Archiv für den Monat: April 2013

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Es gab eine Zeit in China, in der war ein winziger Fuß Voraussetzung zur Einstellung als Ehefrau in einem gehobenen Haushalt, oder auch als Unterhaltungskünstlerin in besseren Kreisen. Die Qualifikation für die begehrtesten Jobs war in den letzten Jahrhunderten der Kaiserzeit ein 3cun-Goldlotos und das bedeutet einen Fuß von gerade mal 10cm Länge. Den allerdings die wenigsten erreichten.

Zehen rauf

Dieses doch recht anspruchsvolle Anforderungsprofil bildete sich natürlich erst im Laufe der Jahrhunderte heraus. Auf so etwas kommt man nicht von jetzt auf gleich. Früher arbeiteten bei uns beispielsweise Friseure, Vertreter und Henker nebenbei als Ärzte. Und nun sehe man sich an, was ein Mediziner heute alles vorweisen muss.

In China begann das mit den gebundenen Füßen vor gut 1000 Jahren. Zunächst wurden die Zehen beispielsweise nach oben gebunden. Einige Paar ausgegrabener und nach oben gebogener Schuhe und Socken aus dem 13. Jahrhundert waren etwa 14 cm lang. Mein Zollstock sagt mir, dass meine unbearbeiteten Füße ungefähr 24 cm lang sind. Dafür bin ich vermutlich auch etwas größer und damit großfüßiger als die antike Chinesin. Binde ich meine Zehen senkrecht nach oben, komme ich aber immer noch auf 20 cm und eine stark gedehnte Achillessehne. Die Trägerin soll aber auch noch nicht ausgewachsen gewesen sein.

Rechne ich meine Schuhgröße nach dem Pariser Stich um, dem Fußmaß für kontinentaleuropäische Größen, müssten meine Füße sogar 25 cm lang sein. Ich möchte Messungenauigkeiten nicht ausschließen, aber ich lese auch, dass Deutsche im Schnitt zu große Schuhe tragen. Ich dachte immer, das liegt an der spezifischen Birkenstockform. Soll ich auf Größe 37,5 umschwenken? Die 20 cm mit den Zehen nach oben wären jedenfalls nicht einmal eine 32, aber eben eine mit Luft nach oben.

Zehen runter

Die Zehen wurden als Spielball der Gattinnenscouts also mal hierhin und mal dahin gebunden. Zu anderen Zeiten und an anderen Orten in China ging es nämlich insbesondere um einen schmalen Fuß, so dass Zeigezeh, Mittelzeh, Ringzeh und kleiner Zeh unter den Fuß gebunden wurden.

Für einen 3cun-Lotos ist es natürlich mit dem schlichten Hoch- oder Runterbinden der Zehen nicht getan. Auch wenn beim Zehenunterdenfußbinden schon rein anatomisch eine größere Schrumpfung zu erreichen ist. Da man für eine hübsche Spitze den großen Onkel aber nicht wegbindet, ist der Fuß zwar schmaler, aber in der Länge ist eigentlich nichts gewonnen. Beziehungsweise verloren.

Also musste schließlich, quasi als drittes Staatsexamen, der ganze Fuß umorganisiert werden. Man schiebt ihn durch frühes und festes Binden soweit zusammen, dass eine Art Huf entsteht, bei dem nur die Ferse und die untergebundenen Zehen den Boden berührten, während die ursprüngliche Sohle eine tiefe, steile und enge Falte bildet. Das Brechen der Knochen ist dafür im Übrigen nicht unbedingt notwendig. Wenn man nur früh genug damit anfängt.

Weniger schmerzhaft wird es dadurch aber auch nicht.

Damen aus Kruppstahl

Denkt man an landläufige Tätigkeiten von Füßen, wie laufen, gehen, springen, tanzen oder stehen, werden diese durch das Einbinden -egal in welche Richtung- auf jeden Fall drastisch eingeschränkt. Das Ertragen des Schmerzes absorbiert in großem Maße die Multitaskingfähigkeit der Füße. Aber die war auch nicht der Punkt. Dafür konnte man eine Stellung als Ehefrau in einem angesehenen Haushalt ergattern. Wie heißt es so schön: ein 3cun-Goldlotos ist nicht dafür gedacht, einen Berg zu besteigen, sondern die soziale Leiter.

