Archiv für den Monat: September 2013

Gelbstiche

Wir haben Kant eine Menge zu verdanken. Zum Beispiel schwer verständliche Bücher. Erkenntnistheorie. Den kategorischen Imperativ. Aber der Kant, Immanuel war ja kein Fachidiot und hat sich auch in Anthropologie versucht. So hat er uns außer aufklärendem Gedankentum auch gelbe Chinesen hinterlassen. Er war halt doch eher Denker als Empiriker, denn wer, der schon mal mehr als zwei Chinesen außerhalb einer Gelbsuchtsquarantäne gesehen hat, würde ernsthaft behaupten, dass sie gelb sind?

Vor Kant und anderen seiner Zeitgenossen galten Chinesen als weiß, abgesehen von den Kantonesen im Süden, die wiederum braun sein sollten. Braun wie Spanier. So wie der durchschnittliche Spanier dunkler ist, als der durchschnittliche Engländer, wie man sich selbst durch überlieferte Erwartungen gefestigte Erfahrungen suggeriert. Als ich mit elf Jahren eine Freundin in Madrid besuchte, spielte ich zwar vor allem mit Spaniern, die alle wesentlich blonder waren als ich alemannisches Preußenkind, aber an der Carmen-Blaupause hielt ich trotzdem fest. Kanarische Ureinwohner sollen übrigens ebenfalls blond gewesen sein.

Die Hautfarbe war mir tatsächlich schon früh ein Problem. Welche Farbe nimmt man zum Malen von Haut? Rote Pullover, blaue Hosen, braunes Haar, alles kein Problem. Aber was ist mit Händen und Gesicht? Rosa bot sich in meiner hellhäutigen Umgebung an. Befriedigend war das aber nicht. Die so abgebildeten Personen sahen nach einer Kohlenmonoxidvergiftung aus, oder zumindest nach sehr hohem Blutdruck. Tatsächlich hat kaum ein Lebendiger rosa Haut, zumindest nicht in den Farbtönen, wie sie das Federmapperl hergibt. Alternative: Weiß. Das wirkte noch falscher. Und ähnlich ungesund. Gelb war für Chinesen reserviert, die dadurch auch nicht realistischer wurden und zu allem Überfluss einen gelben Strohhut tragen sollten. Gleiches galt für alle andere Farben, die ich in den Gesichtern unterschiedlichster Ethnien ausprobierte. Die einzige Farbe, die wirklich funktionierte war das Grün für die Marsmenschen. Doch die interessierten mich nicht.

Bis zum 17. Jahrhundert galten Chinesen den Europäern also als weiß. Aber was trieb ihnen dann die Gelbe ins Gesicht? Ein gewisser Walter Demel schreib freundlicherweise einen kleinen und zitatreichen Beitrag dazu, aus dem ich hier schöpfen kann.

Während der Zeit der Aufklärung herrschte eine große Begeisterung am Systematisieren. Ich verstehe das. Die Versuchung, das Leben und die Leute darin aufzuräumen und zu sortieren ist groß. Und genauso zum Scheitern verurteilt, wie eine dauerhaft gültige Unterteilungen des eigenen Posteingangskorbes, oder vergleichbarer Hilfskonstrukte. Also wurde schließlich die „Rasse“ erfunden. Nur falls es jemand nicht weiß, möchte ich hier als kurzen Einschub Wikipedia zitieren:

„In der Biologie wird die Art Homo sapiens heute nicht mehr in Rassen unterteilt. Molekularbiologische und populationsgenetische Forschungen haben seit den 1970er Jahren gezeigt, dass eine systematische Unterteilung der Menschen in Unterarten ihrer enormen Vielfalt und den fließenden Übergängen zwischen geographischen Populationen nicht gerecht wird. Zudem wurde herausgefunden, dass der größte Teil genetischer Unterschiede beim Menschen innerhalb einer geographischen Population zu finden ist. Die Einteilung des Menschen in Rassen entspricht damit nicht mehr dem Stand der Wissenschaft.“

Das sah man damals ganz anders, denn schließlich hatte man ja den Rassebegriff eben erst erfunden. Der Botaniker und Zoologe Linné gliederte im Zuge dessen nicht nur den Menschen systematisch in das Tierreich ein, wobei sympathischerweise auch das Faultier zu den Menschenähnlichen gehören sollte, sondern unterteilte auch die Menschen: weißlicher Europäer, rötlicher Amerikaner, brauner Asiate und schwarzer Afrikaner. Der Unterschied der „Rassen“ -so wurde damals vermutet- lag im Klima begründet. Von Weiß am Polar bis zu Schwarz am Äquator. Eine andere Meinung verknüpfte die Hautfarbe eher mit Intellekt und Gesittung. Dazu muss ich mich wohl kaum äußern.

