Archiv für den Monat: Mai 2014

Kopflos

Es war einmal ein wunderschöner Garten, der so groß war, dass er kaum zu durchschreiten war. Sprich: größer als das Tempelhofer Feld. Geschwungene Wege verbanden Pavillone, Prunk- und Amüsiergebäude. Er war gesprenkelt mit Seen und durchzogen von Wasserläufen.

Niemand wollte ihn durchschreiten, denn die Wege führten zu immer neuen Ausblicken, Boote fuhren durch Teiche voller Lotos zu entrückten Inseln. Ein Ort um sich zu verlieren, nicht um ihn zu durchschreiten.

Victor Hugo beschrieb ihn ungesehen so: „Erbauen Sie einen Traum aus Marmor, aus Jade und Bronze, aus Porzellan, geben Sie ihm Balken aus Zedernholz, bedecken Sie ihn mit Edelsteinen, verkleiden Sie ihn mit Seide, richten Sie hier eine heilige Stätte ein, dort einen Harem, dort eine Zitadelle, setzen hier Götter hin, dort Ungeheuer, lackieren, emaillieren, vergolden, dekorieren Sie ihn, lassen Sie von Architekten, die Dichter sein sollten, die tausendundeinen Traum aus Tausendundeinernacht errichten, fügen Sie Gärten hinzu, Wasserbecken, Fontänen von Wasser und Gischt, Schwäne, Ibisse, Pfaue (…)“

Für die meisten war es eh verboten ihn zu durchschreiten, denn es war der Yuanmingyuan, der alte Sommerpalast der Qing-Kaiser. Er war außerhalb von Beijing gelegen und wurde seit 1709 über Jahrzehnte hinweg angelegt. Der Kaiser, seine Familie, sein Hofstaat kamen hinein, auch ein paar Künstler und Handwerker, wobei letzteren kaum gestattet war, sich in den Gefilden zu ergehen.

In diesem Garten gab es auch ein europäischen Bereich, der gewissermaßen die Chinoiserien Europas spiegelte. Inmitten des aneuropäisierten Gebäudeensembles stand eine Wasseruhr. Sie bestand aus zwölf Figuren mit Menschenkörpern und den Tierköpfen aus dem chinesischen Tierkreis. Diese Köpfe spieen zu den Uhrzeiten, die den jeweiligen Tieren zugeordnet waren Wasser. Jeder zwei Stunden lang. Denn eine chinesische Stunde war zwei Stunden lang.

Seit ich im Zuge meiner Übersetzung eines Romans, der sehr viel im Yuanmingyuan spielt, auf sie gestoßen bin, verfolgen mich diese Köpfe. Denn aus irgendeinem Grund hängt sich ein gewisser chinesischer Patriotismus ausgerechnet an diesen bronzenen Tierköpfen auf.

Es geht dabei um Traumabewältigung, weil die Westmächte 1860 im Zuge des zweiten Opiumkrieges fanden, dass China eins auf den Deckel brauchte. China hatte sich gegen eine Kolonialisierung durch zwangsweise Öffnung von Handelshäfen und Überschwemmung des Landes mit Opium gesperrt. Das gehörte bestraft. Und zwar gründlich. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder Hinz, Kunz und Li auf seiner Souveränität bestünde und die Annahme von drogen verweigerte! Frankreich und England setzten zum Todesstoß an: der Sommerpalast, gewissermaßen das Herz der Macht Chinas wurde aufgebrochen, geplündert und gebrandschatzt. Auch die Tierköpfe wurden im Zuge dessen gestohlen und in der Welt verstreut.

(Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass in der kurzen Periode europäischer Zerstörung und Plünderung nur ein sehr kleiner Teil der Anlage daran glauben musste. Den Rest erledigten über die Jahrzehnte chinesische Plünderer, bzw benachbarte Bauern. Das ändert zwar nichts grundsätzlich an der Schandtat, aber man sollte Propaganda entgegentreten, wo sie auch auftaucht.)

Natürlich ist Beute- und Raubkunst oder sonst mal irgendwann ausgeführte Kunst ein schwieriges Thema. Das kennen wir hierzulande nun wirklich in alle Richtungen. Nofretete sitzt auf ihrem Sockel, Gurlitt und die Staatsanwaltschaft auf einem Bilderschatz, so manch freundlicher Bürger unter französischen Gobelins unklarer Herkunft und benutzt dabei Silber, das irgendwann so unverschämt billig war. Der Volksmund vermutet im gesprengten Privatbunker von Ribbentrop noch immer unbeschreibliche Reichtümer. Der Schatz des Priamos wanderte von der Türkei nach Deutschland nach Russland. Beim Bernsteinzimmer wurde der Satz „geschenkt ist geschenkt und wiederholen ist gestohlen“ nicht beachtet und nun ist es verschollen. Dem Verschellen zum Trotz wurde es wieder aufgebaut. Ist es dadurch eigentlich wieder da? Ist reines Alter, ist reines Originalsein der entscheidende Wert? Und worin besteht jetzt der Unterschied?

