Archiv für den Monat: Juni 2014

Shangrila

Letztens kam ich in Osttibet zweimal im Paradies vorbei. Das Paradies meint in diesem Fall Shangrila und Osttibet meint in diesem Fall tibetische Gebiete, die östlich von der „autonomen Region Tibet“ liegen und verwaltungsrechtlich zu den Provinzen Yunnan und Sichuan gehören. Tiefe, unzugängliche Täler, die früher jeweils von eigenen Fürsten regiert wurden und sich weder für China, noch den Dalai Lama auf seinem Hochplateau sonderlich interessiert hatten. Eine Wanderung (hier ein paar wenige Fotoeindrücke) durch dieses Gelände, die quasi die Hochebene mit der Tiefebene verbindet,  gestaltet sich entsprechend: es geht sehr lange bergauf, dann geht es wieder sehr lange bergab und dann wieder sehr lange bergauf. Undsoweiter undsofort. Nur wenige Leute sind unterwegs und man muss schon eine Weile laufen, bis man einen ebenen Platz findet, auf dem man sein Zelt aufschlagen kann.

Trotz der Nähe zu gleich mehreren Paradiesen hatten wir ein paar Kommunikationsprobleme, obwohl gegenseitiges Verständnis doch ein paradiesisches Wesensmerkmal ist. Wir waren drei Deutsche, nämlich H, B und ich, eine chinesische Touristin M und  ein Ehepaar der Pumi-Minderheit als Menschen- und Maultierführer. Eigentlich waren wir (im Sinne „wir Deutschen“) sprachlich ganz gut aufgestellt. H spricht fließend Chinesisch, ich immerhin stockend und auch B konnte sich verständigen. Doch das half nichts, denn der Pumi redete nunmal nicht gern. Gar nicht. Zuhören fand er auch eher anstrengend und Fragen beantwortete er nur im Notfall. Und zwar so unergiebig, dass wir das Fragen fragen einstellten. So dass wir nicht einmal seinen Namen wissen. Die Pumi-Führerin wiederum wirkte wesentlich kommunikativer, sprach aber dummerweise kein Chinesisch. Und wie es der Teufel will, konnte von uns vier Touristen niemand die Sprache einer Minderheit, die etwa 40.000 Personen umfasst. So blieb uns in sprachlicher Hinsicht nicht viel mehr, als zu lachen, wenn sie uns hin und wieder mit den gleichen Worten wie ihre Maulesel antrieb.

Der Chinesin waren sowohl das sprachliche Unvermögen von der Pumi, als auch die Unergiebigkeit von dem Pumi völlig gleichgültig. Unverdrossen quasselte sie auf sie ein und bombardierte ihn mit Fragen nach dem Weg und nach dem Wetter. Er antwortete so was wie, „ja, morgen müssen wir wieder laufen“ und „wie das Wetter wird, werden wir sehen“. Oder gar nicht. Auch sonst hatte sie eine Neigung zu schwer zu beantwortenden Fragen. Zum Beispiel: „Isst man in Deutschland auch Aubergine?“ „Ja.“ „Und wie wird sie zubereitet?“ Niemand antwortet. „Kocht ihr denn selber?“ Wir nicken. „Also wie wird sie zubereitet?“ Auch hier blieb M wieder ohne konkrete Antwort. Schließlich kann man Aubergine kochen, braten, backen, einlegen, grillen etc. Niemand brachte es über sich, the one and only Zubereitungsart für Auberginen zu postulieren. Vermutlich wird M die Reise als die Reise der unbeantworteten Fragen in Erinnerung bleiben.

Das klingt jetzt natürlich alles ganz schrecklich, aber auf eher vegetativer Ebene haben wir uns sehr gut verstanden. Alle hielten durch. Niemand wurde höhenkrank. Es gab praktisch kein Gequengel. Zwar hatten alle außer der Pumi mal ihre komischen fünf Minuten, aber das war´s dann auch schon. Tagsüber fehlte wegen der Höhe und der Anstrengung meist die Puste zum Gespräch und abends war es in der Regel zu kalt für längeren Austausch. So war alles tatsächlich harmonisch. Wenn wir alle sechs zusammen einen Strandurlaub gemacht hätten, wäre das vielleicht anders gewesen, aber so war alles wunderbar. In der Nähe der Paradiese eben.

