Archiv für den Monat: Oktober 2011

Form und Inhalt

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Die Republik China auf Taiwan ist am 10.10.11 100 Jahre alt geworden. Und ich war nicht dabei. Aus Krankheitsgründen nahm ich nicht einmal an dem Empfang teil, der in Berlin von der hiesigen Repräsentanz gegeben wurde. Das ist schade. Deshalb kann ich auch nicht berichten, ob wieder ein bayerischer Spielmannszug aufspielte, oder was sonst die kulturhungrigen Besucher erfrischte. Sicher ist nur, dass wieder mitreißende Reden geschwungen wurden.

Was das Thema Repräsentanz angeht, hat die große Schwester Volksrepublik seit kurzem ganz andere Probleme. Denn die  Zwistigkeiten zwischen der KP China und dem Dalai Lama haben eine neue,  fast dialektisch zu nennende Stufe erreicht. Dummerweise haben die beiden Parteien auf der Ebene der Synthese wiederum entgegengesetzte Positionen eingenommen. Der Dalai Lama hat nämlich erklärt, sich nicht weiter reinkarnieren zu wollen. Jetzt hätte man meinen können, dass die kommunistischen Funktionäre hurra rufen und helau und alaaf, mit Kamelle werfen, trunken vor Glück mit tibetischen Mönchen Karaoke singen und den Dalai Lama in Zukunft einen guten Mann sein lassen würden.

Doch weit gefehlt. Sie schäumen vor Wut. Anstatt dass sie sich freuen, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft (Tendzin Gyatsho ist immerhin schon 76 Jahre alt) den ollen Lama ein für allemal los wären, protestieren sie. Anmaßend sei das Vorgehen, empört sich die KP, weil doch die historischen Institutionen und religiösen Rituale der tibetischen Buddhisten respektiert werden müssten. Ah ja. So ist das. Und immerhin seien die Fragen der Wiedergeburt in der VR China aufs Vortrefflichste geregelt. Sie hätten ein Verfahren zur Reinkarnationsbestimmung, das nicht in die inneren Glaubensvorstellungen eingreife und doch den Fund eines wirklich wahren und echten neuen lebendigen Buddhas garantieren könne.

Fairerweise muss man sagen, dass der chinesische Kaiserhof früher schon mal kontrollierenden Einfluss auf die Auswahl der wichtigen Inkarnationen nahm, um die grassierende Korruption einzudämmen. Mongolische Khane, tibetische Adlige, hohe Mönchsbeamte, alle wollten mit Hilfe der Verwandtschaft zum neuen Dalai Lama ihr Süppchen kochen. Da war es nicht schlecht, wenn jemand ein kritisches Auge darauf warf. Ich weiß nicht warum, aber ich argwöhne, dass die KP heute mit der Verfahrenskontrolle andere Zwecke verfolgt. In diesem speziellen Fall würde Korruptionsbekämpfung auch keinen Sinn machen, denn schließlich besteht keinerlei Korruptionsgefahr, wenn es gar keine Inkarnation gibt. Wie soll man denn Vetternwirtschaft betreiben, wenn kein Vetter da ist? Dafür gibt nun wirklich niemand Geld aus.

Reinkarnationen, die dieses chinesische Verwaltungsverfahren nicht durchlaufen oder nicht bestanden haben, sind illegal. Illegale Buddhas. So einem Buddha, der die Scheinhaftigkeit der Welt ja durch und durch kennt, ist das vermutlich wurscht, aber er kann so natürlich schlecht repräsentieren.

Und man darf eins nicht vergessen:  die Partei, die Partei, die hat immer Recht.

Ohne eine solche unfehlbare Institution hat sich natürlich auch manch chinesischer Kaiser mal in Fragen der Repräsentation vergaloppiert. Ganz besonders der unter dem Namen seiner Regierungsdevise „Ewige Freude“ bekannte Yongle. Heidewitzka, war das ein Kerl. Oder so sollte es jedenfalls aussehen. Ein Gigantomane reinsten Wassers. Da wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt!

