Archiv für den Monat: Dezember 2011

Grenzgang

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Aus Flugangst nahm ein Freund von mir letztens die Eisenbahn von Beijing nach Moskau. Das weckte Erinnerungen in mir. An meine Eisenbahnfahrt von Beijing nach Berlin 1987 und vor allem an den Grenzübertritt von der VR China in die Sowjetunion.  Am Tag vor der Abfahrt, lernte ich Jens kennen. Jens kam aus der DDR, genau genommen aus Ostberlin. Er wollte gerne mal nach West-Berlin. Notgedrungen nahm er dafür einen kleinen Umweg in Kauf. Und so war er in einer mehrmonatigen Reise, die nur ganz am Anfang genehmigt gewesen war, über Sibirien und irgendwelche verschlungenen Wege nach China eingereist. Und in China endete der Einfluss der Sowjetunion abrupt. Also konnte er als Gesamtdeutscher zur westdeutschen Botschaft gehen und sich nach West-Berlin fliegen lassen.

Ich begann nun den umgekehrten Weg durch Sibirien und stieg in die legendäre Transsib. An der chinesisch-sowjetischen Grenze war aber erstmal wieder Schluss. Denn nun musste der Zug umgebaut werden. Die Spurbreite war in China anders als in der SU. Oder heute in Russland. Wenn man über die Mongolei fährt, hat man den Spaß zwei Mal, weil auch die mongolische Spurbreite anders ist, als die chinesische und die russische. Das dauert eine Weile, einen ganzen Zug umzubocken. Wegen des großen Geheimnisbedarfs totalitärer Systeme durfte man dabei auch nicht zusehen. Top Secret. Zu unserer Unterhaltung durften wir uns stattdessen zur Abgabe unserer Pässe anstellen.

Als wir nach mehreren Stunden endlich wieder einstiegen, wurde es ernst. Grenzbeamte kamen zur Zollkontrolle. Zackzack. Ich war nervös. Ich bin bei so etwas immer nervös. Mein vorauseilend schlechtes Gewissen katzbuckelt. Habe ich vielleicht zuviel Seide gekauft? Es handelte sich immerhin um vielleicht 4m. Mir kam es wie ein Schatz vor. Mein Schatz. Ich hatte damals sehr bescheidene Vorstellungen von der Welt. Und außerdem: wenn nicht die Seide, wer weiß gegen welch ominöse Bestimmung ich verstieß? Und wie komme ich dann da wieder raus? Und russisch kann ich auch nicht. Was habe ich falsch gemacht, von dem ich nichts weiß? Katzbuckelkatzbuckel.

Mein Abteil füllte sich wieder. Die Chinesen waren vor der Grenze ausgestiegen und nun kamen Sowjetbürger, sibirisch zwischen Schlitzauge und hoher Nase pendelnd. Sie verfolgten als kundige Genießer, wie ich gefilzt wurde. Es begann damit, dass der Grenzbeamte im Deckelfach meines Rucksacks Bücher fand. Quelle surprise! Die wurden erstmal mitgenommen. Wenn ich mich richtig erinnere, handelte es sich um einen amerikanischen Satiriker und ein Buch von Kierkegaard. Ersteres bekam ich auf der Reise im laufenden Buchtausch unter Westlern; es hat keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Das andere hatte ich selbst mitgebracht. Für den Beginn eines sublimeren Selbst, das sich nur noch hochwertige Gedanken auf der Grundlage hochwertiger, wahnsinnig schlauer Schriften machen sollte. Nach vier Monaten des blanken Herumschleppens, hätte es mich auf der insgesamt einwöchigen Zugfahrt endlich erheben können. Tatsächlich bin ich bis heute nicht über den Anfang heraus gekommen. Wie auch immer, diese zwei Schrifterzeugnisse wurden erstmal jemand Westsprachenkundigem gebracht.

Mein Beamter hatte also Zeit für mich. Ich öffnete brav das Hauptfach meines Rucksacks und war ähnlich konsterniert wie mein Zuständiger. Ganz vorne befand sich nämlich ein Blech, das zu einer Waage gehörte. Und auf diesem Blech klebte halb, aber eben nicht ganz festgedrückt, eine dieser beeindruckend großen Kakerlaken. Meine letzte Unterkunft in Beijing wimmelte davon, stimmt schon. Aber dass ich eine mit eingepackt hatte, das war mir neu. Halb zerdetscht wie sie war, lebte sie noch. Sie werden uns überleben, die Kakerlaken, soviel steht mal fest. Wenn auch nicht diese eine konkret, schätz ich mal. Sie schwenkte ihre 5cm langen Fühler hin und her.

