Archiv für den Monat: Februar 2015

Das Holz der Parasiten

Am 19. Februar hat das Jahr der Ziege begonnen.  Das betrifft mich auch persönlich, da ich eine Ziegenjahrgeborene bin. Während nun der westliche Esoteriker dazu tendiert mich zu beglückwünschen, à la: das ist dein Jahr! Mach was draus!, ist der Chinese da wesentlich zurückhaltender. Ziegen haben normalerweise im Ziegenjahr nicht viel zu lachen, sondern zu meckern. Das haben sie ja immer.

In diesem Zusammenhang ist auch die Meldung zu verstehen, dass in China in diesem Jahr ein Einbruch der Geburtenrate zu erwarten ist und die Kaiserschnittrate vor dem Jahreswechsel stark nach oben geschnellt sein soll. In der ein oder anderen Provinz sollen sogar die Geburtsurkunden ausgegangen sein. Denn die Leute wollen zwar nicht unbedingt ein Pferd, wenn es ein Mädchen wird, aber sie nehmen immer noch lieber ein Pferdemädchen als ein Ziegenkind. Inbesondere wenn es das einzige Kind bleiben soll. Denn das Sprichwort sagt sinngemäß: nur eine von zehn Ziegen findet Glück. Alle anderen sind von der Welt gestraft, vom Leben gebeutelt und ohne jede Aussicht auf Besserung. Die Politik versucht gegenzusteuern. Li Keqiang outete sich als Ziege. Und auch Bill Gates wurde als lobendes Beispiel großen Ziegenglücks herausgestellt. Das sind doch nun wirklich nicht Leute ohne Erfolg, was im Groben dem Glück entsprechen soll. Hat aber wohl nicht viel geholfen. Bei dem einen Kind dieses Risiko eingehen?

Ich stelle mir jetzt Kindergärten vor, die alle 12 Jahre mit einem ganzen Haufen reinen Ausschusses zu tun haben. Grundschullehrer die zutiefst seufzen und über einen Burnout nachdenken, weil mal wieder ein Ziegenjahrgang ansteht. Oder einen Boreout. Komplette Schulklassen, die weinend und erfolglos in den Bänken sitzen. Abiturjahrgänge voller Loser. Ein Jahrgang in dem niemand, oder höchstens 10% irgendeine Aufnahmeprüfung bestehen. Bis sich endlich dieses Elend durch die Vermischung mit anderen Jahrgängen weniger aufdrängt.  Einer erfolglosen und unglücklichen Vermischung versteht sich. Weil sie weder Job noch Partner finden, bleiben alle Ziegen zuhause und gehen den Eltern auf die Nerven, bis diese total ausgelaugt sind und sich umbringen. Lieber tot als Ziegeelternteil.

Wenn ich damals nur ein paar Tage länger ausgeharrt hätte, könnte ich nun eine gewitzte, agile und selbstbewusste Affenjahrgeborene sein. Aber ich wollte es nicht anders. Sondern so:

„Die Ziege ist nie mit ihrem Schicksal zufrieden und treibt ihre Mitmenschen durch ihre Launen zur Verzweiflung. Sie ist aufdringlich, ohne sich darüber im Klaren zu sein. Ihre Unbeherrschtheit, ihr ständiges Zuspätkommen (sie hat überhaupt kein Zeitgefühl) machen sie unerträglich. Trotzdem weiss sie zu gefallen, wenn es in ihrem Interesse liegt.“

„Sie verhält sich so, als hinge ihr Schicksal nicht von ihr selbst, sondern nur von anderen ab. Sie ist unglaublich pessimistisch. Sie tut gern so, als sei sie es gewohnt, Befehle zu erteilen, aber in Wirklichkeit ist sie zum Gehorchen geboren. Wenn sie richtig geführt wird, kann sie Erfolg haben und sogar in einem künstlerischen Beruf glänzen, denn sie hat Geschmack.“

„Die Ziege möchte ein Leben in Sicherheit führen und träumt von einer reichen Heirat oder auch von einem großzügigen Gönner. Sie ist aus dem Holz geschnitzt, aus dem Kurtisanen und Parasiten gemacht sind. Aber auch aus dem Holz, aus dem die großen Künstler hervorgehen.“

Ah! Das Holz aus dem Parasiten geschnitzt sind. Wie gut, dass es da zum Künstler nicht weit ist. Mit Liebe und Partnerschaft sieht es da natürlich auch übel aus: „Kein anderes Tier kann die Ziege lange ertragen.“ Die drei, die überhaupt in Frage kommen, machen sich entweder über sie lustig (Hase), ertragen sie irgendwie (Schwein), oder nehmen sie ganz im Ego versunken gar nicht erst zur Kenntnis (Pferd).

