Archiv für den Monat: Juni 2013

Mit Kanonen auf Spatzen schießen

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Etwa alle zwei Monate treffe ich mich mit drei anderen zu einer Runde Mahjong. Vier Damen vom Grill. Meistens verliere ich. Vermutlich weil ich keine rote Unterwäsche trage. So oder so bin ich dann für die Beantwortung verschiedener Fragen zuständig, die ich passenderweise meistens auch nicht beantworten kann. Entweder ich denke mir dann was aus -obwohl in dem Fall muss man ja sagen, dass ich die Frage doch beantworten kann-, oder ich lese halt nach. Die letzte bislang unbeantwortete Frage war, was denn die Chinesen zu den einzelnen Steinen sagen. Bei uns heißen sie Bambus, Zahl und Kreis/Münze. Das ließ sich natürlich leicht herausfinden. Sie sagen Suo/ Tiao, Wan und Tong/ Bing. Und natürlich in allen möglichen Ecken des Landes noch alles mögliche andere. Aber was soll das bedeuten? Fest steht, dass Suo nicht Bambus heißt, sondern Strick, dass Wan nicht Zahl heißt, sondern zehntausend undTong nicht Kreis, sondern Rohr, während Bing ein runder Kuchen wäre.

An dieser Stelle kann ich natürlich unmöglich aufhören. Was soll das alles? Was spielt man da eigentlich? Das Spiel wird auf Hochchinesisch Majiang geschrieben und könnte mit Hanfgeneral übersetzt werden. Das führt aber in die völlig falsche Richtung, denn dabei handelt es sich nur um eine phonetische Annäherung. Das Spiel entstand nicht, wie gerne behauptet wird, in grauer Vorzeit, sondern vermutlich im 19. Jahrhundert an der Ostküste in Ningbo. Und da nannte man es irgendwie so etwas wie Majan. Schrieb aber mit Schriftzeichen, die der Hochchinese Maque ausspricht, Hanf + kleiner Vogel, also kleiner Hanfvogel. Und das ist ein Spatz, oder eben Sperling. Ein kleiner Bergvogel (Shanque) wäre beispielsweise eine Meise und ein kleiner Wolkenvogel (Yunque) wäre eine Lerche.

Es ist also ein Spatzenspiel und der General hat sich nur aus lauter Phonetik hineingeschlichen. Es passt eigentlich auch nicht zu einem General. Beim Schach, ja da sieht es anders aus. Da weiß man, wo der Gegner steht, hat auch nur einen davon und der lebt auf der anderen Seite des gelben Flusses und hält wiederum mich für den Feind. Klare Fronten, Krieg wird geführt, ein General pro Seite ist vonnöten. Das ist schwer zu spielen, aber leicht zu verstehen. Aber um was geht es nun eigentlich beim Spatzenspiel?

Aufgabe des Spiels ist beim Majiang oder vergleichbaren Kartenspielen wie Canasta ja, etwas anderes als die Gegner zu haben, etwas tolleres, besseres. Und mehr natürlich. Und das ganze in dem man eine gewisse Ordnung herstellt. Wer zuerst seinen Saustall aufgeräumt hat, gewinnt. Vermutlich spielt man den normalen Nachbarschaftsalltag? Der Spatz als Sinnbild des Alltäglichen.

Das blöde an solchen Fragen ist, dass man von Spatzerl auf Hölzchen auf Stöckchen gerät. Denn, so meine Überlegung, wenn Majiang vom Spielablauf Rommé oder Canasta ähnelt, schließt sich zwanglos die Frage an: woher kommen eigentlich die Spielkarten. Gut, dass ist leicht. Aus China natürlich. Dort sind sie jedenfalls seit dem 12. Jahrhundert belegt, in Europa, genaugenommen in Italien, erst seit dem 14. Nun gibt es auch noch eine auffallende Ähnlichkeit der sehr unterschiedlichen Kartenspiele als solches und auch mit den Majiang-Steinen. 9 bis 10 Zahlkarten in drei bis vier Farben. Und regional und je nach Spiel eine sehr unterschiedliche Art von Bilderkarten und Trümpfen. Die Farben heißen in Frankreich beispielsweise trèfle (Kleeblatt), pique (Lanze), coeur (Herz) und carreau (Quadrat). Im deutschen Blatt heißen sie Eicheln, Blatt, Herz und Schellen, in Italien spielt man wiederum mit Münzen, Stäben, Schwertern und Kelchen etc pp. Und natürlich haben sie regional wiederum völlig andere Namen. Aber das Prinzip bleibt das gleiche. Erklärt mir das jetzt, was man da eigentlich spielt? Was also unabhängig von Skat, Rommé, Maumau oder Schafkopfen der tiefere Hintergrund ist? Der Grund des Ursprunges? Nein. Keine Ahnung. Eine Sackgasse. Also zurück zu den Chinesen.

