Kategorie-Archiv: Placebo

Schriftbilder

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Lesen lernen

Ich hatte schon ziemlich früh eine gewisse Affinität zur Schrift. Da krakelt jemand irgendetwas aufs Papier und das hat dann einen Inhalt, den nicht nur der Krakelnde selbst, sondern auch andere verstehen können. Es stehen Bücher herum und Zeitungen und ständig stecken alle ihre Köpfe hinein und studieren den Fliegenschiss, als sei dies das Interessanteste auf der ganzen Welt. Nur ich nicht. Ich war angeblich zu klein. Das war ganz offensichtlich ein völlig unhaltbarer Zustand. Sobald ich diesen erkannt hatte, wollte ich unbedingt und sofort lesen und schreiben lernen. Aber nein, mein insofern privilegierter großer Bruder durfte in die Schule und das Geheimnis ergründen. Wie unter Privilegierten so üblich, fand er das gar nicht so toll. Ich sollte stattdessen spielen. Ha, spielen und den anderen Herrschaftswissen überlassen? Spielen ist Opium fürs Kind. Ich wandte also allerlei Tricks an und kam so schließlich -sozusagen spielerisch- in den Besitz des Alphabets.

Ein paar Jahre später, als ich darin schon einigermaßen versiert und längst eingschult und von daher amtlich erlaubt mit Buchstaben vertraut war, erfuhr ich, dass der Chinese in Bildern schreibt. Richtig viel mehr konnte mir niemand dazu sagen, aber die Optik dieser Bilderschrift nahm mich sofort gefangen. Eines Tages, so dachte ich, eines Tages lerne ich auch das Geheimnis dieser hermetischen Welt, eines Tages lerne auch ich, wie man in Bildern schreibt.

Es hat dann noch ziemlich lange gedauert. Und dauert noch. Es ist natürlich immer eine Frage des Grades. So kann ich zwar jeden einzelnen Buchstaben des lateinischen Alphabets aus dem Effeff (hörthört), kann aber beispielsweise chemische Fachtexte trotzdem nicht verstehen. Mit Sicherheit würde mir auch der ein oder andere Philosoph Schwierigkeiten bereiten. Aber die Grundvoraussetzung wäre da. Ich könnte immerhin den Text selber lesen.

Wo ist der Speicher?

Im Chinesischen sieht es natürlich etwas anders aus, denn immer wenn ich mir vorne ein paar neue Zeichen reinschiebe, fallen hinten wieder welche raus. Dabei soll man so unglaublich viel ungenutzte Gehirnmasse haben. Aber wie kommt man da ran? Wo ist dieser Speicher und wie macht man ihn auf? So lange ich das nicht weiß, purzeln mir halt immer die Zeichen aus dem Schrank. Immerhin braucht es da ja auch Platz für die ganzen Tassen. Gut. Trotzdem liegt es mittlerweile vor allem an der Einsatzbereitschaft, ob ich einen chinesischen Text verstehe oder nicht. Das ist dann vermutlich nicht soviel anders als beispielsweise bei Kant. Ich habe den Schlüssel. Zwar nicht für meinen leeren Speicher, aber doch für die ganz große Tür am Eingang zum Chinesischen. Das Tor, dass immerhin in irgendeinen Innenhof führt.

Nun hat so ein Schriftzeichen eine eigene Ethymologie, manchmal auch Ethymythologie. Abgesehen davon hat es auch eine Optik. Ausgehend von dieser Optik -und bewusst abgesehen von der Ethymologie- habe ich in Kalligrafien immer mal versucht, die Bildhaftigkeit zu nutzen und damit einen Inhalt abzubilden. Leider bemerkt das kaum jemand. Der Schriftzeichenunkundige sieht etwas, das nach Kalligrafie aussieht, hakt selbige unter Dekor ab und geht weiter. Obwohl man die Dekoration verstehen könnte, auch wenn man sie nicht lesen kann. (Oben übrigens das Beispiel: „Musik“.)

Ich bin natürlich keinen Deut besser. Arabische Schrift habe ich bisher zum Beispiel auch nur als reine Dekoration wahrgenommen. Oder als Ersatz für Bilder, die nicht gemalt werden dürfen. Dabei setzt sich Arabisch immerhin aus so etwas Leserfreundlichem wie einem Alphabeth zusammen. Was in dem Fall allerdings nicht Alphabet heißt, sondern Abschad, wegen: a-b-dsch-d, so die klassische Reihenfolge des Alphabets. (Modern allerdings: alif, ba, ta, tha).

