Archiv für den Monat: September 2014

Der alte Sai verliert ein Pferd

„Der alte Sai verliert ein Pferd“ ist ein chinesisches Sprichwort, ein sogenanntes Chengyu. Wörtlich übersetzt bedeutet das in etwa Fertigrede. Eine solche Fertigrede besteht ausnahmslos aus vier Schriftzeichen und wird gerne adjektivisch oder adverbial gebraucht. Um das mal im Deutschen zu veranschaulichen, könnte ich beispielsweise sagen: „Ich schenkte mir „aufeinembeinkannmannichtstehenisch“ nach“. Dieses Beispiel erklärt in etwa so viel, wie es verfälscht. Denn während bei uns der Gebrauch von Sprichwörtern insbesondere der Verbreitung von Platitüden dient, gehört die Beherrschung chinesischer Fertigreden ganz klar zur gehobenen Sprache, und damit gerne auch zur schriftlichen. In der Regel sind sie außerdem nicht selbsterklärend. Der alte Sai verliert ein Pferd. Kann ich sagen: „Ich schenkte mir deraltesaiverlierteinpferdisch nach?“ Könnte ich. Aber ist das gut oder schlecht? Wie kam es zu dem Verlust? Und wer -zefixhallelujah- ist eigentlich dieser Sai? Es schadet nicht, die Geschichte dahinter zu kennen, wenn man ein Stück Fertigsprache korrekt verwenden möchte.

Die Geschichte geht so: Dem alten Sai entläuft sein Pferd. Alle Nachbarn kommen und sagen: ojeoje und ohmeiohmei. Und der alte Sai sagt: Wer weiß, wofür´s gut ist. Ein paar Tage später kommt das Pferd wieder. Es wird begleitet von einem anderen Pferd, bzw einem edlen Ross. Und die Nachbarn kommen und sagen: da schau her! und: da legst di nieda! Und der alte Sai sagt: Na, schaunmer mal.

Und dann reitet sein Sohn das neue, prächtige Pferd. Es wirft ihn ab und er bricht sich das Bein. Und die Nachbarn kommen und sagen: ojeoje und ohmeiohmei. Und der alte Sai sagt: Wer weiß, wofür´s gut ist. Und dann ist Krieg und alle jungen Männer werden eingezogen, aber nicht der junge Sai, denn der kann gerade nicht laufen. Und so überlebt er.

Wenn ich mir also deraltesaiverlierteinpferdisch nachschenke, könnte es sein, ich habe am nächsten Tag einen Kater und gehe deswegen nicht nach xy und mir entgeht deswegen ein Wahnsinnsgeschäft. Dass ich allerdings eh nicht abgeschlossen hätte, da just an dem Tag die S-Bahn entführt wird und alle Insassen am berlinbrandenburgischen Flughafen BER als Geiseln gehalten werden. Oder so.

Doch so ein Leben ist auch gerade jenseits der Theke voll von deraltesaiverlierteinpferdischen Ereignissen. Wenn auch nicht so dramatisch. Und auf so ein Beispiel möchte ich jetzt hinaus: Es war einmal ein Mann, der lud alle zwei Monate zu einem landesspezifischen Treffen ein und als es um Taiwan ging, schlug ich ihm vor, mich auch einzuladen und so geschah es. Ich erklärte mich außerdem einverstanden ein paar meiner Bücher als Tombolagewinne zur Verfügung zu stellen. Die Zeit war knapp, also fragte ich nicht beim Verlag nach, sondern brachte eigene (und also selbstbezahlte) mit. Das Versprechen war: Werbeeffekt bei interessiertem Publikum durch Auslegen der Bücher und durch Bewerben im Rahmen der Tombola. (Der alte Sai hat ein Pferd. Das hat er schließlich auch mal irgendwie erworben.)

