Archiv für den Monat: Juni 2012

Die ausgefransten Ränder der Welt

weltbearb

der Ort

Heilongjiang heißt heute eine chinesische Provinz, aber eigentlich bezeichnet Heilongjiang einen Fluss, den „Fluss des schwarzen Drachen“ nämlich. Der gemeine Russe nennt den gleichen Fluss Amur, was so ähnlich auf ewenisch „langer Fluss“ heißt. Die Chinesen können ihn natürlich schlecht auch langer Fluss nennen, denn so heißt ja schon der Jangtse, der außerdem nochmal gute 1000 Kilometer länger ist, als der lange Fluss der Russen. Inwiefern er überhaupt von Russen benannt werden kann, ist eine längere Geschichte. Wenn auch nicht so lang wie der Fluss. Obwohl das letztlich eine Umrechnungsfrage ist: wie viele Flusskilometer sind ein Geschichtsjahr? Und wer hat dann denn längeren?

das Interesse

Es ist jetzt nicht so, dass sich schon immer wahnsinnig viele Leute für diese Gegend interessiert hätten. Haben wollten sie alle, aber dort leben, gute Güte. Sibirien halt. Burjaten lebten da zum Beispiel. Das sind so eine Art sibirische Mongolen. Oder die Ewenken, auch Tungusen genannt. Von den Ewenen ganz zu schweigen. Das Interesse der Ausheimischen motivierte sich entweder wirtschaftlich (Bodenschätze, Felle) oder strategisch.

Ein Schatz, der die Chinesen eine Weile besonders interessierte, waren Mammutstoßzähne, die dort gefunden wurden. Ab dem 17. Jahrhundert wurden also zigtausend Mammutzähne zu Medizinpulver zermahlen. Bizarrerweise galten die in Gletscherspalten konservierten Mammuts als arktische Riesenratten, die in unterirdischen Gängen wohnen und durch ihr Herumgerumpel unter Tage Erdbeben verursachen können. Diese chinesische Naturinterpretation fand ihren Weg in den Westen. Man vermutete, dass Luftkontakt tödlich für die Riesenratte sei, weshalb man immer nur tote Exemplare halb im Schnee vergraben fände. Katharina die Große schrieb daraufhin in einem Brief an Voltaire, dass sie hoffe, dass es ihren Jägern eines Tages gelänge in einer Höhle ein lebendes Exemplar aufzustöbern. Folgt man dieser Auffassung, wäre es möglich, dass Mammuts gar nicht ausgestorben sind, sondern als Riesenratten fröhlich unsere Welt unterhöhlen. Nur sind sie mittlerweile viel klüger geworden und passen besser auf, nicht mit der tödlichen Luft in Kontakt zu treten. Ausschließen möchte ich das natürlich nicht.

Die Gegend ist jedenfalls bis auf unterschiedliche Interessenlagen und Natursensationen in erster Linie ziemlich leer. Abgesehen von den paar Eingeborenen, die im Zweifel an Pocken, Erkältung, Mord oder Ähnlichem sterben. Was so Eingeborene eben tun, wenn die Zivilisation Einzug hält.

der Konflikt

Trotzdem wurde sich über dieses -aus kaiserlicher und zaristischer Sicht- Ödland natürlich gestritten. Das ist wie bei Erbgemeinschaften, die sich auch zig Jahre um ein Haus streiten können, obwohl niemand darin wohnen will. Aber haben möchte man es. Da geht es um Rechte. Um Hypothesen und Konjunktive. Um Missgunst. Darum, dass der andere es nicht hat. Dem womöglich etwas Besseres damit einfiele. Und natürlich um Geld. Die Russen versuchten also dort Städte zu bauen, die Chinesen schossen sie nieder und so ging es eine Weile hin und her.

Aber endlich sollte Ordnung geschaffen werden und es wurde der erste binationale Vertrag zwischen China und einer westlichen (?) Macht geschlossen. Obwohl ich ja in meinem Aprilblog ausführte, dass Bilateraterei im kaiserlichen China eigentlich ausgeschlossen war. Das war denen egal. Und keine Regel ohne Ausnahme. Vertragspartner war also der Zar. Eine Figur, die vielleicht numinos genug war, um sie als Vertragspartner in Erwägung zu ziehen. Es spielt im Jahr 1689. Beide Seiten schicken ein großes Aufgebot ins sibirische Nichts. Während der Verhandlungen ließen Chinesen französische und portugiesische Jesuiten für sich sprechen. Die konnten immerhin Chinesisch und Mongolisch und gaben sich redlich Mühe. Der schwarze Drache blieb Chinesisch. Und der Vertrag darüber wurde auf Latein geschlossen.

ein quasireligiöser Exkurs

Der damalige Kaiser Kangxi war über das Verhandlungsergebnis seiner Jesuiten derart erfreut, dass er seine Dankbarkeit darüber zum Ausdruck bringen wollte. Also erließ er ein Toleranzedikt für Christen und räumte den Missionaren innerhalb der Verbotenen Stadt einen Platz ein, auf dem sie eine Kirche bauen konnten. Einige seiner 55 Kinder ließen sich sogar taufen. Und Kangxi selbst beschloss, sich familiär mit dem Oberhaupt der Christen verbinden zu wollen und bat den Papst in einem Brief um eine Enkelin, die er heiraten könnte. Aus nachvollziehbaren Gründen wurde daraus nichts.

