Archiv für den Monat: November 2011

Mauerstädte mit und ohne Mauer

haknamklein

Als Hongkong noch keine glitzernde Metropole war, war es nicht nur keine glitzernde Metropole, sondern praktisch inexistent. Kaum ein Mensch wohnte in dieser malariaverseuchten Gegend am Perlflussdelta. Ein paar Fischer halt. Oder Piraten. Je nach Saison. Doch gab es in Kowloon eine Art Festung, einen chinesischen Militärposten, der später Walled City of Kowloon genannt werden sollte. Ein ummauertes Gelände von etwa 210m x 120m, mit einem Yamen, einem Verwaltungs- und Gerichtsgebäude in der Mitte.

1839 zettelte Großbritannien den ersten Opiumkrieg an und ließ sich 1842 dafür als Belohnung die Kowloon gegenüberliegende Insel Hongkong-Island überschreiben. Das Ganze nannte man euphemistisch die Nanjinger Verträge. China war die Entwicklung zurecht etwas  unheimlich und sie stockten die Mauer der ummauerten Stadt auf etwa 4 m auf.  Sicherheitshalber.

Das entspricht in etwa der Höhe der Berliner Mauer, nur dass die ja nicht von den eingemauerten West-Berlinern gebaut worden war, sondern von den Machthabern drumrum. Dafür hielt sie auch nur etwa 28 Jahre und nicht runde Hundert Jahre wie die der ummauerten Chinesenstadt. Das Unbehagen Chinas stellte sich 1860 als berechtigt heraus, denn dann verleibte sich England auch noch Kowloon in sein Commonwealth ein.

Ganz Hongkong ist von den Briten besetzt… Ganz Hongkong? Nein! Ein von unbeugsamen Chinesen bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Oder so ungefähr. Die ummauerte Stadt innerhalb Kowloons wurde zur Exklave. Die gehört uns, sagten die Chinesen. Die war vorher schon da. Unser Recht gilt, unser Abgabesystem und ihr hässlichen, stinkenden, helläugigen Dämonen, lasst gefälligst Eure dreckigen Finger davon. Die Briten bewahrten Contenance, legten sich diesbezüglich nicht wirklich fest, sahen das mal so mal so. Wobei sie wortlos Wert auf die Feststellung legten, dass dreckige Finger selbstverständlich nur die Chinesen hatten.

Richtig klare, offizielle Verhältnisse herrschten in dem ummauerten Stadtteil nur selten, es gab schließlich immer so viel anderes zu tun. Inmitten von Kriegen, Bürgerkriegen und Weltkriegen war das Gelände von popligen 2,5 Hektar zwar prestigeträchtig, aber irgendwie auch nebensächlich. Wen interessierten schon wirklich die paar Hansele auf den paar Quadratmetern?

In Berlin hatten wir so etwas natürlich auch. Klar. Damit meine ich aber nicht die Mauer als solche und damit West-Berlin insgesamt, sondern das sogenannte Lenné-Dreieck in der Nähe des Potsdamer Platzes, das zur Zeit der deutschen Zweistaatenlösung der DDR gehörte. Die Mauerbauer wollten sich offenbar diese durch eine Bezirksreform 1938 entstandene, sinnlose, zum Bezirk Mitte gehörende Zacke sparen und kürzten den Verlauf der Mauer ab. Darum herum zu bauen, wäre bei nüchterner Betrachtung auch völlig unsinnig gewesen. Nüchterne Betrachtung war damals allerdings nicht sonderlich en vogue, so dass diese pragmatische Lösung verblüfft. Es war also eine unsichtbare Exklave entstanden, die im Gegensatz zur ummauerten Stadt in Kowloon nur auf einer Seite eine Mauer hatte.

Auch über Südchina brach der zweite Weltkrieg herein, im Vergleich zu dem die Opiumkriege nur Sonntagsspaziergänge gewesen waren. Die Japaner trugen den Krieg auch nach Hongkong. Für knapp vier Jahre ruhte der Streit zwischen England und China. Hongkong war japanisch besetzt. Und wie der Japaner nun mal so ist, dachte er, carpe diem, und riss die vor etwa 100 Jahren aufgestockte Mauer der Chinesenstadt ab, um die Steine für den Ausbau einer weiteren Landebahn des nahegelegenen Flughafens Kaitak zu benutzen.