Doch dann wurden die Bücher zu nah an den Takeaways der Taipehvertretung ausgelegt, so dass irgendjemand sie mutwillig für Werbegeschenke hielt. So verschwanden schon mal zwei von drei Büchern. Ohne jeglichen Werbeeffekt. So wertgeschätzt wie Billigkugelschreiber, blinkende Anstecknadeln und Werbebroschüren. Ich hatte einfach irgendwem Bücher geschenkt. Ja, dachte ich, ich hab´s ja. Man verdient mit Büchern auch so wahnsinnig viel. Hallelujah. Auch auf die werbewirksame Besprechung bei der Verlosung wartete ich vergebens. Denn es wurde spät, die Leute wollten gehen und die Preise wurden -ohne auch nur hochgehalten zu werden- schnell an die Gewinner verteilt. Ich fühlte mich nicht sonderlich gut behandelt und war sehr weit von der Haltung des alten Sai entfernt. (Das Pferd war trotzdem weg.)

Abgesehen davon lernte ich an diesem Vormittag eine Taiwanerin kennen, mit der ich mich gut verstand. Etwas später rief sie mich an, um mich mit einer Freundin, taiwanischen Bestsellerautorin, Dramaturgin etc.pp bekanntzumachen. Chen Yuhui. Oder hiesig: Jade Chen. Nach ein paar Treffen und diversen Flaschen Wein waren wir uns einig, dass ich ihr damals letztes Buch übersetzen sollte. Denn, so sagte sie, ihr sei nicht wichtig, wie gut mein Chinesisch sei, solange mein Deutsch gut wäre. (Das Pferd kam mit einem edlen Ross zurück.)

Das Nationale Literaturmuseum Taiwan erklärte sich einverstanden, dieses Projekt zu fördern, allerdings nur in Höhe der Hälfte der beantragten Summe. Und die ganze Summe wäre nicht im Bereich „Geldregen“, sondern ungefähr bei „ganz okay“ angesiedelt gewesen. Es gab also die Hälfte von „ganz okay“, abzüglich pauschal 20% Einkommenssteuer in Taiwan. Das kann man nicht als Beinbruch bezeichnen. Vielmehr handelt es sich um eine Art als Hauptgewinn verkleideten Genickschuss. Und passt damit gut zu meiner generellen Begabung, mir meine Arbeit durch anderweitige Arbeit zu finanzieren. (Der Sohn ist malad.)

Doch die Arbeit ist nun getan, Bein und Genick sind gewissermaßen verheilt. Und nun ist es da. Das Buch. Ein interkulturelles Pingpongspiel im Porzellanladen. Ein Sachse des 18. Jahrhunderts schreibt ein Tagebuch über seine Reise nach China, um mehr, weitere und tiefere Geheimnisse der Porzellanherstellung zu ergründen und ergründet sich letzlich vor allem selbst. Geschrieben hat dieses sächsische Tagebuch eben jene Taiwanerin. Aus Sicht des Protagonisten habe ich es gewissermaßen zurückübersetzt.

Nebenbei habe ich sehr viel über Porzellan gelernt. Die Unterschiede zwischen hartem und weichem Porzellan, Unterglasur- und Überglasurfarben, wie sich die Farbpalette für Porzellan erweitert hat und wieso Rosa in China „ausländische Farbe“ hieß. Schrühbrand, Glattbrand, Dekorbrand. Insbesondere über das Porzellan der Songzeit (um 1000) könnte ich jetzt jede Menge erzählen. Seltenheit, Textur, Krakelée etc. Und inwiefern „Die Tränen des Porzellans“ einen Hinweis auf dessen Echtheit bieten.  Auch habe ich erfahren, was das ganze mit Jade zu tun hat. Oder warum selbige auch schon mal mit einem toten Hund begraben wird. Die aus meiner agnostischen Sicht sonderbaren Grabenkriege der katholischen Missionsorden in China durfte ich gratis mitübersetzen. Auch eine Recherchefahrt nach Meißen habe ich mir gegönnt. (Das chinesische Pendant Jingdezhen hat die sächsische Kriegskasse dann doch nicht hergegeben.) Alles in allem kann man sagen, dass der malade Sohn im Krankenbett genug Stoff zum Nachdenken und Lesen hatte. Ist ja häufig so, dass es dazu erst einen Krankenhausaufenthalt braucht.

Und ich lebe noch. Wie dem Sai sein Sohn. Was jetzt weiter aus dem wird, kann noch niemand sagen. Und: „Schaunmer mal“ würde der alte Sai jetzt sagen.

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