Archiv für den Monat: Mai 2013

Man sieht nur mit den Augen gut

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Es ist unwahrscheinlich aber wahr. Ich habe  Fördermittel für die Übersetzung eines taiwanischen Romans bekommen. Vom nationalen Literaturmuseum Taiwan. Vom Chinesischen ins Deutsche. Unfassbar. Dabei habe ich nicht mal einen Abschluss in Sinologie. Ich bin begeistert.

Neben der Begeisterung bin ich natürlich auch beunruhigt. Hab ich das im Kreuz? Schaffe ich es in der Zeit? Die ganze Schwarte? Oder werde ich scheitern und muss alles samt Strafe zurück zahlen? Das befürchte ich natürlich nicht wirklich, aber wenn der Tag lang ist und die Nacht noch länger, kann man sich ja mal mit ein paar selbst ausgedachten Problemen herumschlagen. Man gönnt sich ja sonst nichts. Eins ist allerdings klar: Das Projekt kann noch heiter werden.

Manche sagen, dass Übersetzungen eigentlich gar nicht möglich sind. Strenggenommen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Da ist was dran. Aber strenggenommen ist halt doch sehr eng. Ich würde sogar so weit gehen und sagen: mir zu eng. Genaugenommen sind wir sogar zur sprachlichen Kommunikation grundsätzlich unfähig, da jeder und jede auch Worte der eigenen Sprache anders aufnimmt, vor einem anderen Hintergrund verarbeitet. Hören wir deswegen etwa auf zu sprechen?

Sprache eignet sich wenig für das Absolute, das Wahre.  Die reine Sprache- das klingt schon so nach Fundamentik und Fanatilismus. Sprache ist in sich selbst eher ein amorphes Angebot, eine Unschärfe, die in bestimmten Gesprächen und Sätzen Brillanz gewinnt, Klarheit. Aber auch oder gerade die kristalline Klarheit bricht das Licht in alle Farben. Apropos Farben: Ich werde zum Beispiel meinen Dauerstreit mit A., ob eine bestimmte Blume blau oder violett zu nennen ist, bis in alle Ewigkeit wiederholen. Jedes Frühjahr neu.

Ein Annäherung an eindeutige Sprache versuchen die Juristen und bedienen sich dabei der Methoden der Mathematik. Der Inhalt eines Wortes wird definiert. Die zentralen Worte die der Definition dienen, werden wiederum definiert. So entsteht eine Art Kunstsprache, die sich um Eindeutigkeit und Gleichheit bemüht. Bekanntermaßen mit wechselndem Erfolg. Beobachte ich mein Umfeld, dass sich häufig weigert, selbst kürzeste juristische Texte zu verstehen zu versuchen, wird klar: das ist ein löblicher, aber eben künstlicher Umgang mit Sprache.

Aber ich lenke ab. Ich soll ja nicht die reine Sprache erfinden, sondern einen Roman übersetzen. Hinderlich dabei könnten meine nur mäßige Erfahrung im Übersetzen sein und mein Hang, selber Texte zu verfassen. Das erste Problem wird angenehmerweise im Verlauf der Arbeit ganz von selbst schrumpfen. Das zweite wird voraussichtlich durch einen ebenfalls vorhandenen Hang zur Texttreue in Schach gehalten werden. Es kann also losgehen. Logischerweise wird auch meine Übersetzung eine Interpretation des Textes werden, aber was ist an einer Annäherung schlechter als an nichts? Nichts.

Ein Punkt der mich darüber hinwegtröstet, dass ich nicht Swetlana Geier bin, ist, dass ich auch nicht vorhabe, Dostojewski zu übersetzen, sondern Frau Chen. Ich ringe bodennah mit einem greifbaren Text. Schüttel ihn und würge, rede ihm dann wieder gut zu und versuche mich einzuschmeicheln. Vermutlich wird es trotz aller Bodennähe eine Borderline-Beziehung.

Begonnen hat diese, als der Vertrag der Fördermittelgeber eintrudelte. Eine Mischung aus Jura- und Bürokratenchinesisch. „Absolute“ Sprache im höflichen Mäntelchen. Da saß ich lange vor. Ich konnte ja schlecht sagen: Moment, Leute, ich verstehe das nicht! Kann ich bitte zumindest eine englische Übersetzung haben? Die hätten mir die Mittel glatt wieder entzogen! Irgendwann kam ich per Zufall darauf, dass „Plattformende“ eine höfliche Anrede darstellt, dass also mit dieser auf Deutsch wenig schmeichelhaften klingenden Bezeichnung ich gemeint war und dann wurde alles schon viel klarer. Die Feinheiten habe ich dann sicherheitshalber mit einem befreundeten chinesischen Rechtsanwalt erörtert.

