Kategorie-Archiv: Kalligraphie

Pingpong

Im 18. Jahrhundert herrschte in Europa eine große Chinabegeisterung, die zur sogenannten Chinoiserie führte. Aus den Schilderungen der Jesuiten-Missionare bastelten sich die Menschen in den Ländern der untergehenden Sonne ein Reich zurecht, das nicht nur unvorstellbar exotisch, sondern auch viel gerechter und intellektueller war, als die eigenen Länder daheim.

Die Beamtenprüfung

Einer der Gründe für diese Begeisterung war das Beamtenexamen, das in China etwa 1300 Jahre lang für die Rekrutierung von Staatsbeamten sorgte. Für das feudal bespaßte Europa war das eine Sensation. Und auch wenn man einräumen muss, dass das kaiserliche China recht weit von einer wirklichen Meritokratie entfernt war, gab es doch immerhin die theoretisch vorgesehene Möglichkeit, durch Wissen und Fähigkeit vom einfachen Bauern in höchste Staatsämter aufzusteigen. Wahrscheinlicher war allerdings der Aufstieg eines Sohnes aus adeligem Hause in eine mittlere Beamtenposition. Und auch das war nicht sehr wahrscheinlich, was daran lag, dass das Bestehen der Examen selbst nicht so wahnsinnig wahrscheinlich war. Den für den Eintritt in den gehobenen Staatsdienst erforderlichen Doktortitel Jinshi erreichte gerademal einer von 3000. Zum Vergleich: die juristischen Staatsexamina in Deustchland heute bestehen etwa 2 von 3, was als ordentliches Aussieben gilt. Immerhin durfte man weiland in China so oft antreten wie man wollte und sich leisten konnte. Man heißt natürlich, dass man keine Frau sein durfte, kein ehemaliger Strafgefangener, Mönch, in Trauer oder etwas ähnlich despektierliches.

Das bisschen Jura

Besonders schlimm muss das alle drei Jahre stattfindende Provinzexamen gewesen sein. Damit war man noch kein Jinshi, aber konnte schon einen niedrigeren Beamtenposten ergattern, oder eben zum Hauptstadtexamen (und in späteren Dynastien noch dem Palastexamen) antreten. Das Provinzexamen entspricht also gewissermaßen dem ersten juristisische Staatsexamen. Das war auch schlimmer als das zweite. Und man kann damit auch schon Rechtspfleger werden. Oder Politiker.

Geschrieben habe ich meins  in der Senatsverwaltung für Justiz. Man hatte aus Anonymisierungsgründen eine Nummer, einen zugewiesenen Tisch, der von den anderen vielleicht 60 Plätzen im gleichen Raum getrennt war und man musste eine Taschen- und Bücherkontrolle über sich ergehen lassen. Wenn man aufs Klo oder zum Rauchen (das durfte man damals noch auf dem Flur) wollte, musste man sich abmelden, was nur gestattet wurde, wenn niemand sonst gleichzeitig unterwegs war. Der Prüfungsbereich durfte erst nach Abgabe der Klausur verlassen werden. Beaufsichtigt wurden wir von vielleicht vier Personen. Das ganze an acht oder neun Tagen, jeweils für fünf Stunden. Die paar anderen hundert Prüflinge schindeten und schunden sich in vergleichbaren Räumen. Als Vorbereitungszeit wird etwa ein Jahr reines Lernen empfohlen. Der reinste Spaziergang also.

Nichts für Warmduscher

Denn für die chinesischen Staatsexamina musste man nicht nur unendlich viel mehr gelernt und memoriert haben, sondern auch guter Konstitution sein. Als ein gewisser Zhang Qian aus Jiangsu 1894 endlich das Palastexamen bestand, hatte er nach eigenem und Wikipedias Bekunden 35 Jahre mit Examensvorbereitungen und 160 Tage in Prüfungshallen verbracht.
So ein Prüfungsbezirk, der ja nur alle drei Jahre gebraucht wurde, hatte die Größe eines ganzen Stadtteils. Er war von einer Mauer mit nur einem einzigen Eingang umgeben. Waren alle drin, wurde die Tür versiegelt. Für die Dauer der drei bis neun Tage dauernden Provinzexamensprüfung blieb jeder der rund 20.000 Prüflinge in seiner kleinen Prüfungskammer. Man muss sich das wie endlose Reihen von Minigaragen vorstellen. Fotos von der vorletzten Jahrhundertwende vermitteln den beklemmenden Eindruck eines riesigen Barackenlagers. Die vielleicht 1,20 m breiten, nach vorne offenen Zellen verfügten über ein Brett zum Sitzen, davor eins um darauf zu schreiben. Vielleicht gab es auch noch ein Regalbrett. Nach einem Tag gründlicher Leibes- und Taschenvisitation ging es los. Man blieb für die Tage der Prüfung in seiner kleinen Prüfungsgarage, egal ob ein Herbststurm durch die Gassen fegte und die Füße im Matsch versanken, oder die Herbstsonne die Steine zum Glühen brachte und die Exkremente zum Himmel stanken. Oder alles gleichzeitig. Zu hoffen war, dass das mitgebrachte Essen und das Fassungsvermögen des Nachttopfes reichten. Nicht zu vergessen das Öl in der Lampe. Zum Schlafen rollte man sich dann auf seiner Sitzbank zusammen, oder wer Ungeziefer und Unrat nicht scheute, auf dem ebenfalls zu knapp bemessenen Boden. Überwacht wurden die Prüflinge von zahlreichen Wachtürmen aus. Sieht man mal von der persönlichen Inkommodität ab, war so eine Prüfung eine beachtliche organisatorische Leistung.

