Archiv für den Monat: Januar 2014

Steckenpferd

Es liegt ja nahe, etwas über den chinesischen Jahreswechsel zu schreiben. Denn das Jahr des Pferdes hat just am 30.1.2014 begonnen. Nun hatte ich mich durch das Netz gekramt und verschiedene Prophezeiungen, Charakterisierungen und Aussichten für das Jahr herausgeschrieben. Anschließend habe ich den Zettel verlegt. Ich habe überall danach gesucht. Auch ein beherztes Ausschütten und Durchwühlen meines Papierkorbes änderte daran nichts. Der Zettel und mit ihm seine ganzen Erkenntnisse sind weg.

Vergallopiert

Das fühlt sich in etwa so an, als sei ich vorwärtsgestürmt, um dann plötzlich nicht mehr zu wissen, wo ich hinwollte und warum eigentlich so eilig. In so einer Situation fängt man dann gerne mal an, sich die Schuhe zu binden, oder in der Tasche zu kramen, damit es keiner merkt. Obwohl es allen anderen fürchterlich egal ist, dass man sich vergalloppiert hat. Vielleicht wird so ja das Pferdejahr. Ich weiß es nicht, denn ich habe ja den Zettel verbaselt und um nochmal von vorne anzufangen fehlt es mir ganz pferdisch an Geduld.

Ich brauche jetzt also im übertragenen Sinne eine Übersprungshandlung, ein Übersprungsthema gewissermaßen. Es wird das Jahr des Holzpferdes, also ein Steckenpferd, ein Schaukelpferd oder ein Danaergeschenk in Form eines trojanischen Pferdes? Wer oder was wird herausspringen?

Schritt für Schritt

Da kommt mir einer der berühmtesten Pferdemaler Chinas, Lang Shimin, gerade recht. Hierzulande ist er besser unter seinem Geburtsnamen Giuseppe Castiglione bekannt. Er war Jesuit, Missionar und Maler am Hof dreier chinesischer Kaiser. Ein Mann mit einer Mission, ein fleischgewordenes trojanisches Pferd. Denn im Gewand des Malers sollte Glauben an den Mann gebracht werden. Die Jesuiten wollten China dadurch missionieren, dass sie der chinesischen Elite wissenschaftliche Errungenschaften des Westens präsentierten und sie so langsam an den katholischen Glauben heranführten. Wäre erst die Elite konvertiert, würde der Rest der Schwarzköpfe schon nachfolgen. Die Idee war nicht dumm und so hielten sich ab etwa 1600 knapp 200 Jahre durchgehend einflussreiche und geschätzte Jesuiten am Hof. Sie assimilierten, sprachen, aßen und kleideten sich Chinesisch. Hin und wieder bekehrten sie auch jemanden.

Hürdensprung

Aber es war ein mühsames Geschäft. Obwohl die Jesuiten es vermieden, mit so Nebensächlichkeiten wie dem Kreuzestod Christi ins Haus zu fallen. Schließlich war die Elite in der Regel stark konfuzianisch orientiert und ein normaler Konfuzianer bekam ja schon beim Gedanken an buddhistische Reliquienknochen grüne Punkte im Gesicht. Tod ist schmutzig, Yin, bäh, vielleicht sogar ansteckend. Außerdem entzieht er sich geistiger Erfassung. Schließlich hatte sich Konfuzius ausdrücklich geweigert, über den Tod zu sprechen. So jemandem konnte man also nicht mal eben eine gefolterte Leiche zum Anbeten an die Wand hängen. Da war mehr Fingerspitzengefühl gefragt.

Pas de deux

Über Nächstenliebe konnte man sich näher kommen, sich durch ethisches und soziales Handeln empfehlen. Durch Gelehrsamkeit und geziemendes Verhalten bestricken. Der eine, gesichtslose Gott war den Chinesen, die ähnlich amorph einen väterlichen Himmel verehrten, immerhin nicht ganz fremd. Alle anderen Götter lassen sich ja zwanglos zu Heiligen umdefinieren. Das Konzept, dass man nur eins, beziehungsweise nur an einen glauben darf, wurde allerdings weniger einleuchtend gefunden.

Um nicht alle Erfolge von vorneherein zu verunmöglichen, vertraten die meisten Jesuiten ganz pragmatisch die Auffassung, dass die Ahnenverehrung und die Verehrung des Konfuzius genau genommen keine Religion darstellten, sondern nur eine diesseitige Ehrung. Das war eine insofern günstige Auslegung, da ein Konvertit sich daher nicht in heftige Konflikte mit dem Clan und der Pietät verstricken musste. Darüber, ob es sich bei der Ahnenverehrung um etwas religiöses oder soziales handelt, kann man sicher geteilter Meinung sein und war es auch. Auf jeden Fall war das Missionieren so ein gutes Stück einfacher.

