Archiv für den Monat: Dezember 2012

Ohne Worte

weiesBlattklein

Auf der letzten Chinareise haben wir in der Nähe von Xi´an auch das Grab von Wu Zetian besucht, der einzigen Kaiserin, die China je hatte. (Ich werde ihre Geschichte jetzt nicht erzählen, das führt zu weit. Aber wen es interessiert: man kann über sie wirklich viel Interessantes lesen, unter anderem -Achtung Werbung!- auch in meinem Buch). Dieses Grab ist jedenfalls nicht nur das Grab der einzigen Kaiserin, sondern obendrein das einzige Kaisergrab in China, das zwei Kaiser enthält, denn ihr Gatte und Vorgänger Gaozong liegt auch da drin. Zusätzlich ist dieses Grab das einzige Kaisergrab aus der Tangdynastie, das nicht geplündert wurde. Und noch nicht geöffnet. Wie man das allerdings weiß, wenn man es noch nicht geöffnet hat, weiß ich auch nicht. So oder so ist es ein Grab der Superlative.

Die Stele ohne Worte

Wir bestiegen den großen Nordgipfel dieser pyramidalen Anlage allerdings nicht von unten, wie es sich eigentlich gehört. Näherten uns nicht demütig von den Niederungen an, schritten nicht durch das Tal der zwei sogenannten Nippelberge, sondern betraten den zentralen Nordgipfel von der Seite, hinter dem ursprünglichen Zugang, durch einen neuen, aber nun kostenpflichtigen Eingang. Um den Touristen den beschwerlichen und demütigen Aufstieg zu ersparen wurde der Parkplatz einfach an die Bergflanke geklatscht. Doch ein bisschen zu steigen blieb uns trotzdem noch auf dem Seelenweg, an geflügelten Pferden aus Stein vorbei, an steinernen Straußen und ausländischen, kopflosen Offizieren, natürlich auch aus Stein.

Und dort steht auch die berühmte Stele ohne Worte, die für Kaiserin Wu aufgestellt wurde. Die Stele für ihren Gatten Gaozong gegenüber hatte sie damals mit 8000 Zeichen beschriften lassen. Die sind heute allerdings so verwittert, dass man sie auch nicht mehr lesen kann. Immerhin ist das ganze gut 1200 Jahre her. Gleichzeitig finden sich auf der Stele ohne Worte paradoxerweise trotzdem Worte. Denn es war nur eine Frage der Zeit. Die schreib- und literaturwütigen Chinesen konnten diese Leere nicht auf Dauer ertragen. Das ist wie bei Sprayern, die auch nicht unendlich an einer leeren, frisch geweißelten Wand vorüber gehen können. Ab der Songzeit wurde also so dies und das reingraviert, was mittlerweile natürlich auch kaum mehr lesbar ist. Früher oder später ist einfach jede Stele eine ohne Worte.

Wortloser Schriftsteller

Mit dem neuen Literaturnobelpreisträger ist das ganz ähnlich. Sein Pinselname Mo Yan heißt übersetzt „sprich nicht“. Was eine kluge Devise war für ein Kind, das zur Zeit der Kulturrevolution aufwuchs. Und was macht der Mann jetzt seit Jahrzehnten? Er schreibt. Worte. Wort um Wort um Wort. Er kann offenbar gar nicht an sich halten.

Das ist jetzt natürlich blöd für die chinesische Regierung. Vor zwei Jahren haben sie das Nobelkomitee gedisst, weil es Liu Xiaobo zum Friedensnobelpreisträger gemacht hat. Jetzt können sie ja schlecht die diesjährige Entscheidung groß feiern. Obwohl Mo Yan Parteimitglied ist und Mitglied des Schriftstellerverbandes, was auch nicht jeder Poet einfach werden kann. Mitglied des Schriftstellerverbandes zu sein bedeutet eine Wohnung, soziale Absicherung und ein Gehalt. Seine Worte setzt der Wortlose also auf Staatskosten. Vielleicht liegt es auch daran, dass Mo Yan seinem Namen doch noch alle Ehre macht. Denn nun sagt er irgendwie doch nichts. Viel Kritik an der Gesellschaft, aber keine an der Partei. Nichts gegen die Zensur. Nichts für Liu Xiaobo. Oder andere. Da streiten jetzt alle drüber. Grenzen weitstecken oder übertreten? Was ist politisch und was privat? Was muss, kann und darf die Literatur? Und ich denke: einerseits und andererseits.

Falls jemand von Mo Yan noch nichts gelesen und selbst den Film „Das rote Kornfeld“, der auf der Grundlage eines Buches von Mo Yan gedreht wurde, nicht gesehen hat: er schreibt in etwa so wie die Bilder von Hieronymus Bosch aussehen. Derb, süffig, grausam, bizarr, schenkelklopfend. Dass er ein großer Autor ist, wird kaum bestritten. Aber genug von Mo Yan.

Wahre Worte?

