Archiv für den Monat: April 2012

Die Schildkröte in ihrer natürlichen Umgebung

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Die Erde ist nach klassisch chinesischer Auffassung ein Quadrat, mit verschiedenen konzentrischen  Quadraten (das klingt irgendwie widersinnig. Also gut: ineinandergeschachtelten Quadraten) in dessen zentralstem Quadrat, also praktisch dem Nabel der Welt der Kaiser sitzt. Wer sonst. Über der Erde wölbt sich rund der Himmel. Da der Kaiser der Sohn des Himmels ist, stülpt sich dort die eine Welt in die andere. Nabel eben.

Ein Tier, die diesen Aufbau, allerdings ohne Kaiser und Nabel, sehr hübsch veranschaulicht, ist die Schildkröte mit ihrer viereckigen Panzerplatte am Bauch (Plastron) und dem gewölbten Panzerfirmament (Carapax).  Alles was sich außerhalb der Schildkröte befindet, wird von irgendwelchen Barbaren bewohnt. Japaner, Vietnamesen, Perser und wer nicht sonst noch alles. Die nähere Ausdehnung und Ausformung dieser Gebiete (Dreieck, Oktoeder?) interessiert nicht sonderlich.

Mit diesen Barbarenvölkern wird -wenn möglich- freundlicher Ausstausch gepflegt. Dann kommen Gesandte aus diesen Ländern und Gegenden und bringen Tributgaben. Im Gegenzug werden sie zunächst einmal empfangen und der Tribut gnädig entgegen genommen. Obendrein besuchen chinesische Kommissare zuweilen diese wilden Gegenden und übergeben Gastgeschenke. Da die Gastgeschenke die Tributgaben an Wert sogar übertreffen können, lohnt sich Widerstand nicht immer. Aber das ist ein sehr komplexes Thema.

Der Diplomat als freiwilliger Verräter

Eines gab es jedenfalls nicht im alten China und das waren gleichberechtigte Staaten. Brudervölker. Kaiserkollegen. Die Barbaren konnten Freund oder Feind sein, aber nicht gleich. Wer soll auch gleich sein mit dem Himmelssohn? Für den Himmel scheint sehr lange schon die Einkindpolitik gegolten zu haben. Doch dann tauchte der ferne Westen mit seiner althergebrachten Vielstaaterei und seiner gegenläufigen Barbarenidentifikation auf und wollte sich partout nicht in dieses System intergrieren lassen. Sondern erzwang sich diplomatische Beziehungen. Diploos ist griechisch und heißt: gedoppelt. Eine Verdopplung ist jedoch kein hierarchisches Verhältnis und so fingen die Probleme an.

Dass es dem Kaiserhof schwer fiel, die Fremden zu empfangen, ist bekannt und auch dass es Streit darüber gab, ob sich der britische Botschafter vor dem Kaiser niederwerfen muss oder nicht darf. Zu einem Austausch, der den Namen auch verdient gehört es aber auch, selber Diplomaten zu entsenden. Diplomaten! Das ist so entwürdigend. Und so zog sich das eine ganze Weile hin. Neben diesem ganz grundsätzlichen Widerwillen, gab es auch noch das Problem, Leute für diesen Posten zu finden. Bei uns gelten Diplomaten ja eher als ganz besonders nobel, fast entrückt. So eine Art Bundespräsident to go. Für einen Chinesen galten die ersten Diplomaten jedoch ganz automatisch als Verräter. Denn durch ihre bloße Existenz griffen sie schließlich das Weltkonstrukt an.

Die Stellenausschreibung sah vermutlich so aus: Qing-Hof sucht Hochverräter für schwierige Aufgabe in der Wildnis, zum unehrenhaften Beenden der Beamtenlaufbahn. Hochqualifizierte Bewerbungen (mit aussagekräftigem Bild) bitte an die Halle der Harmonie, Verbotene Stadt, Beijing.