Ein Sturm der Gefühle brach los: Überraschung über die Existenz der Kakerlake, Ekel wegen ihres Daseins, Mitleid wegen ihres Zustandes, und natürlich die Peinlichkeit gegenüber meinem geschniegelten und gestriegelten Beamten. Ein gewisses, unangenehm duckmäuserisches Verhalten gewann die Oberhand. Dieser haltlose fühlerschwenkende, aber im Übrigen immobile Zustand musste beendet und damit nachgerade vertuscht werden. Jawoll! Dann könnten wir so tun, als sei nichts gewesen.

Ich schnippste also die halbtote Kakerlake mit dem Fingernagel vom Blech. Erfreulicherweise gelang es auf Anhieb. Aber sie flog auf das Bein des Beamten. Er sah mich angeekelt an. Sorry wollte ich sagen und sagte Duibuqi. Auf Russisch hatte ich nichts anzubieten. Heroisch überging der Herrscher meines Grenzübertritts meine Grenzüberschreitung und fing wenig enthusiastisch an, in meinen Sachen zu wühlen. Die halbtote Kakerlake schleppte sich derweil unter die Sitze in Sicherheit. Plötzlich beleuchtete ein Schimmer von Erfolg sein Gesicht und er zog sein Fundstück hervor. Es handelte sich um einen Schafskiefer, den ich am Tianshan, dem Berg des Himmels, eingesteckt hatte. Ich hatte damals einen gewissen Hang zu Knochen.

Ab sofort ließ er mich selber wühlen. Mittlerweile war ich so beflissen, dass ich mein Gepäck praktisch entfremdet untersuchte. Ich war nun selber auf Fund aus. Und so legte sich der Schein des Finderglücks auch auf mein Gesicht. Ich zog eine große Klinge hervor, die ich im Nordwesten Chinas bei den Uiguren gekauft hatte. Mein Faible für Klingen war vielleicht noch größer, als das für Knochen. Stolz hielt ich sie ihm unter die Nase. Als ich realisierte, was ich da gerade machte, wurde ich hektisch und wedelte aus reiner Hilflosigkeit mit der Klinge herum. Ich wusste schließlich nicht wohin damit. Aber es machte das Ganze irgendwie nicht besser.

Die aufmerksamen aber völlig verstummten Sibirer waren begeistert. Mein schmucker Grenzer gab auf. Mit einer militärisch-forschen Handbewegung forderte er mich auf, mein widerwärtiges Graffel wieder einzupacken und schritt davon. Irgendwann kamen auch meine Bücher wieder bei mir an. Dann konnten wir endlich weiterfahren.

In all dem Durcheinander war ein herrenloses Gepäckstück gar nicht aufgefallen. Ein Gepäckstück dessen Besitz ich zur Not geleugnet hätte. Als ob das geholfen hätte. Jens, der Ostler, hatte mir nämlich eine sehr große Tüte voll mit Filmen gegeben, mit der Bitte, sie bei seiner West-Tante in Zehlendorf abzuliefern. Was er mir erzählte, warum er sie nicht selber transportierte, weiß ich nicht mehr. Warum gab er mir die Dutzenden von Filmdosen? Er gab zu, auch viel unerlaubt fotografiert zu haben, aber er konnte doch nicht ernsthaft annehmen, dass ein barfüßiger Punk ungefilzt die Grenze zwischen zwei Diktaturen überschreiten würde? Er wollte einen Fotoband daraus machen, sagte er. Wie auch immer. Irgendwie glaube ich heute noch, dass da tatsächlich Filme drin waren. Aufgemacht habe ich die Dosen nicht. Es gab schließlich so eherne Gesetze, wie dass man nicht petzt, wenn der ältere Bruder einen verdrischt. Und dass man Freunden vertraut. Wobei ich den Begriff Freund damals offenbar sehr großzügig auslegte.

Die Zehlendorfer Tante öffnete die Tür für mich jedenfalls nur äußerst ungern und nahm mir die Tüte mit sehr spitzen Fingern ab. Weder heißen Kaffee noch warme Worte  gab es für die Botin eines Tütentransfers über 9000km und durch einen eisernen Vorhang hindurch. Was daraus geworden ist, weiß ich leider nicht, da ich weder Adresse noch Namen des Fotografen oder seiner Tante aufgehoben habe. Aber wie eine Drogendealerin sah sie jedenfalls nicht aus.