Zurück zum Grab. Ich lese gerade ein Buch, das mit deutschem Titel „Der Aufstand der Zauberer“ im chinesischen Original aber „Bericht über die Niederschlagung der Zauberer“ heißt. Typisch. „Der Herr der Ringe“ würde auf chinesisch sicher auch „Bericht über die Bezwingung des Herrn der Ringe“ lauten. Vielleicht aber auch nur „Die Reise nach Osten“. Und Schneewittchen „Bericht über die Niederschlagung der Zauberin“. Wie dem auch sei. Als Urheber des Buches gelten Luo Guanzhong (14. Jhdt) und Feng Menglong (um 1600). Ich bin sehr froh, dass Herr Feng den Stoff noch einmal überarbeitet hat, denn das dürfte ihn um einiges lebhafter gemacht haben. Herr Luo schreibt nämlich ziemlich trocken. Mittlerweile bin ich auf Seite 400 von gut 600 und von einem Aufstand fehlt noch jede Spur, aber gezaubert wird, dass sich die Balken biegen.

In diesem Buch trifft ziemlich am Anfang eine in eine alte Frau verwandelte uralte Füchsin auf die Kaiserin Wu. Die Kaiserin war damals natürlich auch schon lange tot († 705), deshalb fand die Begegnung praktischerweise in ihrem Grab statt. Der genaue Inhalt dieses schier unglaublichen Treffens ist im Einzelnen hier nicht von Bedeutung, aber ich war irritiert. Wu erschien zu diesem Treffen nämlich deswegen völlig ungeschmückt, weil ihr Grab geplündert worden sei. Wer hat jetzt Recht? Die heutigen Archäologen oder die Herren Romanciers Luo und Feng? Für Luo und Feng spricht die Detailfülle. Für die Archäologen spricht, dass in dem Buch Gaozong gar nicht erwähnt wird, der in dem Grab ja auch noch herumwest. Dass die beiden aber im gleichen Grab herumliegen ist gesichert. Immerhin stehen ja auch die beiden Stelen, die stumme und die geschwätzige davor. Auf Romanautoren kann man sich einfach nicht verlassen. Das bedeutet dann allerdings, dass auch sonst Zweifel an der Zuverlässigkeit des Berichtes angebracht sind. Vielleicht gab es gar keinen Mönch, der aus einem Ei geschlüpft ist und womöglich gibt es auch keinen zusammenfaltbaren Nebel. Das wäre irgendwie auch schade.

Wenn nun aber die heutigen Fachleute Recht haben und das Grab ist bis heute ungestört, was befindet sich darin? Abgesehen von dem Schmuck, auf den Wu laut Herrn Feng so schmerzhaft verzichten musste. Genau weiß man es natürlich nicht. Als Zeitzeugen kämen allenfalls noch uralte Füchsinnen oder Unsterbliche in Betracht. Es gibt aber eine Vermutung, oder besser ein Gerücht, eine zusammenfaltbare Nebelschwade über einem wahrhaft großen Schatz: Worte soll das Grab enthalten. Überraschung!

Wertvolle Worte

Aber natürlich nicht irgendwelche beliebigen Worte. Sondern die Originalkalligrafie „Vorwort zur Zusammenkunft am Orchideen-Pavillon“ von Wang Xizhi. Diese Zusammenkunft fand im Jahre 353 statt und artete in ein veritables Besäufnis aus. Vor wem der ins Wasser gesetzte Weinbecher anhielt, der musste dichten. Und trinken sowieso. Trinken geht natürlich länger als dichten und so waren die meisten zum Dichten irgendwann viel zu blau. Der Sohn von Wang gelang es immerhin noch, seinen Namen zu schreiben. Hörthört. Wang Xizhi selbst schaffte noch ganze 324 Schriftzeichen. Ausgerechnet dieser Text galt ihm selbst als die beste Kalligrafie, die er je geschrieben hatte. Und Wang war ein ohnehin legendärer Kalligraf, ein Kalligrafiegott sozusagen. Von dem Vorwort gibt es Kopien, darauf aufbauend Gravuren, Mousepads und T-Shirts. Aber das Original, eine der berühmtesten Kalligrafien Chinas, ist verschollen.

Inhaltlich geht es in dem Vorwort zunächst über das berauschende Zusammentreffen. Dann macht sich Herr Wang so seine Gedanken über Gut und Böse, das Leben und den Tod. Er gipfelt darin, dass er sich fragt, was sich wohl spätere Leser denken werden, wenn sie das lesen und ob es sie auch so berührt, wie ihn Schriften aus alter Zeit. Typischer Sufftiefsinn.

Dieses Werk soll also in dem Grab sein. Sagen die einen. Die anderen meinen, es läge beim Ex, bei Taizong, also dem Vater von Frau Wu´s späterem Gatten. Der hätte die Kalligrafie nämlich mal einem Mönch abgeluchst. Das wäre natürlich ärgerlich, denn dessen Grab wurde schon vor vielen vielen Jahren geplündert. Vielleicht wird man auch nach Öffnung sämtlicher Tanggräber nicht wissen, wo das Stück hingekommen ist, immerhin handelt es sich um leicht verderbliche Ware und ein Grab bietet nicht unbedingt die besten, konservierenden Bedingungen. Auch wenn sich dieses sensationelle Kunstwerk in dem Doppelgrab befindet und dieses irgendwann geöffnet wird: vielleicht sind die Worte nicht mehr leserlich, vielleicht ist der Schreibgrund zerfallen, vielleicht ist nichts mehr davon da.