Sicher ist, dass es sich bei der Mitnahme der Tierköpfe nicht um das Ergebnis einer archäologischen Ausgrabung handelte, sie nicht gekauft wurden und es auch sonst keine Rechtfertigung dafür gab, sie einfach einzustecken. Das gilt auch für alles andere, das aus dem Sommerpalast verschwand. Die Rückforderung ist also nicht gänzlich neben der Sache. Bizarr ist allerdings, dass sich ausgerechnet an diesen Köpfen ein glühender Nationalstolz entzündet.

Die Köpfe stammen aus der Qing-Dynastie, die nicht nur die jüngste aller chinesischen Dynastien ist, sondern auch kulturell eher durchwachsen war. Eine Art China-Barock, Opulenz und Fülle, mehr desselben und noch eins drauf. Außerdem waren die Herrscher keine Han-Chinesen, sondern Mandschu. Aber gut, auch der Mandschure darf Chinese sein. Die Tierköpfe wurden im 18. Jahrhundert von dem Italiener Giuseppe Castiglione entworfen und die Pneumatik vom Franzosen Michel Benoist konstruiert. Wieso wird ausgerechnet eine multikulturelle Spielerei zum Nationalsymbol? Die Köpfe erzielen pro Schnauze Millionen auf Auktionen. Als Vehikel für die Nation? Als könnte diese nur ganz sein, wenn alle 12 Köpfe wieder im Land sind.

Es sind sicher interessante Bronzearbeiten. Insbesondere in kulturhistorischer Hinsicht. So sieht der Tiger beispielsweise wie ein Bär aus. Vermutlich war dieser für die Herren Europäer das wildeste und gefährlichste aller Tiere, das sie kannten. Dann muss ein Tiger ja so ähnlich aussehen.

Im Jahr 2000 wurden der Affe (15-17:00 Uhr) und der Ochse (1-3:00 Uhr) von einem Museum in Beijing ersteigert. Schließlich kam der Tiger dazu. Und ein Casinofürst aus Macao erwarb Schwein und Pferd, um sie ganz patriotisch nach Beijing zu spenden. Als 2009 mit dem Nachlass von Yves St-Laurent die Ratte und der Hase auftauchten und bei Christie´s versteigert werden sollten, protestierte die chinesische Regierung scharf und verlangte, dass die beiden Viecher zurückgegeben werden. Doch Christie´s scherte sich nicht darum. Ein zunächst anonymer Bieter bekam schließlich für 18Mio $/Kopf den Zuschlag. Der Bieter entpuppte sich ebenfalls als chinesischer Patriot und weigerte sich, zu zahlen. Damit war die Versteigerung gescheitert.

Schließlich schenkten die Pinaults, denen Christie´s gehört, die zwei Köpfe China. Und dürfen dafür dort Auktionshäuser betreiben. Nationalstolz als Opium fürs Volk und Öffnung von Handelshäusern. Die Länder haben sich angenähert.

Fünf Köpfe, nämlich der Drache (wird in Taiwan vermutet), die Schlange, die Ziege, der Hahn und der Hund bleiben verschollen. Doch wurden sie in letzter Zeit auf sehr verschiedene Art aus der Versenkung geholt. So hat Jackie Chan, der ohnehin nicht für subtiles Arthouse-Kino bekannt ist, eine extrem dämliche Action-Komödie über die Tierköpfe und sein Ego gedreht. Wenig überraschend ist er der Held, der schließlich unter Einsatz seines Lebens alle fehlenden Köpfe nach China bringt. Im Showdown geht es dann um den Drachenkopf. Eh klar.

Auch Ai Weiwei hat die Köpfe nachgebaut und übergroß in NY und normalgroß, aber goldüberzogen in Berlin ausgestellt. Allerdings eher mit der Intention über echt und falsch und über Nationalstolz nachzudenken.

Wie die fünf fehlenden Köpfe genau aussehen, ist nicht bekannt. Sowohl die von Jackie Chan, als auch die von Ai Weiwei sind vermutlich auf der Grundlage von zeitgenössischen Radierungen angefertigt worden, auf denen ganz winzig die Tierköpfe gerade noch zu erkennen sind. Bei Fiktion und Kunst ist das natürlich erlaubt. Für mich sehen diese nachgebildeten Tierköpfe heutig aus. Es ist vielleicht nicht möglich, sich in die Welt eines nach China emigrierten Italieners um 1800 zu versetzen. Wie der sich einen Drachen vorstellte. Oder noch viel mehr (denn von Drachenabbildungen war er ja überall im Palast umgeben) so vertraute Tiere wie eine Ziege, einen Hund oder einen Hahn.

Sehr amüsant sind in diesem Zusammenhang die angeblich originalen Nachbildungen (weder Fiktion noch Kunst), die im Internet und in Museumsshops so vertrieben werden. Keine gleicht der anderen. Und seit der Hasenkopf wiederaufgetaucht ist, kann man gut sehen, dass das Wort „original“ hier ganz speziell ausgelegt wurde.

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