Archiv für den Monat: Dezember 2013

Pandamania

Ich wurde gerügt. Ich wurde gerügt, weil ich in meinem letzten Beitrag die Pandas so stiefmütterlich behandelt hatte. Und das, obwohl ich in Chengdu gewesen war. Nicht jedem mag sich der Zusammenhang sofort erschließen, aber Chengdu ist die Hauptstadt der Pandas. Das liegt einerseits daran, dass Chengdu die Hauptstadt der Provinz Sichuan ist, der in dieser Hinsicht wichtigsten der drei Provinzen, in denen überhaupt Pandas leben. Und andererseits weil es in Chengdu eben auch diese sensationelle, einmalige Pandaaufzuchtstation gibt.

Man kommt auch nicht umhin, die innige Verbindung Chengdus mit den Pandas zu bemerken. Schon am Flughafen begrüßt einen ein großes Schaufenster oder gar Atrium, in dem kniehohe Stoffpandas völlig artfremd Plastikdattelpalmen erklimmen. Steigt man dann draußen in ein Taxi, hat dies unumgänglich eine Werbung für die Aufzuchtstation auf der Motorhaube. Dazu gibt es nach konservativer Schätzung sicher 30 verschiedene Zigarettenschachteln mit Pandamotiven. (Diese extrem öde Beschränkung auf wenige Zigarettenmarken hierzulande, ist designerisch ein echtes Armutszeugnis.) Mein Lieblingszigarettenschachtelmotiv war ein jämmerlich dreinblickender Panda. So wie er aussah, hatte er Vater, Mutter und seinen Bambushain verloren. Die Marke wurde dann ausgerechnet mit „Pride“ übertitelt. Das chinesische „Charme“ darunter passte nicht viel besser. Obwohl: so sehen sie eben aus, Stolz und Charme des Pandas.

Die Anziehungskraft

In einem älteren Werbetext des WWF heißt es: „Wie wohl kein anderes Wildtier vermag der Grosse Panda (Ailuropoda melanoleuca) die Herzen der Menschen im Handumdrehen zu erobern – und zwar nicht allein die Herzen der Tierfreunde, sondern ebenso von Leuten, die sich sonst wenig für die Natur interessieren. Wo immer Bambusbären, wie die Tiere wegen ihrer bevorzugten Nahrung auch heissen, in Zoos gezeigt werden, sind ihre Gehege von morgens bis abends von einer Menge Schaulustiger umlagert. Wann immer die schwarzweissen Bären in die Schlagzeilen der Zeitschriften geraten, werden die Berichte über sie von unzähligen Lesern förmlich verschlungen. Was ist denn der Grund für diese geradezu magnetische Anziehungskraft, die der Grosse Panda auf die Menschen ausübt?“ Ehrlich: ich habe keine Ahnung!

Nicht dass ich gleich missverstanden werde: Ich bin grundsätzlich gegen das Aussterben von Tieren. (Obwohl ich bei Zecken, die so gerne Borrelien in mich speien, fast bereit wäre, eine Ausnahme zu machen.) Ich finde, alle Tiere, Pflanzen und Steine sollten genug Lebensraum und Lebensqualität haben. Bambus den Bambusbären, Trauer den Trauerweiden und Blut den Blutsaugern. Aber dass der WWF ausgerechnet den Panda als Symbol des Erhalts von Tierarten gewählt hat, ist besorgniserregend. Hätten sie nicht ein Tier wählen können, das ähnlich gefährdet, aber ein bisschen hartnäckiger darauf erpicht ist, erhalten zu bleiben? Musste es ausgerechnet der Panda  mit seinen wenig auf Arterhalt angelegten Gewohnheiten sein?