Der lange Fluss der Russen gehörte also vertraglich geregelt zu China. Wirklich konkret war die Grenze allerdings nur an wenigen Stellen festgelegt. Der Rest verlief sich weiterhin in den sibirischen Weiten. Das blieb gut 150 Jahre so.

die Entdeckung

1849 wollte nun aber der russische Kapitän Newelskoj die Amurmündung erkunden. Diese galt bisher als nutzlos versandendes Rinnsal, aber Newelskoj wollte das so nicht hinnehmen. Ein so gewaltiger Fluss sollte ein Rohrkrepierer sein? Er begann, um Sachalin herumzusegeln. Der Zar wusste nichts davon und durfte auch nichts davon wissen. Schließlich handelte es sich um chinesisches Hoheitsgebiet. Aber Newelskoj konnte seinen Mund nicht halten und teilte dem Gouverneur von Irkutsk nach einem längeren Segeltörn strahlend mit, dass Sachalin in der Tat eine Insel sei und der Fluss damit zwei Zugänge habe. Daran dass der Amur an seiner Mündung wegen starker Versandung nicht optimal schiffbar war, änderte diese Erkenntnis allerdings nichts. Er hätte im Grunde auch gar nicht selber um Sachalin rumsegeln müssen, sondern nur die Japaner fragen brauchen. Die wussten das nämlich schon, weil der Japaner Manuja Rinzo die Inseleigenschaft Sachalins bereits 1809 nachgewiesen und kartografiert hatte. Allerdings als Karafutoto, die Birkeninsel.

Heute versteht man die Aufregung darüber sowieso nicht mehr. Man schaut einmal auf Google Maps, oder meinetwegen in einen halbwegs zeitgemäßen Atlas und schon weiß man das. Doch Rinzo hatte seine Abenteuer nicht gepostet und vielleicht hätte er es auch Newelskoj auf Nachfrage nicht erzählt. Denn Wissen ist insbesondere strategische Macht.

Eigentlich hätte es auch gereicht, ein paar Einheimische zu befragen. Doch dafür hätte man sie zum einen besser behandeln und zweitens ernst nehmen müssen. Die heroische Entdeckung vieler Teile der Welt setzt logisch voraus, die lokale Bevölkerung nicht zur Kenntnis zu nehmen. Denn sonst ist es gleich Essig mit der Entdeckung. So kann eine Entdeckung nur durch relevante Personen erfolgen und wer relevant ist, bestimmt der Relevante.

der begehrliche Russe

Newelskoj fackelte jedenfalls nicht lange und begann mit dem Bau einer Siedlung am nördlichen Ufer des Amur nahe seiner Mündung und hisste 1850 die russische Fahne über Nikolajewsk, benannt nach seinem Zaren. Der russische Außenminister war erzürnt und in großer Sorge. Er unkte rum, von wegen China und Einfallstor neuer Ideen undundund. Aber der Zar fand, dass man die russische Fahne dort, wo sie schon einmal geweht habe, nicht mehr einholen könne. Schon gar nicht an einem Ort, der nach ihm benannt ist. International war mittlerweile auch so viel in Unruhe geraten, dass diese kleine russische Besetzung gar nicht weiter auffiel. Die einheimischen Giljaken wurden mit Tee und Tabak milde gestimmt. Tatsächlich machten eher Engländer und Franzosen dort Ärger, die nun ihrerseits wieder nichts von der Inselhaftigkeit Sachalins wussten und so von den Russen an der Nase herumgeführt werden konnten.

Als 1857 der Grenzverlauf zwischen Russland und China neu verhandelt werden sollte, war China gerade mit dem Taipingaufstand und seinerseits mit unbotmäßigen Engländern und Franzosen beschäftigt. Was interessiert da das Ende der Welt? Man einigten sich also zunächst einmal darauf, dass ausschließlich Russen und Chinesen auf dem Amur Schifferl fahren dürften. Das bezog sich natürlich wiederum nicht auf irgendwelche Ureinwohner, sondern richtete sich gegen die kolonienversessenen westlichen Mächte. Im Übrigen sollte das nicht unerhebliche Gebiet zwischen Ussuri und Pazifik irgendwie beiden Reichen gehören. Eine LG, eine Landgemeinschaft. Die ging nicht lange gut. Die Russen siedelten dort mal eben 40.000 Kolonisten an, spielten die abwesenden Chinesen faktisch an die Wand und es kam wie es kommen musste: der gesamte Küstenstreifen bis runter nach Korea wurde schließlich russisch. Bis heute.

das Fransenende

Eine lange Strecke fließen der lange Fluss und der Fluss des schwarzen Drachen einträchtig nebeneinander als Grenzfluss durch Taiga und Steppe. Doch dann kommt der Ussuri (oder auch Wusuli) von Süden hinzu und lenkt die Grenze an sich ab, so dass der Amur nun alleine und nur russisch den Pazifik erreicht und beidseitig um Sachalin herum mündet. Der weitere Streit um Sachalin, das heute hauptsächlich von Nachkommen russischer Häftlinge bewohnt wird, wurde dann zwischen Russland und Japan geführt. China war aus der Nummer raus und klar umrissen. Mehr oder weniger.