Archiv für den Monat: Februar 2013

Was drauf steht

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Im Moment regen sich alle auf, weil etwas anderes drin ist, als draufsteht. Das hat schon Konfuzius genervt. Dabei fängt es ja schon vorher an, nämlich mit dem was draufsteht. Wurscht was drin ist. Schweinswurscht, Pferdewurscht, Weißwurscht, Frankfurter Würstchen, Leberkas. Egal.

Viele Westler fürchten zum Beispiel, auf dem in China gekauften T-Shirt stünde beispielsweise: „Ich bin ein blöder Fettsack.“ Obwohl das vielleicht stimmt. Andererseits gibt es die Befürchtung, dass einem Hund serviert wird, wenn man Schwein bestellt hat. Dabei werden wie bei uns, so auch in China Delikatessen normalerweise nicht durch Deklarierung als normales Essen versteckt. Von Pferdelasagne mal abgesehen. (Ich muss in diesem Zusammenhang gestehen, dass ich als Kind eine Zeit lang glaubte, das Pferd sei der Mann von der Kuh und der Hirsch der vom Reh.)

Aber zurück zur Bezeichnung jenseits des Inhalts, denn auch der erste Fall mit dem beleidigend bedruckten T-Shirt ist denkbar unwahrscheinlich. Der Chinese treibt auf dieser Ebene eher selten sinnlosen Schindluder mit der eigenen Schrift und Sprache. Ob aus Respekt, Faulheit oder Höflichkeit, sei dahingestellt. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass der häufigste Tourist in China selber Chinese ist.

Augen auf bei der Motivwahl

Die Gefahren lauern vielmehr im hiesigen Tattoostudio. Statt „Freundschaft“ steht dann plötzlich „hässlich“ und statt „Schönheit“ „Katastrophe“ auf dem Arm und „Nudel“ statt „Treue“ auf dem Herzen. Das kann schon mal passieren, wenn man sich von einem Analphabeten nadeln lässt. Glücklich der, der sich sein Motiv aus rein ästhetischen Gesichtspunkten von einer Flasche Sojasauce ausgesucht hat. Der wundert sich dann wenigstens nicht, wenn „Glutamat“ seinen Unterschenkel ziert. Abgesehen vom Zeichentohuwabohu ist es eine sonderbare Entscheidung, sich „Schönheit“ auf den Arm schreiben zu lassen. Auch wenn die chinesische Schrift grundsätzlich dekorativer wirkt als beispielswiese Microsoft sans serifs.

Was sagt nun the one and only Konfuzius dazu? Also natürlich nicht zum Tätowieren, sondern zur Bezeichnung, genauer zur Richtigstellung der Begriffe? (Lunyu 13.3) Dabei geht es ihm natürlich um nichts geringeres, als darum, die Regierung eines Landes in Ordnung zu bringen. Drunter macht er´s ja nicht.

Kongzi sagt: „Wenn die Begriffe nicht richtig sind, stimmen die Worte nicht. Stimmen die Worte nicht, kommen die Werke nicht zustande. Kommen die Werke nicht zustande, gedeihen Riten und Musik nicht. Gedeihen Riten und Musik nicht, treffen die Strafen nicht. Treffen die Strafen nicht, weiß das Volk nicht, wohin mit Hand und Fuß. Darum sorge der Edle, dass die Begriffe unbedingt zu Worten werden und die Worte zu Taten.“ Das mit der Musik und dem Ritus ist für uns heute natürlich etwas bizarr, aber ansonsten passt das sehr gut als Appell an unsere ganzen rückhaltlosen Aufklärer.

Zuviel Sonne

Bei der Beurteilung, inwiefern eine Bezeichnung zutrifft, gibt es Grenzfälle und unfreiwillige Wahrheiten. Britney Spears hat sich beispielsweise „sonderbar“ in die Haut gravieren lassen. Das ist inhaltlich nicht völlig abwegig. Ihrer Meinung nach steht da allerdings „geheimnisvoll“. Auch blöd, wenn man es schon draufschreiben muss, weil es sonst niemand merkt.

Eine ganze Reihe besonders misslungener Tattoos trägt auch Sarah Connor zur Schau. Wenn jemand jetzt nicht weiß, wer das ist: nicht so schlimm. Sie singt. Allerdings nicht immer richtig, denn besondere Berühmtheit hat sie mit ihrer Version der deutschen Nationalhymne anlässlich der Eröffnung der Allianzarena in München erreicht, als sie statt „blüh im Glanze…“ „brüh im Lichte…“ sang. Das mit dem Lichte hätte man ihr sicher durchgehen lassen, aber das Brühen? Sie nimmt es halt mit den Begriffen nicht so genau.

Folgerichtig das Tattoo, das sich wie ein Einkaufszettel ihre ganze Wirbelsäule runterzieht. Ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen soll. Vielleicht oben. Im Nacken steht wirklich extrem schlecht geschrieben „Frieden“. Darunter kommt etwas Unleserliches, was wohl Wahrheit heißen soll, aber wenn überhaupt eher „massiv“ oder immerhin „ehrlich“ bedeutet. Eins tiefer steht ein Zeichen, das als „Gott“ gemeint ist, aber eher Geist oder Ahne heißt. Dann kommt ok,ok, so was wie Leben, Liebe, Familie. Ach, jetzt verstehe ich das erst. Es ist kein Einkaufszettel, sondern ein Wunschzettel. Die Musik darf natürlich nicht fehlen, Frau Connor ist immerhin Sängerin. Leider wird dies auf  „Ton“, „Schall“ oder „Nachricht“ reduziert.

