Anthropophagie

Ein Sommerlochthema muss her. Doch da der größte und damit älteste Wels, der in Polen je gefangen wurde und in dessen Magen noch Knöpfe von einer Wehrmachtsuniform gefunden worden sein sollen, nichts mit China oder Taiwan zu tun hat, kommt der nicht in Frage. Aber Menschenfresserei geht als Thema natürlich trotzdem immer gut und wenn es nicht der Wels sein soll, dann eignet sich Kannibalismus mindestens genauso. Und damit meine ich jetzt nicht Kannibalismus aus Not oder Magie, sondern aus Kulinarie, oder sonstigen, nicht lebensnotwendigen Gründen.

Die chinesische Literatur und Historie ist voll von Beispielen zum Verzehr von Menschenfleisch. Um nur ein Beispiel zu nennen: Yi Ya servierte seinem Fürsten aus Gründen der Geschmackssensation den eigenen erstgeborenen Sohn. (Rund 500 vuZ)

Ich überspringe 2400 Jahre und versichere, dass der Reigen des Menschenfleischkonsums bzw seine literarische Verabreitung in der Zwischenzeit nicht abreißt. 1918 schreibt Lu Xun, gewissermaßen der Vater der literarischen Moderne, das „Tagebuch eines Verrückten“ aus der Sicht eines Menschen, der befürchtet von seinen Mitmenschen gegessen zu werden, weil er sich nicht korrekt verhalten habe. Gleichzeitig argwöhnt er, selber versehentlich schon Menschenfleisch gegessen zu haben. Auch Konfuzius spendet ihm keinen Trost. Kaum will er in „Die Gespräche des Konfuzius“ lesen, sieht er nur zwei Worte: Menschen essen. Um das mal ganz platt zu interpretieren: nicht nur die Revolution, sondern auch die Tradition frisst ihre Kinder. Die anscheinend missratenen ganz besonders gern.

Oder „Die Schnapsstadt“ (1993) des umstrittenen Literaturnobelpreisträgers Mo Yan. Dort wird der Sonderermittler Ding in eben diese Schnapsstadt geschickt, weil dort bei Banketten angeblich Kinder verspeist werden. Wie in einer Schnapsstadt nicht weiter verwunderlich, verfängt sich der Sonderermittler im Nebel.

Oder der Performancekünstler Zhu Yu der auf dem shanghai arts festival 2000 eine Fotoserie ausstellte, die ihn bei der Zubereitung und dem Verzehr eines menschlichen Fötus zeigt. Die Echtheit des Fötus´hat erst Scotland Yard und dann auch Zhu dementiert. Aber, sagt er, es gäbe kein Gesetz, das den Verzehr von Menschenfleisch untersage. Selbst die meisten Religionen äußerten sich nicht dazu. Keines der 10 christlichen Gebote laute: Du sollst deinen Nächsten nicht essen.

In Sachen Gesetz habe ich für hierzulande nachgelesen: § 168 StGB „Störung der Totenruhe“ ist einschlägig. Der Bundesgerichtshof hat sich anlässlich des „Kannibalen von Rothenburg“ damit auseinandergesetzt, ob es sich auch dann noch um beschimpfenden Unfug handele, wenn die Mahlzeit vorher in ihren Verzehr eingewilligt habe. Der BGH stellt dazu mittelmäßig überzeugend fest: „§ 168 StGB schützt auch das Pietätsempfinden der Allgemeinheit. Diesem liegt das Bewußtsein von der jedem Menschen zukommenden und über den Tod hinauswirkenden Würde und von der Würde des Menschen als Gattungswesen zugrunde. Über dieses Rechtsgut konnte das Opfer nicht verfügen, so daß sein Einverständnis dem Handeln auch nicht den beschimpfenden Charakter nehmen konnte.“ Tja, Zhu Yu, da hast Du Deine Rechnung ohne den Wirt vom BGH gemacht. Anders ist es vermutlich, wenn sich jemand lebendig selber einen Schinken aus dem Bein schneidet, um ihn jemanden vorzusetzen. (So Jie Zitui wieder um 500 vuZ für seinen kranken Prinzen) Das ist nur Störung der Lebendruhe, wo Schimpf und Unfug strafrechtlich weniger relevant sind. Außerdem soll dieses „lebende Fleisch“ viel mehr Qi, also Energie haben.