Eine Besonderheit bestand darin, dass Schriftstücke, die beschmutzt, angesengt oder verknittert waren, von vorneherein zum Durchfallen führten, genauso wie Schreibfehler, Durchstreichungen oder nicht richtig proportionierte Schriftzeichen. Man kann sich vorstellen, dass unter diesen Bedingungen makellose Schriftstücke abzugeben allein eine große Hürde war. Wenn ich heutzutage Staatsexamensklausuren korrigiere, bin ich ja schon froh, wenn ich sie halbwegs lesen kann. Aber genug von Mühsal und Pein.

Die Exotikprüfung

Mehr auf die Exotik zielte die Geschichte einer anderen Art Prüfung, die fast 200 Jahre die Chinabegeisterung befeuerte: Turandot.
Ein Drama um eine „chinesische“ Prinzessin, das erst de la Croix (1710), dann Gozzi (1762) und dann Schiller (1811) schrieb, und sowohl Busoni (1917), als auch Puccini (1926) zu Opern inspirierte.

Die chinesische Prinzessin

Dass es sich um eine han-chinesische Prinzessin handelt, ist schon wegen des dreisilbigen Namens extrem unwahrscheinlich. (Abgesehen davon, dass die metikulöse chinesische Geschichtsschreibung nicht sehr viel Raum für pseudohistorische Märchen rund um die kaiserliche Familie lässt.) Es könnte vielmehr ein sinisierter Name einer Mandschurin oder Mongolin sein.
Auch spricht die Geschichte als solche dagegen, dass es sich überhaupt um eine chinesische Prinzessin handelt. Darin weigert sich nämlich die namengebende Prinzessin zu heiraten. Sie will einfach nicht. Nur wenn es einem Bewerber gelänge, drei von ihr gestellte Rätsel zu lösen, wäre sie dazu bereit. Wer versagt, wird geköpft. Ich frage mich unwillkürlich, warum die Schlange der Bewerber angesischts der aufgespießten Köpfe nicht abriss. Weil Turandot so wahnsinnig schön war, heißt es dann.
Das ist natürlich Unsinn. Erstens bekam die Öffentlichkeit chinesische Prinzessinnen gar nicht zu Gesicht. Zweitens wollten wahrscheinlich alle nur zeigen, dass sie schlauer sind als die anderen. Das Gegenteil war der Fall.

Selbst wenn Schönheit vom Hörensagen reichen sollte, so bleibt doch zu bedenken: wenn eine chinesische Prinzessin partout nicht heiraten wollte, und ihr kaiserlicher Vater sie aus irgendwelchen Gründen nicht zwingen wollte, dann wäre sie halt ins Kloster gegangen. Oder hätte die anderen Frauen im inneren Palast wahnsinnig gemacht. Oder Astronomie studiert. Oder ihre Kalligrafie perfektioniert. Oder sich umgebracht. Aber sicher hätte sie nicht mit ihrer persönlichen Befindlichkeit die Hauptstadt in Atem gehalten. Zumal ihr Gemahl ja auch niemals Kaiser geworden wäre. Er wäre halt mit einer Prinzessin verheiratet gewesen, was sicher auch den ein oder anderen Vorteil wie Prestige, Titel etc. gehabt haben mag, aber nicht das Potenzial, um eine opernreife Diana-Charles-Geschichte zu entfesseln.

Kopf oder Pferd?

Wenn sie nun aber keine chinesische Prinzessin war, woher stammte sie dann? Ich lese, die Geschichte gehe auf „Die sieben Schönheiten“ des persischen Dichters Nezami zurück. (Um 1200) Dort soll es eine russische Prinzessin sein. Turandocht wiederum, so steht es an anderer Stelle, bedeute Tochter aus Turan, wobei es sich bei Turan um das Tiefland Turan in Zentralasien handeln soll. Das würde nun eher für eine Usbekin oder Kasachin sprechen. Andere behaupten, bei Turandot handele es sich eigentlich um Khutulun (ca. 1260-1306), eine Nichte Kublai Khans, die wiederum zur Bedingung gemacht hatte, dass ihr zukünftiger Gatte sie im Ringen schlagen müsste. Wem das nicht gelang, musste ihr Pferde schenken, womit man letztlich auch viel mehr anfangen kann, als mit abgeschlagenen Köpfen.  Sie soll auf die Art 10.000 Pferde erwitschaftet haben. So oder so ist die Ursprungsgeschichte wohl etwas westlicher als China anzusiedeln.

Pingpong

Es ist jetzt schon über 10 Jahre her, als ich einmal eine chinesische Adaption von Turandot in Beijing gesehen habe. Wobei chinesische Adaption bedeutet, dass sich die Oper dramaturgisch an Carlo Gozzis bzw Friedrich Schillers Bühnenstück orientierte, musikalisch aber nicht das geringste mit der Oper von Puccini zu tun hatte, sondern im Stile einer chinesischen Oper vertont worden war. So eine chinesische Adaption eines europäischen Dramas einer sogenannten chinesischen Prinzessin, führt zu einem dieser schönen kulturellen Pingpong-Projekte, wo wie in einem Spiegelsaal kreuz über quer projiziert wird. Leider habe ich kein Programmheft aufgehoben, so dass ich nicht sagen kann, ob es in der chinesischen Variante auch die Minister namens Ping, Pang und Pong gab.

