Archiv für den Monat: August 2013

Vom Konservieren

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Manchmal möchte ich gerne fernsehen und nicht in die Ferne sehen. Das mag grundsätzlich nicht die klügste Entscheidung sein, aber so ist es eben. Oft kommt aber nichts Ansprechendes und dann wurschtel ich mich manchmal durch die Mediatheken. Letztens bin ich bei der guten alten Tante ZDF hängengeblieben. Und was soll ich sagen? Dort fanden Mumienwochen statt. Allerdings unmottoriert. Ohne jeden Leitfaden, konnte ich mir Dokumentationen über alle nur erdenklichen Mumien und Artverwandte ansehen.

Wenig überraschend waren nicht alle Beiträge wirklich interessant, insbesondere was die klassischen, die ägyptischen Mumien anbelangt. Vielleicht sind die schon zu abgegriffen. Einer wollte zum Beispiel aufdecken, wie mit den Mumien in der frühen Neuzeit so umgegangen wurde. Ein interessantes und auch bestürzendes Thema.Trotzdem enttäuschte die Reportage, weil sie nur skandalisierte. Europäer aßen also im vorletzten Jahrhundert Mumien als Arznei. Gegen was? Wie kamen sie darauf? Und hatte das irgendeine nachvollziehbare Grundlage? Maler vermalten Mumien. In den großen europäischen Museen hängen also Bilder der Meister mit Leichenteilen drauf. Natürlich ist das ein Skandal. Wenn die Archäologie eine Mumie wäre, würde sie sich vermutlich im Grabe so oft herumdrehen, bis sie sich selber ausgewickelt hätte. Von der Ethik ganz zu schweigen. Aber was ist der Hintergrund? Es musste dafür ja einen Grund geben, denn diese tausenden und abertausenden von verarbeiteten Mumien waren sicher nicht billiger, als sie nicht zu verwenden. Auf Privatparties wurden sie als Nackedei aus der Torte enthüllt. Gut, das ist geschmacklos, aber erklärt sich von selbst. Doch war der Brennstoffmangel in Ägypten wirklich so groß, dass tonnenweise Mumienbandagen in der ägyptischen Eisenbahn verfeuert werden mussten? Ich habe ja nichts gegen Dokumentationen, die Fragen offen lassen, aber so ganz ohne Antworten ist es doch enttäuschend. Immerhin waren die meisten anderen Mumienbeiträge sehr interessant.

Darunter natürlich eine über eine der ältesten Mumien überhaupt. Die Similaun-Mumie, der Mann vom Hauslabjoch, über 5000 Jahre alt, ein unerschöpflicher Quell für Dokumentatoren. Sein Leben, sein Sterben. Eigentlich ist er themenfremd, da nur zufällig mumifiziert. Nebenbei hat sein Fund zu einer variablen Grenze zwischen Österreich und Italien geführt, je nach Gletscherschmelze. Das hätte er sich sicher nie träumen lassen. Das hätte er sich unmöglich ausdenken können.

Als ich 1987 das erste Mal nach China reiste, stieß ich auch auf Mumien. Die Rekonstruktion dieser Reise ist allerdings nicht so einfach, denn weder hatte ich einen Reiseführer (in der Wortbedeutung Buch), noch einen Fotoapparat. Ersteren hatte ich nicht auftreiben können und letzteres lehnte ich damals aus unterschiedlichen Gründen ab. Schade eigentlich. Aber ich hatte ein Zeichenbuch dabei, in das ich zwar schändlich wenig notiert und gezeichnet hatte, aber eine Mumie war drin und sogar eine halb verwischte Notiz: Turfan, Astanagräber. Heute kann ich einfach im Internet nachsehen und da steht bei Astanagärbern etwas von einem alten Gräberfeld aus den Jahren 273-778.

Ich selber erinnere mich noch, vor einer toten Frau gestanden zu haben, ohne jeden Schutz gegen die durch mich und alle anderen hereingetragene Feuchtigkeit. Sie lag einfach da, die mutmaßliche Prinzessin. Vielleicht lag auch ihr Gatte daneben, ich weiß es nicht mehr. Gut 1200 Jahre alt und die Haare waren spärlich. Aber die Fingeradrücke hätte man immer noch nehmen können. Und die Zähne! Die Zähne waren besser als meine damals. Von heute ganz zu schweigen. Das hatte ich notiert. Die uralte Leiche lag mit offenem Mund da, die Zähne gebleckt, das weiß ich, denn ich habe sie gezeichnet. Und sie beneidet um dieses wunderbare Gebiss. Als hätte es noch irgendeinen Nutzen.

Dass die Toten dort so gut erhalten sind, liegt nicht nur an der Kunstfertigkeit der Bestatter, sonder vor allem an dem extrem trockenen Klima. Leider fand ich darüber keinen Beitrag im ZDF. Dafür etwas über geopferte Inkakindermumien und so. Und eben auch einen Beitrag über die Markgräfin von Dai, bürgerlich Xin Zhui.

