Archiv für den Monat: Februar 2012

Digitalverkehr

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In letzter Zeit hört man aus China gerne mal von Verkehrsunfällen und deren Bewältigung auch und gerade über das Internet. Da wird ein kleines Mädchen überfahren und niemand hilft. Stattdessen fährt noch jemand drüber. Alle anderen laufen vorbei (unterlassene Hilfeleistung ist in China bisher nicht strafbar), bis eine Müllsammlerin sich des Kindes erbarmt. Für das dann allerdings die Hilfe zu spät gewesen sein wird. Das ganze wird von einer Überwachungskamera gefilmt und findet natürlich über Youtube seinen Weg in das weltweite Netz.
Die Welt ist empört. Zu Recht natürlich. Die Empörung bekommt aber außerhalb Chinas gerne so ein Geschmäckle: Die bösen Chinesen, heißt es dann. Typisch. Nur auf Profit aus, gierig, kalt und herzlos. (Das sieht man schon an den fiesen Schlitzaugen. Aber das sagt natürlich niemand. Denn man darf ja nicht alles sagen, was man sich denkt. Sagt der Stammtisch.) Eine zusehends disfunktionale Gesellschaft ohne Werte und Wärme. Soziale Zerrüttung. Völlig unverständliche Gestalten. Quasi nicht menschlich. Und vor allem: Leben zählt ja nichts für die. Sehen ja eh alle gleich aus. Köpfe werden geschüttelt. Über die anderen.

Wenn ich nun an den Winter 1989 denke, als im maximal 1,40m-tiefen Olympiasee in München drei Kinder ertranken, während zahlreiche Passanten tatenlos zusahen, vermute ich mal, dass all diese Passanten Chinesen waren.

Ein anderer Unfall, der vor allem die chinesischen Gemüter erhitzte, war nicht, dass jemand einen anderen totfuhr. Denn das ist genausowenig wie bei uns eine große Nachricht, sondern ein Fall für die Unfallstatistik. Aber der Fahrer, ein Kadersohn, stellte sich danach selbstbewusst hin und sagte: ich bin der Sohn von xy, mir kann keiner was! Der Volkszorn kochte hoch. Das kann man gut verstehen. Der arrogante junge Mann wurde schließlich zu einer Freiheitsstrafe von etwa 4 Jahren verurteilt.  Warum das nun wieder Öl aufs Feuer goss, leuchtet mir weniger ein. Das fällt ja nicht gerade unter: mir kann keiner was. Bei uns ist die Höchststrafe für eine fahrlässige Tötung im Straßenverkehr 5 Jahre, in China 7 Jahre. Auch bei  sehr unschönem Nachtatverhalten sind 4 Jahre also eine ganz schön heftige Bestrafung. In China, wo man wegen jedem Scheiß dem staatlichen Organhandel zugeführt wird, besänftigte das offenbar nicht. Blut sollte fließen.

Gerechtigkeit ist natürlich eine relative Sache und hat viel mit dem Vergleich innerhalb einer Gruppe mit als gleich geltenden Mitgliedern zu tun. Trotzdem gelingt es mir nicht, bei einer derartigen Bestrafung Schaum vor dem Mund zu bekommen. Eine Gleichbehandlung in Milde erscheint mir doch entschieden erstrebenswerter als eine voller Rachebedürfnis. Aber die Wut zog wie der Pöbel durchs Internet. Wenn die Wut gegen Obrigkeit und Ungerechtigkeit darin mündet, dass härter durchgegriffen werden soll und schwerer bestraft, wird mir komisch zumute.

Jetzt halten viele das Internet per se schon für schlecht. Es mache einsam, fett, langweilig, gemein, fremdgesteuert, asozial etc.pp. Darin wird man gemobbt, betrogen, verführt, überwacht und ruiniert. Außerdem seien die Inhalte in der Hauptsache vulgär. Das Internet ist gut!, sagen die anderen. Es demokratisiere und verbessere die Kommunikation, die Möglichkeiten, die Welt. Alles wird gut und alle können alles, wissen alles.

