Archiv für den Monat: November 2014

Smogblog

 

Es gibt Leute, die finden den Smog in Beijing nicht schlimm. Zum Beispiel hörte ich von einem aus dem Pott, der dort Kind war, als das Wort Umweltschutz genauso abgehoben klang, wie das Wort Katalysator. Und fast so unbekannt war wie Smartphone.  Als die Wäsche grau, der Himmel gelblich, die Grünen noch nicht erfunden und Ruß im Essen und Staub in der Lunge normal waren. Als der Pott noch nicht auf Kultur sondern auf Kohle machte. So einer entwickelt Geborgenheitsgefühle im Beijinger Smog, wie andere beim Geruch von Zimtsternen im Backofen kurz vor Weihnachten.

Um die nicht mehr ganz so stark wachsende Wirtschaft zu stützen, wird -von singulären Ereignissen wie der APEC-Konferenz abgesehen- weniger getan, als leicht möglich wäre. Für die Konferenz werden dann eine Woche lang die staatlichen Betriebe stillgelegt, um so das erwünschte APEC-Blau am Himmel zu erzielen. Das bedeutet für viele Zwangsurlaub, der allerdings nachgearbeitet werden muss. Eine dauerhafte Lösung sieht anders aus. Natürlich wird auch der Verkehr runtergeregelt. Das passiert aber auch schon mal ohne APEC. Als ich letztens mit dem besten Reiseleiter der Welt plus Gruppe in Beijing war, wurden wir überraschend Zeugen und Objekte einer solchen Verkehrsberuhigung. Wir waren auf dem Weg ans Meer, freuten uns über einigermaßen zügig befahrbare Straßen und auf eine angenehme und nicht zu langwierige Busfahrt. Doch es kam anders. Denn die Autobahn wurde wegen Smogs gesperrt.

Der Sinn, den dies auf den ersten Blick hatte, wurde auf den zweiten Blick etwas geschmälert. So war an dem Tag gar nicht so wahnsinnig schlimmer Smog. Die Smogstufen wurden in der App meiner Zimmergenossin M farblich veranschaulicht. Grün ist die niedrigste Stufe. Die niedrigeste Smogstufe und keine Smogabwesenheitsstufe wohlgemerkt. Von da hangelt sich die Luft, die irgendwie auch zum Atmen gedacht ist, fröhlich durch den Regenbogen. Wenn sie bei Lila angekommen ist, ist sie tatsächlich eher gelblich und gilt als riskant. Da die dunkelrote Stufe davor schon als erheblich gesundheitsgefährdend gilt, meint riskant hier wohl lebensgefährlich.  An diesem Tag befanden wir uns auf einem mickrigen Orangerot. Wieso also jetzt auf einmal verkehrseinschränkende Smogmaßnahmen?

Noch schmaler wurde der Sinn auf den dritten Blick, denn die Autobahn wurde mit allen Autos darauf gesperrt. Dauerstau zur Smogbekämpfung. Interessantes Konzept. Die Motoren laufen. Werden abgestellt. Wieder angemacht. Auf weiten Teilen der Stadtautobahn. Wir machten auch mit. An. Und aus. Und an. Und wieder ein Meterchen. Und aus.

Auf den vierten Blick steht der Sinn dieser Maßnahme auf einer Basis so breit wie der Yangtse, wo Mao ihn durchschwommen hat (12 km). Leider kann ich ihn wegen des Autoabgasnebels nicht erkennen.

Nach über einer Stunde wurde die Sperrung hinter dem fünften Ring wieder geöffnet und die Fahrt ging weiter. Für solche Sperrungen erweisen sich Mautstellen als extrem praktisch. Wir fuhren wie gesagt nach Osten. Ans Meer. Zum Kopf des alten Drachen. Also dort wo die große Mauer das Meer trifft. Ich hoffe, der alte Drache verträgt Salzwasser, wenn er da schon mit der Nase dringhängt. Unsere Nasen blieben überwasser und freuten sich jedenfalls über Frischluft und Meeresbrise.