Viel habe ich schon von ihr gehört und auch Fotos gesehen. Aber erst der Film enthüllte mir ihre ganze Anmut. Da können die Ägypter, Ötzi und die Inkaopfer einpacken. Entdeckt wurde die Dame 1971. Eigentlich nicht der beste Zeitpunkt für einen Antikenfund, denn als antik dürfte die über 2000 Jahre alte Dame wohl gelten. Die Beschädigung archäologischer Funde durch die Untersuchung galt trotz Kulturrevolution als Respektlosigkeit gegenüber dem Land und so wollte zunächst keiner der Pathologen die Tote untersuchen. Der Jungpathologe Peng Longxiang übernahm frei nach dem Motto „das neugeborene Kalb fürchtet den Tiger nicht“ schließlich die Leitung der Obduktion. Es fiel ihm nicht schwer, denn die mit etwa 50 Jahren gestorbene Dame konnte praktisch wie eine frische Tote seziert werden.

Ob er das heutzutage auch noch hätte machen dürfen? Organe einfach mal entnehmen und auf die Waage werfen, so tun, als wäre sie nur eine x-beliebige Tote? Ich verstehe die Bedachtsamkeit der modernen Archäologen, aber gleichzeitig denke ich, dass ein Leben nach dem Motto „wenn ich einmal groß bin“ kein sehr gelungenes Lebensmotto ist. Wir wollen doch nicht nur später wissen, sondern jetzt. Und zwischen Mumien vermalen, vertilgen oder verfeuern und sie so gut wie möglich behutsam zu erforschen, liegt doch eine gewisse Bandbreite. Schon jeder Verhaltensforscher weiß, dass die Untersuchung als solches das Ergebnis verfälscht. Das ist bei Archäologen und Pathologen nicht anders. Das sind so Tragiken, die man einfach ertragen muss, denn auch bei immer besserer Technologie, wird es trotzdem immer so sein. Das ist das mit dem Hobel und den Spänen. Na, wie auch immer. Lady Dai landete jedenfalls auf dem Seziertisch.

Anders als die Ägypter hatten die Chinesen damals ihre Pyramiden nicht in die Höhe, sondern umgedreht in die Erde gebaut. In so einer unterirdischen, zwölf Meter tiefen Grabkammer, wurde die Tote in zwanzig Lagen Seide gewickelt und in mehrere ineinander geschachtelte Särge gelegt. Darum kamen mehrere Tonnen Kohle und eine Einmeterschicht Ton. Dann wurde der Rest mit Erde zugeschüttet und obendrein darüber ein Hügel gebaut. Im innersten Sarg befand sich eine geheimnisvolle rote Flüssigkeit mit Spuren von Zinnober, also Quecksilbersulfid, von der nachwievor unklar ist, ob sie zufällig eindrang, oder absichtlich der Konservierung dienen sollte. Vielleicht kann man mit Quecksilber doch eine Art Unsterblichkeit erlangen, wenn auch anders, als die Alchemisten früher annahmen.

Das Spektakuläre an Lady Dai ist einerseits ihr Erhaltungszustand insgesamt. Und das in einer Gegend, die zum Konservieren wegen der hohen Feuchtigkeit denkbar ungeeignet ist. Andererseits verwundert ihre Frische. Dem Mann vom Hauslabjoch wurden allein zur neuzeitlichen Grablegung mehrere Knochen gebrochen. Steif, hart und trocken sind sie, die Mumien. Gefriergetrocknet oder gepökelt. Nicht so die sanfte Lady Dai. Sie wurde praktisch eingeweckt. Ihre Gelenke sind heute noch beweglich und ihr Fleisch elastisch.

hre Haare waren -trotz der fünfzig Jahre- schwarz wie Ebenholz (mit einem ergänzenden Haarteil), die Haut gräulichgelb wie Schnee in Beijing, schimmernd und elastisch. Die Lippen waren zwar nicht mehr rot wie Blut, aber immerhin fand sich noch rotes Blut in ihren Adern. Und auch die Organe waren an ihrem Platz und konnten allerlei verraten. Beispielsweise, dass sie außer an Band- und Peitschenwürmern vor allem an  Zivilisationskrankheiten litt: Übergewicht, Gallensteine, Bandscheibenvorfall, und verfettete Herzkranzgefäße. Immerhin überlebte sie trotz ihres bedenklichen Zustandes ihren Gatten um knapp zwanzig Jahre und um ein paar Jahre auch noch ihren Sohn.

Doch ein weiteres Gelage machte ihr schließlich den Garaus. Sie starb am Herzinfarkt, ausgelöst vermutlich durch eine Komplikation und Schmerzen, die ihr die Gallensteine bereiteten. Das machte das verfettete Herz nicht mehr mit. Es ging so schnell, dass ihr Magen noch gar keine Zeit gehabt hatte, all die einverleibten Köstlichkeiten auch nur ansatzweise zu verdauen. So hatte der Pathologe auch noch Freude an ihrem Mageninhalt. Es ist wenig überraschend, dass die rund 1000 Grabbeigaben der Lady Dai überwiegend ihrem leiblichen Wohl dienen sollten. Die Vielfalt der Nahrungsmittel überraschte die Fachwelt.

Im Provinzmuseum Hunan kann man Lady Dai heute in Lebensgröße sehen: als allerhöchstens 30jährige ptototypische Schönheit in Wachs. Ich werde nie verstehen, warum man eine Nachbildung herstellt, die alles ist, nur keine Nachbildung. Aber man kann sie dort auch in Sterbensgröße sehen, als uraltes, etwas aus dem Leim gegangenes Schneewittchen in einem gläsernen Sarg.