Aber um auf Kant zurück zu kommen: als er im Jahr 1775 Vorlesungen über die Rasse hielt, ging auch er von der Klimathese aus. So seien die Inder olivgelb (sic!), weil wegen der trockenen Hitze Gallenflüssigkeit ins Blut gelänge. Die Mischung der offenbar dauergelbsüchtigen Inder mit den weißen Hunnen habe dann den Chinesen hervorgebracht. (Und die Mischung der Ente mit dem Wolf mit dem Hasen den Wolpertinger.) Jeder, der schon mal Farben gemischt hat, kann sich das Ergebnis ausmalen: ein grünliches Hellgelb. Blöderweise wurden diesem lustigen Potpourri zusehends die Charaktertheorien untergehoben.

Das Ergebnis ist bekannt und in der Filmindustrie gerne bedient. Hell ist gut und dunkel ist böse. Schneewittchen ist da haarbedingt schon eine richtige Überraschung. Der Zusammenhang zwischen Hochachtung und der wahrgenommenen Hautfarbe führte dazu, dass der Chinese immer dunkler oder zumindest gelber wurde, je weiter der Europäer ihn von sich weghalten wollte. Leibniz fand die Chinesen zum Beispiel toll und hielt sie zusammen mit den Europäern für maßgeblich und alle anderen Völker für klimatisch bedingte Entartungserscheinungen. Montesquieu wiederum hielt die Chinesen für das betrügerischste Volk der Erde und bereitete die Idee der „gelben Gefahr“ vor. Beliebt war auch die These, dass die Mongolen das übelste aller Völker wären, deren chinesische „Untergruppe“ immerhin ein bisschen was auf dem Kasten hätte. Und auch heller war. Man war dem Chinesen nicht ganz grün, aber sah auch nicht gleich rot. Oder schwarz. Ich wäre ungern in der Situation einem ebenfalls in Rassismen gefangenen Chinesen zu erklären, dass die großen aufklärerischen Denker Europas ihn für eine Art possierlichen Mongolen hielten.

Gelb war also weniger eine tatsächliche Beobachtung, als eine Art Kompromiss. Nicht nur als farbliche Mischung, sondern vor allem als Äußerung einer Ambivalenz. Braun ist rein als Farbe uninteressant, eine angenehm indifferente Mischung aus allem. Doch Gelb ist extrem ambivalent. Giftige Warnung oder sonniges Gold. Nicht weiß, also nicht gleich, nicht so pur, aber eben auch nicht ganz so weit weg. Immerhin irgendwie halbzivilisiert. Und der Europäer weiß nicht, ob ihn das Gelb des Abscheus oder des Neides umtreibt.

Tatsächlich haben die Chinesen einen starken Bezug zu Gelb. Die Wiege der chinesischen Kultur am Gelben Fluss, der mythologische gelbe Kaiser, der Totenort der gelben Quellen, das Gelbprivileg des Kaisers, die gelbe Erde. Aber gelbe Hautfarbe? Chinesen machten und machen den Unterschied zu Europäern weniger an der Hautfarbe fest, sondern eher an stechenden Augen, Hakennasen und unanständig vielen Körperhaaren. Auch kein störungsfreies Konzept. Aber was soll´s? Die sehen ja eh alle gleich aus!

Erst viel später habe ich mitbekommen, dass Fleischfarbe tatsächlich eine große Herausforderung ist und nicht einfach nur ein Problem meines kindlichen Unvermögens und der Farbstiftbegrenzung war, auch wenn ich unter beidem lange gelitten habe. Die menschliche Haut ist so vielfältig und vielschichtig, dass jede Vereinfachung scheitern muss. Die Aufklärer hätten die Maler fragen sollen und nicht die Zoologen. Als ich später durch die Gemäldegalerien striff, um herauszufinden, wie Haut eigentlich abgebildet werden kann, kann ich gerade für helle Haut Rubens nur empfehlen. Da herrscht kein Mangel. In all dem schwellenden Fleisch konnte ich vor allem viel Grün entdecken. Also doch.

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