Archiv für den Monat: Januar 2013

Mehr oder weniger

Schlangeklein

Am 10. Februar nimmt das Jahr der Schlange seinen Lauf. Wenn man bei Schlangen von Laufen überhaupt sprechen darf. Das Jahr steht außerdem unter dem Element Wasser. Eine Wasserschlange also.

Schlangen am See

Ich weiß nicht, ob das schon mal jemandem passiert ist, aber wenn man in einem See schwimmt und begegnet dort einer ebenfalls badenden Ringelnatter, fühlt sich das sehr komisch an, so Aug in Aug mit der Schlange. Aber diskret, wie Schlangen nun einmal sind, schwimmen sie eher von einem weg, als auf einen zu.

Vor dem jüdisch-christlichen Hintergrund sind Schlangen ja vor allem des Teufels. Dafür spricht, dass wir bei einem Frühlingsspaziergang ausgerechnet am Hellsee in eine Schlangenorgie gerieten. Die trockenen Blätter auf dem Boden um uns herum bebten vor lauter Geschleiche und Gekrieche darunter, als sich zahllose Ringelnatteriche drei etwa dreimal so großen Nattern näherten und sie umschlichen. Dagegen spricht eigentlich alles andere und insbesondere die Unwahrscheinlichkeit der Existenz des Teufels.

Die Idee mit dem Apfel

Hier im Abendland gibt es Darstellungen von Schlangen von vor dieser ganzen Granatapfelgeschichte, bevor es hieß „auf deinem Bauche sollst du kriechen“ und auf diesen Bildern haben die Schlangen kleine Beinchen. Ein bisschen wie eine Raupe. Man kann sagen, was man will, aber da wird der Fluch zum Segen. Man stelle sich vor, dass Schlangen heute noch wie rheumatische Dackel auf winzigen Beinen herumstolpern. Da hätte die Evolution längst eingegriffen. Das hätten sie außerhalb des Paradieses niemals überlebt.

Auch uns hat der ganze Kehraus sicher nur gut getan. Man stelle sich vor, Adam würde heute noch bräsig und wunschlos auf der Couch bei Papa im Paradies rumhängen. Auch der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo befürwortet den ganzen biblischen Vorgang, aber aus anderen Gründen. Er hat nämlich mal gesagt, dass es deshalb noch keine Demokratie in der VR China gibt, weil dort das Konzept der Erbsünde unbekannt sei. Denn der chinesische Optimismus ließe keine Selbstreflektion aufkommen, was für die Demokratie unabdingbar sei. Auch sonst führe das Konzept der Sünde überhaupt zu Tiefgang und Größe. Das ist natürlich eine interessante, aber vor allem steile These. Dagegen könnte ich jetzt so viel sagen, dass ich gar nicht damit anfangen mag. Ich persönlich halte ja schon deshalb nichts von der Erbsünde, da Sippenhaft ein wirklich überaltertes Konzept und noch dazu bodenlos ungerecht ist.

Schlange und mehr

Das chinesische Verhältnis zu Schlangen ist nebenbei bemerkt auch ambivalent. Weisheit und Hinterlist, Analyse und Unberechenbarkeit etc. pp. Aber eine sehr alte Geschichte (so um 200 vChr) nimmt sich der Sache eher von den Extrimitäten her an und hat sich schließlich zu einem Sprichwort verdichtet. Wörtlich übersetzt heißt es: „eine Schlange malen und Füße hinzufügen“. Die Geschichte geht so: „In Chu gab es einen Pilger, der schenkte seinen Bediensteten einen Pokal voll Schnaps. Die Bediensteten sagten zueinander: ‚Wenn mehrere davon trinken, dann reicht es nicht. Für einen allein wäre es genug. Lasst uns eine Schlange auf den Boden malen. Derjenige, der zuerst fertig ist, der kann den Alkohol trinken. ‚   Einer hatte die Schlange zuerst fertig und griff nach dem Schnaps. Mit der linkend Hand den Pokal haltend und mit rechts die Schlange malend, sagte er: ‚Ich kann ihr noch Füße machen.‘ Damit war er noch nicht fertig, als ein anderer sein Schlangenbild fertigstellte. Dieser nahm ihm den Pokal weg und sagte: ‚Schlangen haben auf keinen Fall Füße, wie kannst du ihr Füße malen?‘ Dann trank er den Schnaps. Derjenige, der die Schlange zuerst fertig gemalt hatte, verlor so schließlich den Schnaps.“

Die Moral dieser sehr schönen Geschichte, reicht von „mehr ist nicht besser“, „wie gewonnen so zerronnen“ zu „man muss wissen, wann Schluss ist“. Benutzt wird das Sprichwort, um eine ganz und gar überflüssige Tätigkeit zu beschreiben. Tatsächlich sind die Beine nicht nur überflüssig, sondern kontraproduktiv. Der Mann hat praktisch eine Eidechse gemalt. Und weil er kein Christ war, was er genaugenommen 200 vChr auch noch gar nicht sein konnte, und vermutlich auch kein Jude, konnte er sich auch nicht auf irgendwelche paradiesische Schlangen herausreden.

