Archiv für den Monat: Januar 2015

Die Sinisierung des Abendlandes

Ich bin ein wenig verwundert, dass sich noch keine PESIDA gegründet hat, die Patrioten Europas gegen die Sinisierung des Abendlandes. Da schauen ein paar angeblich Besorgte ganz gebannt auf eine marginale Anzahl Muslime oder was sie dafür halten. Gleichzeitig werden ihnen große abendländische Kulturgüter unterm Hintern weggeklaut, ohne dass ein Hahn danach krähte. Vielleicht weil sich äußerlich nichts verändert. Dabei ist es gewissermaßen wie die Geschichte vom Wettlauf zwischen Hase und Igel.  Da rast der abendländische Hase wie eine g´sengte Sau über das Feld, doch der chinesische Igel war immer schon da. Denn der hat ja alles immer schon vorher erfunden, gewusst und durchdrungen. Kompass, Papier, Schießpulver, Buchdruck, das binäre System etc.pp. Aber es kommt noch schlimmer.

Denn nun hat der in Hongkong lebende Historiker Angelo Paratico etwas Neues herausgefunden, was auch weit in die Vergangenheit reicht und das Abendland ungeahnten Gefahren aussetzt. Er hat nämlich entdeckt, dass es sich bei der Mona Lisa (kurz nach 1500 gemalt) um Leonardo da Vincis Mutter handelt. Gut, davon war Freud auch schon ausgegangen.  Das ist nicht in dem Sinne neu.

Doch Herr Paratico ist überzeugt davon, dass es sich bei der Mutter ausgerechnet um eine chinesische Sklavin gehandelt habe. Beweise sind zum Beispiel die „eindeutig chinesische“ Landschaft im Hintergrund. Ganz eindeutig. Ein schwerwiegendes Indiz. Zwecks meiner könnte es auch Feuerland oder von mir aus ein in sfumato gemaltes Mordor sein. Ein anderer Beweis soll sein, dass da Vinci von links nach rechts geschrieben habe. Was sich auch einfach damit erklären ließe, dass er Linkshänder war. Außerdem schreiben Chinesen von oben nach unten. Und das dann erst von rechts nach links. Das gewichtigste Argument gegen die These der chinesischen Mona Lisa ist meiner Ansicht, dass da Vinci ein miserabler Maler gewesen sein muss, wenn die abgebildete Person tatsächlich eine Chinesin darstellen soll. Aber das nur nebenbei.

Ein weiterer Beweis für die chinesische Abstammung da Vincis soll sein, dass er Vegetarier war. Was ich für einen ganz besonders bizarren Beweis halte, da man in China zwar wirklich wunderbar vegetarisch essen kann, dies aber als Ernährungsgrundsatz außer bei ordinierten Buddhisten ungefähr so stark verbreitet ist, wie im ländlichen Bayern vor 30 Jahren.

Oder das „geheimnisvolle“ Lächeln. Leute, geht mir das auf die Nerven.  Was haben bloß alle mit diesem blöden Lächeln der Mona Lisa? Und zwar egal, ob es sich um die chinesische Mutter da Vincis, seine italienische Cousine, die lombardische Mutter eines unehelichen Sohnes eines Auftraggebers, eine englische Gouvernante, spanische Nachbarin oder seinen missratenen Liebhaber und Adoptivsohn gehandelt hat. Sicher ist es ein gut gemaltes Bild. Aber bitte wo ist das ganz besondere Geheimnis? Dass man (bis zur Enthüllung Paraticos) nicht wusste, wen es darstellt? Das ist auf tausenden von Kunstwerken so. Dass sie so geheimnisvoll lächelt? Sie lächelt halt genau so, wie Frauen lächeln, denen von klein auf gesagt wurde, dass sie ihre Zähne nicht zeigen sollen. Oder  eine Art Gebiss haben, dass sie selber darauf verzichten, die Zähne zu zeigen, um Kiefernorthopäden keine feuchten Träume zu bereiten. Blöd nur, dass es andere feuchte Träume auf den Plan ruft.

Theophile Gautier schrieb 1858 nämlich beispielsweise über die Mona Lisa: „… aber ihr Ausdruck, weise, tief, samtig und voller Versprechungen, zieht euch unwiderstehlich an und vergiftet euch, während der sinnliche, schlangenhafte […] Mund euch mit so viel Süße, Anmut und Überlegenheit verspottet, daß man sich ganz schüchtern fühlt, wie ein Schuljunge vor einer Herzogin.“ Oder etwas später der Essayist Walter Pater: „Die Gestalt, die hier so seltsam neben den Wassern auftaucht, drückt die Erfüllung eines tausendjährigen Begehrens des Mannes aus. Es ist eine Schönheit […], in welche die Seele mit all ihrem kranken Sinnenleide hineingeflossen ist! […] Gleich dem Vampyr hat sie schon viele Male sterben müssen und kennt die Geheimnisse des Grabes; sie tauchte hinunter in die See und trägt der Tiefe verfallenen Tag in ihrem Gemüt.“ Da haben wohl welche zu tief ins Absinthglas geschaut und die Mona Lisa mit der grünen Fee verwechselt. Oder zu viel in Opiumhöhlen herumgelegen.

Doch plötzlich denke ich, dass Paratico vielleicht tatsächlich Recht hat. Denn alle meine chinesischen und taiwanischen Freundinnen haben so ein Lächeln drauf. Einstudiert, perfektioniert und fotogen. Bewundernswert. Nie würde ich dabei allerdings an krankes Sinnenleiden, tausend Tode, verfallene Tage und Schlangenhaftigkeit denken. Ich schwöre.

Wie auch immer. Mona-Lisa-Fan-Artikel verkaufen sich in China jetzt wie geschnitten Brot. Vielleicht hat der Herr Paratica einen netsprechenden Vertrieb. Und ich bin mir sicher, nächstes Jahr stellt sich heraus, dass Aristoteles auch Chinese war. Und Jesus ein buddhistischer Wanderprediger aus Fernost, der sich eine rührselige Asylgeschichte zusammengesponnen hatte. Und was bleibt dann übrig vom Abendland?

 

 

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