Archiv für den Monat: November 2012

Brezlbude

brezelklein

Hurra! Es ist vollbracht! China hat gewählt! Es gibt ein neues Zentralkomitee! 205 Delegierte standen zur Wahl und, oh Wunder, es gab genau 205 Plätze im ZK zu besetzen! Es ist doch herrlich, wenn das Leben so rund läuft! Wenn man eine Brezel kaufen will, die 0,65 € kostet und man hat genau 65ct in der Tasche! Das gibt einem das Gefühl, der Brezelkauf sei von ganz oben abgesegnet, von Gott, dem Karma, dem Vorsitzenden Mao, Allah, dem Jadekaiser, egal. Dabei können sich die 65 ct durchaus unterschiedlich zusammensetzen. Es könnte ein 50ct-Stück sein und drei 5ct-Stücke, oder sechs 10ct-Stücke und zwei 2ct-Stücke und noch ein einzelner Cent oder drei 20ct-Münzen und ein Sechser oder oder oder. Es gibt so viele Möglichkeiten und Variationen mit dem immer gleich wunderbaren Ergebnis! So muss es den Delegierten gegangen sein! Wunderbar! Keiner zu viel, niemand zu wenig! Nirgends auch nur der Hauch einer 13. Fee, die später womöglich Ärger machen könnte! Nur eitel Sonnenschein und rote Krawatten.

Ein Abgeordneter lobte denn auch die Wahl als vollkommen demokratisch. Im Nebensatz räumte er ein gewisses Maß an Unausweichlichkeit ein. Aber so ist es eben, wenn Zahnradzahn in Zahnradnut trifft, und Zahnradnut auf Zahnradzahn, wenn alles rundläuft, wenn sich das Schicksal zum Karma gesellt, wenn Mariamuttergottes, Spiderman und Krischna zusammen in der Suppe rühren, wenn abstrakte Algebra sich manifestiert. Denn dann, ja dann, wird die Demokratie unausweichlich!

Der Prinzling

Xi Jinping heißt also der Neue, den die vereinten Kräfte von Karma, Unausweichlichkeit und Demokratie nach oben gespült haben.

Volksnah gibt er sich. Volksnah ja, aber nicht liberal. Wie zum Beispiel FJ Strauss, die deutsche Eiche (wie ihn unser Papst nannte, als er noch Ratzinger hieß), der ja auch ziemlich volksnah, aber wenig liberal war. Und obwohl Xi weder Metzgersohn oder Brezelverkäufer ist, sondern ein Prinzling, also ein Sohn hoher Kader, soll er volksnah sein. Wir werden sehen, was das bedeutet.

Positiv ist jedenfalls festzustellen, dass die Aussprachekompetenz der deutschen Medien in Bezug auf chinesische Namen in den letzten Jahren erheblich zugenommen hat! Hut ab! Und das, obwohl Hu Jintao (who?), doch leichter auszusprechen ist, als Xi Jinping. In den englischprachigen Ländern macht man sich Gedanken über die Verwechslung zwischen „she“ und „xi“ („Angela Merkel met with the Chinese president last Thursday. She/Xi said that the talks were successful, but She´s/Xi’s not that easy to gauge“), aber das kann uns ja wurscht sein. Und mit ein bisschen Übung werden die englischen Sprecher auch noch den Unterschied zwischen sh und x hinbekommen.

Die Soldatin der Kunst

Eigentlich möchte ich aber auf etwas ganz anderes raus, nämlich auf die First Lady. Xi Jinping ist schließlich mit Peng Liyuan verheiratet, einer bekannten Volksmusikantin im Rang einer Generalmajorin und brodelnder Landesliebe in Herz und Stimme. Eine Mischung aus Dolly Parton und Donald Rumsfeld. Aus Joachim Sauer und Florian Silbereisen. Eine Soldatin der Kunst. Die Carla Bruni Chinas.