Das Einfallstor der Katholiken nach China, ihr trojanisches Pferd war also die Wissenschaft, vor allem die Astronomie. Denn mit deren Hilfe konnte endlich wieder der Kalender richtig berechnet werden, was bei einem lunisolaren Konzept nicht ganz einfach ist. Da ging es dann zwar weniger um Ostern und andere christliche Feste, sondern eher um die Frage, wann welche „heidnischen“ rituellen Handlungen ausgeführt werden müssen oder auch um die Bestimmung glückverheißender Tage für verschiedene Aktivitäten. Christlicher wurden die Chinesen dadurch nicht, aber die Katholiken hatten immerhin einen Fuß in der Tür. Matteo Ricci, Adam Schall von Bell und wie sie alle hießen. Daneben gab es dann halt auch noch Maler, Mediziner und Uhrmacher.

Wo laufen sie denn hin?

Es gab allerdings eine sehr viel einfachere und -aus Seelensicht betrachtet- nachhaltige Art von Christianisierung. Gerade ärmere Familien konnten sich nicht zu viele Kinder leisten und schon gar keine Töchter, die erst mitaßen, später mit Mitgift versorgt werden mussten und nach der Heirat einer anderen Familie gehörten. Also wurden weibliche Säuglinge häufig ausgesetzt oder in große Leichengruben geworfen. Da nichts leichter in den Himmel kommt, als ein frisch getauftes Kleinkind, gingen die Brüder also nach weggeworfenen Mädchen suchen, um sie zu taufen. Überlebten sie, nahmen sie sie mit, um sie im Waisenhaus großzuziehen. Aber das war mühsam und zeitaufwändig. Wegen Zölibat und Geschlechtertrennung auch nicht so einfach und außerdem auf Dauer nicht ganz billig. Diese Seelenretterkommandos hofften -wie sich aus Briefen in die Heimat unverblümt ergibt- dass die gefundenen Kinder bestenfalls schon halbtot waren, so dass sie direkt nach der Taufe sterben würden. Dann waren sie glücklich, die Brüder. Denn damit war allen gedient. Der Herrgott hatte gerettete Seelchen, die Kindlein hatten es hinter sich, die Priester hatten ein gutes Werk getan und niemand Scherereien mit den Gören.

Und dann doch abgeworfen

Die christliche Mission verlief also schleppend, aber nicht aussichtslos. Kleinere Christenprogrome mussten immer mal überstanden werden, aber man braucht schließlich auch ein paar Märtyrer, wenn man im Glaubensgeschäft ernstgenommen werden will. Den anderen katholischen Orden gelang es bei Weitem nicht, einen den Jesuiten vergleichbaren Einfluss bei Hof zu gewinnen, was vermutlich auch daran lag, dass ihnen die Assimilation oder Akkomodation der Jesuiten nicht recht geheuer war. Vielleicht war ihnen auch die Sünde des Neides nicht fremd. Sie beschwerten sich jedenfalls beim Papst. Der folgende Ritenstreit führte nicht unbedingt zur Verbreitung des christlichen Glaubens in China. („Da streiten so ein paar hässliche Hanseles darüber, ob wir unsere Ahnen verehren dürfen? Ja wo samma denn?“) Als der Papst schließlich den Konvertiten die Ahnenverehrung verbot, war es ganz aus. Denn was der Papst kann, kann der Kaiser von China schon lange und der verbot dann eben das Christentum. So schießt man sich selbst ins Knie. Mit reiner Lehre, reiner Weste und reinem Gewissen.

Ende des Parcours

Das ganze hat mit dem Jahr des Pferdes natürlich nicht das geringste zu tun. Aber immerhin irgendwie mit Castiglione. Und dessen berühmteste Bildrolle ist nun mal das „Bild der 100 Rösser“, was mir jemand als Powerpointpräsentation zu Neujahr geschickt hat. Bäume sind auch drauf. Pferd und Holz. Geht doch.

Das einzige, an das ich mich -selbstverliebt wie wir Ziegenjahrgeborene nun mal sind-  bezüglich meiner Recherchen noch erinnern kann, sind die Voraussagen des Jahres für die Ziege. Der eine Wahrsager sagte: schlecht. Ein anderer: gut. Und der dritte: so lala. Das sind doch mal gute Nachrichten!

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