Kaiser mal in Fragen der Repräsentation vergaloppiert. Ganz besonders der unter dem Namen seiner Regierungsdevise „Ewige Freude“ bekannte Yongle. Heidewitzka, war das ein Kerl. Oder so sollte es jedenfalls aussehen. Ein Gigantomane reinsten Wassers. Da wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt!

Als Charakterstudie kann folgende Geschichte dienen: Nachdem er sich gegen einen Neffen an die Macht geputscht hatte, verweigerte ihm einer seiner neuen Untertanen den Treueschwur. Kurzerhand ließ der Kaiser nicht nur ihn öffentlich in Stücke schneiden, sondern auch dessen Familie, Freunde und Bekannte töten. So 800-900 Leute. Glücklicherweise gab es damals noch kein Facebook. Das wäre erst ein Gemetzel geworden.

Aber er hatte natürlich auch gute Seiten. Beispielsweise wollte er den Bewohnern seiner damaligen Hauptstadt Nanjing ein ganz besonderes Geschenk machen. Seine Vorstellung von dieser das Volk beglückenden Gabe war eine 75 Meter hohe Monumentaltafel mit güldenen Kalligrafien drauf, die die Tollkerligkeit des Papas von Yongle besingen sollten. Dieses Denkmal würde aus nur drei aufeinandergestellten Felstafeln bestehen. Gesagt, geplant, begonnen. 30km von der Stadt entfernt wurden die Teile aus dem Berg gehauen. Der größte der drei Blöcke hatte so beeindruckende Maße wie etwa 50m mal 17m mal 4m. Um ihn und seine zwei kleineren Brüder (Sockel und Mützchen des Monuments) aus dem Berg zu hauen, brauchte es im Jahr 1405 etwa 10.000 Steinmetze. Gab offenbar genug davon. Ein wunderbares Konjunkturprogramm, um die Arbeitslosen nach dem ganzen Bürgerkrieg von der Straße zu holen. Dankbar schufteten diese sich dann auch zu Schanden und lösten diese Bergelemente sogar auf der Unterseite so weit ab, dass der Abtransport nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien.

Nur was dann? Wie bewegt man 31.000 Tonnen in nur drei Teilen? Ganz einfach: gar nicht. Weil es nicht geht. Weil Berge vielleicht selbst zu irgendwelchen starrsinnigen Propheten wackeln, sich aber niemals zum Jagen tragen lassen. Der in Scheiben geschnittene Berg liegt nun seit über 600 Jahren zum Abtransport bereit. Unbeweglich auch mit heutigen Mitteln. Aber wie es sich mit Bergen und Propheten eben so verhält: wenn sich der Berg nicht bewegt, bewegt sich eben der Potentat. Allerdings in diesem Fall weg vom Berg, dem Ort des Scheiterns. Yongle verlegte kurzerhand seine Hauptstadt in das wüstenhafte Beijing. 120.000 Haushalte mussten ihn begleiten, um die neue Hauptstadt auch repräsentativ zu gestalten. Wenn man an die Laune der Bonner denkt, die in den 90ern alle hierher nach Berlin ziehen sollten, kann man sich die Laune der Nanjinger Umzugsverpflichteten einigermaßen vorstellen.

Doch dann wurde es doch noch schön. Yongle ließ die verbotene Stadt bauen, das war machbar. Der schwerste Stein in der Palastanlage wiegt bloß etwa 200 Tonnen. Ein Klacks, ein 30stel des leichtesten Teils für die große Stele von Nanjing. Diesen niedlichen Zweihunderttonnenmarmor zogen ungefähr 20.000 Arbeiter innerhalb eines Monats isipisi die 50 km auf absichtlich vereister Straße zur Baustelle. Richtig repräsentativ war das natürlich trotzdem nicht, schließlich durfte den in der verbotenen Stadt kaum jemand sehen.

Aber zurück zum Dalai Lama, der die eigene Repräsentation mit seinem Tod bis auf Null reduzieren will. Die Gefahr eines mit unklarem Inhalt gefüllten Popanzes wäre damit gebannt. Falls die KP dann doch noch irgendeinen neuen Dalai Lama inthronisiert, in dem vermutlich keiner drin sein wird, haben die Buddhisten in aller Welt eine ganz einmalige Gelegenheit: mit Hilfe der KP China und dem Mantra „nur wo Dalai Lama drauf steht, ist auch Dalai Lama drin“ können sie die Scheinhaftigkeit des Seins vollkommen erfassen und dadurch Erleuchtung erlangen.

Die Republik China wiederum, also das China auf Taiwan, hält was ihr Name verspricht. Tatsächlich ist sogar mehr drin, als draufsteht, denn seit rund 20 Jahren handelt es sich sogar um eine echte Demokratie.