Vor kurzem hieß es noch: ach, Xi Jinping, ist das nicht der Mann von Peng Liyuan? Doch mit der Wahl ihres Gatten und seinem erwartenden Aufstieg zum Staatschef wird damit endgültig Schluss sein. Zumindest der Silbereisen-Teil wird wohl auf Nimmerwiedersehen in der Versenkung verschwinden. Für die Musik ist das vielleicht nicht der ganz große Verlust, wenn man kein ausgemachter Fan von „Die Partei-liebt-Dich-Schnulzen“ oder „Ach-wir-Tibeter- sind-so-dankbar-dass-uns-die-Volksbefreiungsarmee-beim-Wäsche-waschen-hilft-Lieder“ ist, aber so ein bisschen Blingbling am Rande des Politbüros, wäre das nichts? Wenigstens mal etwas anderes? (Die sieben neuen Herren des Ständigen Ausschusses des Politbüros präsentierten sich vom Scheitel bis zur Sohle identisch und nur einer hatte die Chuzpe, statt einer roten Krawatte eine blaue zu tragen. Huuuu.) In dem Umfeld ist man ja schon mit wenig zufrieden.

Die Schuldfrage

Denn weil es sich leichter lebt, wenn jemand den Sündenbock macht, so etwas schief läuft, haben sich die Chinesen mit sich selbst schon vor Jahrtausenden darauf geeinigt, dass in diesem Fall immer die Frauen Schuld sind. Eine klare Ansage, da kann man nichts sagen. Insbesondere kann man da als Frau in der Politik nicht sagen: huch, das wusste ich ja gar nicht!

Für eines der wirklich zahlreichen Beispiele gehe ich mal knapp 3000 Jahre zurück und erzähle von Bao Si. Ihren Rufnamen weiß man nicht oder nicht mehr. (Bao bezieht sich auf die örtliche, Si auf die familiäre Herkunft.) Was man aber ganz genau weiß, ist, dass sie wahnsinnig schön war. Auch weiß man, dass sie dem Zhou-König You als Tributgeschenk überreicht wurde. (Von der aktuellen First Lady kennt man zwar den Rufnamen, der bedeutet allerdings auch nichts anderes als „wunderschöne Frau“. Trotzdem war sie kein Tributgeschenk, sondern Xi und Peng verfolgten beide nach der einvernehmlichen Hochzeit ihre jeweiligen Karrieren. Es geht voran.)

Die Herkunft von Bao Si ist trotz der aus dem Namen ersichtlichen Angaben ziemlich nebulös, denn sie wurde adoptiert: ihre biologische Mutter soll ein Sklavenmädchen von zunächst sieben Jahren gewesen sein. Als Erzeuger wiederum gilt eine schwarze Eidechse, die sich aus der Spucke zweier Drachen gebildet hatte, die jahrhundertelang in einer Schachtel gärte. Die Jungfrau sah das Tier et voilà. Wobei „et voilà“ eine Zeitspanne von 8 Jahren umfasst, denn so lange soll die Jungfrau mit dem Anblick der Eidechse schwanger gegangen sein. Man kann es ihr wirklich nicht übel nehmen, dass sie das Kind nicht aufziehen wollte, sondern weggab, und von den Si in Bao aufgezogen wurde.

Das renitente Geschenk

Nachdem jene Bao Si schließlich König You geschenkt worden war, zeigte sich ein Problem.  Sie lächelte nie. Man kennt das Problem, wenn goldene Singvögel einfach nicht singen wollen. Und Prinzessinnen nicht lächeln. Das sind Depressionen, die ganze Länder verdunkeln. Es war nun auch kein Internetkauf, den man binnen zwei Wochen rückabwickeln kann. Sondern ein geschenkter Gaul, dem man nicht ins Maul schaut. Wie auch, wenn der Gaul das Maul nie aufmacht? König You war jedenfalls verzweifelt. Er hatte immerhin seine Königin für sie abgesetzt. Bao Si hatte sich mit einem Sohn revanchiert, aber das war offenbar nicht genug. Der König entwickelte so eine märchenhafte Monarchenobsession. Als könne er nicht mehr leben, wenn sie nicht die Mundwinkel verzieht.

Dabei gibt es wirklich keinen Grund, als Tochter von uralter Drachenspucke und Sklavenkind übermäßig höflich zu sein. Der Vater verschwindet direkt nach der Zeugung, die Mutter setzt sie nach der Geburt aus, die Leute, die sie aufziehen verschenken sie. Dazu eine Schönheit, die Gänse vom Himmel fallen lässt, die also unauffälliges Duchrrutschen verunmöglicht. Dass da der Humor auf der Strecke bleibt, oder eine etwas boshafte Note erhält ist zwar nicht schön, aber eine vergleichsweise milde Reaktion.