Kringel und Punkte

Meine Freundin ergriff die Intitiative und meldete sich zu einem Wochenendkurs in arabischer Schrift an. Da konnte ich nicht zurückstehen. Da wollte ich mit. Es wäre doch interessant, wenigstens grundsätzlich zu wissen, wie sich aus dekorativen Bögen mit Punkten darauf ein Inhalt transportieren lässt. Alle anderen Kursteilnehmer_innen waren vor allem deswegen da, weil der Kurs Pflicht ist, bevor man an einem Arabisch-Sprachkurs teilnehmen darf. So weit ging unser Ehrgeiz nicht. Wir wollten nur mal wissen, wie die Schrift funktioniert.

Der Dozent war  der schlechteste Sprachlehrer aller Zeiten. Davon soll es an Volkshochschulen viele geben. Wir hatten natürlich ein positives Klischee im Kopf. Gebildet und humorvoll, so wird einer sein, der arabisch, und vor allem die arabische Schrift unterrichtet. Weit gefehlt. Seine einzige Qualifikation war, dass er selber irgendein Arabisch spricht und dies auch lesen und schreiben kann. Damit war er uns zwar Lichtjahre voraus, was allerdings nur dazu führte, dass er unsere Probleme nicht verstehen konnte. Er hätte das Manko natürlich ohne weiteres durch Intelligenz und Humor ausgleichen können. Leider hatte er keines davon. Und seine unterschwellige Aggression pulverisierte etwa ein Kilo Kreide in vielen bunten Farben an der Tafel.

Vielleicht hätte er mal eine Broschüre „Arabisch für Ausländer“ lesen sollen, das hätte helfen können. Unsere Fragen innerhalb der anwesenden Muttersprachenkompetenz (Deutsch, Spanisch, Französisch, Polnisch) unterschieden sich nicht wesentlich. Eines der größeren Probleme waren die Vokale, die er im gleichen Wort ständig anders aussprach.

Das A und O

Ich kann nun nicht sagen, ob unser maghrebinischer Lehrer den Unterschied zwischen a und ä oder e und i oder o und u tatsächlich nicht hört, oder dem einfach nur keine Bedeutung beimisst. Ob eher das eine oder das andere zutrifft, konnte er natürlich nicht beantworten, weil er auch diese Frage nicht verstand. Wir zwei gaben das Fragen als solches ziemlich schnell auf, aber andere blieben dran. Immer und immer wieder. „Heißt es jetzt kan oder kän“, fragten sie zum Beispiel. Dann lächelte er überlegen und mit einem leicht amüsierten Kichern, wie einem kleinen Kind oder Hund gegenüber, das oder der sich etwas blöd anstellt und sagte: „nicht kän, qän!“ Wobei das q hier für einen k-haften Kehllaut steht, den er nie erklärte.

Dann fragt jemand nach: „aha, also nicht kan, sondern kän, habe ich das jetzt richtig verstanden?“ Sein Gesicht wird etwas unfreundlicher, so à la ‚warum hört mir eigentlich keiner zu? So eine Gruppe ist schwieriger zu hüten als ein Sack Flöhe. Seufz.‘ Und er sagt: „nein, nicht kan, qan!“ Dieses Gespräch kann man ad ultimo weiterführen. Und wir haben es tatsächlich in allen nur erdenklichen Variationen  sehr sehr oft geführt.

Der Kampf der Kulturen

Wenn der Ton unsererseits dann etwas ungeduldig wurde, erregte sich die Französin mit algerischem Vater, beschwerte sich über die Aggression. Mit einem Unterton als wären wir ohne arabische Verwandtschaft die USA und sie, zusammen mit dieser Niete von Lehrer afghanische Kollateralschadenkinder.