Ich gestehe, schon mal gedacht zu haben: bei einem einerseits so aufs Essen versessenen Menschenschlag,  großen sozialen Unterschieden und entsprechender Rechtlosigkeit auf der anderen Seite, da liegt es doch vielleicht nahe, dass in China hier und da für viel Geld ein zarter Knabenschenkel auf dem Tisch landet? Also hypothetisch natürlich. Und theoretisch. Aber eben denkbar. À la: wo wenn nicht da?

Dementsprechend habe ich in einem Artikel gelesen, dass im Chinesischen „flesh“ und „meat“ nicht unterschieden werden, sondern es in beiden Fällen nur Rou heißt.  Die Autorin des Artikels nimmt diese Erkenntnis als Einstieg für Überlegungen zum Kannibalismus in China. Warum der vielleicht – so die steile These – dort weiter verbreitet sei, als woanders. Und bei mir regt sich erster Widerspruch: auf Deutsch heißt Fleisch auch nur Fleisch. Da bleibt sogar das Rind ein Rind, wenn es tot und medium auf dem Teller liegt und wird nicht plötzlich zum Beef. Nichtsdestotrotz ist der Unterschied zwischen Fleischeslust und Fleischlust klar. Selbst wenn es anders wäre, glaube ich irgendwie nicht, dass aus sprachlichen Gründen der Kannibalismus in Deutschland (oder in Frankreich, oder Spanien, oder Polen, oder sonstwo) verbreiteteter ist, als beispielsweise in England. Rothenburg hin oder her.

Als ich also fröhlich in Sachen Menschenfleisch vor mich hingoogele, stoße ich schnell auf Seiten (zB China intern), in denen fanatische Chinahasser abstruseste Thesen aufstellen und „Beweise“ für kulinarischen Kannibalismus in China ins Netz stellen. Soweit mir ersichtlich wurden die alle widerlegt. Jetzt ist die Widerlegung eines Beweises kein Beweis der Unschuld, aber diese Seiten sind so widerlich und doof und bösartig und propagandistisch, dass mir der Appetit auf das Thema gründlich vergangen ist. Selbst oder gerade als Gedankenspiel. Gute Güte, Leute! Wenn man China, die chinesische Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Rechtslage  etc pp kritisieren will, gibt es wirklich genug gute Gründe, ohne irgendwelche Ammenmärchen fälschen zu müssen. Und angewidert stehe ich jetzt mit so einem halbgaren Thema da.

Habe ich dem etwas entgegenzusetzen? Und dem Umstand, dass bei Wikipedia der Eintrag zu Kannibalismus ausgerechnet und ausschließlich einen gesonderten Absatz zu China enthält?

Ich könnte anführen, dass die Zeit des Abendlandes mit Kannibalismus beginnt. Denn Kronos, Sohn der Gaia und des Uranos aß seine eigenen Kinder (Hestia, Demeter, Hera, Hades und Poseidon). Und das noch nicht mal als Gourmet, aus Not oder Magie, sondern nur um sie zu töten. Weil er Angst hatte, sie würden ihn später töten, wie er selbst seinen Vater. Wie geschmacklos ist das denn? Nur Zeus entging ihm dank einer List seiner Mutter und Kronos ereilte daraufhin das Schicksal der Paranoiker: die selbsterfüllende Prophezeiung. Als solche machte Zeus ihm den Garaus. Obwohl man mit Fug und Recht behaupten kann, dass die Zeit ihre Kinder verschlingt, muss ich eingestehen, dass Kronos doch nicht mit Chronos, dem Gott der Zeit gleichzusetzen ist. Aber der Sohn von Himmel und Erde steht gleichwohl ziemlich am Anfang unserer Kultur.

Und was ist mit der Eucharistie? Der Leib in der Hostie, das Blut im Wein? (Nebenbei bemerkt: der o.g. Performancekünstler Zhu Yu ist Christ.) Mit Karl Denke, Fritz Haarmann oder Joachim Kroll? Und was ist mit Hänsel und Gretel? Was wir als Kinder gehört, gelesen, gesehen und sogar als Oper genossen haben: wird da nicht ein Kind gemästet, um ein schön knuspriger Braten zu werden? Eben.

Um in diesem Beitrag, der nirgends hingeführt hat, jetzt noch vollständig zurückzurudern: einen Beleg für den anthropophagen Wels mit den Wehrmachtsknöpfen habe ich auch nicht gefunden.

Merken

Ein Gedanke zu „Anthropophagie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.