Archiv für den Monat: April 2015

Der fleißige Pinsel

 

Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit Gongbi-Malerei. Eigentlich wollte ich das nie, aber was heißt das schon. Gong heißt Arbeit und Bi heißt Pinsel und damit ist das ganze schon ganz gut beschrieben. Eigentlich handelt es sich zwar um eine Abkürzung von gongzheng bi „ordentlicher Pinsel“, aber ich finde, fleißiger Pinsel beschreibt es auch ganz gut. Es handelt sich um eine gut 2000 Jahre alte Art zu malen, eine Palastmalerei, bei der mit wasserlöslichen, transparenten Farben, in zunächst angelegte Außenlinien Farblasur über Farblasur gelegt wird, bis ein detailreiches, prächtiges Bild entstanden ist.

Normalerweise male ich ja im Xieyi-Stil, wobei Xie Schreiben und Yi Gedanke heißt. Eine Gedankenschrift sozusagen oder ein Schriftgedanke. Die hat ihren Ursprung in der chinesischen Gelehrtenmalerei, ist meist monochrom und eben expressiv, flüchtig, spontan. Weder fleißig noch ordentlich. Nicht das Werk gedungener Malerhandwerker, die gebückt und mit Fleiß und dreihaarigem Pinsel nach dem Geschmack der Herrscher Prunk und Pracht der Paläste mehren, sondern der selbstbestimmte Gestus eines Freigeistes. Hah! Der statt eines Pinsels auch mal den eigenen Zopf nimmt oder gleich mit den Fingern in die schwarze Tusche geht. Wenn man es so darstellt, ist klar, wieso ich im Xieyi-Stil male. (Mit der gleichen Berechtigung könnte man allerdings auch die Gongbi-Maler als hingebungsvolle Künstler und die Xieyi-Fraktion als selbstverliebte und versoffene Wichtigtuer bezeichnen.)

Wie gesagt, hatte ich bis vor kurzem nie auch nur das geringste Interesse an Gongbi-Malerei, doch dann hörte ich von einem entsprechenden Seminar, das die Künstlerin Liu Jing gab. Da war dieser Kurs allerdings schon vorbei. Und dass ich ihn verpasst hatte,  fand ich plötzlich schade. Die angedachte Wiederholung fand dann doch nicht statt, also wurde ich auf einmal selber tätig. Glücklicherweise gibt es das Internet. So viel zum Thema: wollte ich noch nie machen.

Das erste zu bewältigende Problem ist das Papier. Denn während man Xieyi-Bilder auf stark saugendem Pflanzenstrohpapier, sogenanntem Xuanpapier malt, das ich stapelweise zuhause habe, soll das Gongbi-Papier eben gerade nicht so stark saugen. Die Farbe soll sich nicht unkontrolliert ausbreiten, sondern präzise Linien malen und auch noch auf dem Blatt verwässert und verstrichen werden können. Auf westlichem Aquarellpapier steht das Wasser wiederum zu viel. Also mache ich mich schlau und rühre mir eine Lösung an, mit der ich mein rohes Xuanpapier behandeln soll.

Spaß machen in dem Lehrvideo, das ich dazu gefunden habe, schon die Mengenangaben, denn der Anteil von Gelatine zu Alaun kann je nach Jahreszeit zwischen 8:2 und 6:4 schwanken. Ich einige mich mit mir auf das Verhältnis 2:1 und frage mich nun aber, wieviel ml eine Tasse sind. Warum, frage ich mich, kann der nette Herr Li, der mich mit einer Mischung aus quälender und in Trance versetzender Langsamkeit auf Youtube unterrichtet, keine international verständliche vernünftige Menganangabe geben? In ml? Was versteht er unter einer Tasse? Aber, denke ich mir, das ist vielleicht auch jahreszeitenabhängig und ich nehme eine gefühlte Juli-Tasse Wasser. (Denn es war Juli.) Gelatine lauwarm einweichen, stehen lassen, heiß aufgießen, abkühlen lassen, Alaun dazu und schütteln. Mein Ergebnis sieht genauso aus wie das von Herrn Li und ich imprägniere damit also mein rohes Papier. Mehrfach. Und nochmal.