Und jetzt zum Mitmachen

Aber was waren nun die kopfgefährdenden Prüfungen? Die folgten keinem festen Kanon. Schiller dichtete beispielsweise für sein Stück, in dem wie üblich nur drei Rätsel zu lösen waren, alleine 14 Rätsel, um das anspruchsvolle und rätselwütige Publikum weiter ins Theater zu locken. Hier ein Beispiel:

Kennst du das Bild auf zartem Grunde,
Es gibt sich selber Licht und Glanz.
Ein andres ists zu jeder Stunde,
Und immer ist es frisch und ganz.
Im engsten Raum ists ausgeführet,
Der kleinste Rahmen faßt es ein,
Doch alle Größe, die dich rühret,
Kennst du durch dieses Bild allein.
Und kannst du den Kristall mir nennen,
Ihm gleicht an Wert kein Edelstein,
Er leuchtet, ohne je zu brennen,
Das ganze Weltall saugt er ein.
Der Himmel selbst ist abgemalet
In seinem wundervollen Ring,
Und doch ist, was er von sich strahlet,
Noch schöner, als was er empfing.

Lösung

Und auch Goethe steuerte eins bei:

Ein Bruder ist’s von vielen Brüdern,
In allem ihnen völlig gleich,
Ein nötig Glied zu vielen Gliedern
In eines großen Vaters Reich,
Jedoch erblickt man ihn nur selten,
Fast wie ein eingeschoben Kind,
Die andern lassen ihn nur gelten,
Da wo sie unvermögend sind.

Lösung

Es ist für das gegenseitige Verhältnis vielleicht symptomatisch, dass von der damaligen Chinabegeisterung nicht viel mehr übrig ist, als Puccinis wunderbare und so wenig chinesische Oper Turandot mit ihren Ministern Ping, Pang und Pong.

Merken

Merken

Papier

Man denkt ja, etwas ist gut und richtig, wenn es echt und wahr ist. Dazu gehört, dass es richtig bezeichnet wird. Dass ein Seidenhemd nicht aus Nylon ist. Dass es Angriffskrieg heißt und nicht präventiver Erstschlag. Dass etwas bei seinem Namen genannt wird. Wie schon weiland Konfuzius unter dem Schlagwort der „Richtigstellung der Begriffe“ forderte. Aber so einfach ist es eben nicht. Denn Sprache ist trotz allen Anspruchs nicht präzise, wenn sie nicht mit großem Aufwand so gestaltet wird. Wie beispielsweise Programmiersprachen. Oder Mathematik. Ganz zu schweigen von dem redlichen, aber unvollkommenen Versuch der juristischen Sprache.

Nehmen wir das Wort Papier. Leicht einsichtig kommt es von Papyrus. Auf dem besagten Papyrus hat man geschrieben und konnte theoretisch auch Dinge darin einwickeln. Vielleicht sogar Fisch vom Markt in Zeitungspapyrus. So weit, so gut, so zutreffend bezeichnet. Trotzdem ist der Papyrus seinem Wesen nach kein Papier. Er ist ein Geflecht, ein verwobenes Gebilde aus flachgeklopften, ineinanderverhakten, glattgeschliffenen Schilfstengeln der Sorte Papyrus. Klopfen, verhaken, schleifen. Man merkt schon, es ist ein Produkt der Mechanik, der Physik. Papier selber wird allerdings nicht nur mit Hilfe der Physik, sondern auch mit Hilfe der Chemie hergestellt. Das ist sein Wesen. Und ist Kohle etwa ein Diamant? Oder Beton Marmor? Ist ein Notizzettel das gleiche wie eine Notizapp im Handy? Ein beschreibbares Display ein Blatt Papier?

Papier also. Wer hat´s erfunden? Die Chinesen. Und unter diesen Chinesen angeblich ein Herr Cai mit Rufnamen Lun. Ein Eunuch, der um 100 nuZ in den kaiserlichen Werkstätten für die Papierherstellung zuständig war. Der kann aber nicht der Papiererfinder gewesen sein, da es Papierfunde von etwa 300 Jahren vor seiner Zeit gibt. Er kann auch schlecht für etwas zuständig gewesen sein, was er erst noch erfinden musste. Das würde für einen ungeheuer schnellen Verwaltungsapparat sprechen, wogegen die Erfahrung spricht. Aber vielleicht bin ich einfach berlingeschädigt. Wie dem auch sei. Erfunden hat Herr Cai das Papier nicht, aber die Qualität des rauen Hanfpapieres entschieden verbessert. Das sollte man ihm lassen.

Wie macht man also Papier? Man nimmt zum Beispiel Hanf, Lumpen, alte Fischernetze und Maulbeerbaumbast. Reinigt, stampft, kocht alles in Lauge und wässert es. Es entsteht idealerweise eine gleichmäßige Pulpe. Davon schöpft man eine Lage auf ein Sieb. Trocknet und oder presst es auf die ein oder andere Art, et voilà.