Ich gebe zu, dass diese Zitate alle aus der gleichen Quelle stammen und ich vermute, dass da jemand mal eine schlechte Erfahrungen verallgemeinert hat. Aber ich finde mich natürlich total da drin wieder. Immer jammernd und aufdringlich auf der Suche nach jemandem, der mir Zucker in den Hintern bläst. Obwohl ich wie immer zu spät gekommen bin.

So eine Ziege ist nicht nur unerträglich nervig, sondern auch destruktiv. Ich lese nämlich auch, dass Ziegejahrgeborene auf gar keinen Fall Schwarz, Grün oder Blau tragen sollten. Ich sehe in Schrank und Kommode: außer mal einem roten Laibchen hier oder da, werde ich nackt gehen müssen, wenn mir nicht ein Gönner eine neue Garderobe spendiert. Oder ich trage eben Schwarz, Blau und Grün und jammere über mein Unglück, für das ich nichts kann.

Ich habe extra einen Chinesen gefragt, der  einen Freund gefragt hat, der Spezialist für Yijing (früher I Ging geschrieben) und verwandte Themen ist. Der stellte sich standesgemäß als wahres Orakel heraus. Es gäbe, so sagte er, in China zahllose Redewendungen. Manche davon seien wahr, andere falsch. Der Ausdruck (wörtlich): 10 Ziegen, neun unvollständig“ gehöre zu den falschen. Ich bin erleichtert. Habe mich aber zu früh gefreut. Denn, fügte er hinzu, Ziegenfrauen hätten eine hohe Scheidungsrate oder gerieten gerne an gewalttätige Ehemänner. Wenn das die Scheidungsrate erklärt, wäre die Nachricht ja nicht so schlecht. Aber es ist wohl eher so gemeint, dass das mit der Ehe so oder so nicht so toll läuft. Ich sage mal: wer nicht heiratet, ist klar im Vorteil. Die Redewendung ist also genau so wahr wie unwahr. Und wie so häufig trifft es die Frauen.

Aber nun werde ich entgegen meiner egomanverstrickten Natur mal versuchen Auskünfte über das neue Jahr zu geben. Vor lauter Pessimismus fällt mir das natürlich schwer zu sagen, aber es soll besser werden. Ruhiger. Die Neigung zu Verhandlungslösungen soll signifikant steigen. Und das hängt damit zusammen, dass dieses Ziegenjahr ein Yin-Holz-Jahr ist. Weniger starrer Baum wie noch zuletzt im wilden Pferdejahr, sondern mehr sanfte Blume. Aber das möchte ich jetzt nicht vertiefen. Davon abgesehen wird es Dürren und Naturkatastrophen geben. Ziegen macht das ja nichts. Auch die Neigung zu großen Verkehrsunfällen soll bestehenbleiben, wenn auch aus anderen Gründen, als im Pferdejahr. Apropos besser: eventuell steht ein neuer Golfkrieg ins Haus. Und es gibt ohne auf den ersten Blick erkennbaren Zusammenhang einen Hang zur Fettleibigkeit. Ich könnte das alles jetzt begründen, sprich die Begründungen von Oberastrologen abschreiben, aber wen interessiert das schon.

Alle von mir aufgesuchten Seiten sind sich im übrigen einig, dass ich und alle andere Ziegenjahrgeborenen heuer spazierengehen sollen, um Unglück und Maladaisen abzuwenden. Na, das ist meine leichteste Übung. Außerdem soll ich mich gesund ernähren. Obst und Gemüse und so.  Was im Übrigen wegen der Gefahr der Fettleibigkeit in diesem (!) Jahr für alle gilt. Andere Tipps sind eben das Vermeiden von Schwarz, Grün und Blau, das Tragen von kleinen Pferdeanhängern und bestickten Handtaschen. Wenn mich demnächst also jemand in Gelbtönen sehen sollte, mit einer bestickten Handtasche um die Schulter (in der sich ein ganzes Sammelsurium von Pferdeanhängern befindet, die aber nicht aus Holz sein dürfen) ist eins klar: ich bin nicht mehr in Gefahr. Das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen.