Archiv für den Monat: Oktober 2012

Die süßesten Früchte

persimoneklein

Die Gruppe

Es war mal wieder so weit. Meine jährliche Chinareise mit dem besten Reiseleiter der Welt stand an. Diesmal gab es hochstudierte Historiker zu bespaßen. Denn diese entschieden sich -auch wegen gewisser verwandschaftlicher Bezüge des Professors G zum besten Reiseleiter der Welt (Mann der Schwester der Mutter)- ihre Exkursion heuer ins Land der Mitte zu unternehmen. Und wie das mit Akademikern so ist: allein das Einsammeln der Gruppe dauerte etwa 4 Tage.

Zhou-Dynastie

Thematisch angebracht arbeiteten wir uns langsam durch die Dynastien, mit einem kleinen Akzent auf den damaligen Hauptstädten. Höchst spekulativ fuhren wir dementsprechend zu den Relikten von Fenghao in der Nähe von Xi´an. Kein normaler Mensch fährt da hin. Und es war auch nicht gar so leicht. Die eine Straße war blockiert durch einen Erdhügel, auf den unser Bus auf jeden Fall aufgesetzt hätte. Die zweite Zufahrt war durch taktisch eingegossene Betonwürfel versperrt und das ganze spielte sich völlig in der Pampa ab. Der Grund für diese Straßensperren erschloss sich uns nicht. Das Gute daran war aber, dass unser Rangiere und Überlege die örtliche Dorfbevölkerung auf den Plan rief, die unseren Busfahrer mit Tipps versorgte und der Bus nach einem komplizierten Rangieren auf Feldwegen tatsächlich weiterfahren konnte. Zu einem Ort, dessen Wichtigkeit höchst umstritten ist. War es eine Hauptstadt der Zhou oder nur ein vorübergehendes Heerlager? Wer will das bei Frühgeschichte wirklich wissen können?

Zu sehen gab es jedenfalls zunächst ein verschlossenes Museum. Doch die Ankunft von 16 Westlern konnte nicht lange ohne Reaktion bleiben und uns wurde aufgetan. Drinnen gab es eine Grube und in der lagen zwei versteinerte Pferdewagen nebst Pferden. Ein Zweispänner und ein Vierspänner. Vor tausenden von Jahren wurden sie begraben. Und nun zur Schau gestellt. Das fühlt sich falsch an, aber sehen will man es dann doch. Obszön und faszinierend zugleich.

Qin Shi Huangdi

Die nachfolgende Qin-Dynastie ließ sich da leichter verorten. Ich sage nur: Terrakottaarmee. Und man kommt nicht umhin festzustellen, dass der berühmte und berüchtigte erste chinesische Kaiser Qin Shi Huangdi, dieser Despot, der Bücher verbrannte und Gelehrte lebendig begraben ließ (man sieht schon, inwiefern er Mao als Vorbild diente), der schon im Teenageralter mit dem Bau seiner auf 56 km² ausgedehnten Grabanlage begonnen hatte, dass der zu seinem Schutz nur noch Pferdenachbildungen vergraben ließ und keine echten Pferde mehr. Das ist soweit doch immerhin eine erfreuliche Kulturleistung. Aber lebensgroß, das mussten sie natürlich schon sein.

Allerdings wurde sein Grab selber noch nicht geöffnet. Man soll also den Kaiser nicht vor der Exhumierung loben. Der Hügel erhebt sich pyramidal aus der flachen Landschaft und der zentrale Teil soll angeblich nie geplündert und noch nie geöffnet worden sein. Von unterirdischen Quecksilberflüssen mit Goldenten munkelt der berühmteste Historiker Chinas, Sima Qian (ca. 100 vChr), von Edelsteinen als Sternen und Zugängen gepflastert mit Selbstschussanlagen. Also von Quecksilberflüssen und Edelsteinsternen schreibt er. Woher das mit den Goldenten und Selbstschussanlagen stammt, weiß ich jetzt auch nicht. Vielleicht aus einem Indiana Jones Drehbuch.

Doch meine ganze Neugier nützt nichts. Sie machen das Ding einfach nicht auf. Entweder weil drumrum noch so viel anderes auszubuddeln und zu restaurieren ist. Oder weil man auf bessere Erhaltungsmöglichkeiten nach noch mehr technischer Entwicklung hofft. (Die Terrakottaarmee verlor im Nullkommanichts ihre Farbe, als sie ausgebuddelt wurde. Ein Problem, dass erst 2004 mit bayerischer Hilfe gelöst wurde.) Vielleicht aber auch, weil man sich irgendwie Sorgen macht, was passiert, wenn die Reichsleiche ausgebuddelt wird, wie unbeliebt sie auch immer gewesen sein mag. Vielleicht sollte man zuvor mal testen, wie sich die Dinge entwickeln, wenn man Maos Leichnam aus seinem Maosoleum entfernt und das Ding abreißt.

Das Obst

Unser persönlicher Kaiser, Professor G, verlangte von uns erfreulicherweise weder den Bau einer großen Mauer, ließ Bücher aller Art gelten und an ein Mausoleum wurde nicht einmal gedacht. So weit so gut. Doch als wir in einer ziemlich spekulativen Nachbildung des mutmaßlichen Palastes von Qin Shi Huangdi (bürgerlich hieß er übrigens Ying Zheng) waren, gelüstete es ihn nach einer Persimone. Die Bäume standen voll damit. Wie Obst es üblicherweise so macht, wuchsen die Früchte auch hier zu hoch. Runterwerfen, das war die nahe liegende Idee. M nahm also einen Ast und warf. Dabei stellte sich heraus, dass M zwar stark, das Holz aber schwach war und so schob sich ein Teil des Astes mit ganzem Wurfschwung in die Hand von M. Zunächst versuchte unsere glücklicherweise mitreisende Ärztin A per Taschenmesser das Holz aus der Hand zu entfernen. Kaum jemand merkte, dass wir es mit einem veritablen Vorgang zu tun hatten, denn M verzog kaum eine Miene. So ganz ohne Desinfektionsmittel waren der OP trotzdem schnell Grenzen gesetzt. M war offenbar noch wurfgewaltiger als gedacht und das Holz sehr tief in seiner Hand verschwunden.  Es blieb uns also nichts anderes übrig und wir brachen den historischen Teil des Tages ab, und besichtigten stattdessen ein Krankenhaus. Wir, das waren Ärztin A, um nach dem Rechten zu sehen, ich zwecks Dolmetschung, J als Beziehung und natürlich M als Patient. Ohne ihn hätte es ja kaum Sinn gemacht.

Krankenhaus

Gleich zu Anfang liefen wir in die Arme einer barmherzigen Schwester, die uns unermüdlich durch die komplexen Strukturen des Krankenhauses begleiten sollte. Erst mussten wir zur Kasse und eine Anmeldegebühr bezahlen. Dann gingen wir zu einem Büro, in dem die Zuständigkeit für dieses spezielle Problem geklärt wurde. Das Interesse daran war groß und es kamen auch ein paar Leute aus angrenzenden Büros herein und besahen sich fachkundig die äußerlich nahezu unversehrt wirkende Hand von M. Alle durften mal fühlen und schließlich kristallisierte sich eine einhellige Meinung heraus, der wir uns anschlossen: wir sollten in die Chirurgie. Daraufhin führte uns die Schwester über einen Hof zu einem anderen Gebäude und dort zu einem Lift, der etwa alle halbe Jahr einmal kam. In gemütlicher Geselligkeit mit Kranken, Invaliden, Angehörigen und Personal, warteten wir, drängelten uns und fuhren hoch zur Chirurgie. Dort besprachen wir mit einem Arzt am Tresen im Flur die konkreten Maßnahmen. Abgesehen von einem kleinen Disput über den Sinn und Unsinn einer Röntgenaufnahme im speziellen Fall, einigten wir uns auf aufschneiden und rausholen. Dieses Ergebnis wurde notiert, umgerechnet und mit einer Codenummer versehen. Mehrfach wurde uns versichert, dass es sich dabei nicht um den Preis handelte, denn dann wäre es ganz schön teuer geworden. Dr. As mehrfach geäußerter Wunsch, einfach schon mal etwas Desinfektionsmittel über die Wunde zu schütten, verhallte zwar nicht ungehört, aber unerhört. Alles der Reihe nach.

Mit dieser Nummer fuhren also die Schwester, J und ich wieder mit diesem halbjährlichen Lift runter. Auf dem Weg in das andere Gebäude hielten wir hin und wieder an, da unsere barmherzige Schwester hier und da helfend eingriff. Das war ein schöner Zug von ihr und auch wir hielten mal einen Plastikvorhang auf oder schoben einen Rollstuhl über eine Schwelle. Mir ist nicht ganz klar, ob das Ganze genau so abgelaufen wäre, wenn M heftig geblutet und/oder vor Schmerzen gejault hätte. Aber M, den wir oben zurückgelassen hatten, war so ruhig, als sei er auf Krankenbesuch und fügte sich zwanglos in die ebenfalls eher stoischen chinesischen Patienten ein. Schließlich erreichten wir wieder die Kasse, wo wir nach Vorlage des Zettels mit der Codenummer zur Zahlung von etwa 15 € aufgefordert wurden. Dafür bekamen wir eine dieser typischen, hauchdünnen Quittungen, deren äußere Substanzlosigkeit völlig außer Verhältnis steht zu ihrer Wichtigkeit. Die windige Quittung fest in der Hand gingen wir nach Entrichtung des Obolus´diesmal zu einem anderen Lift, der nicht so groß und nicht so bekannt sein sollte. Ein Geheimtipp unserer neuen Freundin, der Schwester. Dort wartete dann aber nicht der Lift, sondern der Vorführeffekt auf uns, denn auch hier warteten wir mindestens genauso lange.

Operation

Als wir wieder oben ankamen, konnte es im Prinzip losgehen. Wir gaben die Quittung am Tresen ab, holten Ärztin und Patient ab und folgten dem Arzt in das Behandlungszimmer. Die nette Schwester verabschiedete sich nun leider. Ob sie wirklich mit allen Neupatienten stundenlang durch´s Haus läuft? Das ist kaum vorstellbar. Im Behandlunsgzimmer mussten wir alle gleichermaßen überrascht feststellen, dass in den Lampen die Birnen fehlten. Vielleicht sind Glühbirnen in China mittlerweile auch verboten? Macht nichts, fand dann der Arzt, er kann auch ohne Licht genug sehen. Immerhin war Tag. Er gschaftelhuberte noch eine Weile herum, ging und kam, schaute erneut in die -oh Wunder- immer noch leeren Lampenschirme, ging und kam wieder. Was genau er eigentlich tat, blieb uns verborgen. Dr. A, J und ich waren aus unterschiedlichen Gründen aufgeregt, M saß still auf seinem Stuhl. Die Ruhe selbst.

Schließlich hielt mir der Arzt einen Zettel unter die Nase, denn ich sollte unterschreiben, dass das Krankenhaus nichts dafür kann, wenn sie trotz brillanter Arbeit womöglich ein Staubkorn in der Wunde übersehen. Das Thema hatten wir vorher schon mehrfach diskutiert und ich unterschrieb. In meiner Funktion als was eigentlich? M nahm auch das recht gelassen hin. Doch dann erklärte ich dem Arzt, dass A eine Kollegin von ihm sei, um ihre ständige Einmischung zu erklären und mit angemessener Kompetenz auszustatten. Der Arzt bot daraufhin A an, die OP selbst vorzunehmen. Erst jetzt wurde M nervös. Nicht wegen A, denn die lehnte dankend ab, sondern weil der Arzt dadurch etwas von seiner Kompetenzaura verlor.

Der Arzt verschwand noch ein letztes Mal, doch dann ging es endlich los. Ein Betäubungsmittel wurde gespritzt und ich verzog mich ans Fenster und sah äußerst interessiert hinaus, weil ich Rumgewurschtel mit einem Messer ausgerechnet IN der Hand wirklich nicht ertragen kann, J lief auf und ab wie ein aufgescheuchtes Huhn, weil es ihr im Prinzip nicht viel anders ging, Dr A redete englisch auf den Arzt ein und nach Ankunft eines zweiten Arztes (genaugenommen also eines Dritten) auch auf diesen.

Sie versorgte uns mit beruhigenden Nachrichten, dass die Jungs im Prinzip etwas von ihrem Handwerk verstanden. Nur dass das Blut auf das alte Holzpult tropfte, worauf M seine Hand abgelegt hatte, fand sie aus Sterilitätsgründen verbesserungswürdig. Mitten im Geschnippel erschien eine Schwester und wollte uns alle des Zimmers verweisen. Das hätte sie sich nun wirklich früher überlegen müssen. Wir reagierten einfach nicht. Sie versuchte es noch ein paar Mal, gab aber schließlich auf. Als wir schon nahe daran waren, alle Hoffnung aufzugeben, brachten die zwei Ärzte endlich das 2cm lange Stück Holz wieder zur Welt.

Nachsorge

Wir freuten uns, klatschten (außer M) und machten Fotos. Die Wunde wurde gesäubert, desinfiziert, genäht, verbunden und was man dann noch alles so macht. Nun holten auch die Ärzte und Schwestern ihre Kameras oder Fotohandys und wir posierten in allen möglichen Konstellationen.

Noch waren wir allerdings nicht fertig, denn die Nachbehandlung blieb zu klären. Ich verstand eine ganze Weile gar nichts. Doch irgendwann kam heraus, dass mit Kaputte-Wunde-Wind Tetanus gemeint ist. Es war an alles gedacht. Es blieb nur noch der Austausch von Emailadressen zu vollziehen und zum Abschied wurde mir Ms Krankenversicherungsheft in die Hand gedrückt, das die Behandlung, den Durchschlag der Quittung und den von mir unterschriebenen Haftungsausschluss enthielt. Erleichtert zogen wir ab, allerdings zügig über die Treppe. Die weitere Nachsorge bestand vor allem in literweise Bier.

Am nächsten Tag gab es dann für ein paar Groschen körbeweise Persimonen zu kaufen.