Denn in dieser weltabgeschiedenen Gegend wurde also Shangrila vermutet. Beziehungsweise mittlerweile nicht mehr vermutet, sondern auch gefunden. Gleich zweimal. Jetzt muss man wissen, dass Shangrila die Erfindung eines britischen Romanautors ist. In seinem Roman „Irgendwo in Tibet“ von 1933 beschreibt er Shangrila, einen utopischen, geheimen, paradiesischen Ort, an dem Weise aus aller Welt sich mehr oder weniger freiwillig versammeln. Vermutlich hat sich Hilton vom verborgenen Königreich Shambala der Buddhisten inspirieren lassen. Wieso jetzt das von einem Engländer im 20. Jahrhundert erfundene Paradies gefunden wurde und zur Namensgebung zweier Orte in China geführt hat, ist bizarr. Aber egal ob Shambala oder Shangrila oder Shanderosa, beziehungsweise Xianggelila, wie die Chinesen Shangrila phonetisch umsetzen, ist doch der entscheidende Punkt, dass die Orte im Verborgenen liegen. Es sind utopische Orte und Utopie heißt „Nicht-Ort“.

Der eine Nichtort liegt nunmehr in der Provinz Sichuan und besteht praktisch nur aus Neubauten in einem tibetoesken Stil. Er liegt am Eingang eines kostenpflichtigen Naturschutzgebietes. Ein Tal für das man Eintritt zahlt, in dem man auf einer Privatstraße zig Kilometer dorthin gefahren wird, wo man dann in schönster Landschaft herumlaufen kann. Oder eben wie wir am Ende einer längeren Wanderung dort herauskommt. Wir haben in Shangrila gut gegessen, ein bequemes Bett gehabt und nach über einer Woche Extremwandern mal wieder geduscht. Vielleicht ist das das Paradies?

Wir fuhren weiter ins Shangrila in der Provinz Yunnan. Auf den Tickets im Umsteigeort Daocheng gab nur der Preis Aufschluss, ob man in das eine, oder das andere Paradies fahren wollte. Denn beide Orte erheben den Anspruch der wahre und einzige Nichtort zu sein. Ich finde das dem Nichtort Shangrila durchaus angemessen. Das Shangrila in Yunnan hieß früher Zhongdian und war sicher noch etwas sehenswerter, bevor diesen Winter ein Drittel der Altstadt abbrannte. Vermutlich handelte es sich um einen warmen Abriss, denn es soll wundersamerweise niemand verletzt worden sein. Das ist in diesem wenig paradiesischen Drama immerhin eine gute Nachricht.

Vielleicht ist das Paradies ein Hotpotessen mit Freunden?

Konsequent gedacht, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten. Überall ist Shangrila. Das ist jetzt natürlich eine Binsenweisheit. Aber vielleicht sollte man den philosophischen Gedanken darin aufnehmen und alle Orte, egal wie verbaut, verrottet, zerrüttet, verbrannt, gentrifiziert und gebeutelt sie auch sein mögen, Shangrila nennen. „Ich fahr nächste Woche nach Shangrila, kommst du mit?“ „Oh, ich kann leider nicht. Ich habe einen Termin in Shangrila.“ Das würde Geograsthenikern wie mir, die ohnehin nie wissen wo welcher Ort ist, sehr entgegenkommen und die nonverbale Kommunikation würde erheblich an Bedeutung gewinnen. Wie auf unserer Wanderung. Man müsste hinspüren, welches Shangrila der andere wohl meint. Tel Aviv-Shangrila, Düsseldorf-Shangrila oder Zwieselemotte-Shangrila.

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