Archiv für den Monat: Januar 2016

Sack Reis

Anfang November hatten Ma und Xi sich getroffen.

„Da laust mich doch der Affe“, mag sich einer denken. „Eiderdaus“, eine andere. Eine Dritte streift vielleicht der Gedanke „und was geht mich das an“. Vier, fünf und sechs halten es mit „scheiß der Hund drauf“, während sieben immerhin Neugier beweist: „Wer ist denn diese Ma? Und der Ksi?“ Acht wieder eher rustikal: „Sackl Zement!“ Doch neun hat eine Expertise zu bieten: „Und in China fällt ein Sack Reis um.“

Die beiden Herren, denn um solche handelt es sich, haben sich allerdings nicht in China getroffen, sondern in so einer Art Subsidiärchina, nämlich in Singapur. Dass es Herren sind, wurde als solches lange im Vorfeld vereinbart. Dass sie sich so anreden werden: als Herr Ma und Herr Xi. Oder genauer, als Ma Xiansheng und Xi Xiansheng. Wörtlich trifft dies allerdings nur auf Ma zu, denn der ist ein paar Jahre älter als Xi und Xiansheng heißt wörtlich „der früher Geborene“. So gesehen hätte der früher geborene Ma den später geborenen Xi also als Xi Housheng anreden müssen, aber das wäre dann eher eine saloppe Anrede à la „na, junger Mann?“ gewesen und geht in dem Zusammenhang natürlich gar nicht.

Das offensichtlich faktisch mögliche Treffen, widersprach jedoch theoretisch jeder Logik, denn Ma und Xi liegen auf zwei parallelen Geraden. Und die treffen sich bekanntlich und bestenfalls erst im Unendlichen.

Xi ist der Präsident der Volksrepublik China und Parteichef der KP China und Ma ist der Präsident der Republik China und Parteichef der Guomindang. Und da es nach Meinung beider nur ein China gibt, sich aber zwei chinesische Präsidenten unterschiedlicher Staaten mit dem gleichen Gebietsanspruch getroffen haben, muss selbst das Anredeprotokoll angepasst werden, um die Theorie der Praxis irgendwie anzubiegen.  Also trifft man sich eben in einem Subsidiärstaat und redet sich höflich unbestimmt mit Herr an. In Sachen Gebietsansprüche hat die Volksrepublik natürlich die Nase vorn, da sich die Republik China gegenwärtig nur auf Taiwan und den umgebenden Inseln befindet. Auch was internationale Anerkennung, Wirtschaftsmacht und Einwohnerzahl angeht, schlägt Xi den Ma um Längen. Bei Freiheit, Demokratie und Menschenrechten, sieht das ganze allerdings gleich ganz anders aus.

Das letzte offizielle Treffen der Parteichefs beider Parteien -und damit auch der amtierenden Diktatoren im damals noch andauernden chinesischen Bürgerkrieg- fand vor 60 Jahren statt, in Form von Mao Zedong und Jiang Kaishek. So lange hat die Praxis gebraucht, um sich durch die Theorie zu wurmen.

Jetzt sollte man meinen: reden ist gut. Sich treffen ist gut. Sich die Hand reichen (soll über eine Minute gedauert haben) auch. Ist doch wunderbar, wenn zwei Seiten sich begegnen, die sonst nur über bizarre Umwege kommunizieren. Aber wenn Goliath einen David in die Arme schließen will, ist Vorsicht geboten. Dem kleinen Ma war´s egal, und rumms, fiel in Singapur ein Sack Reis um. Und daheim seine ohnehin kellertiefen Umfragewerte ins Bodenlose.

Aber das war bei der Wahl im Januar in Taiwan vermutlich nur noch eine kleine Schmuckapplikation auf dem politischen Sarg der Guomindang. Denn abgesehen von wirtschaftlichen Problemen und der Angst vor der goliathischen Schwester, wollen die meisten Taiwaner eben genau das sein. Taiwaner. In einer Demokratie. „Wir haben kein Problem mit der Ein-China-Politik. Ich stimme zu: Es gibt nur ein China. Es gibt aber daneben auch ein Taiwan. Und das eine hat mit dem anderen nichts zu tun“, so der politische Shootingstar Freddy Lim.

Also wird in Taiwan im Mai die erste Präsidentin ihr Amt antreten. Cai Yingwen von der Demokratischen Fortschrittspartei. Sie wurde mit absoluter Mehrheit gewählt, und ihre Partei hat nun erstmals auch die absolute Mehrheit im Parlament. Dass Taiwan sich für unabhängig erklärt, bleibt nachwievor theoretisch unmöglich, weil in der VR China ein Gesetz gilt, das in diesem Fall einen militärischen Angriff auf Taiwan zwingend vorsieht. Faktisch ist Taiwan längst ein unabhängiger Staat.  Also zeigt David Goliath nur wie zufällig den Stinkefinger und geht zur Sicherheit ein paar Schritte zurück. Das muss vorerst genügen. Die Geraden der VR China und der Republik China laufen ab sofort nicht mehr parallel, sondern windschief zueinander.

Wie zum Hohn wurde auch noch der Deathmetal-Star und Menschenrechtler Freddy Lim von der (aus der Sonnenblumenbewegung hervorgegangen) New Power Party per Direktmandat ins Parlament gewählt. Dass sein Guomindang-Gegenkandidat ihn als langhaarigen Geisteskranken diffamierte, änderte nichts daran. „Man stelle sich vor, Rammstein-Sänger Till Lindemann hätte in München-Süd CSU-Schlachtross Peter Gauweiler geschlagen, um eine Ahnung davon zu bekommen, was da passiert ist,“ kommentiert Kai Strittmatter.

Und was sagt Goliath dazu außer erbost zu schnauben? Noch nicht viel. Ich finde, der mächtige Xi Jinping sollte ein wenig über seinen Namen meditieren. Übersetzt man den nämlich wörtlich, so bedeutet er: üben, sich dem Frieden zu nähern. Das kann auf keinen Fall schaden. Gib Stoff, Xi, du schaffst das!