Archiv für den Monat: September 2011

Koa gmahde Wiesn

wiese

Ein Oktoberfest ist in der Tat traditionell ein Bierfest, war im Süddeutschen sehr verbreitet und heißt Oktoberfest, weil im Oktober das restliche, das letzte alte Bier vom April ausgetrunken werden sollte. Das war zu der Zeit, als das Bier im Keller mit Gletschereis gekühlt wurde und Kastanienbäume den Keller zusätzlich beschatteten. Erst ab dem 29.September durfte nach langer Sommerpause endlich neues Bier gebraut werden. Das Oktoberfest war also so eine Art Sommerschlussverkauf für Bier. Alles muss raus! Bier zum Schnäppchenpreis! (Dieser Aspekt der Tradition ist allerdings etwas in den Hintergrund gerückt.)

1810 wurde nun vor den Toren Münchens ein ganz spezielles Oktoberfest gefeiert, nämlich in Form eines Pferderennens anlässlich der Hochzeit des Kronprinzen Ludwig mit der Prinzessin Therese. Das hat allen soviel Spaß gemacht, dass die Wiesn auf der Theresienwiese nun jedes Jahr stattfand. Abgesehen von den 24 Mal, die sie kriegs-, wirtschafts- und epidemiebedingt ausfiel.

Das größte Volksfest der Welt  hat natürlich schon einige Nachahmer gefunden, z.B. in Brasilien, Kanada, Australien.  Oder in Hannover. Es war also nur eine Frage der Zeit, dass auch der Chinese eines haben wollte. Oder zumindest ein Chinese namens Fu, der dafür immerhin knapp 100 Mio € berappte.  Das ist Leidenschaft. An vieles hatte er gedacht: an Originaldirndlschnitte, an bairisches Festbier, an Hendlrezepte und an Pipapo.

Aber er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Oder eher: er hatte die Rechnung des Wiesnwirtes ohne den Gast gemacht. Denn im nahezu provinziell kleinen München (1,3 Mio Einwohner) kommen am Tag im Durchschnitt 370.000 Besucher. In Beijing (ca. 20 Mio Einwohner) kamen in vier Wochen insgesamt etwa 100.000 Besucher, also vielleicht 3.500 am Tag. Weniger als ein Hundertstel.

Vielleicht lag es an der Jahreszeit? Mitten im Hochsommer wollte er die Beijinger zu seinem original Münchener Bierfest locken.  Aber was heißt das schon? Würde ein frisch gezapftes Märzen nicht gerade im staubigen Beijinger Sommer besonders gut schmecken? Und schließlich lappt die originale, the one and only Wiesn trotz des Namens Oktoberfest schon seit über 100 Jahren nur noch leicht in den Oktober hinein. Weil Bier halt noch viel besser schmeckt, wenn man sich dabei von warmer Septembersonne bescheinen lassen kann.

Daran kann es also nicht liegen. Auch nicht am Imitat als solchen, denn sonst kommen großräumige Nachahmungen ja auch ganz gut an. In Shanghai gibt es zum Beispiel German Town Anting, eine deutsche Kleinstadt im Bauhaus-Stil (gebaut von Albert Speer und Partner), als Partnerstadt von Weimar, natürlich mit  Statuen von Goethe und Schiller versehen. Solche Imitate sind durchaus beliebt und gelten als individuell. Außerdem ist dort zu wohnen so teuer, dass es sich auch als Statussymbol eignet.

Vielleicht liegt das Scheitern des Beijinger Münchener Bierfestes einfach an der Größe der Bierkrüge? A Mass, oh meiohmei. Das ist schon was. Auch wenn meistens nur 0,8l drin sind. Das ist der Chinese nicht gewohnt. Zwar kann der Chinese durchaus trinken, er verträgt es oft nur nicht so gut, wie beispielsweise der handelsübliche Deutsche, oder gar ein Pole oder Russe. Aber lässt sich der Deutsche vom Russen deshalb den Schneid abkaufen? Natürlich nicht. Und so auch nicht der Chinese vom Bajuwaren. Trotzdem wird halt anders getrunken: Chinesen bestellen sich nicht ein riesiges Getränk für sich allein, sondern im Fall von Bier normalerweise mehrere Flaschen à etwa 0,63l für viele. Warum soll man auch alleine vor einem riesigen Pott sitzen, der zwangsläufig irgendwann schal wird? Eine Qual für frischefixierte Chinesen.