Und los geht´s

Damals Diplomat zu sein, entsprach eher einem Exil, als einem ernstzunehmenden Berufsbild. Der allererste chinesische Diplomat Guo Songtao wurde dementsprechend nach seiner Berufung 1876 einem derartigen Shitstorm ausgesetzt, dass er den Hof bat, ihn von dieser Aufgabe zu entbinden. So doof war der Hof aber nicht, irgendeiner musste es schließlich machen. Und jetzt hatten sie Guo schon am Haken. Als der arme Mann, der tatsächlich ziemlich geeignet für den Job war, nach zwei Jahren 1878 zurück kam, wurde er von seinen früheren Kollegen gemobbt. Zu allem Überfluss drohte ihm noch eine Anklage. Er hatte nämlich nicht nur bei einem Regenguss seine Amtsrobe durch einen portugiesischen Regenmantel bedecken lassen, was alleine schon schlimm genug war, sondern sich auch mal ansatzweise kritisch über die chinesische Politik geäußert. Von einer Anklage wurde letztlich abgesehen, aber die verbleibenden 13 Jahre seines Lebens verbrachte er trotzdem isoliert und unverstanden. Späteren Diplomaten erging es langsam etwas besser. Verachtung nutzt sich eben auch ab.

Die meisten chinesischen Botschafter schrieben viel. Schließlich sahen sie sich einer völlig neuen Welt gegenüber, die sie sich und dem heimischen Hof irgendwie begreifbar machen mussten. Das ist natürlich interessant. Wir unter dem ethnologischen Auge des chinesischen Betrachters.

Der chinesische Diplomat und die Frauen

Beeindruckt sind die frühen chinesischen Diplomaten unisono von der Infrastruktur der europäischen Großstädte wie London, Paris und Berlin. Öffentlicher Nahverkehr bis hin zur U-Bahn, Müllabfuhr, Kanalisation, Krankenhäuser, Museen, Parks, mehrstöckige Gebäude, nächtliche Beleuchtung, all das. Betroffen sind sie von der vergleichsweisen  Volksnähe der Könige und Kaiser, die sich tatsächlich dem Volk zeigen und auch mal unter ihm wandeln. Einer vermutet gar, eine Aktstatue am Buckingham Palace stelle die Queen Victoria dar, die auf Betreiben des Königs dort aufgestellt worden sei. Ausgerechnet. Neben all dem anderen, was man dagegen einwenden kann, war Albert kein König, sondern nur Prinzgemahl.

Und da sind wir natürlich schon beim Frauenthema angelangt. Bizarr erschien den Chinesen die Höflichkeit Frauen gegenüber, das Vortrittlassen insbesondere. Und dass man zusammen tanzt. Liu Xihong wunderte sich bei einem Ball beispielsweise über die Bekleidung: Frauen mit nacktem Oberkörper (nackte Arme und ein Dekolleté) tanzten mit Männern mit nacktem Unterleib (Beige Hosen, die wie unbekleidet wirken). Guo äußert sich deshalb bewundernd darüber, dass es trotz dieses doch eher aufreizenden Verhaltens nie dazu käme, dass die Regeln des Anstandes überschritten würden. Eine derart sittliche Selbstbeherrschung traute er den Chinesen nicht zu. Zhigang wiederum analysiert das Geschehen ebenfalls und kommt zu dem Ergebnis, dass es bei einem solchen Ball darum geht, die Gefühle der unterschiedlichen Ränge miteinander zu harmonisieren. In China mache dies aber gar keinen Sinn, weil dort die Vernunft viel wichtiger sei, als das Gefühl. Da muss man also nicht für die Harmonie halbnackt miteinander schwoofen. Man geht die Dinge einfach sowieso sachlich und harmonisch an. Soso.

Xue Fucheng ist interessanterweise der Meinung, dass die Emanzipation (1890!) der Frauen  auf Louis XIV zurückgehe. Eine kühne These. Vorher sei alles so wie in China gewesen. So wie die Natur es vorsieht, so wie es sich gehört. Sprich: strenge Geschlechtertrennung und die Frauen bleiben im Haus. Aber der Sonnenkönig habe das Land stärken wollen und daher diverse Tabus aufgehoben. Dadurch verdoppelte er praktisch über Nacht die Bevölkerung und ihr Potenzial. Selbst im Krieg. Dort waren die Männer scharfsinnig, aber die Frauen kaltblütig, sagt Xue. Was er damit genau meint, bleibt unklar. Und weil Frankreich durch diese recht einfache Maßnahme doppelt so stark wurde, ahmten die anderen europäischen Länder dieses unnatürliche Modell schließlich nach. Aha. Aha. Aha. Wer hat Herrn Xue nur sowas erzählt? Der Sonnenkönig als großer Emanzipator. Wow! Ich mache mir Sorgen. Was mag ich nicht nur schon alles für Unsinn verzapft haben, bloß weil mir irgendwer was erzählt hat, was ich inhaltlich dann womöglich aufgefüllt habe?

