Archiv für den Monat: Februar 2017

Chicken Run

 

Was erwartet uns im Jahr des Feuerhahns, werde ich zur Zeit regelmäßig gefragt. Ich habe wie immer keine Ahnung. Ich beschäftige mich nur einmal im Jahr mit dem chinesischen Tierkreis und bin heuer extrem spät dran. Ist es vielleicht das, was uns erwartet? Laissez-faire und Versäumnis?

Nein, wenn ich versuche, die etwas verworrenen Texte zusammenzufassen. Die Schlagworte lauten eher: Geschäftigkeit, Produktivität und Konzentration auf das Wesentliche. Ich schlage also innerlich die Hacken zusammen, jawoll, Sir, und mache mich auf die Suche. Da komme ich natürlich nicht weit, denn wie so oft, wenn man es mit dem Chinesischen zu tun hat, steckt der Teufel schon im Wort. Das Jahr des Hahns, sagt sich so leicht. Auf Deutsch. Und auch wenn sich auf Englisch kleine Scherze treiben lassen, ob es „Year of the Cock“, oder doch besser „Year of the Rooster“ heißen soll, besteht am Geschlecht des Tieres kein Zweifel: Ein Gockel. Ein Beschützer. Ein Sonnenaufgangsbefehler. Ein schmucker Angeber. Ein Kämpfer. Ein Frühinderschreddermaschinesterbender. Ein Hahn im Korb.

Aber das gibt das chinesische Wort 雞 (ji) einfach nicht her. Mit Ji könnte genauso eine Henne gemeint sein. Ein Huhn. Sei es dumm oder blind oder beides. Eine Glucke. Ein Sinnbild von Mütterlichkeit. Und Güte. Bebrütet und behütet sein. Flaum und Fittiche. Ein aufgeschreckter Hühnerstall. Ein beruhigend glucksendes Federvieh. Und ich denke, dass das die eigentliche Vokabel ist. Federvieh. (Geflügel klingt so nach Essen.) Im Schriftzeichen selbst gibt es Hinweise darauf, dass es sich um etwas Domestiziertes handelt. Also Vieh. Das Jahr des Federviehs.

Ein kleiner Exkurs in die Entstehung der Welt: Die chinesische Schöpfergöttin Nuwa soll als allererstes genau dieses Federvieh geschaffen haben. Vor Hund, Schwein, Ziege, Ochse und Pferd. Und dann erst denn Menschen. Wie hätte der auch ohne das ganze Viechzeug überleben sollen? Und so überrascht es nicht, dass das Geflügel so ähnlich ausgesprochen wird wie Glück. (Manchmal frage ich mich, ob es auf Chinesisch deswegen so unglaublich viele Vokabeln für Glück gibt, damit möglichst alles so ausgesprochen wird.)

Jedenfalls ist es kein Wunder, dass die Texte zum Federviehjahr oft in sich widersprüchlich sind, denn schließlich gibt es zwischen Hahn und Huhn eine klare, wenn nicht gar statische Rollenverteilung. Aus humanzentristischer Sicht weckt der eine einen auf und die andere bringt´s Frühstück auf den Tisch. Als Abendessen gehen dann beide durch. Der große Gleichmacher Tod. Aber der Broiler oder auch das Gickerl sind mit Ji  雞 jedenfalls nicht gemeint. Geht es also um Geglucke oder Gegockel? Wie wird nun das Jahr, Geschlecht und Gender des Geflügels hin oder her?

Das Element bleibt Feuer, wie letztes Jahr, aber während es da ein Yang-Feuer war, das den Affen zu immer noch wilderen Kapriolen angestachelt hat, ist es nun ein Yin-Feuer.  Dieses wird mit einer Kerzenflamme verglichen. Das kann romantisch sein und mild. Und so soll es auch ein Jahr voller Romantik werden. Doch so ein Kerzlein flackert auch, brennt nervös und hektisch. Wie Blitzlichtgewitter und Showbeleuchtung. Ein Jahr auf dem roten Teppich. So weit so gut. Aber ich muss leider auch hinzufügen, dass zum Yin-Feuer auch Bomben, Explosionen, Feuerwaffen und Krieg zählen. Ein Terroranschlag verkörpert auf nahezu unheimliche Weise das Yin-Feuer.