Der Weg nach Osten, aufs Meer, ist spätestens seit dem ersten Kaiser Chinas, Qin Shi Huangdi (um 200 vor) mit Unsterblichkeit verbunden. Denn dort irgendwo soll die Penglaiinsel liegen, auf der die acht Unsterblichen wohnen. Ein ziemlich exzentrischer Haufen mit ziemlich schlechter Frauenquote (12%), soweit man weiß. Nun hatte der erste Kaiser von China -wie so viele vor und vermutlich noch viel mehr nach ihm- dieses Ding mit der Unsterblichkeit am Laufen. Wenig überraschend machten ihn die ganzen aus diesem Zweck eingenommenen Quecksilberpräparate auch nicht schlauer und so schickte er einmal (so 210 v Chr) eine von dem Magier Xu Fu angeführte, 3000-5000 Mensch starke Seeexpedition los. Sie sollten die Insel der Unsterblichen finden und bitte schön irgendetwas Unsterblichmachendes wieder mitbringen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, bei denen nur ein Wal dran glauben musste, verschwand diese riesige Expedition.

Dafür gibt es verschiedene Erklärungen. Sie konnten selber nicht widerstehen, haben sich mit Unsterblichkeitskraut, -pilzen und -pfirsichen den Wanst vollgeschlagen und sind unsterblich gen Himmel entfleucht. Oder sie sind alle abgesoffen. Oder sie haben sich an irgendeinem anderen Ufer niedergelassen, weil klar war, dass sie eine erfolglose Heimkehr sicher nicht überleben würden. Eine Sage sagt, bei der Expedition habe Xu Fu Japan „entdeckt“ und verschiedene kulturelle Errungenschaften eingeführt. Angeblich wird er dort tatsächlich unter seinem japanischen Namen Jofuku als Gott des Ackerbaus, der Seide und der Medizin verehrt. Hab ich irgendwo gelesen. Keine Ahnung, ob das stimmt. In diesem Fall hätte es für den einen von all den tausenden mit der Unsterblichkeit geklappt.

Aber zurück nach Beijing. An einem dieser lila-gelb gestalteten Tage, an denen man sich fragt, ob atmen wirklich eine gute Idee ist,  oder ob man es nicht lassen könnte, besuchte ich mit M chinesische Freunde. Wir fuhren sehr, sehr weit mit der U-Bahn und als die nicht mehr weiterfuhr noch mit dem Taxi. Dort befindet sich aus Platzgründen ausgelagert, die größte und älteste Jurafakultät Chinas, wo mein Freund J arbeitet.

Während wir später bei ihm und seiner Familie zu Hause genüsslich auf Schweineohren und die Kinder auf den mitgebrachten Gummibärchen herumkauten, diskutierten wir dabei natürlich Probleme, Lösungsansätze und Aussichten des Smogproblems. Man kommt dem Thema halt ganz buchstäblich nicht aus.

Und so wurden natürlich auch Witze erzählt. Für den folgenden muss ich jetzt ein wenig ausholen. Denn es geht um die „Reise nach Westen“.  Gewissermaßen das Gegenteil der Ostmeerunsterblichkeitsexpedition. Ein Hauptdarsteller dieses mingzeitlichen Romans ist der aus einem Stein geborene Affenkönig Sun Wukong, eine Art Gottheit mit gewissen Autoritätsproblemen. Der andere ist der historische Mönch Xuanzang, der in der Tangdynastie buddhistische Schriften aus Indien nach China gebracht hatte. Also eine Westlanderkenntnisexpedition. Alle Ostasiaten kennen die Geschichte, die unzählige Male adaptiert wurde. Dragonball ist beispielsweise eine neuere davon. Durch diese Bekanntheit sind Xuanzang und der Affenkönig Sun Wukong so häufige Witzprotagonisten, wie bei uns ein Bayer, ein Ostfriese und ein Engländer, oder von mir aus der Papst und die Queen.

Der Witz: Xuanzang und Sun Wukong kommen auf ihrer Reise nach Westen nach Beijing. Es liegt geheimnisvoll in eine Art Nebel gehüllt. Wie eine Insel der Unsterblichen. Wie eine Abschussrampe in die Erleuchtung. Xuanzang sagt zum Affen: hier bleiben wir. Der sieht sich um und sagt erstmal nichts. Nach einer Weile sagt er: Wollten wir nicht in den Westen? Xuanzang: Es gibt keinen schnelleren Weg in den Westen, als hierzubleiben.

Hahaha.

Ok. Um den Witz zu verstehen, muss man auch wissen, dass „nach Westen gehen“ auch „sterben“ bedeutet.

Und am nächsten Tag strahlte so unverschämt blauer Himmel auf Beijing runter, dass dieser aschig-metallische Geschmack im Mund der Rest eines Alptraums zu sein schien.

 

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