Im vierten Jahrhundert hatte sich das Papier in ganz China durchgesetzt und die Gelehrten und Beamten und Zauberer konnten sich Seide, Holztäfelchen und Schildkrötenpanzer als Schreibgrund schenken. Kultur und Wissenschaft konnte viel schneller und in größerem Ausmaß verbreitet werden. Gleichzeitig dehnte sich die Kunst der Papierherstellung nach Vietnam und Korea aus. Und die Rohstoffe auf Reisstroh, andere Baumrinden und Bambus. Als dann noch die Erfindung des Blockbuchstabendrucks dazu kam, beschleunigte sich das nochmal. Man muss sich das ungefähr so vorstellen wie die Erfindung des Internets. Technik und Wissensverbreitung explodieren. (Als kleinen Exkurs möchte ich erwähnen dass laut Joseph Needham „zum Beginn des 19. Jahrhunderts mehr gedruckte chinesische Seiten existierten als in allen übrigen Sprachen der Welt zusammengenommen.“)

Im achten Jahrhundert führen die Chinesen vorübergehend eine Art Papiergeld ein, wobei man sagen muss, dass es sich eher um ein Schuldscheinsystem handelte. Um die Jahrtausendwende wurden durch Geldreserven gedeckte Geldscheine eingeführt und der Staat schaffte sich schließlich ein Ausgabemonopol. Da dies zuweilen zu galoppierender Inflation führt, schafft man das Papiergeld ein paar hundert Jahre später kurzerhand wieder ab. Zu dieser Zeit hat es in Europa immer noch keinen einzigen Geldschein gegeben.

Doch zurück ins achte Jahrhundert. Da jagen die Araber den Chinesen nicht nur Samarkand ab, sondern auch die dortige Papiermühle nebst kundigen Handwerkern. Jetzt ist der Siegeszug des Internets, ach nein, des Papiers nicht mehr aufzuhalten. Okay, das christliche Europa sträubt sich noch ein Weilchen, weil sie das muslimische Teufelszeug nicht anrühren wollten. Die allein schreibkundigen Mönche fanden es wohl gottgefälliger, auf Pergament, also auf den gestreckten Häuten von jungen Säugetieren zu schreiben.  Aber im 12. Jahrhundert ergab man sich schließlich -Teufel hin, Satan her- der überlegenen Technologie.

Das Papier setzte sich in Europa derart durch, dass ein Rohstoff knapp wurde: Lumpen. Ein damals unverzichtbarer Bestandteil des Papiers. Die Lumpensammler, gewissermaßen Haderlumpen, waren die Dealer von damals, denn Lumpenschmuggel von einem Land ins andere war streng verboten und wurde drastisch bestraft. In England wurde sogar verboten, jemanden im Leichenhemd unter die Erde zu bringen, wo man doch aus diesem wunderbaren Totenhemd noch Papier herstellen konnte. Der Kampf um die Lumpen führte natürlich auch dann und wann zu Bandenkriegen unter den Lumpendealern. Erst im 18. Jahrhundert beschäftigte sich hierzukontinent jemand eingehender mit der Idee, Papier auch aus Pflanzenfasern oder Holz herzustellen. Etwa 100 Jahre später wurde es schließlich möglich, Papier auf Holzbasis in entsprechender Qualität herzustellen. Und die Bedeutung der Lumpensammler nahm ab. Jetzt wird zwar ein bedeutender Anteil des Papiers aus Altpapier hergestellt und ich kann mich erinnern, dass wir früher damit auch die ein oder andere Mark verdient hatten. (Wobei der Kilopreis für Illustrierte weit unter dem von Zeitungen lag.) Aber das ist lange her und schon damals hätte man kein lukratives Bandenwesen darauf aufbauen können.

Und wo ich jetzt schon bei Kindheitserinnerungen bin: den Weg zur Schule konnte man drastisch abkürzen, wenn man -verbotenerweise- über das Gelände einer stillgelegten Fabrik ging. Man musste nur über eine Mauer klettern und sparte sich mindestens die Hälfte der Zeit. Unter uns hieß es, das sei eine Papierfabrik gewesen. Jetzt kommt mir das komisch vor, denn eine solche braucht viel Wasser und davon gab es bei uns in der Gegend weit und breit keins. Später wurden die Baracken auf dem Gelände der mutmaßlichen Papierfabrik nur noch als Lager benutzt und als eine davon abbrannte, hatten wir alle stapelweise nur leicht angesengte Kartendecks.

Der Name für dieses Wunderwerk aus dem auch diese Spielkarten waren, mit oder ohne Lumpen, stammt also -ohne Papyrus zu sein oder damit etwas zu tun zu haben- von dem Wort Papyrus ab. Papier, paper, papir, papel, papier (frz), papier (pln) und so weiter. Nur die Italiener, die nennen es carta. Das kommt von griechisch chartes, Papierblatt, was womöglich auf dem ägyptischen Wort für Schreiberkästchen beruht und damit passenderen Ursprungs wäre. Die Russen sagen irgendwie sowas wie Bumaga. Wie es auf arabisch heißt, konnte ich auf die Kürze nicht überzeugend herausfinden. Zwischen wara´at und (phon) wodecha blieb ich hängen. Die Ethymologie muss ich in den beiden letzten Fällen leider ebenfalls schuldig bleiben.