Ich denke nicht, dass diese Französin so weit gehen würde, beispielsweise eines geschmacklosen Films irgendeines beschruppten Amerikaners wegen die spanische Botschaften in Kuala Lumpur anzuzünden, aber sie hatte auf jeden Fall eine starke Tendenz zum aggressiven Opfer.  (Ich spiele ja mit dem Gedanken, die türkische Botschaft anzuzünden, weil ein Iraner einer Frau das Gesicht verätzt hat, weil sie ihn nicht wollte. Noch plausibler wäre aber vielleicht, dem japanischen Botschafter in der Schweiz die Füße abzuhacken, weil in China ein Sack Reis umgefallen ist.)

Aus der Kehle und vom Gaumen

Irgendwann stellte dann der Kurs dozentenunabhängig wilde Thesen auf. Wenn man keine Erklärungen bekommt, macht man sich halt selber welche. Selbst die konsonantenlastgewohnte Polin stellte sich dabei als letztlich vokalorientiert heraus. Die weitestgehende Spekulation ging dahin, dass Konsonanten nicht nur den nachfolgenden, sondern auch den vorangehenden Vokal prägen. Der Dozent konnte schon lange nicht mehr folgen und zerbröselte wütend seine letzte, also die kaum leserliche violettblaue Kreide an der Tafel.  Es blieb ein Mysterium. Kreide, Vokal und Kehllaut wollten nicht zusammen kommen. Bei der Aussprache der so konsonantenreichen arabischen Sprache blieben wir Zaungast.

Zum Beispiel gibt es -laut Internetquelle- ein emphatisches d des Obergaumens. Andere Laute werden erst gar nicht beschrieben, oder in Lehrwerken wenig hilfreich und ohne zumindest die Nennung des Ortes der Lauterzeugung als: „nur nach langer Übung zu erlernender Laut“ beschrieben. Dass wir diese Laute nicht hören oder verstehen konnten, bezog unser Lehrer freilich auf eine gewisse Unartigkeit oder Dummheit unsererseits.

Zwei rechts, zwei links und eine fallen lassen

Aber uns ging es ja sowieso über die Schrift und nicht um die Aussprache. Und ich muss sagen: Alphabet ist nicht Alphabet. Die arabische Schrift hat nun für jeden ihrer 28 Buchstaben eine Anfangs- eine Mittel- und eine Endform. Dafür unterscheiden sich Druck- und Schreibschrift eigentlich nicht, was auch die drei Formen erklärt. Dazu kommen Harakat genannte Zeichen, die auf eine gewisse Weise Vokale andeuten. An sich eine schöne Sache, die aber nur in Kinderbüchern und dem Koran tatsächlich geschrieben wird. Außerdem gibt es sogenannte Horof Elmed (Dehnungsbuchstaben) für hellere oder dunklerer Vokale. (A, e, i, o, u traue ich mich gar nicht mehr zu sagen.) Die gibt es zum Teil auch als Buchstaben, aber eben nur auch. Das war alles nicht leicht zu verstehen, aber man könnte es lernen. Doch. Mit mehr Einsatz. Mit ein bisschen Mühe können wir jetzt also Toyota oder Coca Cola auf arabisch schreiben. Sieht aber noch sehr ungelenk aus.

Und noch etwas hat uns der Dozent vorenthalten: Bekanntermaßen schreibt man arabisch von rechts nach links, die Zahlen schreibt man aber trotzdem wie bei uns von links nach rechts. Und das hängt damit zusammen, dass die arabischen Zahlen eigentlich aus Indien stammen. Wir können alle von Glück reden, dass es keine chinesischen Zahlen sind, die man von oben nach unten schreibt.

Ersatzbeitrag

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Diesen Monat gibt es mal wieder eher einen Muckefuckbeitrag, denn ich war im Urlaub. Erschwerend kommt hinzu, dass ich nicht in einem chinesischen Land, sondern in Bulgarien war. In Sofia wollte ich zwar ursprünglich eine Feldstudie im Chinalokal machen, aber irgendwie geriet dieser Plan in Vergessenheit und zumeist hampelten wir sowieso in der Pampa rum (oder besser Walachei?) und da gab es nicht nur keine Chinesen, sondern häufig überhaupt gar niemanden und wenn dann eben Bulgaren. Aber wer sind sie, diese Bulgaren?

Der Protobulgare, der ursprüngliche und echte Bulgare war mitnichten ein Slawe, sondern gehörte zu diesen Reitervölkern aus der Steppe. Skythen und so. Praktisch Mongolen.

Womöglich Chinesen?