Einer der berühmtesten, frühen Übersetzer vom Chinesischen ins Deutsche war natürlich nicht Frau Geier, denn die kann alle möglichen Sprachen, aber kein Chinesisch, sondern der Theologe Richard Wilhelm (1873-1930). Eigentlich hatte er eine ganz andere Aufgabe, denn er sollte den Chinesen den Segen der christlichen Lehre bringen. Es kommt aber zuweilen vor, dass einen die Arbeit, die man eigentlich tun soll viel weniger interessiert, als irgendetwas anderes. Augen auf bei der Berufswahl möchte man sagen, aber das sagt sich so leicht. Ich könnte darauf ein sehr langwieriges Lied singen. Wilhelm beschäftigte sich also statt mit dem Missionieren -und abgesehen von pädagogischer Arbeit- vor allem mit dem Studium der chinesischen Klassiker und begann, sie zu übersetzen. Als Missionar war er denn auch ein Totalversager, wenn nicht gar ein Saboteur: er bekehrte (mit erklärter Absicht) keinen einzigen Chinesen. Auch gelten seine Übersetzungen heute als zum Teil veraltet, zu christlich gefärbt etc. Meckern kann man immer. Doch hat dieser zwiderwurzige Missionar im Austausch mit chinesischen Gelehrten riesige Kulturschätze für den Westen gehoben. Das kann man doch einfach mal so stehen lassen. Es darf auch jede_r besser machen.

Ob das eine oder das andere besser ist, ist dann wieder eine Auslegungs-, oder auch Geschmacksfrage. Die zahlreichen und eklatanten Abweichungen in den Übersetzungen der Klassiker wie dem Daodejing sind legendär, was sich unschwer aus dem interpretationsbedürftigen Text ergibt. Aber auch nicht ganz so obskure Lyrik zeigt sich in ganz unterschiedlichem deutschen Gewand. Die folgenden Texte sind drei von zahllosen, unterschiedlichen Übersetzungen des berühmten Gedichts „Gedanken in stiller Nacht“ von Li Bai (701-762).

Wanderer erwacht in der Herberge  (Klabund 1891-1928)

Ich erwache leicht geblendet, ungewohnt eines fremden Lagers.

Ist es Reif, der über Nacht den Boden weiß befiel?

Hebe das Haupt – blick in den strahlenden Mond.

Neige das Haupt – denk an mein Wanderziel.

oder aber

Erwachen in der Nacht (Hundhausen 1878-1955)

Vor meinem Bette spielt ein weißes Licht.

Ist es der Morgen schon? ich weiß es nicht.

Und wie ich zweifelnd hebe mein Gesicht,

seh ich den Mond, der durch die Wolken bricht.

Da muss ich mich zurück aufs Lager senken

und heimatlos an meine Heimat denken.

oder auch

Nachtgedanken (Eich 1907-1972)

Vor meinem Bette das Mondlicht ist so weiß,

Dass ich vermeinte, es sei Reif gefallen.

Das Haupt erhoben schau ich zum Monde,

das Haupt geneigt denk ich des Heimatdorfes.

etc.pp.

Bis auf „weiß“, „heben“, „Mond“ und „denken“ sind praktisch keine Wörter gleich, obwohl das Gedicht durchaus gut zu erkennen ist. Ob nun ganz, halb oder gar nicht gereimt.

Das Buch, das ich übersetze, ist gar nicht gereimt und aus der Sicht eines Deutschen, genau genommen eines Sachsen im 18.Jahrhundert geschrieben. Ich transformiere also ein fiktives Tagebuch eines Deutschen aus dem Chinesischen zurück in die fiktive Originalsprache. Da kann man also nicht aus lauter Exotismus oder zur Veranschaulichung des Fremden irgendwelche Sinismen stehen lassen. Doch der Chinese hat wenig überraschend sprachlich verschiedene Eigenarten. Und damit meine ich nicht die unermessliche Anzahl von Schriftzeichen, sondern die Formulierungen selbst. Um nur ein Beispiel zu nennen: der Chinese greift immer mit der Hand. Mit was auch sonst, mag sich mancher fragen. Mit den Zähnen oder den Zehen etwa? Immerhin greifen wir hiesig meist auch mit den Händen.

Der Unterschied ist der, dass wir das nur selten mitteilen. Wir nehmen einfach etwas. Und Punkt. Chinesisch ist wiederum eine derart kurze Sprache, dass man über derartige, im Grunde überflüssige Zusatzinformationen nahezu froh ist. Dass er oder sie mit den Händen greift, mit den Augen sieht und im Herzen (da sitzt der chinesische Geist) denkt. Mit der Hand greift sie nach dem Glas (womit sonst?) und er denkt bei sich (bei wem auch sonst?). Er nimmt mit den Händen ein Papier und zerreißt es, sie greift nach dem Eimer, nimmt ihn und geht damit sonstwohin. Dinge explodieren -kawumm- mit einem Knall an schiefen Hängen.  Und dann hört man nicht nur den Knall, sondern das Geräusch des Knalles. Die Aufgabe bei der Übersetzung ist hier klar: weglassen.

Aber was, wenn einer etwas nur mit zwei Fingern greift? Oder seine dreckige Hand danach ausstreckt? Da sind dann Entscheidungen gefragt. Solange man es noch merkt. Denn noch größer ist eigentlich das Problem, dass ich nach einer Weile anfange, bei mir komisches Deutsch zu denken, es mit den Händen zu schreiben und es im Herzen für ganz normal zu halten.

Aber wenn der Sachse seine Geschichte so hübsch auf Chinesisch erzählt, werde ich doch wohl in der Lage sein, ihn sprachlich heim ins Reich zu holen. Ins heilige römische. Ich werde mir mit den Händen fest und sicher ein Herz fassen, in meinem Kopf alles hin und her überlegen, metaphorisch so als ob mit den Füßen oberhalb schiefer Hänge Halt finden und mit den Fingern zögernd und zweifelnd meine Tastatur bearbeiten. Wir werden sehen. Mit den Augen.