Wer hat´s erfunden?

Ein ganz zentrale Auffassung der Gesandten war, dass die chinesische Kultur die älteste ist. Dass dort praktisch alles erfunden wurde. Und dass der Chinese immer Recht hat. Um das herzuleiten, trieben sie einigen argumentatorischen Aufwand. Zeng Jizhe glaubte beispielsweise, dass im alten China viele Maschinen verbreitet waren. Doch die Menschen wurden faul, das Material verdarb und die Maschinen gingen verloren. Das war deshalb eine weise Entwicklung, weil die Ressourcen ohnehin nicht für die ganze Welt ausreichen. Darum sei es besser, die Raffinesse zugunsten des einfachen, ursprünglichen Zustands zu verwerfen. Die westlichen Länder befänden sich also unendlich verspätet erst in dieser Phase der Raffinierung, die notgedrungen zu überwinden sei. Ich vermute, Herr Zeng, offenbar ein früher Radikalökologe, wäre mit der aktuellen Entwicklung Chinas nicht ganz einverstanden. Aber das mit den Ressourcen war ein hellsichtiger Punkt.

Xue Fucheng überlegte hingegen, warum der Westen von Energie, vom Qi durchzogen sei, nicht aber der Osten. Auch hier stellt sich heraus: es liegt am Alter der Kultur. China ist allen einfach voraus und von daher etwas altersmüde. Konkret ordnete er die Staaten einzelnen Dynastien zu. USA sind im Xia-Stadium (um 2000 vChr), Russland bei den Shang (um 1500 vor), Deutschland hängt immerhin schon in der Han-Dynastie (um 0)  herum, Spanien in der Tang (um 800 nChr) und Frankreich womöglich in der Ming-Dynastie (um 1500 nChr). Was jetzt genau die Kriterien für diese Einordnung waren, weiß ich allerdings nicht.

Im Grunde sind wir alle Chinesen

Dann sagt er noch: „Es ist wahrscheinlich, dass die Chinesen göttlichen Ursprungs sind und die edelste Rasse darstellen. Europa hat sich etwas später als China zivilisiert. Geht man zum Ursprung Europas zurück, so stellt man fest, dass Asiaten Europa besiedelten. Aus diesem Grund sind die Menschen dort ebenso intelligent und schön wie die Chinesen. Andere Völker sind damit nicht vergleichbar.“

Xue holte uns also heim ins chinesische Reich, so dass wir nicht länger Barbaren sein mussten. So überheblich es klingt und so rassistisch es ist, waren das doch Versuche, China dazu zu bringen, Reformen nach westlichem Vorbild durchzuführen. Um diese sachlichen Reformziele dem heimatlichen China ohne Gesichtsverlust schmackhaft zu machen, musste man halt ein paar Schleifen drehen. Denn ganz und ausschließlich ging es dann wohl doch nicht nach der Vernunft. Es sei denn Gesischtsverlust, also Scham gehört nicht zu den Gefühlen, sondern zur Sachlichkeit.

Und dann sagte er noch ganz bescheiden: „Wer weiß, ob nicht in ein paar tausend Jahren die Chinesen neue geniale und universelle Erfindungen machen werden, welche die Europäer in Erstaunen setzen werden, welche sie lernen wollen?“ Das weiß natürlich niemand. Xue hatte wahrscheinlich nicht damit gerechnet, dass nur 150 Jahre später die Welt mit hängender Kinnlade -wenn auch nicht wegen universeller Erfindungen- auf China schauen würde. Dass jugendlicher Qi-Fluss nach nur so kurzer Zeit von dort ausgehen würde. Nur 150 Jahre hat die sieche Schildkröte gebraucht, ihre Lebensenergie zu regenerieren und Kopf und Beine aus dem Panzer zu strecken. Dann schauen wir mal, wohin sie läuft.