1945 war der Spuk vorbei und Hongkong wurde skandalöserweise wieder britisch. War das extrem malträtierte China nicht auch ein Siegerland? Die Westmächte juckte das wenig und so glitt auch das alte Fort -nun seiner schützenden Hülle beraubt- in seinen unklaren Zustand zurück. Die Fluchtbewegungen nach hier und da und dort bewirkten, dass auf dem Gelände der einst ummauerten Stadt 1947 schon etwa 2000 Chinesen lebten. Ungefähr 10mal soviel wie jemals vorher.

Der folgende chinesische Bürgerkrieg, die Machtübernahme der KP China und der letztlich rechtsfreie Raum taten ihr Übriges. Es wurde voll. Und voller. Und noch voller. Das Gelände wurde bebaut. Überbaut. Man stockte an, auf und um. Der Wohnblock? das Viertel? die Stadt? wucherte. Nach außen ging jedoch nicht. Die Grenzen waren auch ohne Mauer nicht verhandelbar. Freiheit von GB und der VR China bot nur das Gebiet, dessen vollständige Umrundung etwa eine halbe Stunde dauerte. Nach oben konnte auch nur bedingt ausgewichen werden, da sich die ummauerte Stadt in der Einflugschneise des von den Japanern ausgebauten Flughafens Kaitak befand. Mehr als 14 Stockwerke waren nicht drin. Die Stadt wuchs also nach innen. Die Straßen wurden immer enger und enger und schließlich völlig überbaut, so dass sie nur noch Tunnels waren. Sie wuchs aus sich selbst heraus, implodierte und wucherte nach innen.

Auf dem Berliner Lenné-Dreieck passierte zunächst gar nichts. Anstatt dass sich ab 1961 dort tausende von Illegalen, Anarchos oder Chinesen ansiedelten, dümpelte dieser rechtsfreie Raum knapp 27 Jahre unerkannt vor sich hin. Nur 161 verschiedene Pflanzenarten nutzten die Gunst der Stunde und sicherten sich dort ein Plätzchen. Erst als genau dort eine sechsspurige Westtangente gebaut werden sollte, wurde überhaupt Notiz vom speziellen Potenzial dieser kostbaren Immobilie genommen. Der Westen wollte deshalb dem Osten 1988 das Dreieck abkaufen und der Osten ließ sich nicht lumpen, sagte ok und ließ sich das vergolden. Bereits im Juli 1988 sollte die Übergabe stattfinden. Die Zeit wurde also knapp. Auf den allerletzten Drücker wurde das Gelände im Mai 1988 besetzt. Das konnte ich mir nicht entgehen lassen und war natürlich auch dabei. Zugegeben, es war alles ein bisschen kleiner und auch weniger spektakulär, als in Kowloon. Erheblich kürzer und mit viel weniger Leuten. Aber hey, was zählt, ist die Idee.

In dem Bienenstock der ummauerten Stadt von Kowloon waren die rund 350 Gebäude so aneinander und umeinander gebaut, dass man über die Dächer und Verbindungsgänge auf verschiedenen Stockwerken vorankommen konnte. Dabei war es feucht, Wasser lief überall die Wände hinunter. Wie zum Hohn hatten die meisten 10-20m² großen Wohnungen in der Regel keinen eigenen Wasseranschluss. Mit Eimern und Kanistern musste man durch das Gewirr zu einer der sechs Wasserstellen. Logische Folge der Bauweise war, dass wirklich nur die, die in einer der alleräußersten Wohnungen lebten, überhaupt Tageslicht hatten. Der Rest lebte in Dunkelheit, bzw in künstlichem Licht, das durch außerhalb angezapften Strom erzeugt wurde. Nur in der Mitte blieb das alte Yamen, das einstöckige Verwaltungsgebäude erhalten, so dass der Bienenstock in der Mitte eine Art Loch hatte. Angeblich erhielt das Stadtviertel damals einen neuen Namen: Haknam, die dunkle Stadt.

In Berlin wurde in den verbleibenden fünf Wochen natürlich kein Bienenstock, sondern bestenfalls ein Taubenschlag aufgebaut. Die Probleme von Zu- und Abwasser gab es auch, nur in wesentlich kleinerem Ausmaß. Dafür war kein Mangel an Licht und Luft.  Die dunkle Stadt hatte nur eine offene Kanalisation, auf dem Lenné-Dreieck gab es gar keine. Und man glaubt nicht, was ein paar Hundert Leute in ein paar Wochen für eine Menge Scheiß verzapfen können. Von Zigtausend möchte ich mir das gar nicht vorstellen!