So unendlich viele Berufsmöglichkeiten gab es für Frauen damals schließlich nicht. Obendrein wurde das Selbstwertgefühl durch eine hingebungsvolle Demonstration von Häuslichkeit und Durchhaltevermögen gestärkt. Es liegt in der Natur des Menschen, eine Aufgabe zu haben und diese möglichst gut zu erfüllen. Und so kultivierten sich die Damen selbst bis ins Mark, wortwörtlich. Hart wie Kruppstahl. Der daraus resultierende schwankende Gang, ach dieser wunderbare Gang: wie eine Weide im Wind. So eine Weide, die kommt ja auch nicht vorwärts und niemand findet das problematisch.

Gleichzeitig waren die Lotosfüße ein Fetisch, ein sexuelles Symbol. Bizarrerweise wuchs der Wert der Frau als ehrbare Gattin genau wie der als Unterhaltungskünstlerin umgekehrt proportional zur Größe der Füße. Nur musste die eine besser nähen und die andere besser dichten können. Henker und Arzt haben eben doch irgendwie die gleichen Grundlagenqualifikation.

Untaugliche Beschwichtigungen

Bei aller Drastik und Schrecklichkeit möchte ich nun diejenigen, die sich beim Anblick dieser winzigen Schuhe für Lotosfüße winden, so gut beruhigen, wie es eben geht. Denn die Größe, bzw die Winzigkeit der Schuhe sagt nur annäherungsweise etwas über die Größe der Füße aus. Zum einen handelte es sich zu den Zeiten der extrem kleinen Füße oft um Highheels und das bedeutet: bei einer Grundfläche von sagen wir 9 cm und einer Höhe von 4 cm beträgt die Sohlenfläche à la Pythagoras immerhin fast 10 cm. Ok, wenn ich auf meine etwa 24 cm großen Füße schaue, tröstet das wenig.

Dann kommt noch der Trick mit der Ferse dazu. Denn diese kann ja durchaus über den Schuhrand hinausschauen. So habe ich beispielsweise in meinem Schrank Stilettos gefunden, die vom Absatz bis zur Spitze 18,5 cm messen. Der Schwund der 6 cm meiner eigentlichen Fußlänge wird einerseits durch die Höhe erzeugt und andererseits dadurch, dass der Absatz nicht unter der hinteren Ferse, sondern in der Mitte der Ferse angebracht ist.

Es gibt ein sehr berührendes Foto einer Chinesin von 1880, die mit einem nackten und einem beschuhten Fuß abgebildet wurde. Der Fuss im Schuh sieht halb so groß aus, wie der Nackte. Aber ich gebe es zu: dieser entblößte Fuß ist dennoch unbeschreiblich verformt. Außerdem lehnten es einige ab, sich auf solchen Budenzauber einzulassen und gingen flach.

Äpfel und Birnen

Frauen mit nicht eingebundenen Füßen waren im Übrigen nicht die Zielscheibe von Hohn und Spott. Denn diese Freifüßigen brauchte es auch, als Bäuerinnen und Tagelöhnerinnen und Dienstmädchen und welche Berufe nicht alle besser zu Fuß sein mussten. Die spielten einfach nicht in der gleichen Liga. Wenn man Äpfel schon nicht mit Birnen vergleicht, ist ein Vergleich zwischen Orchideen und Brennnesseln mehr als absurd.

Auf der anderen Seite standen die Mandschurinnen, die Frauen der herrschenden Klasse der Qing-Dynastie. Auch sie banden die Füße nicht. Im Reflex auf die Fremdherrschaft galt Füßebinden deshalb natürlich als besonders patriotisch. Lästern verbot sich hier aus politischer Klugheit.

Nicht auf all diese zielte also der boshafte Spott, sondern auf die mit schlecht oder/und zu spät gebundenen Füßen. Denen der gebundene Fuß nicht „natürlich“ war und daher plump und groß wurde. Die es nicht drauf hatten. Gewollt aber nicht gekonnt. Parvenues. Lächerliche Gestalten. Ein kleinbürgerlich wirkender Faschismus, der nur deswegen halbwegs nachvollziehbar ist, weil es sich in vielen Fällen bei den Ehefrauen- und Kurtisanenjobs um Zeitarbeitsverhältnisse handelte. Da tritt auch der winzige Fuß nach unten, um oben zu bleiben. Keine Gewerkschaft weit und breit. Amazon und Lidl wirken fast als traumhafte Arbeitgeber.