In Wirklichkeit ist das Internet natürlich nur eine Methode oder ein Werkzeug. Wie  ein Messer beispielsweise. Messer sind aus dem Leben auch nicht wegzudenken. Man kann damit schöne Figuren schnitzen und köstliche Speisen zubereiten. Man kann damit aber auch dem Nächsten die Kehle durchschneiden.  Ich glaube dennoch, dass das Leben durch die Erfindung von Schneidewerkzeugen erheblich interessanter und vielfältiger wurde. Wenn auch ganz anders als vorher. Anhand der sich neu eröffnenden Möglichkeiten, musste natürlich das Leben neu konfiguriert werden. Bestimmt gab es konservative Urmenschen, die den Gebrauch von Werkzeugen ablehnten. Sie sind ausgestorben.

Die KP China möchte nun die Quadratur des Kreises, was ihr leider erstaunlich gut gelingt, obwohl das als ausgeschlossen gilt. Sie will das Netz kontrollieren. Dabei hält die KP insbesondere nichts davon, wenn Dissidenten darauf ihr Süppchen kochen, diese Anwendung des Messers ist ihnen ein Gräuel. Ihnen ist es lieber, wenn das Werkzeug dazu benutzt wird, anderen die Kehle durchzuschneiden. Da haben sie nichts dagegen. Und so hat man als Hatemailschreiber eigentlich wenig zu befürchten. Bemäntelt werden die Eingriffe ins Netz gerne mit dem angeblichen Moralverfall und dem Wunsch gegen die Vulgarität vorzugehen. Es soll kulturell mehr gesunde Inhalte geben. Der Begriff „gesunde Inhalte“ löst bei mir sehr ungesunde Gefühle aus.

Das berühmteste Beispiel für ungesunde Inhalte sind sicher die Grasschlammperde und ihr Verhältnis zu den Flusskrebsen. Flusskrebse werden -von den total überbewerteten Tonhöhen einmal abgesehen- genauso ausgesprochen wie Harmonie oder Harmonisierung. Nun gehört harmonisches Zusammenleben in der VR zur Bürgerpflicht, praktisch zur Volksgesundheit, was so unordentliche Vorgänge wie Pluralität und Meinungsvielfalt ausschließt. Harmonie ist die Schere im Kopf, die innere Zensur. Harmonie ist also kritisch betrachtet kein positiver Begriff.

Aus diesem Grund haben Grasschlammpferde auch ein Problem mit ihr. Grasschlammpferd klingt nun genau so wie „Fick deine Mutter“. Das ist nicht schön. Das ist auch tatsächlich vulgär. Aber das ist natürlich der Witz an der Sache, denn Grasschlammpferde wollen nicht schön sein, nicht nett und insbesondere nicht harmonisch. Die Mutter, der hier der Stinkefinger gezeigt wird, ist die Partei, denn diese wird nicht müde zu beteuern, dass sie die Mutter des chinesischen Volkes sei. Nicht von allen wird sie geliebt. Und so kam es in einem kleinen Filmchen von Niuroumian (Rindfleischnudelsuppe) zu einem Konflikt, der für die Pferde erstmal nicht gut ausging. Aber die Begriffe wurden in den Sprachgebrauch übernommen. Das Wort „harmonisiert“ als Ausdruck für Zensur war bereits indiziert, aber nun schrieb man dann beispielsweise, man sei geflusskrebst worden. Es tauchten Bilder von Pferden auf, die genüsslich Krebse zermalmen etc. Die Zeichen haben keinerlei Zusammenhang, aber alle wissen, was gemeint ist. Natürlich hat auch die äußere Zensur längst dieses Phänomen entdeckt und so wurden auch Flusskrebse und Grasschlammpferde indiziert.

Auch der Verkauf von Jasmintee ist schwieriger geworden, denn nach den sehr schüchternen Versuchen sich an die arabischen Jasminrevolutionen dranzuhängen, ist auch das Wort Jasmin auf dem Index. Jasminhaltige Seiten werden geschlossen und das Wort aus Emails gefiltert. Irgendwann wird es schwierig, noch einen ganz normalen Text zu schreiben.  Aber die chinesische Sprache ist vielseitig und die Hacker sind schnell. Wird die eine Site gesperrt, gibt es eine Neue, neue Begriffe werden erfunden, Firewalls umgangen und auch vor allem Microblogs genutzt, in denen man auf Chinesisch wegen der besonderen Kürze der geschriebenen Sprache eine Menge sagen kann. Der Staat ist immer dicht auf den Fersen. Aber eben nur auf den Fersen. Wie schnell ist ein Krebs im Vergleich zu einem Pferd, wie vulgär es auch immer sein mag?

(Mehr zum Internet und Zivilgesellschaft in China: Lorenz Lorenz-Meyer auf der re:publica XI.)