Als Charakterstudie kann folgende Geschichte dienen: Nachdem er sich gegen einen Neffen an die Macht geputscht hatte, verweigerte ihm einer seiner neuen Untertanen den Treueschwur. Kurzerhand ließ der Kaiser nicht nur ihn öffentlich in Stücke schneiden, sondern auch dessen Familie, Freunde und Bekannte töten. So 800-900 Leute. Glücklicherweise gab es damals noch kein Facebook. Das wäre erst ein Gemetzel geworden.

Aber er hatte natürlich auch gute Seiten. Beispielsweise wollte er den Bewohnern seiner damaligen Hauptstadt Nanjing ein ganz besonderes Geschenk machen. Seine Vorstellung von dieser das Volk beglückenden Gabe war eine 75 Meter hohe Monumentaltafel mit güldenen Kalligrafien drauf, die die Tollkerligkeit des Papas von Yongle besingen sollten. Dieses Denkmal würde aus nur drei aufeinandergestellten Felstafeln bestehen. Gesagt, geplant, begonnen. 30km von der Stadt entfernt wurden die Teile aus dem Berg gehauen. Der größte der drei Blöcke hatte so beeindruckende Maße wie etwa 50m mal 17m mal 4m. Um ihn und seine zwei kleineren Brüder (Sockel und Mützchen des Monuments) aus dem Berg zu hauen, brauchte es im Jahr 1405 etwa 10.000 Steinmetze. Gab offenbar genug davon. Ein wunderbares Konjunkturprogramm, um die Arbeitslosen nach dem ganzen Bürgerkrieg von der Straße zu holen. Dankbar schufteten diese sich dann auch zu Schanden und lösten diese Bergelemente sogar auf der Unterseite so weit ab, dass der Abtransport nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien.

Nur was dann? Wie bewegt man 31.000 Tonnen in nur drei Teilen? Ganz einfach: gar nicht. Weil es nicht geht. Weil Berge vielleicht selbst zu irgendwelchen starrsinnigen Propheten wackeln, sich aber niemals zum Jagen tragen lassen. Der in Scheiben geschnittene Berg liegt nun seit über 600 Jahren zum Abtransport bereit. Unbeweglich auch mit heutigen Mitteln. Aber wie es sich mit Bergen und Propheten eben so verhält: wenn sich der Berg nicht bewegt, bewegt sich eben der Potentat. Allerdings in diesem Fall weg vom Berg, dem Ort des Scheiterns. Yongle verlegte kurzerhand seine Hauptstadt in das wüstenhafte Beijing. 120.000 Haushalte mussten ihn begleiten, um die neue Hauptstadt auch repräsentativ zu gestalten. Wenn man an die Laune der Bonner denkt, die in den 90ern alle hierher nach Berlin ziehen sollten, kann man sich die Laune der Nanjinger Umzugsverpflichteten einigermaßen vorstellen.

Doch dann wurde es doch noch schön. Yongle ließ die verbotene Stadt bauen, das war machbar. Der schwerste Stein in der Palastanlage wiegt bloß etwa 200 Tonnen. Ein Klacks, ein 30stel des leichtesten Teils für die große Stele von Nanjing. Diesen niedlichen Zweihunderttonnenmarmor zogen ungefähr 20.000 Arbeiter innerhalb eines Monats isipisi die 50 km auf absichtlich vereister Straße zur Baustelle. Richtig repräsentativ war das natürlich trotzdem nicht, schließlich durfte den in der verbotenen Stadt kaum jemand sehen.

Aber zurück zum Dalai Lama, der die eigene Repräsentation mit seinem Tod bis auf Null reduzieren will. Die Gefahr eines mit unklarem Inhalt gefüllten Popanzes wäre damit gebannt. Falls die KP dann doch noch irgendeinen neuen Dalai Lama inthronisiert, in dem vermutlich keiner drin sein wird, haben die Buddhisten in aller Welt eine ganz einmalige Gelegenheit: mit Hilfe der KP China und dem Mantra „nur wo Dalai Lama drauf steht, ist auch Dalai Lama drin“ können sie die Scheinhaftigkeit des Seins vollkommen erfassen und dadurch Erleuchtung erlangen.

Die Republik China wiederum, also das China auf Taiwan, hält was ihr Name verspricht. Tatsächlich ist sogar mehr drin, als draufsteht, denn seit rund 20 Jahren handelt es sich sogar um eine echte Demokratie.