Und mit dieser brachial bescheuerten Überleitung treibe ich nun die Sau durchs Dorf.

Ortseingang:

In Bulgarien gibt es neben der spektakulären und unglaublich vielseitigen Natur auch Kultur bis zum Überdruss. Kaum buddelt man ein Loch, stößt man auf archäologische Relikte. Thraker, Römer, Griechen, Türken, alle haben sie ihre Häusles und was man noch so braucht, dort gebaut.So wurde dort beispielsweise das älteste bearbeitete Gold Europas gefunden.

Neubausiedlung:

Auch sonst waren sie vorneweg: es gibt Wandmalereien, die in ihrem lebendigen, individuellen Ausdruck um etwa vierhundert Jahre die Renaissance vorwegnehmen und bereits im 9. Jahrhundert übersetzte der heilige Kyrill (mit bürgerlichem Namen Konstantin) die Bibel in die Landessprache, also knapp 600 Jahre vor Luther.

Dorfkern mit Kirche:

Das Kyrillisch hat Sveti Kyrill trotzdem nicht erfunden, sondern das Glagolitische, eine Schrift mit sehr vielen Kullern. Warum nun das Kyrillische nach ihm heißt, ist eines dieser mittelalterlichen Geheimnisse. Warum es nicht nach seinem Bruder Method heißt, ist demgegenüber leichter zu verstehen. Methodisch klingt als Schriftname eher sonderbar.

Friedhof:

Und wer ist nicht gleich alles Bulgare. Spartakus zum Beispiel. Also jedenfalls ist er im heutigen Bulgarien geboren. Und Orpheus stieg hier in den Hades, um seine Eurydike zu holen. Auch wir schauten da mal vorbei. Dort stürzt unter der Erde ein Wasserfall 24m in die Tiefe und schafft eine berührende Verbindung zwischen Unter- und Oberwelt. Eurydike verschwand auf Nimmerwiedersehen, als Orpheus der Versuchung sich zu ihr umzudrehen nicht mehr widerstehen konnte. Das ist der Beweis, dass wir am richtigen Ort waren, denn wir sahen sie auch nicht.

Ortsausgang:

Hach, es gäbe soviel zu erzählen! Von der anhaltenden Liebe der Bulgaren zu den Russen, wegen der Vertreibung der Osmanen. Von den ins Souterrain gebauten Kirchen, weil eben die Osmanen keine Kirchen erlaubten, die höher waren als ein Reiter. Vom eigenartigen Kurs Bulgariens im zweiten Weltkrieg. Von heute, von gestern, von vorgestern und all das in diesem wunderschönen Land. Undundundund. Aber es ist eben ein Taiwan/China-Blog. Da hilft alles nichts.

Und die Sau war schnell und ist schon durch durchs Dorf.

Placebo

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Im Moment habe ich überhaupt keine Zeit. Stattdessen habe ich einen Buchabgabetermin.  Nach Adam Riese bin ich in Schwierigkeiten. Ich habe es ausgerechnet und festgestellt, dass ich 70 Tage Arbeit in weniger als 60 unterbringen muss. Es ist ein Buch mit einer sehr klaren Anzahl von Kapiteln und Seiten und Inhalt, andernfalls ließe sich das ja schlecht ausrechnen. Blöderweise muss ich nebenbei außerdem Geld verdienen, was unverschämterweise auch Zeit erfordert. Und im Übrigen habe ich noch anderes zu tun.

Aber anstatt dass ich jetzt finanziell zumindest am Rande sinnvoller Arbeit nachgehe oder versuche meine Verpflichtungen zu erfüllen, schreibe ich einen Blogeintrag. Naja, nicht wirklich. Es ist nur ein Placebo. Das ist Latein und heißt „ich werde gefallen“. Gefallen wird dieser Blogeintrag vor allem denen, denen ich immer viel zu lange Texte verfasse.

Aber so kurz, das ist ja wie fast gar nichts. Stimmt. Doch die Muse küsst nur bei Muße, würde der Lateiner gerne sagen. Wenn Muße auf Latein nicht otium hieße und damit so gar keinen Bezug zur musa hätte.

Auf Chinesisch heißt Placebo anweiji, was soviel bedeutet wie Trostpräparat. Und mehr als diesen kleinen Trost habe ich leider nun wirklich nicht zu bieten.