Danach könnte Papier also auf Deutsch korrekter Karte heißen. Oder hoch spekulativ Bumens (von russisch Bumaga) oder Weutel (von arabisch irgendwas mit w). Der Chinese und die Chinesin, und die haben es ja schließlich erfunden, nennen es aber zhi. Sprich: dschsch. Dschschtüte, ein Blatt Dschsch,  Dschschstau, „Zeigen Sie mir mal Ihre Dschsch!“, dschschschnipsel, Essdschsch, Löschdschsch etc. Da mögen Tschechen oder Polen noch lachen, aber Deutschen oder gar Spaniern bleibt das Lachen im Zungenknoten hängen. So gesehen sind wir mit Papier -Konfuzius und seine Richtigstellung der Begriff hin oder her- doch eigentlich ganz gut bedient. Praktikabilität geht schon mal vor Präzision.

Merken

Rund um die Zeichenschlagmaschine

Das Problem

Ich weiß nicht, ob sich jemand fragt, der nicht Chinesisch oder Japanisch gelernt hat, wie man eigentlich ein Schriftzeichen im Wörterbuch findet. Oder Chinesisch in den Computer schreibt. Oder sich das gerade jetzt fragt, ohne sich davor je Gedanken darüber gemacht zu haben. Ich werde versuchen, diese womöglich neu generierte Frage sogleich zu beantworten.

Nehmen wir die Zeichen 電腦. Heutzutage ist das natürlich ganz einfach. Ich schreibe die Zeichen mit dem Finger auf die Touchscreen meines Telefons, et voilà sagt mir meine App was die Zeichen bedeuten und wie sie ausgesprochen werden. Aber das war natürlich nicht schon immer so.

Radikale und Listen

Die meisten europäisch-chinesischen Wörterbücher beruhen auf der Phonetik und sind alphabetisch aufgebaut. Wenn ich also weiß, wie das Zeichen ausgesprochen wird, aber nicht was es bedeutet, kann ich einfach nachschlagen. Wenn ich das nicht weiß, wird es etwas umständlicher. Zunächst muss mir klar sein, welcher Teil des Zeichens der Radikal ist und damit auf die Bedeutung hinweist und welcher eher die Aussprache definiert. Das ist bei dem ersten Zeichen oben kompliziert, weil es die hier benutzte traditionelle Form gibt und eine verkürzte, die in der VR China geschrieben wird. Aber ich lass das jetzt einfach mal beiseite. Nach einer Weile kennt man seine Pappenheimer und weiß meistens auf Anhieb, welches der Radikal ist. Im obigen Beispiel beim ersten Zeichen der obere Teil. Der bedeutet Regen, was -hier völlig irrelevant- yu ausgesprochen wird. Das ganze hat also mit Wetter zu tun.

Nun zähle ich die Strichanzahl des Radikals, das sind in diesem Fall 8. Mit diesem Ergebnis gehe ich auf die Radikalliste in meinem Wörterbuch, die je nach Alter und System etwas mehr oder weniger Radikale als 200 kennt, zu der Spalte mit den 8strichigen Radikalen und suche unter rund 10 Alternativen nach meinem. Dort steht bei meinem Radikal nun zB 172. Das bedeutet, dass alle Zeichen mit diesem Regenradikal in einer anderen Liste unter der Ordnungszahl  172 zu finden sind. Idealerweise geht auch diese Liste mit ansteigender Strichzahl vor. Der restliche Teil meines Zeichens schreibt sich mit 5 Strichen und da ist das Zeichen auch schon gefunden. Es liest sich „dian“.

Mit diesem Ergebnis kann ich nun vertraut alphabetisch die Bedeutung nachschlagen und an achter Stelle unter dian (im vierten Ton) steht es auch schon. Dian bedeutet Blitz. Oder Elektrizität.

Beim zweiten geht es schon schneller

Das zweite Zeichen finde ich mit Glück dann unter „dian“ als zusammengesetztes Wort, aber ich wollte ja zu Fuß gehen. Also wieder von vorne. Beim zweiten Zeichen ist der vordere Teil der Radikal, der zwar so aussieht wie das Zeichen wie Mond, aber tatsächlich Fleisch („rou“) meint. Es hat also etwas mit dem Körper (und nicht mit Essen) zu tun. Ich zähle die Strichanzahl des Radikals (4), gehe zur Liste der 4strichigen Radikale und werde unter ca 30 4strichigen Radikalen fündig und auf die Nummer 103 in der anderen Liste verwiesen. Ich zähle die restlichen Striche (9) und stoße unter 103-9 schließlich an 13. Stelle auf mein Zeichen und erfahre, dass es sich nao liest. Erleichtert mache ich mich auf in den alphabetischen Teil und siehe da: nao bedeutet Gehirn.

Heureka

Elektrogehirn also. Wenn es mir nun an Fantasie mangelt oder ich zuviel davon habe, schaue ich in der vorherigen dian-Liste nach „diannao“ und erfahre schließlich, dass es Computer bedeutet. Hätte ich vorher bei dian besser geguckt, hätte ich mir den Umweg sparen können, aber da man nie weiß, welche Zeichen zusammen ein Wort bilden, läuft man diesen Umweg bei einem Satz mit vielen Unbekannten doch recht häufig.

Wer bis hierhin durchgehalten hat, kann vielleicht verstehen, wieso eine App bei der man einfach das Zeichen auf die Touchscreen schreibt, einen wochenlang glücklich machen kann. Was sage ich: monatelang!