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht…

König You, der offenbar kein sonderlich guter Witzeerzähler war, ließ schließlich in den Li-Bergen bei Xi´an ein Signalfeuer entzünden, um seine miesepetrige Dame zu unterhalten. Die sprunghaft aufflammenden Signalfeuer über hunderte von sichtverbundenen Signalfeuertürmen verkürzten zwar nicht das lange Gesicht der Bao Si, postulierten aber den Bündnisfall und riefen Heerführer aus dem ganzen Land auf den Plan. Als all die Recken dann hektisch eintrafen, nicht wussten wo der Feind nun steht und Chaos verbreiteten, da hat sie dann gelächelt, die schöne Bao Si.

Man weiß, was jetzt kommt. You wurde daraufhin tatsächlich angegriffen (nämlich von Seiten des Clans der wegen Bao Si abgesetzten Königin), die Signalfeuer wurden entzündet, aber niemand kam. So einen Unfug würden sich die Heerführer nicht noch einmal bieten lassen! Ha! Sie machen sich doch nicht nochmal zum Affen! Vielleicht hat Bao Si in dem nun entstehenden Kriegschaos wieder gelächelt. Wenn auch nur kurz. You, den alten Sack, war sie zwar los, aber als Beute der Invasoren hätte sie sicher gar nichts mehr zu lachen gehabt. Sie nahm den Notausgang und hängte sich auf.

Das Ganze soll dann erheblich zum Untergang der Zhou-Dynastie beigetragen, ihn wenn nicht sogar hervorgerufen haben. Weil das Mädel nicht lächeln wollte? Hallo? So eine winzigkleine Individualitätsbehauptung führte zum Zusammenbruch einer Epoche? (Ich mache mir Sorgen wegen der blauen Krawatte im Politbüro.) Hat denn nicht eher die Du-musst-aber-lächeln-und-mit-mir-glücklich-sein-Besessenheit des Königs zu dieser Situation geführt? Hätte er sie halt ohne Lächeln schön sein lassen, wäre doch alles gut gewesen. Aber nein. Er musste unbedingt den roten Knopf drücken.

Abgesehen davon: Hat man denn Hu Jintao schon mal lächeln sehen? Na, nu haben wir ja den Lächler Xi. Wie gesagt: es geht voran.

Was bleibt

Doch die Chinesen glauben in offenbar historischen Ausmaßen, dass sie ein Problem mit Frauen von mächtigen Männern haben. (Von mächtigen Frauen mal ganz abgesehen.) Da kann ich noch viele Blogeinträge daraus stricken. Die letzte Verheererin war Jiang Qing, die vierte Ehefrau von Mao Zedong. Und eigentlich alleine Schuld an allem. Denn wenn der Führer nur selber gewusst hätte, was in der Kulturrevolution passierte… Nie hätte er das zugelassen. Nie.

Trotz all dieser gut begründeten Vorbehalte gegen Frauen ganz generell, sind nun einzigartigerweise und erstmalig auch zwei Frauen im 25köpfigen Politbüro vertreten, was die theoretische Möglichkeit beinhaltet, dass 2017 eine Frau in den ständigen Ausschuss gewählt wird. Mit noch offener Schlipsfarbe. Ich würde sagen, es geht sogar mit Riesenschritten voran. Oder die VR China ihrem Ende entgegen.

Jiang Qing wurde übrigens 1976 -mit wirklich gutem Grund, da gibt es nun wirklich nichts zu beschönigen- zu lebenslanger Haft verurteilt. Aus gesundheitlichen Gründen wurde sie 15 Jahre später entlassen. Nur wenige Tage später wählte auch sie den Notausgang, so heißt es zumindest. Um nicht auch irgendwann so zu enden, wird die musizierende Majorin Peng vermutlich still und leise in den Kulissen verschwinden und den Tibetern beim Wäsche waschen helfen. Oder Brezeln verkaufen. Immer knusprig, immer frisch.