Das nächste ist besonders hübsch misslungen. Sonne soll da angeblich stehen, stattdessen bedeutet das Zeichen „zu sehr“. Auch hier fehlt wie bei der Musik das entscheidendere Zeichen. Das ist wie im Deutschen. Es gibt mehrsilbige Worte, deren einer Teil im Kontext ausreicht, nicht so aber der andere. Beispielsweise Fahrrad. Ich kann durchaus sagen: „Ich fahre Rad“ und werde verstanden. Ich muss nicht unbedingt sagen „ich fahre Fahrrad“. Anders sieht es aus, wenn ich sage „ich fahre Fahr.“ Und so ist es im Chinesischen auch mit der Sonne. Darunter folgt noch das Zeichen für Frau. Wie auf einem Kloschild. Passend nähern wir uns dem Steiß und das letzte Zeichen verschwindet barmherzig unter Stoff.

Dämonenvogel

Umgekehrt geht natürlich auch mal was schief und so findet sich in China auch viel Kauderwelsch in lateinischer Schrift. Allerdings ziert das meistens T-Shirts und nicht die Haut. Mein Lieblingssatz ist „Respegt you anvt“. Schön und geheimnisvoll zugleich. Manchmal führt auch die korrekte Aufschrift zu Problemen. Erst diese Woche wurde ein gesuchter Drogensüchtiger in Taiwan verhaftet, weil er ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Wanted“ trug. Das machte einen Polizeibeamten aufmerksam. Er selber wusste gar nicht, was er da anhatte. Es war ein Shirt von seinem Sohn.

Eine andere Variante kurioser Körperaufschriften findet sich beim NBA-Star Shawn Marion, genannt „the Matrix.“ Auf seinem Unterschenkel prangen groß die Worte: Dämon-Vogel-Kampferbaum. Ich habe mich in chinesischen Foren zu dem Thema etwas umgesehen und festgestellt, dass dort vor allem Verwirrung herrscht. „Was will er damit sagen? Was bedeutet das? Hat jemand eine Idee?“ Phonetisch liest der Chinese: Moniaozhang. Was soll das sein? Niemand weiß es. Also wird vorgeschlagen, dass Marion Beine hätte, so fest wie ein Kampferbaum und seine Sprünge einem Dämonenvogel Ehre machen würden. Man möchte ja gerne Sinn in dem entdecken, was man liest. Da schlägt der Geist schon mal eine Kapriole. Respegt you anvt.

Doch dann finde ich einen Eintrag, der das Rätsel löst, oder das zumindest plausibel behauptet. Darin steht, dass dem Tattoo japanische Phonetik zugrunde gelegt wurde. Und ein Japaner würde „Matorikusu“ lesen, also Matrix. Das ergibt Sinn.

Tod und Schicksal

Manchmal vergreift sich aber auch ausgerechnet der für kunstvolle Tätowierungen berühmte Japaner im Text. So habe ich ein Foto eines Japaners gesehen, der sich „Lest in peace“ auf den Arm stechen ließ. Das ist wiederum ein Beispiel für eine mit und ohne Schreibfehler sonderbare Körperaufschrift.

Wer in diesem Bereich positiv auffällt, ist, ich muss es leider sagen, David Beckham. Der ließ uns ja durch seine Unterwäschewerbung an allerhand Körperverzierungen teilhaben. Darunter befindet sich auch eine durchaus ansehnliche Kalligrafie auf seiner linken Rumpfseite. Sie lautet etwa: „Leben und Tod sind Schicksal, Reichtum und Ruhm kommen vom Himmel.“ Inhaltlich kann man natürlich schon meckern. Aber ich habe ja gesagt, ich wollte auf die Beschriftung und nicht auf den Inhalt schauen. Und danach gibt es wirklich wenig Ansatzpunkte für Kritik. Was vielleicht überhaupt eine treffende Aussage zu Mr. Beckham ist.

Gu!

Ganz anders Konfuzius, der sich an anderer Stelle (6.23) als eine Art Anti-Magritte („Das ist keine Pfeife“) nochmal zum Thema äußert und sich dabei fürchterlich aufregt: „Gu nicht Gu? Gu Exklamation Gu Exklamation.“ Das ist so vor allem schlicht unverständlich. Man braucht Interpretationshilfe für diesen Dämonenvogelkampferbaum.

Davon gibt es wie immer viele. Aber die zum Thema passendste, wenn auch äußerst gewagte, klingt zielsprachenfreundlicher formuliert so: „Eine Eckenschale ohne Ecken! Das soll eine Eckenschale sein? Das soll eine Eckenschale sein?“ Dass es sich bei einem sogenannte Gu um eine Schale mit Ecken handeln sollte, würde Konfuzius danach dem Schriftzeichen entnehmen, das das Zeichen für Ecke enthält. Problematisch ist nur, dass gerade archäologische Funde von vor seiner Zeit nur runde „Eckenschalen“ zum Vorschein bringen. Und eckige erst ab der Mingdynastie (1368-1644). Schon damals passte es also nicht. Das Wort zum Ding. Das Pferd zum Rind. Oh tempora, oh mores!