Deren frühes Kartenblatt hatte die Farben 10.000, Schwert und Strick. Zehntausend ist übrigens nur ein kleines Zeichen und kann vielleicht auch mit „sehr viel“ übersetzt werden. Da trappst dann die Nachtigall schon ganz ordentlich herum, auf dem europäischen Blatt. Oder der Spatz. Also mit entsprechender Fantasie. Erklären tut das natürlich trotzdem nichts. Oder kämpft man mit dem Schwert um das viele Geld und wenn man dabei erwischt wird, baumelt man am Strick? Aber warum sind dann alle Farben gleichviel wert? Ich finde auf Baidubaike, der chinesischen, zensierten „Wikipedia“ einen sehr interessanten Beitrag. Majiang ist ein Vogeljägerspiel, heißt es da. Danach sei die Münze in Wirklichkeit die Mündung einer Schusswaffe, der Strick diene dem Zusammenbinden der abgeschossenenen Vögel und das Geld die Belohnung. Könnte fast von mir sein. Nur: wer soll das glauben? Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als die Grundlage des Spiels tatsächlich und unbefriedigend im Dunkeln zu lassen, denn auch die freie chinesischsprachige Wikipedia erläutert dies nicht. Und noch weiter wollte ich meine Hausaufgaben eigentlich nicht ausdehnen.  Immerhin wird dort nicht diese Räuberpistole erzählt. Die einfachste Erklärung ist die, dass es sich bei einer Münze um eine Kupfermünze handelt, beim Strick um den Strick auf den man selbige zu je 1000 Stück aufzieht und die 10.000 ist dann eben noch mal mehr. Doch die Frage bleibt: warum ist dann jede Farbe gleich viel wert?

Aber ein wenig Aufklärung kann ich doch noch beitragen, was nämlich die sogenannten Drachensteine angeht. Bei unseren Kartenspielen würden sie zu den Bilderkarten gehören. Am berühmtesten ist sicher der rote Drache, wegen des Thrillers von Thomas Harris aus den 80ern und der Verfilmung von Michael Mann und der Hannibal Lecter Reihe. Ich weiß es nicht mehr ganz genau, aber irgendeiner dieser Serienmörder ritzt das „Zeichen für roter Drache“ in einen Baum und wird von diesem im Übrigen auch schizophren zu allerlei Scheußlichkeiten angehalten. Tatsächlich ist das Zeichen zwar rot geschrieben, hat aber mit Drachen nicht das Geringste zu tun. Das mit den Drachen hat sich nämlich erst der US-Amerikaner Joseph Park Babcock ausgedacht, der in den 1920ern ein einheitliches Regelwerk verfasste und das Spiel in den USA populär machte. (Eine Popularität die abrupt nachließ, als es hieß, die importierten Spiele seien mit Viren versucht.) Das mit den einheitlichen Regeln ist natürlich was wert. Man denke nur an diese komplexeren Kartenspiele wie Doppelkopf, wo vorher erst eine Stunde darüber gestritten wird, nach welchen Regeln denn nun bitte warum gespielt werden soll. So muss man sich das bei den chinesischen Spatzenspielern auch vorstellen. Mit oder ohne Neunen? Und wenn dann noch Malayen dazu kommen, wollen die mit Katz, Maus, Huhn und Centipeder spielen und der Japaner sagt gar, es handele sich gar nicht um einen Spatz, sondern um einen Fasan. Und Vietnamesen halten nichts von dem Getier und haben dafür Kaiser- und Kaiserinnensteine.

Aber zurück zum roten Drachen, bei dem es sich in der Tat nur um das Zeichen für Mitte handelt, wie in „Land der Mitte“, wie in „mitten im Zimmer“, wie in „Mittags“. Das ist sicher für einige eine bittere Enttäuschung, aber was soll man machen? Der grüne Drache heißt eigentlich so etwas wie „aussenden, absenden“ und der weiße Drache ist einfach nur ein leerer, blanker Stein. Man kann sich vorstellen, was der eine Baidubaike-Artikel in seinem Spatzenmassaker daraus gemacht hat: Mitte heißt Treffer, weiß: daneben! Und da „aussenden“ mit einem anderen Zeichen zusammen die sehr geläufige Kombination von Reichtum ergibt, ist dies eben der Hauptgewinn. Alle anderen Quellen sagen etwas jeweils anderes. Der „rote Drache“ stehe zum Beispiel für ein bestandenes Examen oder aber Mildtätigkeit. Der grüne für Reichtum oder aber Aufrichtigkeit und das leere Weiß könnte Pietät bedeuten oder eben Unkorrumpierbarkeit. Das Spiel macht einen virtuell also entweder reich oder gut oder erfolgreich. Praktisch aber -so man um Geld spielt- eher durchtrieben, korruptionsanfällig und arm.