Damals die Schreibmaschine

Überhaupt machen Computer die chinesische Schriftsprache wesentlich praktikabler. Eine handelsübliche Tastatur hat rund 100 Tasten, im Chinesischen aber -grob vereinfacht- jedes Wort ein eigenes Schriftzeichen. Um vernünftige Texte schreiben zu können, braucht man Zugriff auf etwa 4000-5000 Zeichen. Deswegen war man früher auf wahre Monster von Schreibmaschinen angewiesen. Man fuhr mit einer beweglichen Vorrichtung über einen Setzkasten mit 2000 Zeichen, suchte das richtige raus und schlug dann die Letter mit einem Hebel auf das Papier. Wenn unter den 2000 Zeichen nicht das richtige zu finden war, gab es noch zwei Ersatzkästen, ebenfalls à 2000 Zeichen.

Wie das funktioniert, sieht man hier.

Es leuchtet unmittelbar ein, dass es schneller ging, mit der Hand zu schreiben.

Phonetische Eingabesysteme

Der Computer bietet heute natürlich ganz andere Möglichkeiten. Dabei lassen sich die Eingabearten in akkustische und optische Systeme unterteilen.

Die akkustischen Systeme basieren auf dem gesprochenen Wort, also der Phonetik. Ich habe oben das Wort 電腦  in chinesischer Hochsprache und dem heutzutage in der VR China für die phonetische Erfassung benutzten Pinyin zu diannao transkribiert. Tippt man nun dian auf der Computertastatur ein, werden einem entsprechend der Häufigkeit ihres Vorkommens (und der eigenen Verwendungshäufigkeit) sortiert eine Vielzahl von Zeichen (hier ca 30)  vorgeschlagen, die dian ausgesprochen werden. Dort klickt man das Zeichen für Elektro/Blitz an und schreibt nao, wo das Gehirn vermutlich gleich an erster Stelle kommt, weil diannao eine übliche Kombination ist. Aus diesem Grund kann man auch gleich diannao schreiben und begründete Hoffnung haben, dass der Computer einem das zusammengesetzte Wort gleich in Gänze vorschlägt.

Der Nachteil des phonetischen Systems ist, dass dieses an die Aussprache gekoppelt ist, die sich dialekthalber innerhalb Chinas stark unterscheidet. Für Fremdsprachler ist es natürlich das Mittel der Wahl, denn die lernen ja ohnehin Mandarin. Wegen der vielen Homonyme, also gleichklingenden Silben, muss man allerdings höllisch aufpassen, dass man auch das richtige Wort geschrieben hat und nicht statt “Computer” zum Beispiel völlig sinnlos „Kissenärger“, was genau gleich ausgesprochen wird.

Natürlich gibt es eine Vielzahl solcher Umschriftssysteme. So ist in Taiwan zB Zhuyin oder Bopomofo gebräuchlich, was eigens erfundene, alphabetähnlich funktionierende Zeichen verwendet. Auch gibt es für das in Hongkong und Südchina gesprochene Kantonesisch eigene Umschriften.

Optische Eingabesysteme

Die optischen Systeme gehen von der Zeichenstruktur aus, zT von der Schreibreihenfolge oder der Zusammensetzung der einzelnen Grundformen. Besonders erwähnen möchte ich hier den vergleichsweise überraschend simplen Viereckenindex. Dieser Index wurde in den 1920er Jahren von Wang Yunwu erfunden und diente damals natürlich nicht der Eingabe in den Computer, sondern wiederum dem Nachschlagen von Zeichen in Wörterbüchern. Wang hatte 10 unterschiedliche Strichklassen festgelegt, die mit Ziffern von 0-9 bezeichnet werden. Jeder Ecke wird je nach Strich dann die entsprechende Ziffer zugeteilt, so dass sich aus einer Kombination von 4 Ziffern  eine kleinere Auswahl von Schriftzeichen ergibt. Man tippt also keine phonetischen Laute, sondern Zahlen ein, die sich aus der Optik des Zeichens ergeben. Der Vorteil hierbei ist, dass die Verwechslungsgefahr geringer ist, der Nachteil, dass man sich sehr lange einarbeiten muss. Und natürlich sicher wissen muss, wie ein Zeichen geschrieben wird.

Zwei Seiten einer Medaille

Das klingt jetzt vielleicht unwahrscheinlich, aber wenn man Chinesisch kann, kann man auf die eine oder andere Art sehr schnell in den Computer schreiben. Laut Wikipedia ist die Schreibgeschwindigkeit pro Satz vergleichbar mit der, die man für einen deutschen Satz auf einer deutschen Tastatur braucht. Als Beispiel: für “Gehirn” muss ich 5 Tasten drücken. Für “nao” ganz ähnlich drei Tasten plus den Klick auf das ausgewählte Zeichen. Oder bei “Schreibmaschine“ auf Deutsch 15 Tasten, auf Chinesisch da+klick und zi+klick und ji+Klick (9 Tasten) , bzw einfach gleich daziji (Zeichen-schlagen-Maschine)+Klick (7 Tasten). Für den Viereckenindex müsste ich dafür 5102-3040-4295 eingeben.