In Hongkong traute sich die Polizei seit den 60er Jahren nicht mehr auf das Gelände, in Berlin durfte die West-Berliner Polizei nicht, darauf achtete die Grenzpolizei auf der anderen Seite der Mauer sehr genau. Auch als der Wasserwerfereinsatz und der Beschuss mit Tränengas überhand nahm, beschwerte sich die DDR. Den Zaun, den die Westpolizei außerhalb des Grenzverlaufs drumrum aufstellte, konnten sie aber schlecht verbieten. Das hätte auch etwas peinlich gewirkt, sich über die Mauer hinweg über den Zaun zu beklagen.

Beim Vergleich kommt man nicht umhin festzustellen, dass die Leute der dunklen Stadt aus ihrer Zeit im rechtsfreien Raum doch irgendwie mehr gemacht haben. Zum Beispiel 80% aller damals in Hongkong verkauften Fischbällchen. Und Fischbällchen sind eine Spezialität in Hongkong. Auch andere Produkte wurden dort so billig hergestellt wie nirgends sonst. Eine Fabrik für Plastikformen mit 7 Arbeitern, produzierte beispielsweise auf einer Fläche von bloßen 20 m². So leisteten die illegalen, steuerfreien Kleinstunternehmer in der ewigen Dunkelheit der ummauerten Stadt einen nicht unerheblichen Beitrag für das Wirtschaftswunder Honkong. Allerdings waren die Arbeitsbedingungen auch äußerst unerfreulich: 12 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche waren normal. Irgendwie musste man ja das Schutzgeld an die Triaden bezahlen. Und die Miete. Dafür wurden keine Steuern fällig.

Die Arbeitszeit der Berliner Besetzer war allerdings noch schlimmer. Da auch das Private politisch war, kam man auf eine Arbeitszeit von exakt 24 Stunden am Tag. Allerdings bestand die eher in Form von Diskussionen, Plena, Wache schieben, Kochen, Pressemitteilungen verfassen, Plumpsklos ausheben, Spülen, politisch bewusst schlafen und sich mit der Polizei rumstreiten. Ein Wirtschaftswunder lässt sich damit natürlich nicht anzetteln. Immerhin zog das besetzte Dreieck aber Touristen an, die sich auf den Aussichtsplattformen, die eigentlich einen Blick und fröhliches Winken nach Ost-Berlin ermöglichen sollten, mit den Verfassungsschützern und Polizei um die besten Fotos drängelten.

Ende der 80er Jahre wohnten in der dunklen Stadt in Hongkong etwa 33.000 Menschen auf 0,025km², was einer Dichte von 1,3 Mio E/km² entspricht. Das ist ein ungeschlagener Rekord. So kommt New York City auf lächerliche 10.300 E/km², Friedrichshain/Kreuzberg immerhin auf 12.700 E/km² und Kairo auch nur auf 37.000 E/km². Ernsthafte Konkurrenz macht sich nur Hongkong selbst. Im Stadtteil Mongkok wohnen heute 130.000 Menschen auf 1 km². Na, Konkurrenz ist vielleicht übertrieben. Dieser heute dichtbesiedelste Ort der Welt, hält 10Mal soviel Platz pro Mensch bereit, wie weiland die ummauerte Stadt von Kowloon.

Das besetzte Lenné-Dreieck war etwa 4 ha groß und wenn man von 200 festen Bewohnern ausgeht, kommt man immerhin auch auf erstaunliche 5.000 Einwohner pro km². Am ersten Juli 1988 war auch damit Schluss, denn nun gehörte das Grundstück zur BRD. Die Polizei räumte und 180 Besetzer flohen über die Mauer in den Osten. Dort wurden sie schon mit LKWs erwartet. Es gab Frühstück und eine Befragung, dann wurden sie zu den Grenzübergängen gebracht.

Auch die dunkle Stadt fand schließlich ihr Ende. Nach zahllosen Razzien einerseits und Entschädigungszahlungen an die Bewohner andererseits, wurde die dunkle Stadt 1993 geräumt und abgerissen. Nur das Yamen, das wie ein Wunder alles überstand, wurde saniert und zum Zentrum des neu angelegten Parks. Heute ist der Park „Kowloon Walled City“ wieder von einer moderaten Mauer umgeben.

Und auf dem Lenné-Dreieck steht das Beisheim-Center.