Im Zeichen der Blume

Es ist ja immer wieder überraschend, dass es in anderen Ländern auch Dinge gibt, die wir so haben. Zum Beispiel Musikpreise. Da gibt es nämlich nicht nur die Grammy Awards (USA), die Brit Awards (GB) oder den Echo (D), sondern noch allemöglichen anderen. Vermutlich haben sehr, sehr viele Länder eigene Musikpreise, von denen kaum jemand etwas weiß.  Taiwan hat beispielsweise den Jinqujiang, den Goldene-Melodie-Preis. Von dem weiß natürlich nicht kaum jemand etwas, denn er wird auch in die anderen chinesischsprachigen Länder wie die VR China und Singapur übertragen. Es handelt sich also um ein Großereignis, das garantiert von mehr Menschen gesehen wird als der Echo.  Ein an und für sich harmloses Großereignis. Aber nicht harmlos genug, um es in China und Singapur echt live zu übertragen. Sicherheitshalber wird eine 30 sekündige Verzögerung eingebaut. Man kann ja nie wissen. Beziehungsweise: man weiß schon, warum. Und das Wohl des Volkes steht über allem.

Die USA machen das seit 2004 bei ihren Grammys übrigens auch so (wenn auch nur für 5 Sekunden), um ein weiteres Nipplegate, den wahnsinnig traumatisierenden Skandal einer im Fernsehen versehentlich gezeigten weiblichen Brustwarze fürderhin zu verhindern. Über so viel Fürsorge ist man ja froh. Die Russen beherrschen diesen Trick natürlich auch, so dass es der sensiblen russischen Seele erspart blieb, bei der Olympiade einen sich nicht öffnenden Ring sehen zu müssen. Dafür bekamen sie die gelungene Probenvariante serviert und ich staune über die Geschwindigkeit, in der dieser Schnitt vonstatten gegangen sein muss.

An eine andere, etwas historischerere Gelegenheit kann ich mich persönlich sehr gut erinnern. Die funktioniert aber nur, wenn man vorher jemandem das Manuskript der Sendung zu lesen gibt, was sich bei einer Preisverleihung generell nicht so anbietet. Es war Mai 1986 und Tschernobyl noch ganz frisch. Dem bayerischen Rundfunk gefiel das Manuskript des bevorstehenden Scheibenwischers nicht. Insbesondere die an Harmlosigkeit kaum zu überbietende Nummer Der verstrahlte Großvater war irgendwie zu viel des Guten. Trotz des Bayerntums von Dieter Hildebrandt hatte aber nicht der BR über die Ausstrahlung der Sendung zu entscheiden, sondern die ARD. Und die fand das Material ausstrahlungsfähig. Also klinkte sich der BR für die Zeit der Sendung aus dem Programm der ARD aus und die bayerischen Scheiben blieben an diesem Abend ungewischt und matt. Auch das diente natürlich nur dem Volkswohl. Ehrensache.

China und Singapur hatten nun bei der Verleihung der Goldenen Melodie vorher weder ein Manuskript, noch konnten sie harmloses Probenmaterial reinschneiden. Also blieb ihnen wie weiland dem BR nur das schlichte Ausblenden. Stattdessen erschien ein freundlicher Hinweis, dass der Teil dieses Programms zum Übertragen leider ungeeignet sei. Ungeeignet war in dem Fall ein Höhepunkt der Sendung, nämlich die Übertragung des Songs des Jahres. Denn der war von Feuerlöscher (Miehuoqi) und heißt in etwa Inselmorgendämmerung (Daoyu tianguang). Vor diesem Machwerk mussten die zarten chinesischen Gemüter unbedingt bewahrt werden. Denn es handelt sich um die Hymne der Sonnenblumenbewegung.

In China gab es 2011 ja die Jasminbewegung, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzte. Da aber schon ein offener Meinungsausdruck wie eine friedliche Versammlung von 100-200 Leuten verdroschen und massiv kriminalisiert wurde, ging sie notgedrungen in Deckung, wich ins Subversive aus. Auf stumme Spaziergänge und die Bestellung von Jasmintee in Lokalen. Soweit ich weiß, kam die zweite Phase des Aktionsplans: Halten von Jasminzweigen und das Abspielen des äußerst populären Volksliedes Molihua mit dem Handy, nie wirklich in Gang. Dass Celine Dion auf der offiziellen Neujahrsgala 2013 zusammen mit Song Zuying das Lied gesungen hat, dürfte der Subversität desselben auch nicht gut getan haben.

Aber was ist jetzt die Sonnenblumenbewegung?  Während man sich hierzulande mit TTIP herumschlägt, hat Taiwan mit dem Handelsabkommen ECFA zu tun, das zwischen China und Taiwan als Rahmenabkommen beschlossen wurde. Das Abkommen löst auf der kleinen Insel mit den paarundzwanzig Millionen gegenüber dem chinesischen Goliath nicht ganz unbegründete Besorgnis aus. So ist die VR China nicht nur der größte Handelspartner Taiwans, sondern auch der größte politische Gegner. Und der ist nicht gerade für sein zartfühlendes Wesen bekannt.  Taiwan muss also vorsichtig agieren, wenn es zumindest seine faktische Unabhängigkeit bewahren will.

Es war also vereinbart worden, die Unterabkommen im Parlament Punkt für Punkt durchzudiskutieren. Natürlich hatte die Opposition viel zu bemängeln. Das nervt verständlicherweise. Also befand im Frühling 2014 die taiwanische Regierung unter dem Präsidenten Ma Yingjiu das Abkommen plötzlich insgesamt für ratifizierbar. Und das am liebsten heimlich. Insbesondere der Jugend Taiwans riss nun die Hutschnur und sie besetzte für 24 Tage das -insofern übergangene- Parlament. Nachdem ein örtlicher Florist aus Solidarität Sonnenblumen an die Student_innen verteilt hatte, taten sie das ab sofort unter dem Symbol der Sonnenblume.  Schon mal im März 1990 hatte die Demokratie Taiwans unter dem Symbol der wilden Lilie große Fortschritte erzielt, denn diese Bewegung hatte das Ende der Einparteiendemokratie eingeläutet.

Das mit den Blumen kann also durchaus klappen. Und an Etappenzielen gemessen, tat es das auch diesmal. Nach einer kurzen, gewaltsam geräumten Besetzung des Regierungssitzes, verstärkte sich die landesweite Solidarität nur noch. Schließlich lenkte die Regierung ein und kehrte zur Punkt-für-Punkt-Diskussion zurück. Immerhin. Alles weitere bleibt abzuwarten.

Und die hymnentypisch nicht ganz unpathetische Hymne der Sonnenblumenbewegung wurde also auf dem Goldene-Melodie-Award im Juni zum Song des Jahres gekürt, was die VR China ihrem erfolglosen und jasmingebeutelten Volk gerne ersparen wollte. Eigentlich ein schöner Zug. Vielleicht unterschätze ich doch das Zartgefühl der VR China.

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2 Gedanken zu „Im Zeichen der Blume

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