Abgesehen von den „schönen“ „Astrologie“-Seiten, auf denen einem im Grunde nur Gutes prophezeit wird, scheinen sich überhaupt alle ziemlich viele Sorgen wegen des Yin-Feuers zu machen, das da auf dem Metall (gehört zum Hahn) sitzt. Denn Feuer besiegt Metall, und damit herrscht eine wacklige Situation. A la Astabsägen wenn man drauf sitzt. Wer also auf ein ruhig dahinfließendes Jahr gehofft hat: sieht unter Wandlungsphasengesichtspunkten schlecht aus.

Aber reden wir es schön: Es soll viel Dynamik geben, Veränderung, Umwälzung. Im guten Sinne Transformation, für die, die sich auf Harmonie verstehen. Ich lese den Satz: es ist ein Jahr, in dem man gut daran tut, weniger zu tun, aber das perfekt. Von Strategie ist die Rede, aber auch von Don Quichotterie. Windmühlen sollen im laufenden Jahr einen großen Reiz ausüben. Der Rat lautet (immerhin hat man es auch mit einem ungeheuer rechthaberischen Vieh zu tun): psychologisch die Oberhand über den Gegner erlangen. Aber Achtung: alle, inklusive natürlich und vielleicht insbesondere der Politiker, fühlen sich sehr sehr schnell auf den farbenprächtigen Schwanz getreten.  Gewalt sollte wirklich nur das allerletzte Mittel sein. Weil sonst die Kerze auf dem durchgeschmolzenen Blech einen Funken ins Stroh hustet. Ich fürchte allerdings, bei diesem ultima-ratio-Hinweis handelt es sich um einen Appell und nicht um eine Prognose für das laufende Jahr. Glücklicherweise sind die historischen Beispiele, die die Dramatik eines solchen Yin-Feuer-Geflügel-Jahrs (zB 1957) belegen sollen, wahnsinnig unüberzeugend. Das macht Hoffnung, insbesondere, da es es gleichzeitig ein optimistisches Jahr werden soll.

Denn es geht auch um Zuwachs. Privat, geschäftlich, egal. Neue Leute, neue Möglichkeiten. Es mögen Fetzen und Federn fliegen, aber darunter soll Klugheit doch die Balance halten. (Toitoitoi.) Andere sagen, es sei ein Jahr maximalen Aufwandes bei minimalem Gewinn. Da möge sich jeder und jede nun das Gewünschte aussuchen.

Dem Hund Trump sagt der Hongkonger Fengshuimeister Alion Yeo übrigens ein gutes Jahr vorraus. So sad. Aber: im Hühnerhof soll sich auch Widerstand gegen Diktatorenallüren entwickeln. Für die affengeborene USA werde es anstrengend lese ich an anderer Stelle, aber dafür braucht man wirklich keinen Wahrsager. Und: Im folgenden Hundejahr ist es mit Trumps Höhenflug dann auch wieder zu Ende.  Bis dahin verzapft der Herr Yeo so ermutigende Prognosen wie: das Jahr 2017 ist wie ein kranker Ochse, der es kaum schafft, das Gras um ihn herum zu fressen. Und natürlich soll es Europa (Westen und Metall gehören zusammen) besonders hart erwischen. Andere sagen auch: im Herbst geht die Kerze aus und die Börse kollabiert. Was erwartet uns also: Insgesamt ein fröhliches Sammelsurium, ein Kessel Buntes, ein Cocktail gewordenes Jahr.

Sagen wir mal so: Hauptsache man ist kein Hase. Für die läuft´s in diesem Jahr am unangenehmsten. Außerdem sollte man seiner Leber mal ´ne Pause gönnen und sich einer extrovertierten Garderobe befleißigen. Dann wird das schon. 2017: Gefühle und Katastrophen. Wär doch gelacht.

 

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