Das Sexualleben

Schon die Fortpflanzung ist ein Problem. In Gefangenschaft wollen sie gar nicht. Das ist auch irgendwie nachzuvollziehbar. Möchte man Kinder in die Gefangenschaft setzen? Pandapornos helfen da auch nur sehr bedingt, Viagra gar nicht, so dass mittlerweile hauptsächlich zur künstlichen Befruchtung übergegangen wurde. In freier Wildbahn kommt es wohl alle paar Jahre mal zum GV. Man muss dazu wissen, dass die Pandainen nur drei Tage im Jahr fruchtbar sind. Nach mehreren Monaten bekommt Mutterpanda im Schnitt zwei Junge in maximal Hamstergröße. Beide aufzuziehen ist ihr dann aber schon wieder zu viel und so sucht sie sich eins davon aus, das sie dann allerdings auch eineinhalb Jahre pampern muss. Das andere hat halt Pech gehabt und stirbt persönlich aus. Mir ham´s ja. Dann zieht das nunmehr auf Bärengröße gewachsene Kind aus, um in vielleicht sechs oder sieben Jahren selber für Nachwuchs zu sorgen. Okay. Das ist im Vergleich zu uns ganz schön schnell und wir haben es ja auch zu einer Überbevölkerung gebracht. Selbst die Chinesen stehen trotz Einkindpolitik noch nicht knapp vor ihrer Ausrottung. Ganz im Gegensatz zum Panda.

Es ist unbestritten, dass die Eingrenzung und Zerstückelung seines Lebensraumes Hauptursache für die Dezimierung ist. Trotzdem fehlt es ihm grundsätzlich an Lebenstüchtigkeit. Ein in Gefangenschaft geborener Panda, der im Jahr 2006 nach drei Jahren Vorbereitung ausgewildert wurde, überlebte kein Jahr. Er fiel vom Baum. Ursache dafür waren womöglich Revierkämpfe. Die Dasbootistvollmentalität ist eben auch den Pandas nicht fremd. Er wurde nur fünf Jahre alt. In Gefangenschaft sieht das natürlich etwas anders aus. Baobao zum Beispiel, den Helmut Schmidt 1980 zum Geschenk erhielt, starb 2012 sicher im Zoo im reifen Alter von 34 Jahren. Allerdings ebenfalls kinderlos.

Die Ernährung

Eine Pandaüberbevölkerung ist auch wegen seiner ungesunden Ernährung kaum zu erwarten. So frisst er fast nur Bambus, obwohl er den praktisch nicht verwerten kann. Er ist ja schließlich ein Bär und keine Ziege. Dafür ist er den ganzen Tag (12-16 Stunden) mit dem Vertilgen der Stengel beschäftigt, bis er die etwa 20 kg geschafft hat, die ihn mit einem Minimum an Energie versorgen. Mit der Spezialisierung auf diese einseitige Ernährungsweise, stellt er sich gleichzeitg noch besonders effektiv ein Bein, da Bambus großflächig alle paar Jahrzehnte hysterisch blüht und dann ebenso großflächig stirbt. Bei dem Futterbedarf und der Trägheit der Tiere kam es sicher auch damals schon zu Hungertoten, als die Bambuswälder weniger zersiedelt und zerstückelt waren.

Der tiefere Sinn

Zunächst habe ich die Information, der Panda sei erst 1869 entdeckt worden, für so einen typisch eurozentristischen Unsinn gehalten. Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher. Vielleicht hat sich die Evolution einen kleinen Scherz erlaubt und spaßeshalber erst kürzlich ein putziges, aber wenig überlebensgeeignetes Tier designt und auf den Markt geworfen? Und wartet jetzt amüsiert ab, wie Welt, Panda und Mensch aufeinander reagieren?

Als ich den Pandas in der Aufzuchtstation beim Fressen zusah, fläzten sie auf ihrem Hintern, griffen in einem mechanischen Ablauf nach Futter und schoben sich das systematisch und unbeteiligt ins Maul. Die Reste fielen auf ihren dicken Bauch. Ablauf und Haltung wirkten wie eine Parodie eines HartzIV-Empfängers in dritter Generation beim Chips essen vor dem Fernseher. Nur dass sich der nicht so viele Chips leisten kann, wie der Panda Bambus braucht. Aber es handelt sich, um eine ähnlich einseitige Mangelernährung. Und langsam verstehe ich auch die hellsichtige Wahl des Pandas zum WWF-Wappentier: er ist das Symbol gegen Gentrifizierung. Im schwarzweißen Jogginganzug.

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