Weniger ist weniger

Mich erinnert die Geschichte an meinen Kunstunterricht in der Schule. Mit verhaltenem Stolz gehe ich mit meinem Bild vor zur Lehrerin oder dem Lehrer. Und der oder die sagt: „sehr schön! Jetzt mal es mal fertig.“ Ein Satz der sich von der Grundschule bis zum Kunst-LK fortsetzte und mich in künstlerische Verzweiflung stürzte. Das Bild war doch bereits fertig! Und ich wollte keine Beine dazumalen. Als ich Jahrzehnte später auf die Tuschmalerei stieß: was für eine Erleichterung! Weglassen nach Herzenslust! (Und jetzt darf ich meine Schüler_innen am Füße hinzufügen hindern.)

Aber zurück zur Geschichte. Das eigentlich bizarre ist die Motivwahl. Eine Schlange? Wie lange kann man brauchen, um um die Wette eine Schlange zu malen? Für die oben habe ich den Pinsel bloß dreimal angesetzt, Zeitbedarf also ein Handumdrehen. Na gut, dreimal Handumdrehen. Hand aufs Herz, die Zeit reicht doch nicht wirklich, um dazwischen auch noch einen Dialog zu führen. Vor dieser Schlange hatte ich schon sieben andere gemalt, da kommt natürlich schon Zeit zusammen. Da kann man über Gott, die Welt und den Schnaps ins Plaudern kommen. Aber die Männer haben ja nicht vereinbart, dass die schönste Schlange den Zuschlag bekommt, sondern die Schnellste. (da scheidet die raupige mit den Beinen sowieso aus.) Man zeichnet eine Wellenlinie in den Staub mit einem dickeren Ende: et voilà! Vielleicht noch eine gespaltene Zunge, aber sonst? Also was malen die da? Warum dauert das so lange? Warum malen sie nicht ein Pferd? Ich weiß es nicht.

Nochmal Schlangen am See

Auch an anderer Stelle gibt es eine sehr hübsche abendländisch-chinesische Verknüpfung. So gehört bei uns auf ein Apothekenschild eine Schlange, die sich um einen Trinkbecher windet. Das passt wiederum gut zu der chinesischen Geschichte der weißen Schlange, die in Hangzhou am wunderschönen Westsee ausgerechnet mit einem Apotheker verheiratet war. Aber diese Geschichte habe ich an anderer Stelle schon ausführlich erzählt. Zusammenfassend sind beides Geschichten, bei denen das Gute an die Grenzen der Angemessenheit stößt. Letztlich geht es um Kompetenzstreitigkeiten à la jedem das seine und alle auf ihren Platz. Äskulap, zu dem diese Apothekenschlange gehört, erweckte mit dem Blut der schlangenhaarigen Medusa einen Toten zum Leben und wurde dafür postwendend von Zeus erschlagen. Die weiße Schlange wiederum büßte den schlichten Frevel, sich mit einem Menschen zu verheiraten mit Dauerkerker unter einer Pagode.

Aussichten

Aber was bringt uns nun das Jahr der Wasserschlange? Auf einschlägigen Internetseiten lese ich, dass es ein Jahr des Abwartens, der Analyse, der Häutung werden soll. Überblick, Reflektion und solche Dinge. Besonders Intellektuelle sollen im Jahr der Schlange ihre große Stunde haben. Aber auch Geld soll man gut mit der strukturierten, logischen Schlange verdienen können, wenn auch nicht durch Glücksspiel und Spekulation. Da auch blitzschnelles Zuschlagen zur Schlange gehört, sagt ein wenig optimistischer Wahrsager gewaltige Sonnenstürme voraus, die nunmehr wirklich alle Computer abstürzen lassen und die Welt ins Chaos stürzen. Garniert würde das Ganze mit Riesentsunamis. Dem hat wohl der ausgebliebene Weltuntergang im letzten Jahr die Stimmung verhagelt.

Wir hier in Berlin glauben ohnehin nicht mehr so recht an die Fähigkeiten der Schlange, denn sowohl Platzeck, als auch Wowereit sind Wasserschlangenjahrgeborene. (Ramsauer nur um ein paar Tage nicht.) Und was immer die Schlange mit ihrer Weitsicht, Strukturiertheit und Analysefähigkeit kann: den Bau eines Flughafens zu beaufsichtigen, gehört ganz offensichtlich nicht dazu.

Andere Wasserschlangen sind übrigens Walter Ulbricht und Mao Zedong. Aber ich möchte jetzt nicht weiter von in den Sand gesetzten Großprojekten sprechen. Wir werden sehen, wie das beim zukünftigen Präsident der VR China Xi Jinping aussieht, denn auch der ist eine Wasserschlange. Zu tun hätte er ja genug.