Dazwischen sehe ich mir alle möglichen Videos an, wie man Gongbi denn nun malt. Als besondere Fertigkeit wird erwartet, dass man mit zwei Pinseln in einer Hand malt. Diese beiden Pinsel, von denen einer voller Farbe und der andere voller Wasser ist, wechselt man blitzschnell und mit einer kartenspielertrickhaften Handbewegung.  Stundenlang übe ich den Pinselwechsel. Das kann man ja gut beim Fernsehen machen, oder bei sonst etwas, wozu man die (in meinem Fall) rechte Hand nicht braucht. Es geht dann auch schon ganz gut und ich setze mich frohgemut vor mein nun nicht mehr rohes Xuanpapier.

Das Ergebnis ist niederschmetternd. Die Farbe läuft zwar weniger als vorher, aber sie läuft. Und läuft. So geht es schon mal nicht. Vielleicht würde es gehen, wenn ich das Blatt noch weitere Male imprägniere, aber auch die nächste aufgetragene Schicht reicht noch nicht aus. Ich lege das Projekt erstmal zur Seite. Wenn es schon so lange dauert, Gongbi-Bilder zu malen, habe ich irgendwie nicht die ganz große Lust, vorher unendlich das Papier zu bearbeiten. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Bei meinem nächsten Chinabesuch ein paar Monate später, kaufe ich bereits professionell behandeltes Papier. Trotz des Hinweises der Verkäuferin, dass die Beschichtung mit der Zeit an Qualität verlöre, führt das Papier weitere Monate ein Mauerblümchendasein in meinem Papierschrank. Aber dann ist es endlich so weit. Ich baue alles auf, Farben, Wasser, Papier, Pinsel und bin bereit loszulegen. Nur um feststellen zu müssen, dass ich leider die Pinselwechseltechnik lange nicht mehr geübt und daher wieder verlernt habe. Bevor nun meine Geduld ein weiteres Mal schwindet, gehe ich einfach auf eine andere Technik über. Ich male beidhändig. Den Pinsel mit der Farbe halte ich links, den mit Wasser rechts. Beidhändiges Arbeiten soll ja eh gut fürs Hirn sein.

Tatsächlich stellt sich diese Art zu malen zwar als langwierig, aber auch als äußerst entspannend heraus. Bei der flüchtigen Gedankenschrift hingegen muss man immer maximal im Hier und Jetzt sein, der Pinsel eins mit der Hand und dem Herz, das Gemüt wach und zielgerichtet, ohne zu wollen. Oder wie auch immer man diesen Zustand beschreiben soll, den es braucht, um eine gelungene Gedankenschrift aufs Papier zu bringen. Nicht so beim fleißigen Pinsel. Ich kann Musik derweil nicht nur laufen lassen, sondern höre sie tatsächlich auch. Und auch bei den Nachrichten stelle ich nicht erst beim Wetterbericht fest, dass ich sie schon wieder verpasst habe. Genaugenommen könnte ich sogar Hörbücher dabei anhören, wenn ich das nur mögen würde.

Wie gesagt handelt es sich aber um ein langwieriges Projekt, so dass das oben gezeigte Bild zum einen nur einen Ausschnitt darstellt und natürlich auch noch nicht fertig ist. Damit ist aber nicht der Hintergrund gemeint. Denn die sonderbare westliche Auffassung, bei einem Bild müssten alle Flächen mit Farbe bedeckt sein, ist nicht nur dem gelehrten Freigeist, sondern auch dem buckligen Palastmaler völlig fremd. Also werde ich an diesem prachtvoll verwelkten Tulpenblatt noch eine Weile herumpinseln und dabei beispielsweise die Bundesligaschlusskonferenz im Radio verfolgen.

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