Wenn das langsam zur Suppe verdümpelnde Bier wenigsten günstig wäre. So wie weiland, als es noch hieß: Alles muss raus, etc. Aber heutzutage wird eben nicht mehr verramscht, sondern das Wiesnbier extra produziert. Auf der originalen Wiesn hat sich in den letzten 60 Jahren der Bierpreis um 942 Prozent gesteigert. (Der Benzinpreis stieg übrigens im Vergleichszeitraum um nur 347 Prozent.) Herr Fu versucht es nun gerade andersrum. Er stieg astronomisch ein (die Maß lag bei 70 Yuan, also knapp 8 €, während ein schlichter Bierliter in Beijing sonst schon für etwa 5 Yuan zu haben ist), will aber dafür nächstes Jahr billiger werden. Mal sehen ob das reicht.

Vielleicht sollte er mehr Wert auf Traditionen wie den Fassanstich legen, auf den hiesig immerhin Wetten abgeschlossen werden. Das könnte spielfreudige Chinesen vielleicht ins Zelt locken? Der Münchener Oberbürgermeister Ude hat auch dieses Jahr wieder seinen eigenen Rekord (2 Schläge) gehalten, während sein Parteigenosse Wimmer, der 1950 dieses Ritual begann, noch ganze 19 Schläge brauchte, bis das Bier floss. Da ist also Raum für allerlei Wettsysteme. Aber eine neue Tradition zu beginnen, ist natürlich nicht leicht und als Vorhaben in sich schon leicht sinnwidrig.

Vielleicht sollte Herr Fu sich um Fahrgeschäfte bemühen? Damit es ein bisschen bunt, laut und lustig wird, sprich: renao. Ein bisschen renao rund um das ganze Saufen. Karussell, Flohzirkus, Achterbahn, trinken vorher gegen die Angst, hinterher zur Erleichterung, Kinder mit Köpfen in Zuckerwatte und mit Magenbrot verklebte Vogeljakobplättchen im Mund. Bloß weil das Bier teuer ist und man es in Zelten trinkt, hat man noch keine Wiesn. Oder Oktoberfest. Oder Bierfest. Biertrinken kann man schließlich überall.

Umgekehrt klappt der Kulturtransfer auch nicht unbedingt so gut. Während wir hier noch immer warten, ob sich nicht doch noch so etwas Ähnliches wie ein Sommer ereignet, feierten die Chinesen schon das Mitteherbstfest. Da erfreut man sich am schönsten und rundesten Vollmond des ganzen Jahres. Dazu gehören Mondkuchen und ich dachte darüber nach, selber welche herzustellen. Und zwar Mondkuchen mit salzigem Dotter, der den Mond symbolisiert, inmitten von süßem Rotebohnenmus, umhüllt von laugenbehandeltem Teig, das ganze in ein verzierendes Model gepresst. Dafür hatte ich nun unterschiedliche Rezepte, die schon auf der Zutatenliste bis auf die Eier praktisch keine Übereinstimmung aufwiesen.

Ich entschied mich für ein kurzes, also scheinbar machbares Rezept. Das verlangte von mir als erstes, rohe Eier zu salzen und zu kochen. Bitte wie salzt man ein rohes Ei? Schon im ersten Satz trat der Mangel des kurzen Rezeptes zu Tage.  Ich könnte Salz in die Luftblase des Eis injizieren. Womöglich sogar in das Eiinnere. Wie bei einer Fruchtwasseruntersuchung. Nur würde ich nichts entnehmen, sondern eine Salzlösung injizieren? Aber woher sollte ich jetzt eine so feine Injektionsspritze hernehmen?

Ich suchte also nach einer anderen Lösung und fand sie schließlich in einem der vielen verworfenen Rezepte: man muss die Eier trennen und dann das Eigelb salzen und in kochendes Wasser werfen. Ach so! Ich verstand. Und dachte noch einmal scharf nach. Weiß ich, wo ich rote Bohnen herbekomme? Lotospaste? Lauge? Habe ich einen Mondkuchenmodel? Kann ich überhaupt backen? Nachdem ich all diese Fragen mit nein beantwortet hatte, zog ich die sich aufdrängende Konsequenz und gab dieses Projekt auf. Stattdessen ging ich in einen chinesischen Supermarkt Mondkuchen kaufen. Und essen. Beides war leicht.

Vielleicht sollte Herr Fu also mit seinen 100.000 Gästen einfach zum zweitgrößten Oktoberfest gehen. Das findet mit etwa 3 Mio Besuchern in Qingdao statt, der ehemaligen deutschen Kolonialstadt am Gelben Meer. Da funktioniert es seit 20 Jahren. Trotz August, trotz astronomischer Bierpreise, trotz fehlender Geisterbahn. Man muss ja nicht immer alles selber machen.