Die Folge dessen ist, dass immer weniger Chinesen ihre Schrift noch sicher schreiben können, denn das Schreiben der Zeichen ist eine Art motorische Übung, die gewissermaßen in der Hand gespeichert wird. Und das setzt regelmäßige Übung voraus. Das geht weit über unsere Ermüdung beim ungeübten Handschreiben hinaus, da wir uns unsere paar Buchstaben wohl gerade noch merken können. Der gemeine Chinese und die gemeine Chinesin lernen derzeit also zunächst mühsam die Zeichen zu schreiben, um sie für den aktiven, händischen Gebrauch dann wieder zu verlernen. Aber das hat zumindest den Vorteil, dass sich Fremdsprachler dann weniger dämlich vorkommen.

 

Merken

Das große Lernen

Eins

Ich nahm an einem Intensivmalkurs von Deng Yuanpo teil. Der war eigentlich für Anfänger, aber das schadet ja nichts. Zu lernen gibt es ja immer was. Und auf ein fortgeschritteneres Angebot werde ich lange warten können.

Es begann damit, dass der Gruppe von 15 Leuten gesagt wurde, sie sollen einen Querstrich malen. Die chinesische eins. Natürlich, so fängt es immer an. Ach nein, tönt es hier und da, das will ich nicht, ich will lieber ein ganzes Zeichen malen! Ich will gar kein Zeichen malen! Ich will dies, ich will das. Bei den wenigen, die sich auf die eins einlassen wird man überrascht, wie unterschiedlich ein Querstrich aussehen kann. Ich kenne das auch aus eigenen Workshops, ein unerschöpflicher Quell des Wunders. Ich zeige beispielsweise ein ziemlich schlichte, klare und nur begrenzt variierbare Art, einen Bambusstamm zu malen. Dann fangen alle an und die 10.000 Dinge entfalten sich unkontrolliert auf dem Papier. Die einen brauchen für einen Stamm ein ganzes Blatt, die anderen schaffen es mit zehn nicht voll. Es wird variiert von tiefstem Schwarz, zu fast nicht zu sehen, dick, dünn, gebogen, gerade. Manche kasteln ihr Papier in Abschnitte, andere benutzen das gleiche so lange, bis alles ganz schwarz geworden ist. Was bei komplexeren Anweisungen passiert, man frage nicht!

Ich versuche mich auch kurz in Anarchie, denn ich schreibe nicht gern Kaishu, die chinesische Normalschrift. Sie ist mir zu steif, zu langsam, zu genormt. Bin ich doch so froh, dass ich meine Kalligrafielehrerin dazu bringen konnte, mir Currentschrift beizubringen, jetzt soll ich wieder von vorne anfangen. Aber gerade als ich mich unbotmäßig einer flotteren Vorlage zuwenden will, steht Meister Deng hinter mir und blättert im Heft freundlich aber bestimmt zurück. Na gut, denke ich. Also gut. Ok. Ich schreibe die Eins. Mit mittlerweile der vierten Theorie dahinter, egal. Eins. Eins. Eins. Eins. Außer mir und einer teilnehmenden Chinesin macht das kaum jemand. Aber wie gesagt, es schadet ja nicht. Und ich bin ja nicht zum Vergnügen da. Er hat es gleich erkannt: ich bin das gewohnt, ich mache das, was der Meister sagt. Deswegen bin ich da und so lernt man nun mal die asiatischen Künste. Ohne viel Erklärung, durch Tun, durch Nachahmen. Im Idealfall hat das durchaus seinen Sinn, weil bei verschiedenen Dingen das intellektuelle Verstehen nichts nützt. Verstanden wird es dann auf anderer Ebene. Später. Vielleicht.

In China lernte man natürlich nicht nur Künste so, sondern grundsätzlich. So mussten die Kinder schon Texte auswendig lernen, die sie unmöglich verstehen konnten. Der Inhalt wurde später nachgeliefert, oder er sickerte peu à peu durch. Eines von den ersten Werken, die es für die Kleinen zu lernen gab, war das Sanzijing, der Dreizeichen-Klassiker aus dem 13. Jahrhundert. Da werden in dreizeichenlangen Satzeinheiten Grundlagen gelegt. Dass der Mensch im Grunde gut sei, beispielsweise. Oder dass es drei Kräfte (Mensch, Erde, Himmel), drei Lichter (Sonne, Mond und Sterne), drei Beziehungsbande, vier Jahreszeiten, fünf Himmelsrichtungen (inklusive der Mitte), fünf Elemente (Wasser, Feuer, Holz, Metall, Erde), sechs Getreidearten (Reis, Weizen, Hülsenfrüchte und drei Arten von Hirse), sechs Haustiere (keine Katzen), sieben Gefühle (Freude, Zorn, Mitleid, Furcht, Liebe, Hass, Begehren) und acht Töne gibt. Woher diese Leidenschaft der Chinesen kommt, alles zu zählen und kategorisieren, weiß ich wirklich nicht. Bei uns sieht es da durchaus magerer aus: zwei Geschlechter, vier Himmelsrichtungen, 16 Bundesländer, 27 Eu-Staaten, 206-220 Knochen im Körper. Man sieht schon, die Anzahl ist hier gerne Definitions-, Mode- oder Geschichtsfrage. Kaum etwas davon wird die nächsten 1000 Jahre überdauern. Geschweige denn 2000.

Besonders gut gefällt mir im Sanzijing eine Geschichtszusammenfassung mit 102×3, also insgesamt 306 Zeichen. Das ist für etwa 5000 Jahre eine wirklich überschaubare Anzahl. Dennoch soll man das erst lesen, wenn man die wesentlich kürzere Literatur- und die Philosophiegeschichte absolviert hat.

