Archiv für den Monat: März 2014

Himmlische Ereignisse

Wie es aussieht, stecken wir gerade mal wieder in einer eher pubertären Politikphase. Das verheißt nichts Gutes. So wie der testosterongesteuerte Jungmann auf der Warschauer Brücke in Berlin gerne anlasslos zum Messer greift, nähert sich der offenbar ähnlich hormonell gebeutelte Politplatzhirsch irgendwelchen roten Knöpfen.

Auch im Kleineren lässt sich das beobachten. Es fängt gerne ganz harmlos an. So hat China  letztes Jahr das Raumschiff Chang´e ins All geschossen. Damit wollten sie nach der Sowjetunion und den USA als dritte Nation auf dem Mond landen. Diese -vermutlich nicht ganz billige- Aktion, hat keinerlei wissenschaftlichen oder sonstigen Nutzen. Aber dass ich das so schreibe, deutet letztlich nur auf einen Testosteronmangel meinerseits hin. Denn der Sinn besteht natürlich darin, „I was here“ in die Ecke zu pinkeln.

Schön, wenn das erledigt ist.

Eulen nach Athen tragen

Diese doch etwas plumpe Mission wurde auf sehr chinesische Art kulturell ummantelt. Denn das Raumschiff Chang´e wurde mit dem Jadehasen bestückt, der den Mond bewandern soll. Dazu muss man wissen, dass Chang´e die Mondgöttin ist und auch der Jadehase schon seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden auf dem Mond lebt. Dort mörsert er unermüdlich das Kraut der Unsterblichkeit, was man in Vollmondnächten gut sehen kann. Schon immer sozusagen. Das Kraut der Unsterblichkeit verträgt lange Zeiträume. Und vermutlich haben sowohl der Jadehase als auch die Mondgöttin schon millionenfach „I was here“ in alle nur erdenklichen Ecken gepinkelt.

Nun haben die Chinesen die Mondgöttin noch mal hochgeschossen, um den Jadehasen dort erneut auszusetzen. Das ist Zen. Oder Chan, wie es ursprünglich und auf Chinesisch heißt. Du bist der Pfeil, das Ziel, der Bogen und ohnehin eigentlich schon im Schwarzen. Das kann nicht schiefgehen, weil es bereits wahr ist. Und nun kann sich der Jadehase als zentnerschwerer, mit rotem, gelbbesterntem Fähnchen geschmückter Edelschrotthaufen in alle Mondecken, -trichter und -krater erleichtern. Weil er es kann. Das ist nicht hoch genug einzuschätzen.

Russen immer ganz weit vorne

Doch nicht nur auf dem Mond tobt dieser herrliche, dieser unendlich olympionikisch zu nennende Wettbewerb edler Jünglinge, die mit nacktem Oberkörper auf Bären und Hirschen reiten und der da lautet: Wer hat den Längeren?

Aus den zahlreichen hervorragenden Beispielen, die in die Kriegsgeschichte und Kriminalstatistik eingegangen sind, möchte ich auf ein ganz und gar sublimes, quasi vergeistigtes Ereignis eingehen. Denn ausgerechnet an chinesisch Neujahr haben zwei Russen ungesichert die Baustelle des höchsten Wolkenkratzers in Shanghai, den Shanghai-Tower (zweithöchstes Gebäude nach dem Burj Kalifa) bestiegen und sich dabei gefilmt. Auf 650 Meter Höhe stellten sie sich ohne Seil und doppelten Boden an und über Abgrundkanten, Abgrundstreben und Abgrundabgründe. Der Aufstieg soll etwa zwei Stunden gedauert haben. Dann blieben sie noch circa 18 Stunden oben, um auf besseres Wetter zu warten. Für die Fotos und Filme, die ein wirkliches Duftmarkenereignis erst generieren.

Der Zeitpunkt war gut gewählt, da sich in China an chinesisch Neujahr praktisch alle ins Private zurückziehen. Vergleichbar dem hiesigen heiligen Abend. Abgesehen von den Selfies und Filmen aus Höhen, die als schwindelerregend nur völlig unzureichend beschrieben sind, haben sie vermutlich ihre Pissmarken in die Shanghaier Luft gesetzt. Das schmeckt einem Chinesen der für derlei Gegockel empfänglich ist natürlich nicht.

Chinesen hinterher!

Die Antwort folgte prompt. Also mittelprompt. Nur wenige Wochen danach zogen zwei Chinesen nach.

Ich frage mich jetzt, ob als nächstes zwei US-Amerikaner versuchen, diese Baustelle zu besteigen. Aber letztlich bezweifle ich es, denn damit würden sie ganz offen vom Mondlandungsplatz 2 auf Wolkenkratzerbesteigungsplatz 3 rutschen. Das können sie nicht wollen. Außerdem frage ich mich, ob die Sicherheitsfirmen, die diese Baustelle eigentlich bewachen sollen, wegen wiederholter Nachlässigkeit entlassen, oder wegen Patriotismus eine Gehaltserhöhung bekommen.

Mal ganz abgesehen davon, dass ich als Höhenängstliche nicht im geringsten versucht bin es ihnen gleich zu tun, bleibt doch die Frage: was bitte schön ist das Besondere daran? Denn eins muss man wissen: auch das zweithöchste Gebäude der Welt baut sich nicht von allein. Und nicht Jadehasenroboter bauen diese Häuser, sondern Menschen. Jeden Tag besteigen Arbeiter dieses Monstrum von Gebäude und schrauben daran herum. Oder bleiben gleich die ganze Arbeitswoche oben. Würde man einem dieser Arbeiter eine Kamera in die Hand drücken, würde auch er spektakuläre Bilder damit machen. Und selbst wenn unwahrscheinlicherweise Vietnamesen, Russen oder gar Japaner darunter wären, würde es niemanden jucken. Nicht einmal wenn sie in den Shanghaier Himmel pinkeln.

Dass die beiden Chinesen nicht die ersten unbefugten Hausbesteiger waren, rechtfertigten sie damit, dass China eine Nachahmerkultur sei. Sie haben also quasi gewartet, dass ihnen jemand zuvor kommt, um ein noch chinesischeres Ereignis daraus zu machen. Glückwunsch für so viel Geduld!

Immerhin haben sie zehn Minuten weniger für den Aufstieg gebraucht, als die Russen. Und zehn Minuten länger für die Besteigung eines windumtosten Krans oben auf der babylonischen Baustelle. Oder doch nur 5 Minuten länger? Hat der Jadehase diese Daten vom Mond aus gesammelt? Und wer pinkelt am schnellsten? Oder am weitesten? Chinesen? Russen? Amerikaner? Deutsche? Nigerianer? Laoten? Tschetschenen? Inder? Portugiesen? Peruaner? Usbeken? Zefixhalleluja, bin ich müde.

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