Bonsai oder Eiche

Als ich mir Kletterschuhe kaufte, bekam ich den Hauch einer Ahnung vom Einsatz der Frauen für Ihren Wert. Mein Fachverkäufer klärte mich darüber auf, dass die Zehen angewinkelt sein müssten und dass es nicht darauf ankäme, dass ich nun nicht mehr laufen könnte, sondern dass ich keinen Krampf bekäme, wenn ich auf einem Vorsprung stünde. Auch ohne Krampf entschied ich mich für eine Nummer größer. Ich will ja nicht zur Wand kriechen. Es ist schmerzhaft genug, obwohl die Schuhe nur etwa 2 cm kleiner sind als meine Füße. Über die Möglichkeit, die Zehen nach unten zu wickeln, wollte ich dann lieber nicht mehr nachdenken, das würde fürs Klettern auch nichts bringen.

Das Schöne ist, dass sich Zehen und Füßen nach dem Ausziehen dieser Foltergeräte wieder erholen und ausbreiten. Da erging es vielen Chinesinnen Anfang des 20.Jahrhunderts anders. Damals wurde der natürliche, der Himmelsfuß propagiert, eine sehr erfreuliche Entwicklung. Allerdings wurde diese Himmelsfüße-Bewegung zur Fußbefreiungsbewegung ausgeweitet. Um den Fortschritt zu preisen und zu beweisen, sollten nun auch seit Jahrzehnten eingewickelte Füße „befreit“ werden. Käfigtür auf, Kanarienvogel raus. Nur gab´s da nüscht mehr zu befreien. Der Vogel hatte keine Flügel mehr. Bänder, Absätze und Schuhe dienten dem fertig deformierten Fuß eher als Halt, als als Beschränkung. Machten wenn nicht lauf- so zumindest wankfähig. Aus einem eleganten Bonsai wird keine stolze Eiche mehr.

Nach all den Schmerzen sprach man den Frauen damals ihren Stolz, ihre Anpassung an den Markt ohne Rücksicht auf die eigenen Verluste auch noch ab. Aus den eleganten, den maximal und in jeder Hinsicht verkultivierten chinesischen Damen wurden aus politischen Gründen plötzlich peinliche Krüppel. Bonsai zu sein wurde moralisch anrüchig. Die abgestorbenen Klumpfüße wurden wieder aufgebrochen. Und die lotosfüßigen Frauen zur Schande Chinas erklärt. Das hatten sie wirklich nicht verdient.

Ab 1911 war das Füßeeinbinden verboten. Aber in diesem großen Land, oh mei. Bis mindestens in die 30er Jahre wurde in entlegeneren Gebieten gebunden. Und die letzte Spezialfabrik für Lotosschuhe schloss demzufolge erst 1988.

Heute ist alles anders

Heute zählen andere Werte. Schön heißt heute, groß und gesund zu sein. Nicht zart und kultiviert. Eine bestimmte Körpergröße ist sogar bei vielen Banken und auch dem Staat Einstellungsvoraussetzung.  Es geht schließlich um Repräsentation. Eine große und starke Nation, braucht große und gesunde Vertreter. Die zahlreichen Klagen dagegen waren bisher nur von geringem Erfolg gekrönt.

Da lässt man sich schon mal die Beine brechen und verlängern. Das erfordert eine erhebliche Schmerztoleranz und vielleicht ein halbes Jahr Bettlägerigkeit, während der der an der Bruchstelle leicht auseinandergehaltene Knochen sich verzweifelt bemüht wieder zusammenzuwachsen und immer wenn er es fast geschafft hat, erneut auseinandergezogen wird. Aber was macht man nicht alles? Der winzige (1,49 m) Deng Xiaoping hätte heute keine Chance mehr.

Mehr Erfolg hatte ein Sturm der Entrüstung gegen das Einstellungserfordernis symmetrischer Brüste bei Staatsbediensteten in Hunan. Die Personalchefs schielen vielleicht immer noch aufs Dekolleté, dürfen damit aber nicht mehr das Schließen oder Ablehnen des Arbeitsvertrages begründen. Immerhin. Ähnlich erfolgreich waren die Verkäuferinnen einer schwedischen Dessouskette, die seit kurzem auch nicht mehr ein Schild mit ihrer Körbchengröße tragen müssen.