Auch bei uns wurde früher ja viel mehr auswendig gelernt, aber zu Chinesen besteht trotzdem ein himmelweiter Unterschied. Die müssen ja auch heute noch tausende Zeichen auswendig lernen, um überhaupt lesen zu können. Ich habe in diesem Zusammenhang in einem aus popeligen 29Buchstaben zusammengesetzten Text gelesen, dass der Teil des Gehirns, der für das Auswendiglernen zuständig ist, bei Chinesen signifikant stärker ausgeprägt ist. Das glaube ich sofort.

Eines der anderen, unbedingt auswendig zu beherrschenden Texte war das gut 2000 Jahre alte „Das große Lernen“, ein Kapitel aus dem Buch der Riten. Dort heißt es: „Diejenigen in alter Zeit, die auf der ganzen Welt die helle Tugend erstrahlen lassen wollte, die ordneten zuerst ihr eigenes Land. Die, die ihr Land ordnen wollten, brachten zunächst Ordnung in ihre Familien. Die die ihre Familien ordnen wollten, kultivierten zunächst sich selbst. Wer sein Selbst kultivieren wollte, machte erst seinen Geist aufrichtig. Wer seinen Geist aufrichtig machen wollte, der läuterte zuerst seine Absichten. Wer seine Absichten läutern wollte, erweiterte zunächst sein Wissen so weit es geht. Sein Wissen so weit wie möglich auszudehnen bedeutet, die Dinge gewissenhaft zu untersuchen.“ Und dann geht es wieder zurück: „Nur wenn die Dinge sorgfältig untersucht wurden, wird das Wissen erreicht. Nur wenn das Wissen erreicht wurde, werden die Absichten geläutert“ etc.pp. So wiederholende, rhythmische Strukturen lassen sich ja vergleichsweise gut auswendig lernen. Die Dinge untersuchen, muss dann aber trotzdem selber.

Ich selber musste nur sehr wenig auswendig lernen. Ribbeck mit seinen Birnen zum Beispiel, der uns in der bayerischen Provinz sehr zum Lachen reizte. Oder natürlich Vaterunser und Glaubensbekenntnis. Später die Texte im Schultheater. Aber nie konnte ich mir einen Text merken, dessen Inhalt ich nicht verstanden hab. Wenn auch manchmal falsch, wie das entlaufene Pferd bei „Es ist ein Ros entsprungen“.  Dieser Teil meines Gehirns ist leider bemerkenswert schwach ausgeprägt, was beim Vokabelnlernen außerordentlich hinderlich ist. Noch schwächer ist allerdings der Teil ausgeprägt, der Straßenzusammenhänge erinnert, der bei Taxifahrern messbar besser ausgebildet sein soll. Bei einer Obduktion meines Gehirns wird sich zweifelsfrei feststellen lassen, dass ich weder Chinesin noch Taxifahrerin war. Ich bin also selten ohne Stadtplan unterwegs. Oder ohne Wörterbuch. Wie zum Ausgleich lese ich ausgesprochen gerne Karten und Stadtpläne. Und schaue Wörter nach. Aber merken, ach du liebe Güte.

Die Methode des Auswendiglernens erfordert natürlich viel Vertrauen, dass das Gelernte tatsächlich Potenzial zur Entfaltung bietet. Dass ein Grundstock gesetzt wird, aus dem man dann schöpfen kann. Bei einem Hintergrund von uralter Geschichte ist zumindest die Tiefe des vermittelten Wissens einigermaßen sicher. Die Methode taugt natürlich genauso zur Gehirnwäsche. Ein chinesischer Freund erzählte mir, wie er einmal eine Ausstellung mit Kinderbildern aus aller Welt besuchte. Sie seien voller Wildheit und überbordender Fantasie gewesen. Nur eins nicht, das Kinderbild aus China: brav, gerade, aufgeräumt, hübsch, leblos. Sowas kann beim Nachmachen natürlich auch passieren, insbesondere wenn das Dogma dräut.

Vor diesem Hintergrund ist klar, warum Meister Deng immer so lacht. Vielleicht findet er es wirklich lustig, das sonderbare Verhalten meiner Mitkursteilnehmer. Vielleicht dient es auch nur dem Überspielen seiner Indignation. Wir sollen Bambus malen, jemand malt kleine Blumen. Eine andere eine Art Blumenstrauß à la Bauernmalerei. Eine anderer einen Tiger. Pluralität macht sich breit. Das ist erfreulich und schön, aber wozu sind wir eigentlich da? Am letzten Tag gerät es außer Kontrolle. Jetzt wird ihm bei Vormalen richtig reingeredet: dem Küken fehlt eine Kralle und wo sind eigentlich die Körner? Ein Flugzeug auf dem Bild wäre schön. Eine Dame erklärt mit sehr rudimentärem Wissen Herrn Deng die chinesische Kultur. Undundund. Bis er uns auf unsere Plätze scheucht, mit mittlerweile einer größeren Motivauswahl: Küken, Chrysanthemen, Pfirsichblüten. Der eine schreibt Zeichen, manche malen Vögel und Blumen, andere schauen in die Luft, manche gehen spazieren, ich male eben Küken, Chrysanthemen und Pfirsichblüten. Die eine malt weiterhin Tiger.